OECD-Studie: Deutsche Arbeitnehmer zahlen Steuern und Abgaben auf Spitzenniveau

Von 4. Mai 2020 Aktualisiert: 4. Mai 2020 17:49
Deutschlands Arbeitnehmer belegen nach wie vor erste Plätze in der Liga der Steuern und Abgaben. Im weltweiten Vergleich weichen vor allem die Sozialabgaben von den OECD-Durchschnittswerten ab - nach oben.

Für Deutschlands Arbeitnehmer sind die Abgabenlasten zwar insgesamt minimal gesunken. Doch trotzdem zahlen sie überwiegend die höchsten Steuern und Abgaben, wie sich aus einer neuen Studie der OECD names „Taxing Wages“ ergibt.

Darin vergleicht die OECD die Steuer- und Abgabenlasten ihrer 36 Mitgliedstaaten auf Basis von acht verschiedenen Modellhaushalten.

Alleinstehende deutsche Arbeitnehmer sind Weltspitze bei Steuern und Abgaben

Betrachtet man nur die Belastungen des deutschen Arbeitnehmers (ohne die Sozialbeiträge des Arbeitgebers) zahlt ein Alleinstehender rund 40 Prozent Einkommensteuern und Sozialabgaben auf ein Bruttoeinkommen von etwa 63.000 Euro pro Jahr, also rund 25.000 Euro.

Mit anderen Worten: Einem Arbeitnehmer bleibt nach Steuern und Sozialabgaben rund 60 Prozent oder 38.000 Euro pro Jahr zum Leben übrig. Damit belegt Deutschland Platz eins unter den OECD-Staaten.

Auch bei anderen Einkommensverhältnissen (zum Beispiel im Single-Haushalt 67 Prozent oder 167 Prozent von 63.000 Euro) sieht es ähnlich aus, wie die folgende Grafik beschreibt:

Steuern und Abgaben bei Alleinerziehenden mit zwei Kindern

Bei der letzten Gruppe, Alleinerziehend mit zwei Kindern, fallen die Unterschiede zu anderen Staaten besonders auf. Wer in Kanada geschieden, getrennt oder verwitwet ist, bekommt sogar noch rund 27 Prozent vom Gehalt obendrauf vom Staat, in Polen bekommt man rund 20 Prozent dazu, in Neuseeland 19 Prozent.

Rechnet man die Belastung von Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen (also Einkommensteuer, Sozialabgaben Arbeitnehmer und Arbeitgeber), liegt Deutschland je nach Einkommenshöhe auf Platz 1 bis 3 der OECD-Statistik. Dazu hat die OECD diese Kosten ins Verhältnis gesetzt zu den Gesamtkosten des Arbeitgebers (also Nettogehalt noch obendrauf gerechnet).

Beispiel: Ein alleinstehender Arbeitnehmer hat ein Bruttogehalt von 63.000 Euro pro Jahr. Davon muss derjenige 19 Prozent Einkommensteuer (12.000 Euro) an den Staat abgeben. Arbeitgeber und Arbeitnehmer zahlen noch je 20 Prozent Sozialabgaben (je 12.500 Euro). Die OECD hat nun die Summe der Sozialabgaben (2 mal 12.500 Euro) plus Einkommensteuer (12.000 Euro) mit insgesamt 37.000 Euro den Gesamtkosten (63.000 Bruttogehalt plus Sozialabgaben Arbeitgeber mit 12.500 Euro = 75.500 Euro ins Verhältnis gesetzt). Der Anteil von Abgaben und Steuern beträgt hier rund 49 Prozent.

Für die einzelnen Staaten sieht das so aus:

Da die OECD allerdings das Kaufkraftniveau miteinander vergleicht, gelten in den anderen Staaten andere Mustereinkommen als diese 63.000 Euro für Deutschland.

Familien zahlen ebenfalls Steuern und Abgaben auf Spitzenniveau

Deutschlands Familien zahlen (Sozialbeiträge der Arbeitgeber außer Acht gelassen) unter den OECD-Staaten die höchsten Steuern und Abgaben.

Eine Ausnahme gibt es nur für solche Familien, bei denen ein Partner kein Einkommen hat. Hier machen sich die Vorteile des Ehegattensplittings bemerkbar. Konkret sieht das folgendermaßen aus, wobei „Verdienst 100-0“ bedeutet: Ein Partner hat 100 Prozent Einkommen, der andere 0 Prozent:

OECD-Berechnung kein Allgemeinplatz

Die OECD-Berechnung liefert keinen Durchschnittswert für die gesamte Einkommensteuer, die an den deutschen Staat gezahlt wird. Denn es werden nur Lohneinkommen analysiert. Unter anderem bleiben Einkünfte aus Vermietungen, Kapitalvermögen oder Selbstständigkeit unberücksichtigt.

Außerdem sind die Sozialleistungen in den Ländern unterschiedlich, was die Vergleichbarkeit schwer macht. Die Leistung der sozialen Sicherungssysteme ist in den USA zum Beispiel geringer als in Deutschland.

Auffällig ist obendrein, dass die Sozialbeiträge eines deutschen Arbeitnehmers im Gesamtdurchschnitt mit 18 Prozent doppelt so hoch sind wie der Durchschnitt der OECD (9 Prozent). Gesamtwerte für Arbeitgeber und Arbeitnehmer gehen aus der Studie nicht direkt hervor.

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Es fällt auf, dass der Durchschnitt der Einkommensteuerbelastung für alle acht untersuchten deutschen Musterhaushalte mit 13 Prozent in etwa dem Durchschnitt der 36 OECD-Länder entspricht. Mindernd auf die Steuerlast wirken sich vor allem Vorteile aufgrund des Ehegattensplittings sowie das Vorhandensein von Kindern aus. Mit besonders niedrigen Werten gehen in den deutschen Durchschnitt Ehegatten ein, bei denen nur ein Partner Geld verdient (1,5 Prozent Steuerlast) sowie Alleinerziehende mit zwei Kindern (Steuererstattung von 1,9 Prozent).

Steuererhöhungen wegen Corona?

Wie eigentlich die Milliardenzahlungen an Corona-Finanzhilfen finanziert werden sollen, darüber scheiden sich momentan noch die Geister. Der Wirtschaftsweise Lars Feld ist der Ansicht, dass „die höheren Staatsschulden (…) nicht die finanzpolitische Solidität der Bundesrepublik“ in Gefahr bringt. Der Anstieg der Schuldenquote um bis zu 20 Prozent auf 90 Prozent (Anteil der Staatsschulden an der Wirtschaftsleistung) sei in Ordnung. Doch es hänge auch davon ab, ob es zu einem zweiten Shutdown komme.

Manche halten Steuererhöhungen für notwendig, wie zum Beispiel Ifo-Chef Clemens Fuest. Fuest sagte, er rechne mit Steuererhöhungen und Kürzungen von staatlichen Leistungen zur späteren Gegenfinanzierung der stark steigenden Staatsausgaben in der Coronakrise. „Es wird künftig entweder höhere Steuern oder geringere staatliche Leistungen geben. Vermutlich beides“, sagte Fuest der „Rheinischen Post“.

Der Bund der Steuerzahler hingegen sagte zum „Business Insider“: „Es verbieten sich Gedankenspiele rund um Steuererhöhungen, die auch eine Erholung der Wirtschaft ausbremsen würden.“ Und weiter: „Höhere Steuern sorgen nicht unbedingt für mehr Einnahmen.“ Das wäre dann der Fall, wenn die Steuern so hoch sind, dass Wachstum und Investitionen sinken. Der Steuerzahlerbund fordert unter anderem, die Stromsteuer zu senken und den Soli abzuschaffen.

(mit Material von dts)