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„Es gibt eine menschenrechtliche Verantwortung von Unternehmen“

Von 13. Februar 2010 Aktualisiert: 13. Februar 2010 3:02
Im Gespräch mit der Menschenrechtsexpertin Karin Lukas über Menschenrechte und Wirtschaft

Seit 2001 arbeitet die Juristin Karin Lukas am Wiener Ludwig Boltzmann-Institut für Menschenrechte. Durch die Arbeit an ihrem Buch „Menschenrechte und Wirtschaft“ hat sie sich tiefgehend mit diesem Thema beschäftigt. Mit uns sprach sie über die Verantwortung von Unternehmen, wenn es um die Einhaltung von Menschenrechten geht und erzählte uns, dass Staaten weiterhin die größten Menschenrechtsverletzer sind und dass der Einzelne mit seiner Konsumentscheidung mehr Macht hat, als er denkt.

Epoch Times: Frau Magistra Lukas, Menschenrechte und Wirtschaft – geht das zusammen?

Karin Lukas: In „Menschenrechte“ steckt ja das Wort „Rechte“ drin. Sich Menschenrechte nur vom juristischen Gesichtspunkt aus anzuschauen ist allerdings zu wenig. Gerade wenn es um Wirtschaft und Menschenrechte geht, ist immer Thema: Was geschieht freiwillig, und was geschieht unter Zwang. Aber durchsetzen können sich die Menschenrechte nur mit Menschen, die auch wissen, was ihre Rechte sind und wie die politischen Systeme funktionieren. Das Thema Wirtschaft und Menschenrechte wird immer stärker auf dem internationalen Parkett diskutiert. Gibt es eine menschenrechtliche Verantwortung für Unternehmen, wenn ja, wie kann sie aussehen. Wer ist politisch dafür, wer ist dagegen, und ist das alles wirklich noch freiwillig?

Karin Lukas ist seit 2001 am Ludwig Boltzmann-Institut für Menschenrechte in Wien tätig.Karin Lukas ist seit 2001 am Ludwig Boltzmann-Institut für Menschenrechte in Wien tätig.Foto: The Epoch Times

Eine Definition für Corporate Social Responsibility besagt, dass dabei alles freiwillig ist. Oder gibt es doch Grundregeln, an die sich Unternehmen halten müssen? Es geht immer weiter in die Richtung zu sagen: Es gibt eine menschenrechtliche Verantwortung von Unternehmen. Sie ist komplementär zu der des Staates.

Epoch Times: Wer hat denn die größere Verantwortung, der Staat oder die Unternehmen?

Lukas: Das Gros an Menschenrechtsverletzern sind die Staaten, da brauchen wir uns gar nichts vormachen. In den Medien werden Unternehmen stärker als menschenrechtsverletzend dargestellt. Quantitativ liegen aber noch immer die Staaten vorne. Es wäre auch falsch zu sagen, Unternehmen ersetzen Staaten in ihrer Menschenrechtsverantwortung.

Epoch Times: In der Verantwortung nicht, und derzeit auch nicht in der Rolle als Menschenrechtsverletzer?

Lukas: Richtig, genau. Also auch die großen Fälle, die in den letzen Jahren medial groß waren wie Shell gegen die Ogoni im Nigerdelta, die friedlich gegen Erdölförderungen protestiert haben. Dort hat Shell gebohrt, es gab eine Komplizenschaft von Shell mit dem nigerianischen Staat und dem Militär Nigerias, die diese Menschenrechtsverletzungen begangen haben. Sehr selten sind es nur Unternehmen allein, die so große Menschenrechtsverletzungen begehen. Etwa keine Gewerkschaften zulassen, solche Dinge, das sind dann Unternehmen zum Teil allein.

Epoch Times: Das klingt so – auch wieder an dem Beispiel von Shell – dass sich Unternehmen zusehends der Staaten bedienen.

Lukas: Ich nehme den extraktiven Sektor, da gehört die Ölförderung dazu, Minen und so weiter, also die Förderung von natürlichen Ressourcen. Dort gibt es ganz oft eine Deckung von Staatsinteressen und Unternehmensinteressen. Die einen sind daran interessiert, den Rohstoff zu bekommen, und die anderen sind daran interessiert, daraus Geld zu machen. Da gibt es sozusagen eine „natürliche Gemeinschaft des Profits“ sowohl von staatlicher als auch von Unternehmensseite. Da führt eins zum andern.

Epoch Times: Welche Sektoren sind es, in denen vermehrt Wirtschafts- und Menschenrechtsverletzungen vorkommen?

Lukas: Da gibt es eine ganz interessante Studie von John Ruggie, dem Sonderbeauftragten zum Thema Menschenrechte und Wirtschaft der UNO, er hat eine Erhebung gemacht und festgestellt, dass der extraktive Sektor derjenige ist, in dem die meisten Menschenrechtsverletzungen – und auch die gravierendsten Menschenrechtsverletzungen – passieren.

Epoch Times: Wie sieht es mit dem Technologiesektor aus?

Lukas: Das ist ein Sektor, der erst seit kurzem entdeckt worden ist von Nichtregierungsorganisationen, Forschern und Forscherinnen. Mein aktuelles Projekt, das auch von der Akademie der Wissenschaft gefördert wird, forscht in diesem Bereich. Wir haben uns in Zentral- und Osteuropa den Bekleidungs- und Elektroniksektor angesehen, dessen globale Produktionsnetzwerke. Alles hatte den Anschein des Modernen, eben Hochtechnologisierten. Damit werden gerne auch gute Arbeitsbedingungen gleichgesetzt – dem ist aber nicht so. Auch in Rumänien, das ja sehr nahe bei uns liegt, sind zwar die Gehälter in diesem Bereich besser als im Bekleidungssektor, aber es sind ebensolche monotonen, Nerven aufreibenden Arbeiten manueller Natur, die nicht qualitativ sind, die auch Stresssituation und Situationen mit sich bringen, die es auch im Bekleidungssektor gibt.

Die dort hergestellten Chips, diese hochsensiblen Teile, sind sehr empfindlich. Von den Gesundheitsstandards und von den Arbeitsbedingungen gesehen ist es besser, weil die Temperaturen in diesen Lagern und Fabrikhallen nie eine gewisse Temperatur übersteigen dürfen, damit diesen Teilchen nichts passiert. Ein Nebeneffekt davon ist, dass den Arbeitern auch nicht zu heiß wird – aber nicht umgekehrt. Der erste Zulieferer ist viel mächtiger im Elektroniksektor als im Bekleidungssektor, aber ansonsten ist es ähnlich, dicht verzweigt und sehr komplex und schwierig zu überwachen. Selbst wenn ich ein Unternehmen bin wie Hewlett Packard, das einen Kodex hat und wirklich Pionier sein will, ist es unmöglich, alles bis ins Letzte zu überprüfen.

Epoch Times: Wir hatten nun die Sektoren mit den stärksten Problemen. Kann man das auch nach Ländern festmachen?

Lukas: Das ist schwer zu sagen. Von den Rechtsstandards und der Möglichkeit der Durchsetzung ist sicher der EU-Raum ganz gut aufgestellt. Die CSR-Bewegung (Anm.: Corporate Social Responsibility) ist im nordamerikanischen und dem europäischen Raum entstanden. Sie ist zum Teil in anderen Regionen sehr fremd und hat sich durch den NGO-Druck (Anm.: Nicht-Regierungs-Organisation) entwickelt. Die Unternehmen haben sich gesagt: Wir müssen der Zivilgesellschaft irgendeine Antwort geben. Sonst verlieren wir einfach Umsatz. Wenn die Konsumenten ihre Nike-Turnschuhe vor unserem Hauptquartier in Flammen aufgehen lassen, das ist schlecht fürs Geschäft. Also, Osteuropa folgt jetzt auch, aber Skandinavien, Großbritannien und die USA haben einen Startvorteil.

Epoch Times: Nützt die Corporate Social Responsibility wirklich etwas oder ist sie nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Lukas: Die weltweiten Auswirkungen von CSR hat noch niemand seriös untersuchen können. Die Unternehmen, die sie wirklich in ihr Kerngeschäft, in ihr Tagesgeschäft integriert haben – aus welchen Gründen auch immer, sei es, weil sie Reputationsschäden befürchten, sei es, weil sie denken, dass ihr Risikomanagement dann besser ist –, da würde ich meinen, hat es eine positive Auswirkung. Solche Unternehmen, die CSR nur in ihrer Marketingabteilung haben, haben einen anderen Zugang zu CSR … Wenn ich nur in der Marketingabteilung damit arbeite, dann wird der Impact sehr gering bis gar nicht vorhanden sein.

Epoch Times: Was nützt Corporate Social Responsibility den Unternehmen?

Lukas: Unternehmen, die in sensibeln Bereichen wie dem Ölsektor tätig sind, zeigen dadurch ein gutes Risk Management. Wenn ich heute Bohrungen in Kasachstan durchführen möchte, dann sollte ich mir als Unternehmen eine Meinung darüber bilden, wie die Menschenrechtssituation in Kasachstan ausschaut. Worauf muss ich Acht geben. In der Region, wo ich bohren will, gibt es da etwa Minderheiten, die von dem Land sehr abhängig sind. Wenn ich dort Bohrungen durchführen will oder Pipelines durchbauen will, beeinträchtige ich deren Rechte? All diese Dinge muss ich mir ansehen. Das durchzuführen wäre ein Human Rights Impact Assessment. Dann erspare ich mir später große Probleme mit der dortigen Bevölkerung, die dann zu Recht sagt: He, ihr zerstört da unser Land! Ihr habt uns nie gefragt, wir haben nichts davon und so weiter. Wie es im Ogoniland mit Shell passiert ist.

Zum anderen hat es den Vorteil – gehen wir einmal auf die interne Ebene –, wenn ich gute Arbeitsbedingungen, Chancengleichheit, Nichtdiskriminierung und Beschwerdemechanismen installiert habe, dann nehme ich die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen ernst. Dann will ich, dass sie ein gutes Arbeitsumfeld haben, in dem sie fair behandelt werden. Fühlen sie sich wohl in den Unternehmen, werden sie auch gerne dort arbeiten, und die Arbeitsleistungen sind dementsprechend. Es gibt eine höhere Identifikation mit dem Unternehmen, und die Fluktuation wird nicht so groß sein.

Epoch Times: Das dürfte in der jetzigen Krisensituation besonders wichtig sein. Der weltweite Chef der Boston Consulting Group, Hans-Paul Bürkner, hat in einem Interview mit der Epoch Times das Gleiche gesagt. Er meinte, es sei eigentlich ein Gebot der Ökonomie, seine Mitarbeiter pfleglich zu behandeln.

Lukas: So ist es, genau. Gut so.

Epoch Times: Wie sieht es länderspezifisch mit der Corporate Social Responsibility aus?

Lukas: Wenn wir über CSR sprechen liegen Österreich und Deutschland im Mittelfeld. Wir sind nicht top, aber auch nicht hinten dran.

Epoch Times: Es sieht manchmal so aus, als wären Menschenrechte und Wirtschaftlichkeit Gegensatzpaare. Stimmt das?

Lukas: Sie können komplementär sein. Ich glaube den Satz von Milton Friedman (Anm.: Wirtschaftsnobelpreisträger und Vertreter einer weitgehend freien Marktwirtschaft) nicht, dass es die alleinige Verantwortung der Unternehmen ist, Profit zu machen. Es gibt Unternehmen, die nach Friedman wirtschaften wollen, ich glaube, dass das auch die Mehrheit ist. Das sieht man auch an der Zahl der CSR-Unternehmen. Die sind einfach noch in der Minderzahl. Nennen wir die Zahl: Von 70.000 Konzernen sind rund 6.500 im Global Compact der UNO. Das ist eine sehr kleine Zahl.

Epoch Times: Wie weit geht die Möglichkeit der Kontrolle, ob Menschenrechte eingehalten werden, für die Firmen? Was können Firmen überhaupt tun?

Lukas: Es gibt mittlerweile Erfahrungen von Unternehmen selbst, die sich jahrelang damit beschäftigt haben. Etwa im Bekleidungssektor. Dort gibt es diese ganz komplizierten Netzwerke der Produktion, wo man allein schon von der Länge der Produktionskette Probleme hat, sie wirklich bis zum letzen Glied zu kontrollieren. Das ist oft unmöglich. Eine Möglichkeit wäre es, zu sagen, wir konzentrieren uns auf eine gewisse Zahl von Zulieferern, denen wir vertrauen können. Von denen wir wissen, sie halten Arbeitsbedingungen ein und wir wissen, wir können uns auf sie verlassen. Es geht auch in die Richtung – man nennt das „beyond monitoring“, also über die Kontrolle hinaus –, dass mit den Zulieferern auf Augenhöhe gearbeitet wird. Weniger aus einem Zwang oder Kontrollwahn heraus, der ja zu sehr viel Kreativität für seine Umgehung führt. Das hat man zum Teil auch bei Jugendlichen gesehen, da gibt es ganz kreative Möglichkeiten, Stunden auszuweisen, damit deren Arbeit einem Acht-Stunden-Tag oder weniger entspricht – und in Wirklichkeit ist es aber überhaupt nicht so.

Epoch Times: Was machen die Firmen konkret. Gibt es so etwas wie eine ISO-Zertifizierung für Unternehmen im Corporate Social Responsibility-Bereich?

Lukas: Da gibt es noch nichts.

Epoch Times: Gar nichts?

Lukas: Es gibt die „Social Accountability 8.000“, das ist eine Zertifizierung bezüglich der Arbeitsbedingen. Sie kommt aus den USA.

Epoch Times: Wird in der EU auf einen Standard hingearbeitet?

Lukas: Es gibt einen weltweiten Entwurf, er nennt sich Social Responsibility 26.000. Dort wird versucht, Menschenrechte, Arbeitsbedingungen, Konsumentenschutz und Umweltschutz in Richtlinien zu gießen, die Unternehmen heranziehen können und nach denen sie sich richten können.

Diese SR 26.000 ist jetzt schon seit mehreren Jahren in Verhandlung und bereits ein ziemliches Konvolut. Er ist aber nicht zertifizierungsfähig. Das heißt, es sind nur Richtlinien, die Unternehmen heranziehen und sagen, wir verhalten uns gemäß der Social Responsibility 26.000, aber es gibt keine Zertifizierung wie etwa ISO 14.000 oder die übrigen Qualitätsstandards. Es gibt also bisher nur die Social Accountability 8.000 für Arbeitsbedingungen.

Epoch Times: Was beinhaltet die?

Lukas: Wenn das Unternehmen nach SA 8.000 zertifiziert werden möchte, gibt es ein Zertifizierungs-Team, das ins Unternehmen hineingeht und ein Assessment der Situation macht und sagt, das und das passt… und das nicht. Dann gibt es einen Zeitplan, um das zu beheben. Wenn das gelingt, gibt es für eine begrenzte Zeit ein vorläufiges Zertifikat. Mit der Auflage, dass in zwei Jahren weiter überprüft werden muss. Man kann das Zertifikat also auch wieder verlieren. In Österreich gibt es meines Wissens nach ein einziges Unternehmen, das SA 8.000-zertifiziert ist, in Deutschland gibt es wenige. In Italien gibt es recht viele.

Epoch Times: Der Einzelne, was kann er tun, welche Macht hat er?

Lukas: Ich glaube, dass wir mehr Macht haben, als wir vielleicht glauben würden. Konsumenten und Konsumentinnen in den USA wissen stärker um ihre Macht als wir. Das hat man auch gemerkt an den Boykotts, die in den USA richtig eingeschlagen haben. Bei uns muss dieses Gespür für Macht noch wachsen. Durch den Einkauf unserer Produkte können wir sehr viel beeinflussen. Ob wir bei einem Unternehmen oder einer Marke einkaufen, die für schlechte Arbeitsbedingungen bekannt sind oder anderswo. Mittlerweile sind Informationen darüber auch recht gut verfügbar.

Epoch Times: Wo informiert man sich?

Lukas: In Österreich würde ich mich bei der Clean Clothes-Kampagne, bei Südwind informieren. Die haben eine sehr schöne Broschüre, in der drinsteht, welche Unternehmen sie empfehlen. Hier kann man auch Petitionen unterschreiben, die dann an ein Unternehmen gehen, um zu sagen, diese oder jene schlechten Arbeitsbedingungen haben wir aufgedeckt. Das hat auch etwas bewirkt.

Epoch Times: An wen wendet man sich in Deutschland?

Lukas: Germanwatch, die machen einiges.

Epoch Times: Wir danken für das Gespräch.

Das Gespräch führte Florian Godovits.

Foto: Pius Utomi Ekpei/AFP/Getty Images

 



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