Präzise Sonnenbeobachtung ernährte Millionen Azteken

Vor der Ankunft der Spanier im Jahr 1519 lebten im Tal von Mexiko drei Millionen Menschen, 60-mal mehr als in Spaniens damaliger Großstadt Sevilla. Sie zu ernähren, bedurfte eines Kalenders, der seiner Zeit voraus war.
Die Azteken nutzten das Tal von Mexiko als „Kalender“
Die Azteken nutzten vor hunderten Jahren das gesamte Tal von Mexiko als „Sonnenkalender“.Foto: Ben Meissner
Von 9. Januar 2023

Ohne Uhren oder moderne Hilfsmittel beobachteten die Azteken einst die Sonne, um einen landwirtschaftlichen „Kalender“ zu erstellen. Mit ihm war es möglich, die Jahreszeiten genau zu verfolgen und sogar Schaltjahre zu berücksichtigen.

Vor der Ankunft der Spanier im Jahr 1519 lebte im Tal von Mexiko eine Bevölkerung, die für die damalige Zeit außergewöhnlich groß war. Während Sevilla, das größte städtische Zentrum Spaniens, weniger als 50.000 Einwohner hatte, lebten im Tal von Mexiko bis zu drei Millionen Menschen.

Um so viele Menschen in einer Region mit trockenem Frühling und Sommermonsun zu ernähren, musste man genau wissen, wann die jahreszeitlichen Wetterschwankungen eintreten würden. Eine zu frühe oder zu späte Aussaat hätte zu Missernten und Hunger führen können. Bereits das Vergessen der Schaltjahre hätte ebenfalls zu Ernteausfällen führen können.

Obwohl spanische Chronisten bereits die Verwendung eines Kalenders dokumentierten, war bisher nicht bekannt, wie die alten Mexikaner oder Azteken die benötigte Genauigkeit erreichen konnten. Neue Forschungsergebnisse der University of California, Riverside zeigen nun, wie sie es geschafft haben könnten.

Überreste des Sonnenobservatoriums auf dem Berg Tlaloc, Mexiko. Foto: Ben Meissner

Ein Tal als Kalender

Laut den Forschern nutzten die Menschen früher die Berge des Beckens als Sonnenobservatorium. Von dort konnten sie den Sonnenaufgang über den Gipfeln der Sierra Nevada verfolgen. „Wir sind zu der Schlussfolgerung gekommen, dass sie an einem einzigen Punkt gestanden haben müssen und von dort jeden Tag nach Osten blickten. Anhand der aufgehenden Sonne konnten sie die Jahreszeit bestimmen“, so Exequiel Ezcurra, Professor für Ökologie an der UC Riverside.

Um diesen Ort zu finden, studierten die Forscher mexikanische Manuskripte. Diese alten Texte bezogen sich auf den Berg Tlaloc, der östlich des Beckens liegt. Das Forschungsteam untersuchte die hohen Berge rund um das Becken und einen Tempel auf dem Gipfel des Berges. Mithilfe astronomischer Computermodelle bestätigten sie, dass eine lange steinerne Wegstruktur am Tempel mit der aufgehenden Sonne am 24. Februar, dem ersten Tag des aztekischen Neujahrs, übereinstimmt.

Aufgehende Sonne am Sonnenobservatoriums der Azteken auf dem Berg Tlaloc

Aufgehende Sonne am steinernen Weg des Sonnenobservatoriums auf dem Berg Tlaloc, Mexiko. Der Blick richtet sich auf den Sonnenaufgang am 24. Februar, der mit dem neuen Jahr des mexikanischen Kalenders zusammenfällt. Foto: Ben Meissner

„Unsere Hypothese ist, dass sie das gesamte Tal von Mexiko genutzt haben. Ihr Arbeitsinstrument war das Becken selbst. Wenn die Sonne an einem markanten Punkt hinter den Sierras aufging, wussten sie, dass es Zeit war, mit der Aussaat zu beginnen“, so Ezcurra.

Von einem festen Punkt auf der Erde aus gesehen, folgt die Sonne nicht jeden Tag der gleichen Bahn. Im Winter verläuft sie südlich des Himmelsäquators und geht in Richtung Südosten auf. Wenn sich der Sommer nähert, bewegt sich der Sonnenaufgang aufgrund der Erdneigung nach Nordosten, ein Phänomen, das als Sonnendeklination bezeichnet wird. Sie ist auch in Europa beobachtbar.

Azteken (teilweise) besser als Europäer

Diese Studie ist möglicherweise die Erste, die aufzeigt, wie die alten Mexikaner die Zeit nach diesem Prinzip einhalten konnten. Diese Art der Zeitmessung kommt für die Forscher eher einem Kalender nah als der berühmte „Stein der Sonne“. Diesen sollen die Azteken einst ausschließlich für rituelle und zeremonielle Zwecke verwendet haben. „Er hatte keinen praktischen Nutzen als Himmelsobservatorium. Betrachten Sie ihn als ein Monument, wie das Lincoln Memorial in Washington, D.C.“, so Ezcurra.

Das Wissen über alte Werkzeuge und ihren praktischen Nutzen zeigt, wie wichtig es ist, sich bei der Suche nach Antworten, damals wie heute, nicht auf eine Methode zu versteifen. „Dieselben Ziele können auf unterschiedliche Weise erreicht werden. Es kann manchmal schwierig sein, das zu erkennen. Wir sollten uns nicht immer nur auf die moderne Technik verlassen“, sagte Ezcurra. „Die Azteken waren mindestens genauso gut oder sogar besser als die Europäer in der Zeitmessung und nutzten dabei ihre eigenen Methoden.“

Das aztekische Observatorium könnte auch eine modernere Funktion haben, so Ezcurra. Vergleicht man alte Bilder des mexikanischen Beckens mit aktuellen, so sieht man, wie der Wald langsam den Berg Tlaloc hinaufklettert, wahrscheinlich als Folge des Anstiegs der Temperaturen. „In den 1940er-Jahren lag die Baumgrenze weit unterhalb des Gipfels. Jetzt wachsen die Bäume auf dem Gipfel selbst“, so Ezcurra.

Die Studie erschien am 12. Dezember 2022 im Fachblatt „Proceedings of the National Academy of Sciences“.



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