Streit um Himmelsscheibe von Nebra: Forscher zweifeln Fundort und Alter an

Von 4. September 2020 Aktualisiert: 4. September 2020 19:31
Die Diskussionen um die Himmelsscheibe von Nebra gehen weiter. Nachdem bereits früher ihre Echtheit angezweifelt wurde, sind sich Forscher aus München und Frankfurt am Main nun sicher, dass der wohl bedeutendste archäologische Fund Deutschlands jünger sei als bislang angenommen. Auch sei es nicht gesichert, dass die Scheibe überhaupt aus Nebra stamme – das Landesamt für Archäologie in Sachsen-Anhalt dementiert diese Angaben.

Sie ist der wohl bedeutendste archäologische Fund, der in den letzten 25 Jahren aus dem Boden Deutschlands zutage gefördert wurde. Für viele ist die Himmelsscheibe von Nebra nur ein Stück Metall mit aufgesetzten, goldenen Himmelsmotiven. Für Archäologen ist sie jedoch etwas ganz Besonderes, da sie die „weltweit älteste konkrete Darstellung astronomischer Phänomene“ zeigt, wie das Landesamt für Archäologie in Sachsen-Anhalt auf seiner Webseite schreibt.

In ganz Europa konnten Archäologen bislang kein vergleichbares Objekt entdecken. Anders sieht dies mit den Schmuck und Waffen aus, welche neben der Himmelsscheibe als Teil des Hortes in Nebra gefunden worden sein sollen. Nach aktuellem Wissensstand gewähren diese eine zeitliche Einordnung in die frühe Bronzezeit (ca. 2.200 – 1.600 v. Chr.). Oder etwa doch nicht?

„Alle bisherigen astronomischen Interpretationen hinfällig“

Rüdiger Krause von der Goethe-Universität Frankfurt und Rupert Gebhard von der Ludwig-Maximilians-Universität München haben erneut verschiedenste Daten zur Rekonstruktion von Fundort und Begleitumständen der Himmelsscheibe und ihrer Beifunde analysiert. Ihr Ergebnis: Die Scheibe müsse in die Eisenzeit datiert werden und sei damit rund 1.000 Jahre jünger als bisher angenommen. Dies bedeute zudem, dass alle bisherigen astronomischen Interpretationen hinfällig seien, so die Forscher in der Pressemitteilung vom 3. September 2020.

Der Grund für die Diskussionen um die Himmelsscheibe beruht auf ihrer Entdeckungsgeschichte. Nach eigenen Angaben entdeckten bereits 1999 Raubgräber die Scheibe zusammen mit bronzezeitlichen Schwertern, Beilen und Armschmuck auf dem Mittelberg bei Nebra. Anschließend wanderte der Fund mehrere Jahre durch die Hände von Hehlern, bis er im Februar 2002 in Basel sichergestellt werden konnte. Für Kritiker ist daher fraglich, ob die Himmelsscheibe wirklich zusammen mit den anderen Funden in Nebra entdeckt wurde.

Die Archäologen Krause und Gebhard sind überzeugt:

Bei der Stelle, die bisher als Fundort galt und die in einer Nachgrabung untersucht wurde, handele es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht um die Fundstelle der Raubgräber. Es gebe zudem keine überzeugenden Hinweise darauf, dass die bronzezeitlichen Schwerter und Beile sowie der Armschmuck ein zusammengehöriges Ensemble bilden. Deshalb müsse man davon ausgehen, dass es sich nicht um eine der typischen Deponierungen der Bronzezeit handelt und die Scheibe sich nicht zusammen mit den anderen Objekten in originaler Lage im Grabungsloch befunden habe.“

Widersprüche zwischen Berichten über Himmelsscheibe von Nebra

Gebhard und Krause kommen zunächst zur Erkenntnis, dass die offizielle Fundgeschichte aus den Berichten der Raubgräber und der wissenschaftlichen Nachgrabung nicht stimmen könne. Beispiele seien hierfür die Beschädigungen und Korrosionsspuren an der Scheibe, welche nicht zu den Berichten passen.

Als konkretes Beispiel führen die Archäologen in einer Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte e. V. eine Unstimmigkeit zur Beschädigung der Scheibe an. So stimme die erkennbare Schlagrichtung der Grabungshacke eines der Raubgräber, welche zu Beschädigungen an der Scheibe führte, nicht mit der beschriebenen Lage in der Erde überein.

Weiterhin heißt es: „Auch die rekonstruierte Fundposition an der Stelle, die bisher als Fundplatz angenommen wurde […], kann nach den Ergebnissen der beiden Wissenschaftler nicht richtig sein. Damit steht die bisher behauptete Fundsituation insgesamt in Frage.“

Das Problem mit Datierung der Himmelsscheibe

Ein weiteres Problem ist die Bestimmung des Alters der Himmelsscheibe. Diese beruht bisher auf der relativen zeitlichen Einordnung der umstrittenen Beifunde. So sind Beile und Meißel in ihrer Form typisch für das untere Elbe- und Odergebiet um 1.600 v. Chr. Die beiden Schwerter bilden einen Mix aus Varianten aus dem Südosten und Norden Europas, welche zwischen 1.700 und 1.500 v. Chr. auftreten.

Völlige Klarheit über das Alter könne nur die Himmelsscheibe selbst geben. Laut Krause und Gebhard konnte bislang kein Alter der Scheibe angegeben werden – weder naturwissenschaftlich noch archäologisch durch Vergleiche ähnlicher Objekte.

Das Landesamt Sachsen-Anhalt konnte jedoch durch chemische Analysen ausschließen, dass es sich bei der Scheibe um ein neuzeitliches Stück handelt. Nach der Verhüttung sind die meisten Metalle – darunter auch Kupfer – aufgrund natürlich vorhandener Bleiisotope (210Pb) schwach radioaktiv. Diese ist bis etwa 100 Jahre nach der Verhüttung messbar. Da die Himmelsscheibe aus Bronze, einer Legierung aus Kupfer und Zinn, keine Radioaktivität aufweist, müsse sie älter sein, so das Landesamt.

Mögen Sie unsere Artikel?
Unterstützen Sie EPOCH TIMES
HIER SPENDEN

„Bezüge zur eisenzeitlichen Motivwelt“

Für Krause und Gebhard steht fest: Die Scheibe müsse als Einzelfund untersucht und bewertet werden. Außerdem, so heißt es, passen die Bildmotive auf der Scheibe und ihre Darstellungsart nicht in die Frühbronzezeit Europas. Grund hierfür seien ganz andere Motive und Gestaltungen der in großer Zahl bekannten Objekte der Bronzezeit.

Der Eisenzeit-Experte Rupert Gebhard verweist stattdessen auf viele Ähnlichkeiten mit der Motivwelt der Eisenzeit (ca. 800 – 50 v. Chr.), insbesondere auf Gegenstände aus dem keltischen Siedlungsbereich in Süddeutschland. So seien hier ähnliche Gestaltungselemente wie beispielsweise die Himmelsbögen ganz geläufig.

Auch die Bildgeschichte der Himmelsscheibe findet sich bei den Kelten wieder. So zeigt das Schwert von Allach (München) aus dem 5. Jh. v. Chr. bei den Kelten sehr ausgeprägte Nacht-Symbolik mit Vollmond, Sichelmond und Sternen.

Diese Erkenntnisse führen laut Gebhard und Krause dazu, dass „alle bisherigen, teilweise weitreichenden kulturgeschichtlichen Schlussfolgerungen neu und ergebnisoffen diskutiert werden“ müssen. Dies habe zudem zur Folge, dass die Himmelsscheibe von Nebra in anderen Zusammenhängen als bisher interpretiert und bewertet werden müsse.

Landesamt für Archäologie in Sachsen-Anhalt widerspricht

Als Reaktion auf die Forschungsergebnisse von Krause und Gebhard veröffentlichte das Landesamt für Archäologie in Sachsen-Anhalt noch am selben Tag eine eigene Pressemitteilung. Besonders auf die These, dass der Mittelberg bei Nebra nicht der Fundplatz sein soll, gehen die Archäologen genauer ein. Weiterhin erklären sie, wieso die Funde zweifelsfrei zusammen zu einem Hort gehören.

„Die Kollegen ignorieren nicht nur die Fülle an publizierten Forschungsergebnissen der letzten Jahre, sie führen dafür verschiedene Argumente ins Feld, die indes leicht zu widerlegen sind“, lautet die Einschätzung der Archäologen aus Sachsen-Anhalt. Weiter heißt es:

„Als Behauptung wird aufgestellt, dass die Erdanhaftungen an der Himmelsscheibe nicht mit denen der übrigen Funde übereinstimmen würden und auch die geochemischen Analysen der Metalle die Zusammengehörigkeit der Funde nicht unterstützen sollen. Beides ist nachweislich falsch.“

Beweis für Nebra als Fundort der Himmelsscheibe hafte an Metallobjekten

So kritisieren die Archäologen aus Sachsen-Anhalt, dass Krause und Gebhard einen wichtigen Aufsatz von Dr. Jörg Adam nicht berücksichtigten. In diesem untersuchte Adam die Erdanhaftungen an der Himmelsscheibe, einem Schwert und einem Beil. Anschließend verglich der Chemiker diese mit der Erde des Mittelbergs. Adam fasst zusammen:

Insgesamt ist […] eine Herkunft sowohl der Erdanhaftungen an der Himmelsscheibe (Sp 1) als auch am Schwert (Sp 2) von deren vermutlichem Fundort […] als sehr wahrscheinlich anzusehen, eine sichere Aussage ist jedoch bei Vorliegen nur einer Bodenprobe aus dem Fundgebiet nicht möglich.“

Außerdem dementieren die Archäologen aus Sachsen-Anhalt, dass der Meißel nicht zum Hortfund gehöre. „Da sich der Untersuchungsauftrag des Gerichtes damals auf diese drei Gegenstände beschränkte, wurden die übrigen Beifunde vom Sachverständigen seinerzeit nicht untersucht und sind daher auch nicht als Argument gegen eine Zusammengehörigkeit aller Funde brauchbar.“

Auch die Zusammengehörigkeit aller Metallobjekte zum Hortfund von Nebra gilt laut Landesamt für Archäologie in Sachsen-Anhalt als bestätigt. So beweisen die Untersuchungsergebnisse von Prof. Dr. Ernst Pernicka, dass das Kupfer aller Metallobjekte des Hortfundes aus einer Lagerstätte kämen. Weiterhin besäßen jüngere, eisenzeitliche Kupferlegierungen nachweislich andere Zusammensetzungen der Haupt- und Spurenelemente.

Der Traum vom „Königreich Nebra“

Bereits vor mehr als einem Jahr äußerte sich Rüdiger Krause in einem „Stern“-Interview quellenkritisch zu Interpretationen rund um die Himmelsscheibe. Grund dafür war die Erscheinung des Buches „Die Himmelsscheibe von Nebra Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas“ von Harald Meller, Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt.

Während Harald Meller von ersten Königen Mitteleuropas und einem Reich namens Nebra spricht, plädiert Krause für ein weniger fantasievolles Bild der damaligen Zeit.

In der Vorgeschichte Europas kann man weder von Reichen noch von Königen sprechen. Beides sind historische Begriffe aus sehr viel späteren Epochen, die wir durch schriftliche Überlieferungen kennen. Mit ihnen assoziieren wir zwangsläufig Dinge, die mit der Welt der Bronzezeit nichts zu tun haben, dafür aber sehr viel mit dem Mittelalter oder der Frühen Neuzeit“, zitiert der „Stern“.

Ebenso kritisierte Krause bereits die Fundumstände der Himmelsscheibe und wies auf die Möglichkeit hin, dass es sich bei dem Mittelberg nicht um den wahren Fundort handeln muss.

Diese Verbindung ist höchst fragwürdig. Letztlich hängt sie an ein paar Körnchen Sediment – Bruchteile eines Gramms –, die an der Scheibe hafteten und über die ein Bodenkundler gesagt hat, sie stimmten mit dem Erdreich auf dem Mittelberg überein. Das Problem ist: Es gibt andere Expertisen, die feststellen, dass das da oben ein ganz geläufiger Boden ist, der sich auch in einem Umkreis von mehreren 100 Kilometern findet. So eindeutig, wie Meller es immer wieder darstellt, ist es also nicht.“

Den vollständigen wissenschaftlichen Aufsatz von Rupert Gebhard (Direktor der Archäologischen Staatssammlung München und Professor für Vor- und Frühgeschichte an der Universität München) und Rüdiger Krause (Professor für Vor- und Frühgeschichte Europas an der Universität Frankfurt a. M.) zur Himmelsscheibe von Nebra finden Sie hier: Kritische Anmerkungen zum Fundkomplex der sog. Himmelsscheibe von Nebra (pdf)