SVR wirbt für leichteren Fachkräftezuzug – während immer mehr Qualifizierte Deutschland verlassen

Von 7. Mai 2019 Aktualisiert: 7. Mai 2019 14:14
Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) hat in seinem Jahresbericht die Bundesregierung zu zusätzlichen Anstrengungen aufgefordert, dem Fachkräfteengpass in Deutschland entgegenzuwirken. Unterdessen wandern immer mehr gut ausgebildete Jüngere aus.

Dem Büro Statista zufolge waren es 2017 noch 47 Prozent aller befragten Unternehmen, die angegeben hatten, Stellen nicht besetzen zu können, weil sie keine Arbeitskräfte finden. Im Jahr darauf hatte sich der Anteil auf 49 Prozent erhöht.

Der Arbeitsmarkt scheint sich unaufhaltsam von jenem Nachfragemarkt, der er noch Mitte der 2000er Jahre bei einer Arbeitslosigkeit im bundesweit zweistelligen Bereich gewesen war, zu einem Angebotsmarkt zu entwickeln. Entsprechend bleibt auch die Rede vom Fachkräftemangel aktuell.

Am Dienstag (7.5.) hat der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) erneut in seinem Jahresgutachten die Erleichterung des Zuzugs von Fachkräften aus dem Ausland gefordert. Die Bundesregierung sei gefordert, ihr geplantes Fachkräftezuwanderungsgesetz „zügig zu verabschieden und konsequent umzusetzen“.

Die entscheidende Neuerung gegenüber der derzeit bestehenden Regelung: Hatten bislang nur hochqualifizierte akademische Kräfte von vereinfachten Möglichkeiten zum Zuzug profitiert, sollen diese nun auch auf andere Fachkräfte ausgeweitet werden können.

Absolute Zahlen allein drücken Tragweite des Problems nicht aus

Das auf eine Initiative der Stiftung Mercator und der Volkswagen-Stiftung hin gegründete Gremium fordert zudem, künftig auch Menschen aus Staaten außerhalb der EU einfacher für die Suche nach einem Ausbildungsplatz einreisen zu lassen – so, wie derzeit bereits Studierende zum Studium an eine deutsche Universität kommen könnten.

Das Forschungsinstitut Prognos geht von einem Fehlbestand von drei bis fünf Millionen Fachkräften in Deutschland bis 2030 aus. In Österreich und in der Schweiz soll die Lage kaum besser sein. Für die Wirtschaft könnte das in den nächsten Jahren Umsatzeinbußen in einer Höhe von bis zu 525 Milliarden Euro bedeuten, was etwa 14,4 Prozent der heutigen Wirtschaftsleistung entspräche.

Der Renteneintritt geburtenstarker Jahrgänge und das Fehlen von Nachwuchs schafft bereits von den absoluten Zahlen her ein gravierendes Problem. Was verschärfend dazukommt, ist, dass das Qualifikationsprofil potenzieller Nachrücker und dynamische Wanderungssaldos die Lage noch weiter verkomplizieren.

Es scheiden nicht nur mehr aktive Beschäftigte aus ihrem Erwerbsleben aus als junge Menschen in den Erwerbsprozess eintreten. Es weisen zudem nicht alle Neuen auf dem Arbeitsmarkt Ausbildungsfähigkeit, Ausbildungsreife oder ein Interesse an den Berufen auf, in denen der Arbeitskräftemangel besonders erheblich ist.

Im Vorjahr verließen 165 000 Menschen das Land, 2019 könnten es 180 000 sein

Darüber hinaus ist, wie „Cicero“ berichtet, auch die Zahl jener Menschen, die aus Deutschland auswandern, im Vorjahr auf 165 000 angewachsen. In diesem Jahr wird ein weiterer Anstieg auf 180 000 erwartet. Dabei handelt es sich vorwiegend um gut ausgebildete und berufserfahrene Personen – was bedeutet, dass exakt das Zielpublikum, das der SVR gerne aus dem Ausland angeworben sehen will, Deutschland eher verlässt als betritt. Das Durchschnittsalter der Auswanderer beträgt 32 Jahre.

Das Prognos-Institut hat Cicero zufolge 1400 dauerhaft im Ausland lebende Fach- und Führungskräfte zu Details befragt. Von den Befragten sagten 68 Prozent der Befragten, im Ausland hätten sie einen besseren Job gefunden. Die hohe Steuer- und Abgabenlast nannten 38 Prozent als einen Grund, das Land zu verlassen, 31 Prozent störten sich an der Bürokratie.

Das Blog der Arbeitgeber-Bewertungsplattform Kununu macht eine einseitige Ausrichtung der deutschen Bildungspolitik auf akademische Abschlüsse für die Zuspitzung der Lage mitverantwortlich – zumal viele Akademiker Abschlüsse erwerben, deren Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt sich in Grenzen hält. Wer Soziologie oder bestimmte geisteswissenschaftliche Fächer studiert, hat auch mit akademischem Titel nicht unbedingt eine breite Auswahl an Berufsoptionen, hingegen studieren deutlich weniger erfolgreiche Abiturienten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) als der Arbeitsmarkt benötigen würde.

Großer Bogen um Pflege und Gesundheit

Demgegenüber sind viele Realschulabsolventen und noch mehr Hauptschulabgänger nicht in der physischen oder psychischen Verfassung, um eine Ausbildung durchzuhalten. Dabei können Handwerker mit entsprechenden Fähigkeiten durchaus ein Gehalt erzielen, das sogar jenes mancher Assistenzärzte übertrifft.

Dort, wo die meisten Arbeitskräfte gesucht werden, wie in der Pflege oder der Gesundheitsbranche, ist die Bereitschaft, eine Perspektive zu suchen, besonders gering: Immerhin eilt diesen bereits seit langer Zeit ein entsprechender Ruf voraus, viel an Belastung bei schlechter Bezahlung zu bieten. Wer einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss hat, geht Berufen in dieser Branche mehr denn je aus dem Weg.

Neben Gesundheit und Pflege klagen auch Finanz- und Dienstleistungsbranche sowie Industrie und Maschinenbau über fehlendes Interesse. Ähnlich wie im Fall der stetig steigenden Zahl an Auswanderern dürften auch hier politische Gängelung der Wirtschaft, hohe Steuerbelastung und weitere Faktoren eine Rolle spielen, die eine Entfaltung der Kreativpotenziale behindern. Steigende Kraftstoffpreise und zunehmende Schikanen für Menschen, die auf ihren Pkw angewiesen sind, tragen zudem dazu bei, dass viele Arbeitnehmer räumlich und zeitlich an Flexibilität einbüßen.

(Mit Material der afp)

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Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.