Vahrenholt: Die steigenden Kosten der Windenergie

In einem Gastkommentar spricht der ehemalige Hamburger Umweltsenator Prof. Fritz Vahrenholt über die Entwicklung der Windenergie und ihre künftig steigenden Kosten.
Die steigenden Kosten der Windenergie
Symbolbild.Foto: iStock
Von 5. Oktober 2023

Im September 2023 ist die Abweichung der globalen Temperatur vom 30-jährigen Mittel der satellitengestützten Messungen der University of Alabama (UAH) gegenüber dem August weiter stark angestiegen. Der Wert beträgt 0,9 Grad Celsius und stellt die höchste Abweichung vom langjährigen Mittel seit 1979 dar.

Nicht unbeteiligt an dieser Entwicklung dürfte der dieses Jahr erneut eingesetzte El Niño sein. Aufgrund dessen ist die Oberflächentemperatur in den maßgeblichen Regionen des Pazifiks mehr als 0,8 Grad Celsius wärmer als üblich, mit entsprechenden Auswirkungen auf die ozeanischen Strömungen. Nach aktueller Prognose werde das Phänomen bis mindestens zum Sommer auf der Südhalbkugel (2023/2024) anhalten.

Der Temperaturanstieg beträgt seit 1979 im Durchschnitt pro Jahrzehnt – unverändert – 0,14 Grad Celsius. Ein weiterer Anstieg in dieser Höhe ist kein Grund zur Besorgnis, schon gar nicht für Panik.

Diejenigen, die die Satellitenmessungen (Spencer und Christie) durchführen, haben berechnet, dass selbst bei einer Verdoppelung der CO₂-Konzentration von den vorindustriellen 280 ppm auf 560 ppm (heute 420 ppm) gegen Ende des Jahrhunderts lediglich ein Temperaturanstieg von 1,9 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit zu erwarten wäre. Damit bliebe man sogar im Korridor des Pariser Abkommens von 1,5 bis 2 Grad Celsius.

Die Forscher legen das wahrscheinliche SSP2-4.5 Szenario des IPCC zugrunde, wonach die Emissionen bis 2050 noch leicht ansteigen und danach langsam bis 2080 auf die Hälfte zurückgehen. Bei der Prognose von Spencer und Christie wird im Übrigen vorausgesetzt, dass die Erwärmung der letzten 50 Jahre ausschließlich durch CO₂ verursacht wurde. Wir wissen indes, dass der natürliche Einfluss auf die Erwärmung (Rückgang der Wolken, vermehrte Solareinstrahlung, ozeanische Meereszyklen) einen Teil der Erwärmung ausmachte.

Die teure Zukunft der Windenergie …

Es wurde als Durchbruch der Wettbewerbsfähigkeit der Offshore-Windindustrie gefeiert: BP und Total hatten sich im Juli dieses Jahres bei der letzten Ausschreibung der Bundesnetzagentur Flächen in Nord- und Ostsee gesichert, um 7.000 MW Windkraftanlagen auf hoher See bauen zu können. Die beiden Konzerne verzichteten sogar auf eine feste Einspeisevergütung und waren einverstanden, 12,6 Milliarden Euro Pachtgebühr zu bezahlen.

Bei Lichte betrachtet, sieht die Lage aus Sicht der Stromkunden weniger rosig aus. Die Zahlungen von 12,6 Milliarden Euro werden natürlich an die deutschen Stromkunden weitergereicht. Das allein macht eine Strompreiserhöhung um 2,5 Eurocent pro Kilowattstunde (ct/kWh) aus. Zudem wissen wir aus Kalkulationen der Branche, dass Offshore-Strom nicht unter 10 ct/kWh zu erzeugen ist. Denn die Kapital- und Materialkosten haben sich in den letzten vier Jahren um mehr als 50 Prozent erhöht.

Das bedeutet, BP und Total bauen die Windkraftanlagen, wenn der Börsenstrompreis bei etwa 12,5 ct/kWh liegen wird. Hören wir nicht fast täglich, dass die Strompreise, die vor der Energiekrise bei vier bis fünf Cent pro Kilowattstunde lagen, mit dem Ausbau der Windenergie wieder sinken sollen? Wird nicht ständig davon gesprochen, dass die Industriestrompreise auf 5 bis 6 ct/kWh heruntersubventioniert werden sollen, um durch diesen Brückenstrompreis für wenige Jahre die Deindustrialisierung zu stoppen?

Die Perspektive ist in Wirklichkeit: Diese Brücke führt ins Nirgendwo, denn die Windenergie wird nicht billiger, sondern teurer. Und auf Dauer 12,5 ct/kWh teuren Offshore-Windstrom herunter zu subventionieren, kann sich keine Gesellschaft leisten.

Für BP und Total ist es eine sichere Wette auf eine teurere Stromzukunft. Und wenn in Deutschland die Strompreise nicht steigen sollten, ist der Verlust für beide verschmerzbar. BP und Total haben schließlich nur zehn Prozent des Pachtpreises einzahlen müssen.

… auf dem Meer wie zu Lande

Auch die Windenergie an Land wird teurer. So schlagen auch hier Kapital- und Materialkosten preissteigernd zu Buche. Daher musste Wirtschaftsminister Robert Habeck im letzten Dezember die Einspeisevergütung für Windenergie um 25 Prozent anheben lassen. Nunmehr sind 7,35 €ct/kWh 20 Jahre lang zu vergüten.

Das gilt allerdings nur für einen normalen Windstandort in Norddeutschland mit etwa 6,5 Meter pro Sekunde (m/s) durchschnittlichem Wind. In Süddeutschland, namentlich in Bayern, wo es wenig Wind gibt, werden bei der Hälfte der Windgeschwindigkeit etwa 11 ct/kWh gezahlt. Dies ist eine volkswirtschaftliche Verschleuderung von Geld nach dem Motto: Wo weniger Wind ist, wird mehr gezahlt.

Das ist grüne Effizienz und grüne Mathematik. Das kann man nur ideologisch verstehen: Weil man auch den windschwachen und ungeeigneten Süden mit Windkraftwerken beglücken will, zahlt man dort bis zu 50 Prozent mehr für die Kilowattstunde aus Wind. Somit ist jedes Windkraftwerk im Süden ein weiterer Sargnagel für die Wettbewerbsfähigkeit der energieintensiven Industrie, denn mit 11 ct/ kWh ist in Deutschland weder die Grundstoffindustrie, noch die Düngemittelindustrie oder die chemische Industrie wettbewerbsfähig.

Ganz Verwegene träumen davon, aus diesem teuren süddeutschen Windstrom dann auch noch teuersten Wasserstoff zu machen. Denn die Windkraftanlagen in Süddeutschland stehen mehr, als sie drehen. Sie haben dort lediglich 1.600 Volllaststunden von 8.760 Stunden des Jahres. Und wenn sie sich nicht drehen, füllt man die Lücke idealerweise mit Strom aus teuerstem Wasserstoff.

Um diesen Verteuerungseffekt durch Windkraft im Süden ein wenig zu kompensieren, baut man die Anlagen höher, bis zu 250 Meter hoch. Der ökologische Eingriff mit tödlichem Folgen für Greifvögel, Fledermäuse und wandernde Insekten wird entsprechend gewaltig.

Die Kosten der Windenergie

Am Ende kommt man auch für den Windstrom an Land zu Kosten von 15 ct/kWh, wenn man die notwendigen Kosten für den Netzausbau, die Kompensationskosten (Redispatch) und die Wasserstoffkraftwerke hinzuaddiert. Damit kommt die Deindustrialisierung an ihr Ziel: Industrie ist bei einem solchen Stromerzeugungspreis nicht mehr wettbewerbsfähig.

Damit wir uns nicht missverstehen: Windenergie an starken Windstandorten leistet einen begrenzten Beitrag in einem zukünftigen Energiesystem. Aber kein Industrieland wird es auf absehbare Zeit schaffen, 100 Prozent einer wettbewerbsfähigen Energieversorgung durch Solar und Wind zu gewährleisten. –Der Beitrag von Solar und Wind zur Primärenergie in Deutschlandbetrug im Jahr 2021 lediglich 5,1 Prozent.

Auch in den USA und Großbritannien hat die Windenergie zu kämpfen

Zahlreiche geplante Offshore-Windprojekte in den USA und Großbritannien werden zurzeit nicht weiterverfolgt. Die Projekte vor der Küste des Staates New York wollen eine höhere Einspeisevergütung, um die gestiegenen Kosten für Komponenten und Kapital auszugleichen.

Oersted und Eversource wollen eine 27-prozentige Mehrvergütung (880 MW Sunrise Wind Projekt), Equinor und BP wollen einen Aufschlag von 35 bis 66 Prozent für ihr 2.100 MW Projekt Empire Wind. Gefordert werden 14 US-Dollar/kWh im ersten Fall, im zweiten Fall reichen die Forderungen von 16 bis 18 $ct/kWh. In Großbritannien sind bei der letzten Ausschreibung überhaupt keine Gebote mehr gemacht worden. In den USA und Großbritannien werden Offshore-Windparks aus wirtschaftlichen Gründen infrage gestellt.

Zudem gibt es in den USA nunmehr eine intensive Diskussion über das Walsterben vor der Küste New Yorks. Seit 2017 sind 95 tote Wale an der Küste aufgefunden worden.

Während die US-Behörden bislang einen Zusammenhang mit dem Ausbau der Offshore-Windturbinen vor dieser Küste verneinen, kommt der Naturschutzexperte Michael Shellenberger zu einem bedrückenden Verdacht. Die hohen Unterwasserschall-Vibrationen, die von den Turbinen kilometerweit ausgesendet werden, sowie die Zunahme des Service-Schiffsverkehrs zu den Turbinen, stehen im Verdacht, die Walpopulation vor der Küste zu vernichten. – Ich würde mir sehr, sehr wünschen, dass Michael Shellenberger diesmal nicht recht hat.

Über den Autor:

Prof. Dr. Fritz Vahrenholt ist promovierter Chemiker, SPD-Politiker, Manager, Wissenschaftler und Buchautor. Seit 1976 arbeitete er unter anderem im Umweltbundesamt, als Staatsrat bei der Umweltbehörde und als Umweltsenator in Hamburg. Er war Vorstand für erneuerbare Energien der Deutschen Shell AG sowie Gründer und Vorstand des Windenergie-Anlagenbauers REpower Systems.

Seit 1999 ist er Honorarprofessor im Fachbereich Chemie der Universität Hamburg. Sein Bestseller „Seveso ist überall“ (1978) war eines der wirkmächtigsten Bücher in den Anfangsjahren der Umweltbewegung. 2020 erschien sein Bestseller „Unerwünschte Wahrheiten“, 2021 folgte „Unanfechtbar – Der Beschluss des Bundesverfassungsgerichtes zum Klimaschutz im Faktencheck“. www.vahrenholt.net

Dieser Artikel erschien im Original auf klimanachrichten.de unter dem Titel: „Fritz Vahrenholt: Die steigenden Kosten der Windenergie“ (redaktionelle Bearbeitung ts)

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.


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