Nord Stream 2, Ukraine-Krieg, Polen: Das Carlson-Putin-Interview

Der US-Moderator Tucker Carlson führte als erster westlicher Journalist seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine im Jahr 2022 ein Interview mit dem russischen Präsidenten. Carlson wird vorgeworfen, Wladimir Putin eine Plattform für „Propaganda“ gegeben zu haben.
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Der russische Präsident Wladimir Putin während des Interviews mit Tucker Carlson.Foto: Gavriil Grigorov/Pool/AFP via Getty Images
Von 9. Februar 2024

Das Gespräch des amerikanischen Journalisten und Moderators Tucker Carlson mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin schlägt derzeit hohe Wellen. Es ist das erste Interview eines westlichen Journalisten mit dem Kreml-Chef seit Ausbruch des Ukraine-Krieges vor fast zwei Jahren.

Die „Frankfurter Rundschau“ bezeichnet das Interview des „stramm rechten“ Carlson mit Putin als „Propaganda-Show“ des russischen Präsidenten. Medien und Politik warfen Carlson vor, dass er keine kritischen Fragen stellte. Nachfolgend sind einige Aussagen Putins aus dem Interview.

Zweistündiges Gespräch mit vielen Themen

Putin stellt zunächst seine Sicht auf die Entwicklung des Konflikts mit der Ukraine dar, und holt weit in die Geschichte Russlands aus. Er kritisiert, dass der Westen sein Versprechen bezüglich der NATO-Osterweiterung nach dem Ende der Sowjetunion Anfang der 1990er-Jahre nicht eingehalten habe.

Er spricht auch das angeblich (fast) zustande gekommene Ende des Krieges vor eineinhalb Jahren an und wie der Westen die Bemühungen jäh gestoppt hätte. Zur globalen Bedrohung durch einen Weltkrieg äußert er sich in dem etwa zweistündigen Gespräch wie auch zur Handlungsweise der deutschen Regierung.

Die Sprengung von Nord Stream 2, für die Putin den amerikanischen Geheimdienst CIA verantwortlich macht, treffe die deutsche Wirtschaft schwer, und die hiesige Regierung wisse auch, dass die Amerikaner für den Anschlag verantwortlich seien. „Warum sagen die Deutschen nicht etwas dazu?“, fragt Carlson.

Handeln der Bundesregierung „verwirrt“ Kreml-Chef

„Das verwirrt mich auch“, antwortet Putin und fügt hinzu: „Aber die heutige deutsche Führung lässt sich eher von den Interessen des kollektiven Westens als von ihren nationalen Interessen leiten.“ Anders lasse sich das Handeln oder Nichthandeln „nur schwer erklären“. Eine Nord-Stream-Leitung sei in Ordnung, sodass Gas nach Europa geliefert werden könnte, doch Deutschland öffne sie nicht. „Wir sind bereit“, versichert der Kreml-Chef und verweist auf die Jamal-Europa-Pipeline, die unter anderem durch Polen führe und ebenfalls einen großen Durchfluss ermögliche.

„Polen hat sie geschlossen, aber Polen pickt aus der deutschen Hand“, so Putin. Das Land erhalte Geld aus den paneuropäischen Fonds, deren Hauptgeldgeber Deutschland sei. Er verstehe auch nicht, warum Deutschland die Ukraine militärisch und finanziell so stark unterstütze und auf russisches Gas verzichte. „Lasst uns ein anständiges Leben führen, um Geld für unsere Wirtschaft zu verdienen.“ Die deutsche Regierung weigere sich jedoch, dies zu tun. „Das sind höchst inkompetente Leute“, kritisierte Putin.

Putin: Friedensverhandlungen kurz vor Abschluss gescheitert

Auf die Frage Carlsons, warum es bisher keine Friedensgespräche gegeben habe, um den Konflikt mit der Ukraine zu beenden, sagte Putin: „Es hat sie gegeben […]. Sie waren fast abgeschlossen.“ Das sei etwa eineinhalb Jahre her. Doch nachdem Russland seine Truppen aus der Umgebung von Kiew abgezogen habe, habe „die andere Seite“ alle Vereinbarungen über Bord geworfen und sei den Anweisungen der westlichen Länder, der europäischen Länder und der Vereinigten Staaten gefolgt, „Russland bis zum bitteren Ende zu bekämpfen“.

Das sieht der deutsche Bundeskanzler anders: „Es gibt eine ganz klare Ursache, das ist der Wille des Präsidenten Russlands, sich einen Teil der Ukraine einzuverleiben. Und alle Geschichten, die dazu erzählt werden, ändern nichts daran, dass genau das der Zweck seiner imperialistischen Bestrebung ist“, sagte Olaf Scholz am Freitag bei seinem Besuch in der US-Hauptstadt Washington. Der Krieg könne „jederzeit enden“, sagte der Kanzler weiter. „Aber nicht so, wie sich das der russische Präsident vorstellt, indem die Ukraine kapituliert, sondern indem er den Krieg seinerseits beendet und die Voraussetzungen dafür schafft, dass eine friedliche Lösung möglich wird.“

Der russische Präsident argumentierte weiterhin: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj habe ein Dekret unterzeichnet, das jedem verbietet, mit dem Nachbarn zu verhandeln. „Aber wie sollen wir denn verhandeln, wenn er sich selbst und allen anderen dies verbietet? Wir wissen, dass er einige Ideen zu dieser Regelung vorbringt, aber um sich auf etwas zu einigen, müssen wir einen Dialog führen“, so Putin.

Ob Putin glaube, dass die NATO besorgt sei, dass der Konflikt zu einem globalen, unter Umständen auch nuklearen Konflikt führen könne, fragt Carlson. „Zumindest ist es das, worüber sie reden“, erwidert Putin. „Und sie versuchen, ihre eigene Bevölkerung mit einer imaginären russischen Bedrohung einzuschüchtern.“ Und weiter: Denkende Menschen, Analysten, diejenigen, die sich mit echter Politik beschäftigen, einfach kluge Menschen, verstehen sehr gut, dass dies ein Fake ist. Sie versuchen, die russische Bedrohung zu schüren.“

„Kein Interesse an Polen“

Die Bedrohung, die im Raum stünde, sei eine Invasion in Polen. Ob es ein Szenario gebe, dass Putin veranlassen würde, russische Truppen gegen Polen einzusetzen, fragt der amerikanische Journalist. Das werde nur in einem Fall geschehen, betonte der Präsident: „Wenn Polen Russland angreift.“

Putin sagte, sein Land habe „kein Interesse an Polen“ – oder auch an Lettland, einem anderen Nachbarn, „oder sonst wo. Warum sollten wir das tun? […] Das ist nur eine Drohkulisse.“ Man müsse kein Analytiker sein, um zu sehen, dass es dem gesunden Menschenverstand widerspreche, in einen globalen Krieg verwickelt zu werden.

„Ein globaler Krieg werde die gesamte Menschheit an den Rand der Zerstörung bringen. Das liegt auf der Hand. Es gibt durchaus Mittel der Abschreckung. Sie haben uns die ganze Zeit über Angst eingejagt. Morgen wird Russland taktische Atomwaffen einsetzen, morgen wird Russland das einsetzen. Nein, übermorgen.“

Dabei gehe es nur darum, in der Konfrontation mit Russland auf dem ukrainischen Kriegsschauplatz zusätzliches Geld von den amerikanischen und europäischen Steuerzahlern zu erpressen. Ziel sei es, „Russland so weit wie möglich zu schwächen“.

Putin: Verhandlungen wären klüger und vernünftiger

Carlson zitierte in diesem Zusammenhang Chuck Schumer, einen der ranghöchsten US-Senatoren aus dem Bundesstaat New York, der vor ein paar Tagen gefordert habe, dass die USA die ukrainischen Bemühungen weiterhin finanzieren müssten, da sonst US-Soldaten dort kämpfen könnten.

Aus Putins Sicht ist das „eine Provokation und eine billige Provokation noch dazu“. Es kämpften bereits amerikanische Söldner an der Seite der Ukraine. Zahlenmäßig nähmen sie den zweiten Platz hinter polnischen Söldnern ein. An dritter Stelle folge Georgien. „Wenn jemand den Wunsch hat, reguläre Truppen zu schicken, würde das die Menschheit sicherlich an den Rand eines sehr ernsten globalen Konflikts bringen. Das ist offensichtlich. Haben die Vereinigten Staaten das nötig? Wozu? Tausende Meilen entfernt von ihrem nationalen Territorium. Haben Sie denn nichts Besseres zu tun? Sie haben Probleme an der Grenze. Probleme mit der Migration, Probleme mit der Staatsverschuldung“, zählte Putin auf und fragte: „Wäre es nicht besser, mit Russland zu verhandeln? Wenn man wisse, dass Russland bis zum Ende für seine Interessen kämpfen werde, sollte man anfangen, „unser Land und seine Interessen zu respektieren und nach Lösungen zu suchen. Das scheint mir viel klüger und vernünftiger zu sein.“

Egon Bahr warnte vor NATO-Erweiterung

Über das Verhalten des Westens nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zeigte sich Putin im Interview sehr enttäuscht. Russland habe erwartet, „in die brüderliche Familie der zivilisierten Nationen aufgenommen zu werden“. Doch nichts dergleichen sei geschehen.

„Die Vereinigten Staaten haben uns getäuscht.“ Auch habe es das Versprechen gegeben, dass die NATO nicht nach Osten expandieren würde. „Aber das ist fünfmal geschehen. Es gab fünf Erweiterungswellen. Wir haben das alles toleriert. Wir haben versucht, sie zu überreden. Wir haben gesagt: Bitte nicht. Wir sind jetzt genauso bürgerlich wie ihr. Wir sind eine Marktwirtschaft und es gibt keine Macht der Kommunistischen Partei. Lasst uns verhandeln“, so Putin.

Vor einer Erweiterung der NATO habe auch Egon Bahr (SPD, 1922–2015), Staatssekretär unter Willy Brandt, gewarnt, erinnert Putin. „Wenn die NATO erweitert wird, wäre alles so wie zu Zeiten des Kalten Krieges, nur näher an den Grenzen Russlands“, zitiert er den Sozialdemokraten. „Er war ein weiser, alter Mann, aber niemand hörte auf ihn.“ Letztlich sei alles so gekommen, wie er prophezeit habe.



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