Putin-Interview: Propaganda-Show oder Einblick in die andere Seite?

Millionen Menschen schauten sich das erste Interview mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin seit Beginn des Ukraine-Kriegs durch einen westlichen Journalisten an. Die Reaktionen darauf waren unterschiedlich.
Putin
Der russische Präsident Wladimir Putin beantwortet am 6. Februar 2024 die Fragen von Tucker Carlson im Kreml.Foto: Gavril Grigorov/POOL/AFP via Getty Images
Von 11. Februar 2024

Am 6. Februar hat der ehemalige „Fox-News“-Moderator Tucker Carlson den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Moskauer Kreml interviewt. Zuvor hatte kein anderer westlicher Journalist das russische Staatsoberhaupt seit Beginn des Ukraine-Kriegs interviewt.

Allein auf dem Kurzbotschaftendienst X/Twitter haben sich bereits über 190 Millionen Menschen das rund zweistündige Interview angeschaut. Gleichzeitig ist es auf der Website des US-Journalisten in Originalversion veröffentlicht. Eine genaue Anzahl, wie viele Menschen es sich dort angeschaut haben, ist nicht angegeben.

Putin: Keine Kriegsausweitung geplant

Ein zentrales Thema war die Situation im Ukraine-Krieg. Wie auch in der Vergangenheit beschuldigte Putin die NATO-Staaten, ihre Bevölkerungen mit einer „imaginären“ russischen Bedrohung einschüchtern zu wollen. Zur NATO gehören 29 europäische Länder, die Vereinigten Staaten und Kanada.

Von aktueller Relevanz war auch die Frage, ob der russische Präsident andere osteuropäische Länder angreifen werde. Vor rund einer Woche stimmte sich Polen auf einen möglichen Angriff Russlands ein, wie der „Spiegel“ berichtete. Putin teilte hierzu mit, er habe „absolut“ kein Interesse an einer Ausweitung des Ukraine-Kriegs auf andere Länder.

Ebenso stellte Carlson seinem Interviewpartner Fragen zur Nord-Stream-Sprengung, dem Multimilliardär Elon Musk und Künstlicher Intelligenz sowie über den inhaftierten US-amerikanischen Journalisten Evan Gershkovich.

Scholz: „Lächerliches Interview“

Das Putin-Interview war auch ein Thema beim Besuch von Bundeskanzler Olaf Scholz in Washington. Dort traf er sich am 9. Februar mit US-Präsident Joe Biden im Oval Office, wie die „Bild“ berichtet. Nach einem Fototermin habe Scholz das – wie er es bezeichnete – „lächerliche Interview“ angesprochen.

Putin habe laut dem Kanzler „immer eine Menge Lügen über die Geschichte dieses Krieges erzählt“. Scholz ist der Ansicht, dass Putin das Ziel verfolgt, „einen Teil des Territoriums seiner Nachbarn zu bekommen“. Der SPD-Politiker nannte dieses Verhalten „Imperialismus“. Im Interview konfrontierte Carlson Putin mit genau diesem Umstand, dass die NATO-Länder besorgt seien, dass sich der Ukraine-Krieg ausweiten und weiter eskalieren könnte. Daraufhin antwortete Putin: „Das behaupten sie zumindest.“ Allerdings führte er diese Bedenken auf Versuche zurück, die öffentliche Meinung zu manipulieren.

Sie versuchen, ihre eigene Bevölkerung mit einer imaginären russischen Bedrohung einzuschüchtern. Das ist eine offensichtliche Tatsache.“

Putin betonte, dass informierte Menschen, insbesondere Analysten und Realpolitiker, verstünden, dass die vermeintliche Bedrohung „ein Schwindel“ ist. „Sie bemühen sich, die russische Bedrohung zu schüren“, fügte er hinzu.

Eine Propaganda-Show?

Sowohl vor als auch nach dem Interview berichteten verschiedene Medienhäuser über dieses Ereignis. Im Vorfeld bezeichneten diese Carlson etwa als Freund des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump oder als Vertrauten von Trump.

Einen Tag nach Veröffentlichung des Interviews, also am 9. Februar, bezeichneten viele Medien in ihren Überschriften das Ereignis im Kreml als eine Propaganda-Show. Sie bezogen sich auf die scharfen Verurteilungen durch die EU-Kommission, wie die „Frankfurter Rundschau“ berichtete. Demnach habe Putin „altbekannte Lügen, Verzerrungen und Manipulationen“ wiederholt. Das äußerten die EU-Außenbeauftragten Josep Borrell und Nabila Massrali in Brüssel. Putin habe erneut „eine große Feindseligkeit gegenüber dem Westen an den Tag gelegt“. Ihrer Ansicht nach habe er „kein Interesse“ an echten und sinnvollen Schritten für einen Frieden.

Im Interview machte Putin die USA dafür verantwortlich, dass der Krieg in der Ukraine so lange läuft. „Der Krieg könnte innerhalb weniger Wochen vorbei sein“, sofern die USA die Waffenlieferungen an die Ukraine einstellen. Putin sei seinen Worten zufolge jederzeit zu Gesprächen bereit. Die Kommunikationskanäle zwischen Moskau und Washington seien offen.

Bundeskanzler Olaf Scholz befürwortete kürzlich bei einem Besuch in Washington neue US-Hilfen für die Ukraine. US-Präsident Joe Biden und er seien fest davon überzeugt, dass diese kommen müssten, „aber auch zuversichtlich, dass der amerikanische Kongress am Ende eine solche Entscheidung treffen wird“.

Scholz betonte, dies wäre die richtige Botschaft an den russischen Präsidenten Wladimir Putin: „Dass seine Hoffnung vergeblich ist, dass er einfach nur lange genug warten muss, bis die Unterstützungsbereitschaft der Freunde der Ukraine in Europa und Nordamerika und anderswo nachlässt.“

Massrali äußerte sich auch zu dem US-Moderator. Carlson habe dem russischen Präsidenten mit dem Interview „eine Plattform zur Manipulation und Verbreitung von Propaganda geboten“.

Umfrage: Deutliche Mehrheit glaubt Putin

Auf X/Twitter startete der Internetunternehmer Kim Dotcom nach dem Interview eine Umfrage, ob Putin oder westliche Staatsoberhäupter die Wahrheit über den Sachverhalt in der Ukraine aussprechen.

Mehr als 163.000 Menschen nahmen daran teil. Das Endergebnis ist eindeutig zugunsten Putin ausgefallen. 92 Prozent sind der Ansicht, dass der russische Staatschef die Wahrheit sagt. Nur acht Prozent sind von der Version des Westens überzeugt.

Weiß Carlson zu wenig über den Konflikt?

Auch Polens Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz kommentierte Putins Aussagen. Besonders ging er auf dessen Aussagen zu seinem Land ein, wie die „Tagesschau“ berichtet. Dieser sagte: „Nichts kann unsere Wachsamkeit einschränken, und solche Worte werden dies sicherlich nicht tun, denn sie sind nicht glaubwürdig.“

Scharfe Kritik an Carlson äußerte auch der polnische Parlamentspräsident Szymon Holownia. Er sagte, der US-Journalist wäre mit seinem Interview ein „nützlicher Idiot“ für die russische Propaganda gewesen. „Er hat einem Lügner, einem Mörder und internationalen Terroristen das Mikrofon hingehalten.“

Johnny Tickle, ein in Moskau lebender Brite und Blogger, kritisierte laut der „Berliner-Zeitung“ Carlson für sein mangelndes Wissen über den Russland-Ukraine-Konflikt. Auf X/Twitter schrieb er, Carlson konnte Putin nicht richtig widersprechen, weil „er nichts über Russland oder die Ukraine weiß“.

Carlson „ist das erste Mal in Moskau. Er spricht kein Russisch. Er kennt den Unterschied zwischen Ost- und Westukraine nicht. Wie soll er über Prinz Rjurik von Nowgorod sprechen?“ Der US-Journalist habe während des Interviews tatsächlich mehrfach die Ost- und Westukraine verwechselt. „Ein Interview ist sinnlos, wenn der Befragte nicht herausgefordert und nicht aufgefordert wird, seine Behauptungen zu begründen“, so Tickle.

(Mit Material von den Agenturen und theepochtimes.com)  



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