Hygiene-Experte über Coronavirus: Mit Chinas Sicherheitsmaßnahmen kann keine Epidemie eingedämmt werden

Von 27. Januar 2020 Aktualisiert: 12. Februar 2020 9:36
Die Informationen aus China seien "immer mit Vorsicht zu genießen", sagt Professor Klaus-Dieter Zastrow, früherer Leiter des Fachgebiets „Übertragbare Krankheiten, Impfwesen und Krankenhaushygiene“ am Robert-Koch-Institut mit Blick auf den Coronavirus. Ob wirklich alles so gut funktioniert, wie die Regierung vorgibt, zweifelt er an.

Husten, Schnupfen, Coronavirus? In den vergangenen Tagen haben sich unsichere Patienten auch in Deutschland auf das aus China stammende Coronavirus „2019-nCoV“ untersuchen lassen. In Berlin hatte sich ein erster Verdachtsfall nicht bestätigt. Und für mehrere Verdachtsfälle aus Frankfurt wurde heute Entwarnung gegeben.

Nach aktuellen Meldungen geht man davon aus, dass Todesfälle nur bei Menschen mit Vorerkrankungen oder einem geschwächten Immunsystem auftreten können. So sind vor allem gebrechliche Menschen und Säuglinge besonders gefährdet. Doch wie gefährlich ist das Virus tatsächlich? Wir sprachen mit Professor Klaus-Dieter Zastrow, der in den 1990er Jahren das Fachgebiet „Übertragbare Krankheiten, Impfwesen und Krankenhaushygiene“ am Robert-Koch-Institut leitete.

„Verglichen mit den vielen Millionen in China lebenden Menschen ist die offiziell von der Regierung gemeldete Anzahl der Infizierten und Toten relativ gering“, sagt der Hygiene-Experte. Gleichzeitig seien die Informationen aus China „immer mit Vorsicht zu genießen“. Ob wirklich alles so gut funktioniert, wie die Regierung vorgibt, sei zweifelhaft.

51 Millionen Menschen unter Quarantäne zu stellen und unter Militäraufsicht zu isolieren, da steht man schon unter Strom. Die Frage ist: Wie gelingt das?“

Im Krankenhaus sei Isolation einfach. Da kommen die Verdachtsfälle in die entsprechenden Zimmer und die Tür wird geschlossen. Aber in so einem großen Gebiet? „Dass die Gesunden versuchen, da wegzukommen, ist doch auch klar. Keiner wird warten wollen, bis es ihn erwischt,“ sagt Zastrow.

Viele Länder holen inzwischen ihre Bürger aus China zurück. Deutschland hat bislang gezögert. „Es ist vernünftig die Leute zurückzuholen, solange man das noch kann“, rät der Mediziner. Die Reisenden würden dann für die Inkubationszeit von 10 bis 14 Tagen in ihren Heimatländern unter Quarantäne gestellt. Wenn sich danach der Verdacht nicht bestätigt habe, könnten sie wieder nach Hause.

Falls sie doch vom Virus befallen seien, „dann konnten sie wenigstens in dieser Zeit niemanden anstecken“. Wenn allerdings so viele Menschen aus China in ihre Länder zurückgeholt werden, könnte das die Länder vor eine Herausforderung stellen, diese Massen zu bewältigen.

Verdachtsfall bestätigt – und dann?

Und was passiert, wenn sich doch ein Verdachtsfall bestätigt? Welche Behandlungsmethoden gibt es dann? „Es gibt eben keine“, sagt Zastrow. Man könne lediglich die Symptome behandeln. Wenn sich die Krankheit weiterentwickelt, müsste der Patient notfalls beatmet werden. Die Abwehrkräfte könnten stimuliert werden, sodass der Patient den Infekt überwinden kann und nicht an einer Lungenentzündung stirbt.

Junge Leute würden eine Infektion nach Einschätzung des Mediziners „problemlos“ schaffen. Sie könnten schon nach wenigen Tagen entlassen werden. „Derartige Fälle wurden auch unmittelbar nach dem Ausbruch der Krankheit gemeldet“, betont Zastrow.

Wenn jetzt manche Ärzte erste Behandlungserfolge melden, dann müsste die entsprechende Methode weiterverbreitet werden, damit auch allen anderen  Menschen schnell geholfen werden kann, so Zastrow.

Aber wie man die Leute gesund bekommt, dazu sagen die Chinesen ja auch nichts.“

Impfstoffentwicklung dauert zwei bis drei Jahre

Wenn jetzt jedoch plötzlich ein Impfstoff auftauchen würde – und „das entwickelt man ja nicht nebenbei in der Küche“ – dann würde der Fachmann empfehlen: „Sofort impfen!“ Den Impfstoff müsse man dann unverzüglich einsetzen.

Heutzutage würden schließlich keine Lebendimpfstoffe mehr entwickelt werden, sondern „Tot-Impfstoffe“, also gentechnisch bearbeitete Stoffe, „wo nichts mehr passieren kann“. Früher hatte man bei Anwendung der Lebendimpfstoffe Angst, „dass man vielleicht die Krankheiten sogar weiter verimpft“. Diese Befürchtung sei bei den heutigen Impfstoffen unbegründet.

Doch wo sollte ein entsprechender Impfstoff herkommen für ein Virus, dass „uns erst seit vier Wochen über den Weg läuft“? So schnell gehe das nicht. „Zwei bis drei Jahre wird das wohl noch dauern“, so der Experte.

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„Einen Impfstoff gegen SARS zu entwickeln ist bis heute nicht gelungen, und das ist mehr als 15 Jahre her,“ so Zastrow weiter. Wenn es diesen Impfstoff jedoch geben würde, könnte auf umfangreiche Studien verzichtet werden. Wenn die Gefahr bestünde, dass die Menschen sowieso sterben, müsste man impfen. „Einen gentechnologisch hergestellten Impfstoff würde ich sofort als Schutzmaßnahme verimpfen“.

China-Reisende unter Beobachtung stellen

Ob sich der Professor selbst derzeit impfen lassen würde, konnte er noch nicht genau sagen. Aktuell sei Deutschland noch nicht bedroht. „Das kann aber in fünf Tagen anders aussehen.“

Nach einer wissenschaftlichen Studie wurde die Zahl der möglichen Infizierten in Wuhan zum 4. Februar 2020 auf 130.000 bis 270.000 berechnet. Diese Anzahl hält Zastrow für tatsächlich möglich. Die Frage sei jedoch, wie sich die Menschen in China nun verhalten würden. „Wenn sie überwiegend zu Hause bleiben und Menschenansammlungen meiden, wird das nicht so heftig ausfallen.“ In jedem Fall würden sich die Zahlen weiter erhöhen.

Sicherheitsmaßnahmen in China: So kann keine Epidemie eingedämmt werden

Wenn man in China unterwegs ist, sollte man unbedingt einen Mund-Nasen-Schutz tragen und die Hände mit Desinfektionsmitteln reinigen, empfiehlt Zastrow. Wenn sich der Mediziner allerdings derzeit Berichte anschaut, wie Chinesen mit den Sprühkanistern durch die Gegend laufen, kommen ihm Zweifel: „Dann treffen sie bestimmt auch mal ein Virus, aber zu 90 Prozent etwas anderes.“ So könnte jedenfalls keine Epidemie eingedämmt oder beendet werden. Das seien nur „Zufallstreffer“.

Wenn sich in Deutschland tatsächlich ein Verdachtsfall bestätigen würde, dann müsste das Krankenhaus und die zuständige Gesundheitsbehörde dafür sorgen, dass die Patienten unter Isolation in einem Einzelzimmer „luftdicht abgeschottet werden“. Lücken müssten unbedingt vermieden werden.

Die Wahrscheinlichkeit, dass „Schlampereien“ passieren, ist relativ gering, denn die Gefahr, dass sich das Personal anstecke, sei relativ hoch. Daher sei es schon im Interesse der Krankenschwestern und Ärzte, dass die Schutzmaßnahmen eingehalten werden. Auch vorläufige Verdachtsfälle würden auf diese Art isoliert werden.

Ansteckungsgefahr unklar

„Wie groß die Ansteckungsfähigkeit des 2019-nCoV tatsächlich ist, ist immer noch ziemlich unklar, denn das Virus hat es immerhin aus einem ´Fischmarkt` heraus in die Bevölkerung geschafft und dann 2000 bis 3000 Menschen erreicht.  Die werden nicht alle untereinander geknutscht haben“, gibt Zastrow zu bedenken. „Aber selbst wenn sich Masern und Influenza leichter übertragen lassen, hat das für die Praxis keine Bedeutung, die Maßnahmen bleiben dieselben.“

In den chinesischen sozialen Medien wird inzwischen eine sehr unkomplizierte Methode gemeldet: Die Menschen werden angehalten, sich nach Hause zu begeben und die Wohnung auf eine Zimmertemperatur über 20 Grad Celsius zu halten, weil angeblich das Virus dann abstirbt.

Diese Behauptung hält Dr. Zastrow für Unsinn, denn dann würden die Viren im Menschen bei 37 Grad Celsius auch sofort absterben. Allerdings: „So kann man die Leute von Straße fernhalten.“

Zur Person

Professor Dr. Zastrow war von 1987 bis 1995 am Robert-Koch-Institut Leiter des Fachgebiets „Übertragbare Krankheiten, Impfwesen und Krankenhaushygiene“. Zudem war er Geschäftsführer der ständigen Impfkommission des Bundesgesundheitsamtes (Stiko) und langjähriger Vorsitzender der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO). Von 1995 bis 2017 leitete er als Chefarzt das Institut für Hygiene und Umweltmedizin (IHU) der Vivantes Kliniken Berlin. Derzeit leitet er ein neues Hygiene-Institut, das sich im Aufbau befindet, bei den REGIOMED Kliniken.

Weitere Informationen über das Coronavirus erhalten Sie im Coronavirus NEWSTICKER.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben in der erstmaligen Version des Artikels die Position von Professor Klaus-Dieter Zastrow falsch benannt. Dies wurde berichtigt. Professor Klaus-Dieter Zastrow ist ehemaliger Leiter des Fachgebiets „Übertragbare Krankheiten, Impfwesen und Krankenhaushygiene“ am Robert-Koch-Institut.