In Mecklenburg-Vorpommern starten die Schüler am Montag ins neue Schuljahr.Foto: iStock

Erstes Bundesland startet mit Corona-Zeugnissen in die Sommerferien

Von 18. Juni 2020 Aktualisiert: 18. Juni 2020 12:48
Homeoffice, Fernunterricht, Betreuung für die Jüngsten. Kein einfaches Unterfangen in der Corona-Zeit für die Eltern. In Mecklenburg-Vorpommern nähert sich diese Zeit vorerst dem Ende. Denn im Nordosten werden bereits seit Montag schrittweise die Zeugnisse verteilt.

„Gott sei Dank“, hörte ich neulich eine dreifache Mutter sagen. Für sie waren die vergangenen Wochen ein ständiger Balanceakt, um jedem ihrer Kinder gerecht zu werden. Ab 22. Juni sind in Mecklenburg-Vorpommern Sommerferien. Seit dem 15. Juni werden den Schülern, die gruppenweise aufgeteilt am Präsenzunterricht teilnehmen, die Zeugnisse ausgehändigt. So haben einige bereits Ferien, während die letzten Schüler am Freitag nach dem Unterricht in die schulfreie Sommerzeit starten. Manche sprechen deshalb von „Corona-Zeugnissen“.

Inzwischen liegen erste Auswertungen zum kurzfristig eingeführten Homeschooling zwecks Überbrückung der Schulschließungen vor. An einer Umfrage, die der Landesschülerrat Mecklenburg-Vorpommern in Kooperation mit dem Landeselternrat am 28. März veröffentlicht hatte, nahmen über 18.000 Personen teil. Vor allem bezüglich des digitalen Unterrichts, der Prüfungsvorbereitung und der psychischen Belastung der Schüler, Eltern und Lehrer konnten Schwierigkeiten festgestellt werden.

Bei einem Großteil der Schüler gab es keine Probleme bei den technischen Voraussetzungen zum digitalen Unterricht. Bei mehr als einem Viertel traten deutliche Defizite auf, die Schüler konnten nur unter erschwerten Bedingungen am Unterricht teilhaben. Auch Lehrer klagten über das Fehlen technischer Mittel, intakte Internetverbindungen und mangelnde Medienkompetenz. Nur 27 Prozent der Befragten gaben an, dass die Lernplattformen und Schulserver einwandfrei funktionieren.

Überforderte Eltern

Eltern gaben in der Schülerumfrage an, von der Situation der Schulschließungen überfordert zu sein – von pädagogischer Kompetenz bis hin zu thematischen Schwierigkeiten. Die Erziehungsberechtigten seien in einer Situation, in der ihnen eine erhebliche Verantwortung zukomme, besonders als Lernhelfer von Grundschülern.

Schüler verwendeten, wie sich zeigte, deutlich mehr Zeit als üblich, um den Unterrichtsstoff zu erfassen. Ein regulärer Schultag umfasst im Durchschnitt sieben bis acht Stunden pro Tag. Mehrere Schüler gaben laut Umfrage an, dass sie etwa sieben bis acht Stunden benötigten, um im Homeschooling den Unterrichtsstoff für zwei Fächer zu erarbeiten.

Eltern sind oft nicht in der Lage, die Rolle der Lehrkraft zu übernehmen und bei Problemen mit den Schulaufgaben zu helfen. Besonders Schüler von Regionalschulen bewerteten den digitalen Unterricht im Durchschnitt mit der Schulnote 4,49. Den Lernerfolg stufen Schüler, Eltern und Lehrer daher deutlich schlechter ein, wenn digital statt regulär unterrichtet wird.

Die Kommunikation mit der Schulverwaltung wird als gut beschrieben, während Gespräche zwischen Schülern und Lehrern als befriedigend eingestuft werden. Im Großen und Ganzen bewerteten die Schüler die Unterrichtssituation als „den Umständen entsprechend akzeptabel“.

Erfahrungen aus Hamburg und Baden-Württemberg

In der nächsten Woche stehen auch in Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Hamburg die Sommerferien an. Ein Bundesland, das mit den Osterferien in die Corona-Zeit gerutscht ist, ist Hamburg. Während andernorts die Schulen im laufenden Betrieb schlossen, hat sich dort quasi die Ferienzeit coronabedingt verlängert.

Die Corona-Krise hat die Lehrer kalt erwischt, darin scheinen sich die Lehrer einig. Plötzlich mussten digitale Projekte aus dem Boden gestampft und improvisiert werden. Es galt, Schüler an Bildschirmen zum Lernen zu motivieren. Vor allem Familien mit nur einem Laptop oder Computer standen vor einem großen Problem. „Noch schlimmer war es, wenn mehrere Kinder in der Familie am Fernunterricht teilnehmen sollten“, sagte ein Hamburger Pädagoge gegenüber Epoch Times.

Vollblutlehrer wie er wurden vor die Wahl gestellt, das Beste aus der Situation für die Schüler herauszuholen oder den Kontakt aufgrund des Datenschutzes zu den Kindern zu verlieren. Er improvisierte anfangs mit WhatsApp, um seine Schüler zu erreichen, auch wenn das datenschutzrechtlich als bedenklich galt.

„Oberstufenschüler haben einen Vorteil“, erklärte der Lehrer. Sie seien – anders als Grundschüler – in der Lage, beispielsweise mit dem Smartphone gut zu arbeiten und zu lernen. Gleichzeitig gelte jedoch:

Wer vorher keine Hausaufgaben gemacht hat, hat jetzt auch nichts auf die Reihe bekommen.“

Insoweit könne man nichts pauschalisieren. Aus seiner Sicht waren sowohl Lehrer als auch Eltern sehr engagiert, die Zeit nicht nutzlos verstreichen zu lassen. Vor allem die Klassenlehrer hätten ihr Bestes gegeben, sagte er.

Das bestätigte auch eine Gymnasiallehrerin aus Baden-Württemberg. Die Lehrer seien sehr rührselig gewesen. Eine Kollegin hätte gemeinsam mit ihrer Tochter Lernvideos gedreht, damit die Schüler dem Unterricht besser folgen können.

Allerdings hätten die vielen Angebote die Eltern mehrerer Kinder teilweise überfordert. Eine App hier, eine Plattform dort. Irgendwann hätten die Eltern signalisiert, dass es reiche. In Zukunft sollen alle – Lehrer und Schüler – auf eine große Plattform zugreifen können, um sich auszutauschen und zu lernen.

Fehlender Kontakt zwischen Schülern und Lehrern

Schwierig sei das Lernen trotzdem, wenn man die Schüler nicht mehr direkt vor sich hat, erklärte die Kunstlehrerin. Es wurde mit den Wochen immer schwieriger, ihre Schüler zu motivieren. Anfangs war noch alles neu und sie waren hoch motiviert. Das ließ mit der Zeit nach.

„Die Hausaufgaben sind immer schlampiger geworden“, sagte sie. Eine Benotung von online erbrachten Leistungen lehnt die Karlsruherin ab. Es könnte nämlich durchaus sein, dass im selben Moment die Eltern anwesend sind und von den Kindern zu den Aufgaben befragt werden, ohne dass diese wissen, dass gerade ein Test läuft. „Dann beantworten sie gewissenhaft die Fragen ihrer Kinder und freuen sich noch, dass sie so interessiert sind.“

Für die Hamburger Abschlussklassen der Zehnten war die coronabedingte Schulabwesenheit nach Auffassung ihres Klassenlehrers kein Hindernis. „Die Schüler haben mitgezogen und waren motiviert“, sagte er. Schließlich ging es um ihre Prüfungen.

Anders sei es schon bei den Schülern der Neunten, der Stadtteilschulen oder der Schüler im 2 Semester zum Abitur. Bei ihnen und anderen Klassen fehle Unterrichtsstoff, der jetzt im Folgeschuljahr benötigt würde. Insoweit sieht der Hamburger „Gefahr in Verzug“. Zwar hätten die Schüler jede Menge „Input“ bekommen, ob das jedoch nachhaltig ist, bezweifelt er.

Alles in allem sieht der Hamburger den Fernunterricht „als Möglichkeit der Flexibilität“. Bevor Schüler lange Schulwege in Kauf nehmen müssen, um beispielsweise nur zwei Stunden am Unterricht teilzunehmen oder wenn ein Schüler krankheitsbedingt Zuhause ist, dann sei eine Kombination aus Fern- und Präsenzunterricht eine gute Sache.

Probleme aus der Politik

Die Möglichkeit, jetzt digitale Endgeräte aus staatlichen Mitteln anzuschaffen, sei zu begrüßen. Ausreden wie „Der Bildschirm auf meinem Smartphone war zu klein“ würden dann nicht mehr zählen.

Problematisch sieht der Mathematiklehrer jedoch das kaum vorhandene Mitspracherecht der Schulen. Die Mittel aus dem Digitalpakt, die bis 2024 abgerufen werden können, dürfen erst ausgegeben werden, wenn eine entsprechende digitale Infrastruktur an der Schule vorhanden ist. Mit anderen Worten: Nur wenn die Schulen über entsprechende Grundbedingungen wie W-LAN in den Klassenräumen verfügen, dürfen entsprechende Endgeräte angeschafft werden. Schulen, denen das bis 2024 nicht gelingt, könnten ins Leere laufen. „Aber glücklicherweise steht Hamburg gut da.“

38.000 Endgeräte wurden angeschafft, seien jedoch erst am Ende der Sommerferien verfügbar. Dinge wie Schutzfolien oder Hüllen für die Geräte würden bei der Anschaffung fehlen. So bleibe die Frage offen, wann die Geräte an die Schüler weitergereicht werden.

Die Lehrer haben oftmals keine freie Hand

Insoweit kritisiert der Pädagoge die vielen Vorschriften seitens der Politik. „Es ist ja nicht so, dass sich die Schulen keine Gedanken machen“, betonte der Hamburger. Aber freie Hand hätten die Lehrer in vielen Bereichen dann doch nicht. Wenn statt der zweckgebundenen Gelder aus dem Digitalpakt beispielsweise einfach die entsprechenden Beträge an die Schulen gezahlt würden, damit diese die wirklich notwendigen Arbeitsmittel anschaffen, „dann wären wir jetzt schon viel weiter“.

Alles in Allem sieht der Hamburger Pädagoge die digitale Bildung als sinnvolle Ergänzung, um den Schülern entsprechende Kompetenzen beizubringen. Insofern sei eine Einbindung interaktiven Lernens in den Unterricht gewünscht – „aber abhängig sollte man sich davon nicht machen.“

Ein Dankeschön an die Eltern möchte die Karlsruher Kunstlehrerin im Namen aller Lehrer weitergeben. „Die Eltern haben wunderbar mitgeholfen“, lobte sie. „Dass viele Medien so negativ über den Unterricht während der Corona-Krise berichteten und die Lehrer kritisieren, konnten unsere Eltern nicht verstehen. Bei uns war die Rückmeldung immer positiv.“


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