Handball-Legende Stefan Kretzschmar über Selbstzensur: „Keiner streckt den Kopf höher heraus, als er muss“

Von 11. Januar 2019 Aktualisiert: 11. Januar 2019 13:48
In einem Interview mit dem Newsportal von T-Online erklärt Ex-Handball-Nationalspieler Stefan Kretzschmar, es sei gefährlich geworden für Sportler, öffentlich Meinungen jenseits solcher wie „Wir sind bunt“ oder „Refugees welcome“ zu äußern.

Mit immerhin drei Weltmeistertiteln und zehn Medaillen ist Deutschlands Handball-Nationalmannschaft die vierterfolgreichste der Geschichte – hinter Frankreich, Schweden und Rumänien. In die derzeit im eigenen Land und in Dänemark stattfindende WM 2019 ist das DHB-Team erfolgreich mit einem 30:19 gegen das gemeinsame Team aus Nord- und Südkorea gestartet.

Dennoch führt der Handball in Deutschland abseits der traditionellen Hochburgen eher ein Nischendasein gemessen am nach wie vor dominanten Fußball. Abseits der aktiven Spieler- und Fangemeinde ist der Bekanntheitsgrad deutscher Handball-Nationalspieler oder Bundesligagrößen begrenzt – obwohl viele davon zur absoluten Weltklasse zählen.

Eines der wenigen Handball-Asse in Deutschland, die auch heute noch in der breiten Bevölkerung bekannt sind, ist Stefan Kretzschmar. Er war 218-facher Nationalspieler, über mehrere Jahre hinweg Lebensgefährte von Spitzenschwimmerin Franziska von Almsick und vor allem in den 1990er und 2000er Jahren stark in Medien, Werbung und Filmproduktionen präsent – auch als Stilikone.

Mit 16 in der Hausbesetzerszene verkehrt

Kretzschmar meldete sich nicht nur zu sportlichen Fragen in der Öffentlichkeit zu Wort. Auch politisch nahm er nie ein Blatt vor den Mund – wobei er bereits in seinem 16. Lebensjahr in der Berliner Hausbesetzerszene verkehrte.

Politisch rechts stand Kretzschmar also zu keiner Zeit. Dennoch deutete er jüngst in einem Interview mit dem Newsportal von T-Online an, dass es um die Redefreiheit in Deutschland heute erheblich schlechter bestellt sei als etwa noch in seiner Zeit als aktiver Profisportler.

Heute würde er nicht mehr so offen sprechen und auftreten, erklärt Kretzschmar:

„Das wäre heute mit Social Media und allem nicht möglich. Damals war das Schlimmste an Überwachung für mich, dass ich bei einer Mai-Demo dabei war und die ganze Veranstaltung mit Kameras gefilmt wurde. Bei der Betrachtung der Aufnahmen erkannte mich der Polizeipräsident. Daraufhin ist er zu meinem Manager nach Spandau und hat ihm das Video vorgespielt. Mir wurde dann nahegelegt, als Profisportler nicht mehr an diesen Demonstrationen teilzunehmen.“

Dies habe ihn zwar „schockiert“ und er habe erklärt, so etwas auf keinen Fall mehr machen zu wollen. „Es war aber irgendwie auch lustig. Eigentlich hätte ich das Video gerne mitgenommen und voller Stolz meinen Kumpels gezeigt.“

„Keine Meinungsfreiheit im eigentlichen Sinne“

Heute jedoch sei kein Spieler mehr bereit, sich mit einer Meinungsäußerung an die Öffentlichkeit zu wagen, die in der Öffentlichkeit als kontrovers wahrgenommen oder von Arbeitgeber und Werbepartnern als problematisch angesehen werden könnte. Dies sei, so Kretzschmar, nicht einmal einem authentischen Konformismus der Spieler selbst geschuldet:

„Dafür können die Spieler nichts, die spielen das Spiel nur mit. Für jeden Kommentar bekommst du eins auf die Fresse. Wenn du eine polarisierende Meinung hast, finden die 50 Prozent scheiße. Für alles, was dich von der Masse abhebt, erntest du einen Shitstorm. Dem setzt sich kein Profisportler aus. Alle gehen ihren gemütlichen Weg, keiner streckt den Kopf höher heraus, als er muss. Das würde ich genauso tun. Welcher Sportler äußert sich denn heute noch politisch? Es sei denn, es ist die mainstreampolitische Meinung, wo man sagt ‚Wir sind bunt!’ oder ‚Refugees Welcome’, wo man gesellschaftlich nichts falsch machen kann. Eine gesellschafts- oder regierungskritische Meinung darf man in diesem Land aber nicht mehr haben. Wir Sportler haben in Deutschland eine Meinungsfreiheit, für die man nicht in den Knast kommt. Wir haben aber keine Meinungsfreiheit im eigentlichen Sinne. Wir müssen immer mit Repressalien von unserem Arbeitgeber oder von Werbepartnern rechnen. Deswegen äußert sich heute keiner mehr kritisch.“

Auch wenn die Zeit vorbei sei, in der Zeitungen und Zeitschriften die wichtigsten Medien gewesen wären, werde es keinen Weg zurück zu früheren Verhältnissen geben. Die Sportler seien einstweilen ihre eigenen Marken. Die eigene Facebook-Seite habe mehr an Medienrelevanz als die „Bild“-Zeitung. Authentischer werde der Diskurs dadurch aber trotzdem nicht:

„Überall Interviews zu geben, ist heute nicht mehr notwendig, um in der Öffentlichkeit stattzufinden. Das kontrollierst du heute über deine eigene Seite. Die Entwicklung der eigenen Medien, die wird weiter voranschreiten und sich professionalisieren. Das heißt aber auch, dass wir immer weniger ‚Real Content‘ von Sportlern bekommen. Das wird alles von Marketing-Agenturen gesteuert und die ‚Verkünstlichung“ weiter zunehmen.“

Konsolenspiel für Handball fehlt immer noch

Um den Handball in Deutschland und auch im internationalen Maßstab populärer zu machen, sei es notwendig, ein Konsolenspiel auf den Markt zu bringen:

„Wir müssen all unsere Ressourcen bündeln und zu EA gehen, um ein Konsolenspiel zu entwickeln. Wir brauchen ein cooles Spiel wie FIFA, Madden oder NBA2k. Eins, was grafisch super ist und die Kids überzeugt. Das haben alle Sportarten außer wir. Sogar das Eishockey hat eins. Offensichtlich will das der Markt aktuell nicht, also will es auch keine Firma. Das heißt, wir müssen auf die Firma zugehen und Geld investieren, um so ein Spiel zu produzieren. Das ist unbedingt notwendig, um bei den Kids stattzufinden.“

Dass der Handball dauerhaft im Schatten des Fußballs stehen muss, scheint Kretzschmar nicht für ein Naturgesetz zu halten. Im Interview mit T-Online erklärt er, dass es durchaus einige Faktoren gebe, die dafür sprechen, Nachwuchs für seinen Sport zu begeistern:

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„Zum einen können wir in der aktuellen Jahreszeit schön in der warmen Halle spielen, während die Kicker raus müssen (lacht). Außerdem ist Handball für mich der ehrlichere Sport. Es ist kein Ticket aus der Gosse, aber wir schreiben Zusammenhalt und Fairness groß. Wenn man dazu auf Schnelligkeit und Härte steht, ist Handball der passende Sport. Fußball ist für mich eher langweilig, ein 0:0 ist einfach nicht telegen. Der Nachteil des Handballs ist, dass du als Zuschauer keine Zeit hast, um dir während des Spiels ein Bier zu holen. Dafür passiert zu viel und das ist für den Deutschen natürlich ein Problem. Da schafft man es nicht rechtzeitig zum Kühlschrank (lacht).“

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