Von wegen „Tausende“: Statistisches Bundesamt zählt 19 Hitzetote jährlich

Mit einem Hitzeschutzplan soll die Anzahl der sommerlichen Sterbefälle sinken. Ein spürbarer Effekt ist allerdings nicht zu erwarten – und zwar nicht nur, weil Kälte nachweislich mehr Menschenleben fordert als Wärme.
Ein Außenthermometer zeigt knapp 40 Grad an: Die Welt muss sich nach einer Prognose wegen des nahenden Klimaphänomens El Niño bereits in diesem Jahr auf eine weitere Temperatursteigerung einstellen.
Hitzeschutzplan: Neues Narrativ?Foto: Jens Büttner/dpa
Von 16. Juli 2023

„Wiederholte Hitzewellen und ihr Auftreten über einen langen Zeitraum von Mai bis Oktober [haben] 2022 zu einer Übersterblichkeit von etwa 4.500 Menschen“ geführt. Das berichtete der Deutsche Wetterdienst Mitte März dieses Jahres unter Berufung auf „Schätzungen des RKI“. „Mindestens 15.000 Hitzetote in Europa“, warnte die WHO am 7. November 2022. Die Europäische Umweltagentur (EEA) sprach zwei Tage später sogar vor 30.000 Todesfällen pro Jahr.

Aktuelle Daten sprechen eine ganz andere Sprache – in diesem Fall die des Statistischen Bundesamts. In einer Pressemitteilung vom 28. Juni heißt es aus Wiesbaden:

„Hitzschläge, Sonnenstiche und andere durch Hitze oder Sonnenlicht verursachte Schäden [führten] im Durchschnitt der Jahre 2001 bis 2021 zu knapp 1.500 Krankenhausbehandlungen jährlich. Als direkte Todesursache lässt sich Hitze bei durchschnittlich 19 Fällen pro Jahr allerdings selten feststellen.“ In Worten: Neunzehn.

Alle anderen sind demnach „mit Hitze“ oder „im (zeitlichen) Zusammenhang mit Hitze“ verstorben.

Hitzetote in Deutschland tendenziell rückläufig

Sofern die mitgelieferten Daten zur Zahl der jährlichen „vollstationären Krankenhausbehandlungen aufgrund von Schäden durch Hitze/Sonnenlicht“ Rückschlüsse auf die Anzahl der Hitzetoten zulässt, zeigt diese Entwicklung nach unten. – Obwohl die ebenfalls angegebene Anzahl der jährlichen Hitzetage von durchschnittlich neun in den Jahren 2001 bis 2005 auf zwölf Tage in den Jahren 2017 bis 2021 angestiegen ist.

Auch ohne die Daten der beiden Corona-Jahre 2020 und 2021 einzubeziehen, ist die Anzahl der Einweisungen wegen Hitze- und Sonnenschäden in den vergangenen 20 Jahren gesunken. Unter Annahme, dass sich die Anzahl der Hitzetoten ähnlich der Krankenhausbehandlungen entwickelt, ist demzufolge in den nächsten Jahren ein weiterer Rückgang zu erwarten.

In ihrer eigenen Grafik erlaubt das Statistische Bundesamt durch Trennung der beiden Zeitreihen keinen direkten Vergleich. Eine Entwicklung der vergangenen 20 Jahre kommt weder im Text noch im Diagramm zum Ausdruck.

Gleichzeitig muss erwähnt – und in der Meldung des Statistikamts ergänzt – werden, dass sowohl Hitzetage als auch Behandlungen starken Schwankungen unterliegen. So haben zwar die Hitzetage binnen 20 Jahren um drei Tage zugenommen, jedoch schwanken die Werte selbst um bis zu 15 Tage pro Jahr. Ähnliches zeigt sich bei der Anzahl der Krankenhauseinweisungen: Langfristig sank der Wert um 514 Fälle, kurzfristig springt der Wert um über 1.500 Behandlungen mehr.

Flüssigkeitsmangel „teilweise auch altersbedingt“

Neben Schäden durch Hitze und Sonne führt das Statistische Bundesamt zwei weitere Zahlen ins Feld: Krankenhausaufenthalte und Todesfälle aufgrund von Flüssigkeitsmangel. Medizinisch spricht man dabei von Volumenmangel. Dazu erklären die Statistiker:

„Vor allem für ältere Menschen ist der sogenannte Volumenmangel immer häufiger die Ursache für Krankenhausaufenthalte und Todesfälle. [Darunter] versteht man Austrocknung infolge von unzureichender Flüssigkeitsaufnahme oder erhöhtem Flüssigkeitsverlust.“

Mit anderen Worten, man verdurstet, wenn man zu viel schwitzt oder nicht ausreichend trinkt. Dass es zwar logisch ist, dass die Diagnose im Sommer häufiger auftritt, diese aber nicht auf die wärmere Jahreshälfte beschränkt ist, bleibt wiederum unerwähnt.

Stattdessen heißt es weiter: „Da insbesondere ältere Menschen, deren Zahl in den vergangenen 20 Jahren zugenommen hat, von Flüssigkeitsmangel betroffen sind, ist der Anstieg der Krankenhausbehandlungen und Todesfälle mit dieser Diagnose teilweise auch altersbedingt.“ Daraus könnte man schließen, dass „Hitzetote“ eine Alterserscheinung sind.

19 Hitzetote können 3.500 Verdurstete nicht erklären

Konkret zählte das Statistische Bundesamt für 2021 „gut 107.500 Patientinnen und Patienten“, die im Krankenhaus wegen Flüssigkeitsmangels behandelt wurden. 2001 waren es gut „50.700“. Die hinterlegten Daten sind genauer und sprechen von 107.545 (2021) und 57.740 (2001). Damit haben sich die Krankenhausbehandlungen wegen Flüssigkeitsmangels innerhalb von 20 Jahren mehr als verdoppelt (+112 %).

Im Jahr 2018 wurden mit 141.590 Behandlungen aufgrund dieser Diagnose die meisten Fälle gezählt. Bereits 2019 – und damit vor Corona – sank diese Zahl wieder auf knapp über 131.000. An Schließungen von Kindergärten und Schulen sowie Ausgangsbeschränkungen ab bestimmten Temperaturen dachte damals wohl kaum einer.

„Noch deutlicher“ zeige sich laut Destatis der Anstieg allerdings bei den „Todesfällen aufgrund von Volumenmangel: Im Jahr 2021 gab es mit gut 3.500 Todesfällen mehr als siebenmal so viele Todesfälle wie 20 Jahre zuvor. 2001 waren knapp 500 Menschen infolge Flüssigkeitsmangels gestorben.“

In Verbindung mit den zuvor vom Statistischen Bundesamt genannten „durchschnittlich 19 Hitzetoten“ ist offensichtlich, dass die Verdursteten nicht allein auf Hitze zurückzuführen sein können. Andere Ursachen sucht man in der Pressemitteilung vergeblich. Stattdessen heißt es zu Beginn allgemein: „Sehr hohe Temperaturen lassen die Sterblichkeit […] insgesamt steigen, da in vielen Fällen die Kombination aus Hitze und Vorerkrankungen das Sterberisiko erhöht. So stiegen in von Hitzeperioden geprägten Wochen die Sterbefallzahlen auch in den vergangenen Sommern an.“ – In den übrigen Wochen des Jahres jedoch auch.

20 Jahre „Klimawandel“ rettet knapp drei Millionen Menschenleben

Im Jul 2021 veröffentlichte „The Lancet“, einer der weltweit bekanntesten Fachzeitschriften, die wohl größte Studie, die jemals die mit der Temperatur verbundene (vermeintlich) übermäßige Sterblichkeit untersucht hat. Darin kamen die 68 Autoren zu zwei eindeutigen Schlussfolgerungen: Einerseits sterben zehnmal mehr Menschen aufgrund von Kälte als aufgrund von Hitze, andererseits häufen sich „temperaturbedingte Sterbefälle“ vor allem an mäßig heißen und mäßig kalten Tagen.

„Wichtig ist, dass die kältebedingten Todesfälle von 2000 bis 2019 um 0,51 Prozent zurückgingen, während die hitzebedingten Todesfälle um 0,21 Prozent zunahmen, was zu einer Verringerung der Nettosterblichkeit aufgrund von Kälte und Hitze führte“, heißt es in der Studie.

Konkret habe die Erwärmung zwischen 2000 und 2019 insgesamt 3,1 Millionen Menschenleben vor kältebedingten Todesfällen bewahrt. Demgegenüber stehen 130.000 zusätzliche Todesfällen im Zusammenhang mit Hitze. Summa summarum hat der „Klimawandel“ damit in den vergangenen 20 Jahren weltweit netto fast drei Millionen Menschenleben gerettet.

Noch ein Fakt am Rande: Auf der Liste der wärmsten Länder der Welt steht Deutschland auf Platz 188 (von 217). Angeführt wird diese Liste von Burkina Faso mit einer Jahresdurchschnittstemperatur 2021 von 30,01 Grad Celsius. Am anderen Ende friert Grönland bei -17,56 °C. Bezogen auf die 119 Länder mit Messwerten von Extremtemperaturen steht Deutschland auf Platz 16 – der kältesten Länder. Bei der Wärme belegen wir Platz 76.

(Mit Material des Statistischen Bundesamts)



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