„Wir haben immer nur genickt. Damit ist jetzt Schluss“ – Apothekerin Jana Schwiek im Interview

Am 14. Juni wird in Apotheken gestreikt. Das steckt dahinter.
Titelbild
Jana Schwiek, Inhaberin der Benno-Apotheke in Dresden.Foto: privat
Von 13. Juni 2023

Bürokratische Hürden, explodierende Kosten, Lieferengpässe. Heutzutage ist es kein Kinderspiel, eine Apotheke zu leiten. Für Jana Schwiek, Inhaberin der Dresdner Benno-Apotheke, die sich als Apothekerin mit Herz und Seele bezeichnet, ist das noch lange kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Auch in widrigen Zeiten war und ist sie für Kunden und Patienten da. Epoch Times sprach mit ihr über die Herausforderungen, denen sie tagtäglich gegenübersteht, und den bundesweiten Protesttag.

Für den 14. Juni hat die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) zum bundesweiten Protesttag aufgerufen. Wie bewerten Sie die Aktion?

Der von der ABDA initiierte Protesttag der deutschen Apotheken ist dringend überfällig. Ich beobachte zum ersten Mal ein weitgehend geschlossenes Auftreten der Apothekerschaft, welches bei dem Berufsstand eher nicht anzutreffen ist.

Allerdings gibt es viele Möglichkeiten, Protest auszudrücken. Auch Verdunklung der Schaufenster, Versorgung durch die Notdienstklappe, ein Informationsstand vor der Apotheke, Aushänge zum Anliegen der Apotheker, Dialog mit Kunden und Regionalpolitikern oder Postings in Social Media sind Wege, um auf unsere Probleme aufmerksam zu machen.

Ich denke, eine kreative Mischung ist ebenso zielführend und nimmt Widersprüchen, dass wir einerseits angeblich zu viele Apotheken hätten und andererseits Online-Apotheken politisch forciert werden, den Rahmen. Die Apotheke vor Ort mit einer Voll- und Akutversorgung ist nicht ersetzbar.

Den meisten Kunden werden apothekentypische Fachbegriffe wie Nullretaxation, Präqualifizierung, Substitutionsausschlussliste, Entlassmanagement und so weiter nichts sagen. Die damit verbundenen Herausforderungen sind für uns aber ebenso existenziell wie eine seit etwa zehn Jahren von Lohn- und Kostenentwicklung abgekoppelte Vergütung.

Darüber zu informieren und aufzuklären, ist Ziel des Protesttages. Gleichzeitig zum geforderten Bürokratieabbau fordern die Apotheker lediglich eine Anpassung in der stehengebliebenen finanziellen Wertschätzung der vergangenen zehn Jahre. Das hat nichts mit „in den Himmel wachsenden Bäumen“, wie Karl Lauterbach es nennt, zu tun. Das Bild des besserverdienenden Apothekers ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Wir brauchen keine danke-klatschenden Politiker auf Balkonen. Wir brauchen eine Perspektive.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat die Forderung der Anhebung der Kosten für verschreibungspflichtige Medikamente von 8,35 Euro auf 12 Euro pro Packung zurückgewiesen. Was sagen Sie dazu?

Im Gegensatz zur freien Wirtschaft können Apotheken nicht individuell die Preise kalkulieren. Alle rezeptpflichtigen Arzneimittel (Rx) haben in Deutschland einen Festpreis, da Arzneimittel Waren der besonderen Art sind und nicht über Angebote und Preisdumping verhökert werden sollen. Das ist auch gut so.

Zu meinen Anfangsjahren in den 2000ern galt das auch noch für apothekenpflichtige Arzneimittel (nonRx). Eine Freigabe dieser Preise und die Einführung des Onlinehandels haben zu einer nicht unerheblichen Umsatzverschiebung des nonRx-Marktes von der Präsenz-Apotheke hin zum Onlinehandel geführt, obwohl dort wirtschaftlich ganz andere Rahmenbedingungen gelten. Übrigens gibt es in Deutschland ein Versandhandelsverbot für rezeptpflichtige Tierarzneimittel, aber nicht für Humanarzneimittel.

Gleichzeitig wurde 2014 die Vergütung auf 8,35 Euro und drei Prozent auf den Einkaufspreis als Fixzuschlag eingefroren. Von diesem Fixzuschlag werden zum Beispiel noch je nach politischer Motivation zwei Euro „Rabatt“ (=Zwangsabschlag) an die Krankenkassen abgeführt.

Dieser Fixzuschlag wurde als Mischkalkulation eingeführt, um höhere Gewinne an teuren Arzneimitteln einzuschränken und Apothekenstandorte damit vergleichbarer zu gestalten. Die Apotheke „verdient“ also an einem Medikament, welches im Einkauf zwei Euro kostet, ähnlich viel wie an einem, welches 20.000 Euro kostet. Das ist vielen nicht bewusst.

Andererseits sind das finanzielle Risiko und das Liquiditätsproblem bei Hochpreisern nicht unerheblich, da der Hersteller oder der Großhandel oft das teure Medikament lange bevor die Krankenkasse zahlt, in Rechnung stellt. Es ist daher immer wieder abenteuerlich, wenn von der Politik Umsatz- und Gewinnentwicklung in einen Topf geworfen werden, dabei ist das eine nicht linear proportional zu dem anderen.

In Anbetracht der Kosten- und Lohnentwicklung und den zunehmenden Problemen bei der Beschaffung von Arzneimitteln ist die Forderung nach 12 Euro pro Packung eher defensiv zu beurteilen. Im Gegensatz zu Pharmaindustrie und Ärzteverbänden haben aber Apotheker keine Lobby. Wir sind am Ende der Kette und haben mit jedem neuen bürokratischen Winkelzug und jedem neuen Abschlag an Krankenkassen oder Industrie immer nur genickt und umgesetzt. Damit ist jetzt Schluss. Die Apotheker haben sich viel zu lange zunehmende Widrigkeiten widerstandslos gefallen lassen.

Andere Vergütungen der letzten Jahre, wie Btm-Gebühr, Botengebühr, Vergütung pharmazeutischer Dienstleistungen und so weiter sind schwer durchgesetzte Selbstverständlichkeiten, die nicht der Querfinanzierung unserer eigentlichen Tätigkeit dienen können. Nennen Sie mir einen Beruf, in dem Wissen kostenlos „verkauft“ wird. Ein Anwalt oder ein Arzt stellen schon für eine kleine telefonische Beratung eine Rechnung. Nur Apotheker machen umfangreiche Beratungen heute noch kostenfrei.

Was sind die größten Herausforderungen, die von den Apotheken derzeit zu bewältigen sind?

In den letzten Jahren ging die Entwicklung so schnell, dass es schwerfällt, da eine Liste zu erstellen. Im Alltag stellen aktuell sicher die Lieferschwierigkeiten die größte Herausforderung dar. Allerdings ist das kein neues Problem. Es hat sich nur verschärft.

Überbordende Bürokratie, die in meinen Augen keine Versorgungsverbesserung bringt, sondern nur noch als Schikane bezeichnet werden kann, bindet extrem viele Kapazitäten an Personal und Zeit, welches an wichtigeren Stellen fehlt. Selbst in Großstädten ist es Glückssache, Apotheker einzustellen, auf dem Land nahezu unmöglich.

Dass sich junge Apotheker eher bei der Industrie bewerben oder eine höhere Wertschätzung in einer Klinik als Stationsapotheker anstreben, kann ich verstehen. Vergleichsweise bessere Bezahlung, als der Tarifvertrag für öffentliche Apotheken vorsieht, ist da nur ein Argument von vielen. Eine Tarifanpassung ist aber ohne Anhebung der Rx-Gebühr irrational.

Selbstständige Apotheker sind Freiberufler, die mit ihrem Privatvermögen haften. Gleichzeitig haben sie Personalverantwortung und einen öffentlichen Auftrag. Das geht nur mit gesellschaftlicher und politischer Wertschätzung.

Dazu brauchen wir keine Qualitätsmanagementsysteme, die von der Landesdirektion in der Umsetzung geprüft werden. Plausibilitätsprüfungen und Herstellungsanweisungen bei Rezepturen sind ein Armutszeugnis und zeugen von mangelndem Vertrauen in unsere Ausbildung. Präqualifizierungsanforderungen für die Abgabe von Hilfsmitteln verschieben den Markt und verunmöglichen eine breite Versorgung.

Hilfsmittelverträge einzelner Krankenkassen gefährden eine stabile, flächige und zeitnahe Versorgung. Egal, ob es dabei um Inkontinenzversorgung, Gelenkbandagen oder einen Toilettenstuhl geht. Wer diese Dinge benötigt, braucht sie schnell und unkompliziert. Das kann nur eine flächige Versorgung durch Vollapotheken vor Ort.

Wozu brauchen wir Hash-Codes zur Abrechnung banaler Rezepturen? Haben individuelle Securpharm-QR-Codes tatsächlich Fälschungssicherheit gebracht? Das und vieles mehr ist alltägliche Mehrarbeit ohne Nutzen, aber mit verbundenen Kosten.

Worin sehen Sie die Ursachen dafür?

Die Politik ist wirtschaftsgesteuert. Die Industrie hat eine große Lobby und verdient Geld mit Daten. Viele unserer vorgenannten Verpflichtungen bringen der Industrie Daten. Das e-Rezept ist nur das logische Ende dieser Entwicklung.

Der Preisdruck im GKV-Markt über Rabattverträge, Festbeträge, Importquoten und so weiter hat zu einer Verschiebung des Marktes geführt, welche nur mit einem grundsätzlichen Umdenken der Arzneimittelversorgung gelöst werden kann. Das betrifft aber breite Teile im Gesundheitswesen. Da denke ich nur weiter an Pflege und Kliniken. Wir sehen überall ähnliche Probleme und müssten eigentlich gemeinsam an einem Strang ziehen.

Wir brauchen eine europäische Arzneimittelproduktion und neue Finanzierungs- und Vergütungsmodelle, die gerecht, fair und transparent sind. In allen Bereichen.

Laut einer ABDA-Statistik mussten allein in den vergangene drei Jahren 1.232 Apotheken schließen; die Anzahl der Apotheken liegt derzeit auf dem niedrigsten Stand seit 40 Jahren. Wie kann man den Beruf des Apothekers wieder attraktiver machen?

Der Beruf des Apothekers ist attraktiv. Das zeigen stetig steigende Zahlen an Pharmaziestudenten und entsprechend Absolventen. Nur die öffentliche Apotheke ist eben nicht mehr das hauptsächliche Ziel der top ausgebildeten Naturwissenschaftler.

In Zeiten von Fachkräftemangel geht viel über eine entsprechende Entlohnung, aber auch der bereits angesprochene Bürokratiewahnsinn lockt nicht wirklich in öffentliche Apotheken. Wenn ein junger Absolvent heutzutage das Risiko einer selbst und ständigen Privatisierung ins Verhältnis zu einem bei der Industrie oder im Krankenhaus festen Stelle mit eventueller Promotionsmöglichkeit setzen soll, muss er schon viel Enthusiasmus mitbringen, um voller Überzeugung als Hausapotheker eine breite Versorgung vor Ort mit allen Eventualitäten und Widrigkeiten umzusetzen. Für mich persönlich macht genau das den Beruf interessant und ich möchte nicht tauschen.

Was können Kunden und Patienten dazu beitragen, wenn sie die Apotheker unterstützen wollen?

Ich engagiere mich seit Jahren für die Apotheke vor Ort. Leider sind viele Menschen bequem geworden und meinen, eine Onlinebestellung wäre eine Alternative.

Um es direkt zu sagen: Liebe Kunden und Patienten, wenn Sie auch in Zukunft wohnortnah und kostenfrei eine ehrliche und unabhängige Beratung wollen, wenn Sie im Nachtdienst nicht 50 Kilometer in die nächste Apotheke fahren wollen, wenn Sie individuelle Rezepturen, Betäubungsmittel, Kompressionsstrümpfe, Inkontinenzversorgung und Pflegehilfsmittel aus einer Hand wollen, dann unterstützen Sie die Apotheke vor Ort. Das ist ganz einfach.

Lösen Sie Ihre Rezepte in der Nachbarschaft ein und kaufen Sie auch Ihren sonstigen Bedarf an apothekenüblichen Dingen in der Apotheke um die Ecke. Wir sind schneller als das Internet. Und persönlicher. All diese Dinge können Sie online nicht kaufen. Und wenn die Apotheke um die Ecke mangels Ertrag geschlossen hat, ist es für ein Umdenken zu spät.“

Vielen Dank!
Das Interview führte Susanne Ausic.



Epoch TV
Epoch Vital
Kommentare
Liebe Leser,

vielen Dank, dass Sie unseren Kommentar-Bereich nutzen.

Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen, Schimpfworte, aggressive Formulierungen und Werbe-Links. Solche Kommentare werden wir nicht veröffentlichen. Dies umfasst ebenso abschweifende Kommentare, die keinen konkreten Bezug zum jeweiligen Artikel haben. Viele Kommentare waren bisher schon anregend und auf die Themen bezogen. Wir bitten Sie um eine Qualität, die den Artikeln entspricht, so haben wir alle etwas davon.

Da wir die Verantwortung für jeden veröffentlichten Kommentar tragen, geben wir Kommentare erst nach einer Prüfung frei. Je nach Aufkommen kann es deswegen zu zeitlichen Verzögerungen kommen.


Ihre Epoch Times - Redaktion