Palliativschwester: „Die sieben Geheimnisse guten Sterbens“

Von 24. März 2014 Aktualisiert: 24. März 2014 10:52

Dorothea Mihm hat Tausende von Menschen in mehr als 30 Jahren im Sterben begleitet und lässt uns an ihrem umfangreichen Erfahrungswissen teilhaben. Das eröffnet für den Bereich der Palliativ- und Hospizpflege bisher ungeahnte Wege, die mit den herkömmlichen schulmedizinischen Methoden der westlichen Welt nicht beschritten werden konnten. Elisabeth Kübler-Ross (1926 – 2004) hatte im Umgang mit Sterbenden schon eine Pionierarbeit begonnen, die nunmehr von Dorothea Mihm aufgrund ihrer zahlreichen Aufenthalte bei spirituellen Meistern in Indien und Tibet auf ein erstaunlich hohes Bewusstseins- und Wahrnehmungsniveau gebracht wurde.

„Mein ganzes Leben ist durchzogen von Begegnungen mit sterbenden Wesen. Menschen, Tiere, Kreaturen. Bis heute. Der Tod ist mein Begleiter, aber auch mein Widerpart. Ich überlasse ihm nicht so einfach die Macht. Ich gehe ihm nicht zur Hand, ich helfe ihm nicht. Aber er ist auch nicht mein Feind, ich kämpfe nicht gegen ihn an. Der Tod gehört für mich zum Leben. Denn es gibt kein Leben ohne ihn. Das eine bedingt das andere. Es ist ein ständiger Kreislauf von Werden – Sein – Vergehen. Dieser Dreiklang bestimmt unsere Welt, unser Leben.

Jeder Atemzug produziert Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das, was war, ist, sein wird… Dieses Buch handelt auch von der Kraft, die alles überspannt: der Liebe, dem Mitgefühl. Wo der Tod ein Zeichen für das Vergängliche, das Sterbliche ist, steht die Liebe für den göttlichen Funken, für das Ewige, Unzerstörbare, Bleibende. Die Liebe ist die einzige Kraft, die dem Tod und der Angst überlegen ist, die unsere Hoffnung nährt und damit unser Leben stärkt.“

Dorothea Mihm kommt am 12. März 1958 in Hünfeld/Rhön zur Welt. Bereits im Mutterleib begegnete sie dem Tod; ihre Mutter hatte Leberkrebs im Endstadium als Folge einer schweren Hepatitis im Alter von 34 Jahren. Die Eltern stammten von Bauernfamilien aus benachbarten kleinen Dörfern; Dorotheas Mutter Hedwig war das älteste von vier Kindern, drei Mädchen und ein Junge. Vater August, Jahrgang 1916, wuchs mit vierzehn Geschwistern auf. Der elterliche Hof, auf dem Dorothea streng katholisch aufwuchs, war ein mittelgroßer Betrieb mit drei Pferden, zehn Milchkühen, sechs Bullen, vierzig Schweinen und zwanzig Hühnern. Die Mutter arbeitete hart auf dem Feld und im Haus, quälte sich noch acht Jahre mit ihrer schweren Erkrankung und starb plötzlich im Oktober 1966 vor den Augen ihrer Tochter während des Abendessens.

„In dieser Zeit legte sich eine unsichtbare Glocke über mich. Ich war wie betäubt. Mit dieser Glocke schützte ich viele Jahre mich und mein Inneres. Wie notwendig das war, würde ich erst viel später begreifen… In den folgenden Tagen begann ich, alles aufzusammeln, was tot war, vor allem Ratten und Mäuse, um sie alsbald aufzuschneiden und die Seele zu suchen. Ich sezierte wie eine Wilde, aber eine Seele fand ich nie. Von da an war mir klar: Ich möchte Krankenschwester werden, Operationsschwester. Ich dachte: Wenn ich die Seele bei Toten oder gerade Verstorbenen nicht finden kann, dann muss man eben in den lebenden Körper hineinschauen, dann wird man sie schon erkennen können. So hatte ich meinen beruflichen Lebensweg schon als Achtjährige vor Augen…

Nach dem Tod der Mutter begannen sehr schwere Jahre für Dorothea, die Beziehung mit dem Vater war kaum existent; sie wurde völlig ignoriert und empfand dies als seelische Gewalt. Erst wenige Tage vor seinem Tod im Jahr 1996 gab es eine beglückende Wandlung. Eine Stiefmutter machte Dorothea das Leben zur Hölle. Sie machte zwei Suizidversuche, verfiel in Alkoholexzesse. Endlich, im Oktober 1976 beginnt sie ihre Ausbildung zur Krankenschwester – weit weg von ihrem belasteten und belastenden Elternhaus.

Ihr erster Freund Stefan inspirierte sie zum Lesen anspruchsvoller Literatur und gab ihrem Leben eine neue Orientierung. Sie las Hermann Hesses „Siddharta“, die „Bhagavad Gita“ (den göttlichen Gesang Indiens), „Der Weg der weißen Wolke“ von Lama Anagarika Govinda (1898 – 1985). Sie entschied sich für eine Alkoholentziehungskur und sammelte als junge Berufsanfängerin ihre ersten Erfahrungen auf einer Intensivstation. Sie machte ein glänzendes Examen, zusätzlich eine Ausbildung zur Heilpraktikerin. Mit zunehmendem Reifungsprozess wechselten auch ihre Partnerschaften. Ganz auffällig sind das ausgeprägte Wahrnehmungsvermögen von Dorothea Mihm und ihre Engelsgeduld am Sterbebett von Menschen – oftmals stundenlang in schweigender, bedingungsloser Präsenz und Liebe. Sie erlebt, dass vielen Todkranken aus Bequemlichkeit zu häufig übergroße Medikamentendosen verabreicht werden.

[–Der Tod gehört zur Liebe–]

„Selbst mit Patienten, die schon viele Wochen lang im Koma lagen, konnte ich in Kontakt kommen. Je häufiger ich die erlernte Basale Stimulation anwandte, desto besser verstand ich die Reaktion der Patienten. Meine Arbeit erhielt eine völlig neue Wertigkeit, zu der mir kein noch so tolles Lob meiner Vorgesetzten hätte verhelfen können. Es waren die Patienten selbst, die mich für all den Aufwand mehr als fürstlich entlohnten. Nicht materiell, sondern durch ihre Reaktionen, weil sie mir erlaubten, mit ihnen in Kontakt zu treten. Für mich ist das jedes Mal von neuem ein Geschenk, ein Dialog von Herz zu Herz. Es ist weniger Kommunikation als Kommunion, ein heiliger Austausch der Gaben. Tiefste Menschlichkeit. Liebe in reinster Form…“

Dorothea Mihm hatte in mehreren Kliniken gearbeitet und ihre Erfahrungen gesammelt. Der Chefarzt einer herzchirurgischen Abteilung (nicht ein Anästhesist oder Intensivmediziner) war tief beeindruckt von ihrer Arbeit und würdigte sie sogar im Jahresbericht der Klinik. Auf die Empfehlung des Herzchirurgen wurde ihr die Teilnahme an einem großen Kongress über „Sterben und Tod aus spiritueller Sicht“ in München ermöglicht.

Dorothea Mihms Weg führte dann nach Nepal und Tibet, wo sie in eine neue Dimension ihres Lebens eintauchen konnte. Lopön Tenzin Namdak Rinpoche (geb. 1926) wurde ihr spiritueller Meister und ist es nach vielen Besuchen und Retreats bis heute geblieben. Inzwischen ist die ehemalige Katholikin eine überzeugte Buddhistin. Sie kultivierte die Herzensliebe und dokumentiert in ihrem einzigartigen Buch eindrucksvoll ihren Umgang mit Sterbenden in jeder Altersstufe.

„Der Tod gehört zur Liebe. Der Tod gibt uns die Möglichkeit, unser wahres Selbst zu erkennen, das, was unser Inneres ausmacht. Er schenkt uns auch die Erkenntnis, dass die wahre tiefe Liebe weit über den Tod hinausreicht.“

Das Buch „Die sieben Geheimnisse guten Sterbens“ ist ein großes Geschenk und wesentlicher Beitrag für das Medizin- und Therapieverständnis im 21. Jahrhundert, wo der Abschied von einem mechanistischen Weltbild des Westens dringend erforderlich ist. Die Gedanken der Palliativschwester wurden von der in Hamburg lebenden Diplom-Biologin, Journalistin und erfolgreichen Sachbuchautorin Annette Bopp großartig zusammengefügt als wunderbare Einladung zu einer Lebens- und Lesereise.

Dorothea Mihm ist heute in eigener Praxis in Frankfurt/Main tätig. www.praxis-adarsha.de

Foto: Cover Kailash Verlag

Dorothea Mihm , Annette Bopp

Die sieben Geheimnisse guten Sterbens

Erfahrungen einer Palliativschwester

288 Seiten

ISBN: 978-3-424-63087-9

€ 19,99 [D]

Verlag: Kailash

Mögen Sie unsere Artikel?
Unterstützen Sie EPOCH TIMES
HIER SPENDEN
Schlagworte