RESSENTIMENT – Rückkehr zur Quelle des Gefühls

Von 24. Juni 2013 Aktualisiert: 24. Juni 2013 8:16

Die EtymosophieKolumne von Roland R. Ropers erscheint wöchentlich exklusiv in der EPOCH TIMES Deutschland.

Wer Abneigung und Groll empfindet, sollte nicht von Ressentiment sprechen, denn damit hat es nichts zu tun. Wir haben im Laufe von Jahrhunderten die Urbedeutung dieses wunderbaren Wortes völlig verdreht. Das französische Verb „ressentir“ bedeutet „nachhaltig fühlen“. Das Präfix „re“ macht uns auf das „zurück“ oder „wieder“ aufmerksam, z.B. „Retour“ (Rückkehr), „Renovierung“ (wieder Neumachen), „Repetition“ (Wiederholung). Von größter Bedeutung ist die Erneuerung unserer Gefühlswelt an ihrer ursprünglichen Quelle – das will das Wort „Ressentiment“ ausdrücken.

Der sehr kreative, aber weitestgehend überschätzte deutsche Kulturwissenschaftler und Philosoph Peter Sloterdijk (1947 in Karlsruhe geboren) führt uns mit seiner Interpretation in einen intellektuellen Irrgarten: „Das in den imperialen Kulturen und ihren Religionen schon früh statuierte Ressentiment gegen das Ich und seine Neigung, sich und das Seine zur Geltung zu bringen, statt in der Unterordnung glücklich zu werden, lenkte über nicht weniger als zwei Jahrtausende hin von der Einsicht ab, dass der vielgescholtene Egoismus in Wahrheit oft nur das Incognito der besten menschlichen Möglichkeiten darstellt. Erst Nietzsche hat in dieser Frage wieder für klare Verhältnisse gesorgt“.

Kann man sich eine königlichere Belohnung eigener „ressentimentaler“ Bemühungen vorstellen als die schöpferische Kraft, mit der uns der immer tiefere Zugang zu unseren Gefühlen allmählich beschenkt? Wir beginnen damit, dass wir zu den Schichten, die uns von dem Wesentlichen trennen, hindurchdringen – was schon eine enorm kreative Arbeit ist. Die stille und konzentrierte Betrachtung der im Innern beheimateten Gefühlswelt ermöglicht uns die Begegnung mit unserem wahren Wesen, mit dem immanenten Geist des Kosmos. Das menschlich Reinste und Edelste in uns wachsen zu lassen, ermöglicht uns, die graue Mittelmäßigkeit zu überschreiten, zu der viele Menschen – aus Unvermögen, auf das Leben von einer höheren Warte herabzublicken – ihre Existenz verurteilt haben.

Der gefühlsstarke und tugendhafte Mensch lebt in der eigenen Urheimat größter Sicherheit, frei von Angst vor einer ungewissen Zukunft, völlig konzentriert auf das Leben in der Gegenwart, das sich in jedem Augenblick neu offenbart.

Im 38. Kapitel des „Tao Te King“ von Lao Tse lesen wir:
„Ein wirklich tugendhafter Mensch
bemüht sich nicht um seine Tugend,
darum ist er tugendhaft.
Ein scheinbar tugendhafter Mensch
bemüht sich dauernd um seine Tugend,
darum ist er nicht wirklich tugendhaft.
Ein wirklich tugendhafter Mensch pflegt das Nicht-Tun.
Und doch bleibt bei ihm nichts ungetan.
Ein scheinbar tugendhafter Mensch
will dauernd etwas tun,
und doch bleibt vieles ungetan.
Ein wirklich gütiger Mensch pflegt das Tun,
aber er hat keinen Beweggrund.
Ein wirklich gerechter Mensch pflegt das Tun,
aber er hat keinen Beweggrund.
Ein wirklich moralischer Mensch pflegt das Tun,
und wenn er kein Echo findet,
krempelt er die Ärmel hoch und versucht,
durch Gewalt zu überzeugen.
Als der Weg verlorenging, tauchte die Tugend auf.
Als die Tugend verlorenging, tauchte die Güte auf.
Als die Güte verlorenging, tauchte die Moral auf.
Die Moral ist eine Verkümmerung von Vertrauen und Treue
und der Anfang der Verwirrung.
Das Wissen um die Zukunft ist nur eine blühende Falle
am Rande des Weges und der Anfang der Torheit.
Darum lebt der Weise in der Wirklichkeit
und nicht an der Oberfläche.
Er lebt im Sein und nicht im Schein.
Er lässt das eine und zieht das andere vor.“

{R:2}

Der Religionsphilosoph Roland R. Ropers ist Autor und Herausgeber etlicher Bücher:

Was unsere Welt im Innersten zusammenhält: Hans-Peter Dürr im Gespräch mit bedeutenden Vordenkern, Philosophen und Wissenschaftlern von Roland R. Ropers und Thomas Arzt; 2012 im Scorpio Verlag

Eine Welt – Eine Menschheit – Eine Religion von Bede Griffiths und Roland R. Ropers

Gott, Mensch und Welt. Die Drei-Einheit der Wirklichkeit von Raimon Panikkar und Roland R. Ropers

Die Hochzeit von Ost und West: Hoffnung für die Menschheit von Bede Griffiths und Roland R. Ropers

Geburtsstunde des neuen Menschen. Hugo Makibi Enomiya-Lassalle zum 100. Geburtstag von Roland R. Ropers

Roland Ropers erreichen Sie mit: [email protected]

 


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