Sprachen sterben

Von 24. Oktober 2007 Aktualisiert: 24. Oktober 2007 15:14
Viele Eingeborenensprachen sind weltweit vom Aussterben bedroht

Mit alarmierender Geschwindigkeit sterben weltweit Hunderte von Eingeborenensprachen aus, darunter sind einige Zehntausende Jahre alt. In manchen Regionen stirbt eine gesprochene Sprache alle 14 Tage aus. Der Fortbestand einiger hängt an einem seidenen Faden, denn nur noch eine Handvoll Menschen sprechen diese Sprachen. Ein Projekt von National Geographic, genannt Enduring Voices (durchhaltende Stimmen), hat fünf besonders betroffene Gebiete auf der Welt ausfindig gemacht: den pazifischen Nordwesten, das nördliche Australien, Zentral- und Ostsibirien sowie das zentrale Südamerika.

Die Wissenschaftler von Enduring Voices fanden heraus, dass mehr als 500 Sprachen dieser Welt von weniger als zehn Menschen gesprochen werden. Dieses äußerst rapide Verschwinden ist historisch gesehen einmalig. Der Grad der Bedrohung im pazifischen Nordwesten, dazu gehören British Columbia und teilweise die US-Bundesstaaten Washington, Oregon und Alaska, ist laut dieser Studie besonders hoch. Nur der Norden Australiens und eine kleine Region in Südamerika leiden an noch schnellerem Sprachenverlust.

Verlust von unersetzbarem Wissen

Sprachwissenschaftler beklagen, dass es ein enormer Verlust von unersetzbarem Wissen über die betroffenen natürlichen Umgebungen, Ökosysteme und kulturelle Traditionen, die über Tausende von Jahren angesammelt wurden, sei, wenn
diese Sprachen verloren gingen.

„Eine Menge sprachlicher Strukturen sind schon verloren gegangen““, sagt der Linguist Gregory Anderson. „Das ist ein großer Verlust für die ganze Menschheit.“ Anderson, der Vorsitzende des Institutes für gefährdete Sprachen an der Universität Oregon, sagt „Die Haida-Sprache von den Königin-Charlotte-Inseln und Alaska wird nur noch von 50 älteren Leuten gesprochen, sie ist in einer hoffnungslosen Situation“.

Anderson sagt, dass die Haida-Sprache, die aus zwei Dialekten besteht, „faszinierend“ sei, da sie mit keiner anderen Sprache auf der Welt verwandt zu sein scheint. Das mache sie einzigartig. „Wenn es diese Sprache einmal nicht mehr gibt, dann verschwindet eine ganze Gattung mit ihr“, sagt er.

In British Columbia gibt es über 60 Prozent aller kanadischen Eingeborenensprachen. Von den 36 übrig gebliebenen Sprachen in der Provinz werden 13 von weniger als je 50 Menschen gesprochen, wobei keiner davon unter 15 Jahren alt sei, sagt Bill Poser, außerordentlicher Professor an der Universität British Columbia.

„Sobald die Kinder aufhören, eine Sprache zu lernen, verschwindet sie. Selbst wenn es noch 1.000 Sprecher einer Sprache gibt, ist sie bereits zum Aussterben verurteilt, wenn diese Menschen das gebärfähige Alter überschritten haben“, sagt Professor Poser. Er ist Linguist und studiert die ebenfalls vom Aussterben bedrohte Carrier-Sprache in der Prinz Georgs-Gegend.

Während beinahe alle Eingeborenensprachen in British Columbia massiv vom Aussterben bedroht und drei davon sogar schon vollständig tot sind, halten sich in Kanada andere Sprachen sehr gut am Leben, wie etwa Cree, Inutitut, Ojibway, Slave und Dogrib.

Obwohl es viele Gründe gibt, warum Eingeborenensprachen verschwinden, ist allgemein anerkannt, dass der Kolonialismus hauptsächlich daran schuld ist. Die meisten Regionen, in denen die Sprachen am gefährdetsten sind, befinden sich in post-kolonialen Ländern, wo die Regierungen die Eingeborenen zum Lernen ihrer Sprachen gezwungen haben.

„Die Dialekte definierten die territorialen Grenzen der verschiedenen Länder und bestimmten die Besitzverhältnisse der Grundstücke. So war das Zerstören der Dialekte eine Taktik des kolonialen An-sich-Reißens“, sagt Kevin Annet, Autor des Buches Hidden From History: The Canadian Holocaust (Vor der Geschichte verborgen: der kanadische Holocaust).

Es wird geschätzt, dass in den letzten 500 Jahren die Hälfte aller Sprachen auf der Welt ausgestorben sind. Wissenschaftler behaupten, dass dieses Verschwinden heute schneller vonstatten geht, als dies jemals in der Geschichte der Fall war; von den übriggebliebenen 7.000 Sprachen auf der Welt wird Schätzungen zufolge die Hälfte bis zum Ende dieses Jahrzehnts aussterben.

Aus diesem Grund bemühen sich viele Volksgruppen in allen Ecken der Welt, ihre Sprachen zu erforschen und zu erhalten, bevor die letzten aktiven Sprecher sterben. Diese Bemühungen werden von der Universität Oregon tatkräftig unterstützt.

Die Organisation First Voices in British Columbia bietet eine Auswahl von Internet-Lernmöglichkeiten und Diensten an, um Eingeborenen bei der Erhaltung, Weitergabe und Kulturwiederbelebung zu helfen. Momentan unterstützt sie 26 Volksgruppen bei ihren Anliegen.

Archivierung der Sprachen, um sie vor dem Vergessen zu bewahren

Ein besonders schwieriger und zeitaufwändiger Teil bei dieser Aufgabe ist das Niederschreiben und Systematisieren dieser Sprachen, die in den meisten Fällen nur mündlich weitergegeben wurden.

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„Wir haben erst vor relativ kurzer Zeit festgestellt, dass wir die Sprachen in systematischer Form schriftlich festhalten müssen. So mussten also verschiedene Systeme dafür geschaffen werden,“ sagt Peter Brand, der Koordinator von First Voices.

„Wir bemühen uns um alle Sprachen, denn sie sind alle ziemlich einzigartig – jede Sprache, die von First Voices dokumentiert wurde, hat ein anderes Schreibsystem.“
Die Haida-Volksgruppe von den Königin-Charlotte-Inseln verwendet das Programm der Skidegate-Haida-Bevölkerung. Danach lehren die Stammesälteren die Sprache und geben die Legenden und die Überlieferungen an die jüngere Generation weiter.

In Alaska werden von Haida-Stämmen und von der Universität Alaska-Southeast verschiedene Haida-Sprachkurse angeboten. Auch die Universität British Columbia bietet momentan solche Kurse in Musqueam, Plains Cree und Dakelh an.

Während seiner zehnjährigen Schulzeit auf der Kuper-Insel lief der aus Delmar stammende Johnny stets Gefahr, seinen Mund mit Seife ausgespült zu bekommen, sobald er seine Muttersprache Hul’q’umi’num aussprach. Heute lernt der 61-jährige gemeinsam mit seinen Kindern die Sprache wieder. Sie präzisiert Inhalte, die auf Englisch nicht ausgedrückt werden können.

Schwierige Rückkehr zum Ursprung

„ Den größten Teil meines Lebens benützte ich meine Muttersprache so gut wie gar nicht“, sagt er, „aber mir wurde jetzt klar, dass sie für mich wichtig ist. Ich bin Indianer und stehe dazu.“

Ein Neffe von Johnny, der Hul’q’umi’num fließend spricht, bekam von einem Dorfältesten Privatunterricht. Heute hat er die Ehre, bei verschiedenen Anlässen im Dorf vortragen zu dürfen. Alle Mühen, diese Sprachen zu lernen, zu dokumentieren und als schriftliche Zeugnisse alter Kulturen zu erhalten, können aber leider die Sprachen nicht wieder zu gesprochenen Sprachen machen, sagt Poser. Die Sprachen Hebräisch und Walisisch waren auch einmal gefährdet, überlebten aber, weil sie von vielen Menschen gesprochen und vom Staat gefördert wurden. Staatsunterstützung erhielten auch die hawaiianischen und maorischen Dialekte in Neuseeland. Dadurch wurde verhindert, dass die Kinder jemals aufhörten, diese Sprachen zu sprechen.

Um eine Sprache, die nur noch von ein paar alten Stammesangehörigen gesprochen wird wiederzubeleben, ist ein intensives Sprachtrainingsprogramm bei den Kindern notwendig. Es gibt nur einLand, in dem dieses Programm durchgeführt wird:British Columbia, an der Chief Atahm-Schule in der Shuswap-Gemeinde am Adams-See.
„Dieses Programm war ein außergewöhnlicher Erfolg, es gibt schon fünf Abschlussklassen, die jetzt fließend Shuswap sprechen und diese Sprache auch außerhalb der Klassenzimmer verwenden“, sagt Poser. Trotz allem bedürfe es aber weit mehr, um das Überleben einer Sprache zu gewährleisten. „Das Problem ist, dass diese Kinder eine Minderheit in ihrer Gemeinde sind. Es ist fraglich, ob sie auch dort wohnen bleiben und untereinander heiraten, um ihre Kinder entsprechend anleiten zu können. Die Chancen hierfür sind allerdings nicht sehr gut“, so Poser.