Besucher betrachten das Triptychongemälde des Heller Altars in der Albrecht-Dürer-Ausstellung im Städel-Museum, am 22. Oktober 2013 in Frankfurt am Main, Deutschland.Foto: Hannelore Foerster / Getty Images

Ein echter Dürer auf dem Crailsheimer Altar?

Epoch Times13. Juni 2021 Aktualisiert: 14. Juni 2021 10:41
Zu kaum einem Künstler wurde so viel geforscht wie zu Albrecht Dürer. Doch noch immer ist der Nürnberger Meister für Überraschungen gut: Auf einem Altar findet sich möglicherweise ein frühes Werk von ihm.

Dass der spätgotische Flügelaltar in der Crailsheimer Johanneskirche den Zweiten Weltkrieg so gut überstanden hat, ist schon fast ein Wunder.

Noch wundervoller ist jedoch eins der Tafelbilder. Teile davon könnte der Nürnberger Meister Albrecht Dürer in jungen Jahren gemalt haben, meinen mehrere Experten. Die Vermutung steht schon länger im Raum. Nicht nur für die Stadt in Baden-Württemberg wäre das eine Sensation.

„Es wäre ein Riesenschritt für die Dürer-Forschung“, sagt Matthias Weniger vom Bayerischen Nationalmuseum in München. Denn das würde ein neues Licht auf die Lehrjahre Dürers beim Nürnberger Maler Michael Wolgemut werfen. Aus dessen Werkstatt stammt nach Überzeugung der Fachleute der um 1490 entstandene Hochaltar, der das Leben von Johannes des Täufers und die Passion Christi darstellt.

Gemeinsamkeiten zu anderen Werken soll Handschrift von Dürer erkennen lassen

Eine der farbprächtigen Szenen zeigt den Henker mit dem Haupt von Johannes. Der Gesichtsausdruck, die muskulöse Statur, die elegante Beinstellung – all das sei unverkennbar Dürer, meint der Kunsthistoriker Manuel Teget-Welz von der Universität Erlangen. „Es gibt etliche Gemeinsamkeiten zu anderen Werken, was seine persönliche Handschrift erkennen lässt.“

Auch Weniger hält es für sehr wahrscheinlich, dass Wolgemut Teile des Bildes von seinem talentierten Lehrling malen ließ. „Ich bin ziemlich überzeugt, aber absolute Gewissheit ist auf dem Gebiet schwierig.“ Für Dürer spreche auch die malerische Qualität, meint er. „Diese Tafel unterscheidet sich grundsätzlich von den anderen. Sie ist wirklich ganz großartig.“

Doch im Kirchen-Alltag bleibt sie meist unbemerkt. Der mehrere Meter hohe Flügelaltar steht die meiste Zeit aufgeklappt im Chor der evangelischen Johanneskirche, so dass hauptsächlich seine Festtagsseite zu sehen ist. Früher war diese – wie der Name schon sagt – nur zu besonderen Anlässen zu sehen. Das mögliche Dürer-Gemälde befindet sich aber auf der Alltagsseite, ist also nur im zugeklappten Zustand zu sehen.

Gemälde nur aller sieben Jahre während Passionszeit zu sehen

„Er wird alle sieben Jahre für die Dauer der Passionszeit geschlossen“, sagt Dekanin Friederike Wagner. „Das ist tatsächlich sehr aufwendig.“ Mehrere Menschen müssten mit anpacken, um die Flügel des mehr als 500 Jahre alten Kunstwerks bewegen zu können. Dass das mögliche Dürer-Gemälde einem größeren Publikum bislang nicht bekannt war, ist also kein Wunder.

Die Diskussion sei allerdings nicht neu, sagt die Kulturhistorikerin Helga Steiger von der Stadt Crailsheim. 1928 zum 400. Todestag von Albrecht Dürer sei der Altaraufsatz mit Hinblick auf diese Frage sogar abgebaut und für eine Ausstellung ins Germanische Nationalmuseum nach Nürnberg transportiert worden.

Wieder aufgekommen ist das Ganze 2016, als die Stadt eine Fachtagung zu dem Altar veranstaltete. Zu dieser kamen auch die beiden Experten Weniger und Teget-Welz. Weniger machte Detail-Fotos von dem möglichen Dürer-Gemälde, Teget-Welz verglich diese später mit anderen Dürer-Werken.

Maltechnik spricht für Dürer

Dabei stellte er unter anderem fest, dass der Gesichtsausdruck des Henkers sehr stark einem Porträt ähnelt, das Dürer von seiner Mutter anfertigte. Auch die Maltechnik spreche dafür, dass es Dürer gewesen sei, der die Henkersszene teilweise schuf, meint Weniger. Andere Belege haben die beiden Experten allerdings nicht. Schriftstücke, die Dürers Beteiligung an dem Altar zweifelsfrei beweisen könnten, wurden bisher nicht entdeckt.

Die Methode, Werke bestimmten Künstlern mit Hilfe von Stilkritik zuzuschreiben, sei natürlich immer subjektiv, gibt der Dürer-Experte Thomas Schauerte, einst Leiter des Albrecht-Dürer-Hauses in Nürnberg und heute Direktor der städtischen Museen in Aschaffenburg, zu bedenken. In diesem Fall sei jedoch nicht nur die frappierende Ähnlichkeit mit anderen Werken überzeugend. „Das andere ist, dass auch die kulturhistorischen Daten passen.“

Untersuchung des Altars mit Infrarot könnte weitere Erkenntnisse bringen

Mehr Erkenntnisse könnte eine Untersuchung des Altars mit Infrarot bringen, was zum Beispiel die Vorzeichnungen sichtbar machen würde. Die technische Ausrüstung dafür besitzt das Institut für Kunsttechnik und Konservierung am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Konkrete Pläne, den Altar zu untersuchen, gebe es noch nicht, sagt Museumsexperte Benno Baumbauer. „Ich könnte mir aber vorstellen, dass wir das langfristig angehen.“

Doch auch diese Methode wird nach Einschätzung von Baumbauer nicht zu 100 Prozent klären können, ob Dürer tatsächlich an dem Altar beteiligt war. „Man muss da zwangsweise vorsichtig sein“, sagt er. „Das wird sicherlich noch für Diskussionen in der Wissenschaft sorgen“.

Und für weitere Forschung, meint Schauerte. Es wäre sinnvoll, jetzt auch andere Werke aus der Wolgemut-Werkstatt nach künstlerischen Spuren von Dürer zu untersuchen. „Ein Anfangsverdacht ist auf jeden Fall da.“ (dpa)



Gerne können Sie EPOCH TIMES auch durch Ihre Spende unterstützen:

Jetzt spenden!


Kommentare
Liebe Leser,

vielen Dank, dass Sie unseren Kommentar-Bereich nutzen.

Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen, Schimpfworte, aggressive Formulierungen und Werbe-Links. Solche Kommentare werden wir nicht veröffentlichen. Viele Kommentare waren bisher schon anregend und auf die Themen bezogen. Wir bitten Sie um eine Qualität, die den Artikeln entspricht, so haben wir alle etwas davon.

Da wir die juristische Verantwortung für jeden veröffentlichten Kommentar tragen müssen, geben wir Kommentare erst nach einer Prüfung frei. Je nach Aufkommen kann es deswegen zu zeitlichen Verzögerungen kommen.

Die Kommentarfunktion wird immer weiter entwickelt. Wir freuen uns über Ihr konstruktives Feedback, sollten Sie zusätzliche Funktionalitäten wünschen an [email protected]


Ihre Epoch Times - Redaktion