Der Mythos von St. Michael und was er uns sagt

Von 10. September 2019 Aktualisiert: 10. September 2019 10:55
An wen würden Sie bei folgender Frage denken: "Wer ist Ihr Vorbild?" Wissen Sie noch warum Sie diesen Menschen ausgewählt haben? Und wie oft denken Sie im Alltag daran, dessen Werte zu leben? Der Name des Schutzpatrons Deutschlands - Michael - birgt das Geheimnis der Selbstfindung in sich, welches direkt mit der Wahl seines Vorbildes zu tun hat.

Mythen und Geschichten aus ferner Vergangenheit beinhalten Weisheiten und Ideen, die oftmals in Vergessenheit geraten, ohne zu ahnen, wie wichtig sie für die Gegenwart sein könnten. Ein solcher Schatz an Weisheit verbirgt sich im Mythos von St. Michael.

Das Leben der Christen ist ein Leben des geistlichen Kampfes. Der katholische Glaube lehrt, Menschen seien nicht die einzigen intelligenten Lebewesen, die von Gott erschaffen wurden. Gott habe auch Engel erschaffen; einige dieser Engel seien jedoch rebellisch geworden und hätten sich von Gott abgewandt. Seitdem gibt es einen Kampf, um die menschlichen Seelen.

Erzengel Michael leitet die himmlische Heerschar, und laut dem Buch der Offenbarungen führt er den Kampf gegen Satan und beschützt somit die Menschen. Doch Engel ist nicht gleich Engel. Die esoterische Engelskunde meint, es gäbe neun Ebenen der Engel. Die Engel auf höchster Ebene – die Seraphim genannt werden – sind die mächtigsten, weil sie Gott am nächsten stehen.

Christliches Relikt – Gebet beim Exorzismus

Papst Leo XIII. hatte am 13. Oktober 1884 eine Vision, in welcher die Kirche durch den Teufel in Bedrängnis kam. Deshalb verfasste der Papst ein machtvolles Gebet, das sich dem Kampf, um die Seelen der Menschen widmet. Das Gebet wurde, bis zur Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils, nach jeder heiligen Messe gebetet. Die längere Version davon fand in Exorzismen Verwendung.

Wer ist wie Gott?

Der Name Michael kommt aus dem hebräischen und bedeutet „Wer ist wie Gott?“ – das ist natürlich eine rhetorische Frage. Es könnte aber auch als Aufforderung gedacht sein, um den Blick nach innen – auf sich selbst – zu richten, um sich zu fragen: Wenn ich Erzengel Michael wäre, wie würde ich über mich selbst denken?

Glauben Sie würde ein Engel einer Selbstverliebtheit unterliegen? Dies ist eher unwahrscheinlich. Denkbarer wäre aber, dass ein Engel die Kluft zwischen sich und seiner Umgebung wahrnimmt. Plötzlich wäre er sich bewusst, umringt zu sein, von einer transzendenten, namenlosen Realität und der Reinheit der Schöpfung. Bescheidenheit und Gutherzigkeit würden höchstwahrscheinlich in ihm erwachen.

Carl Rogers meint, das Selbst sei durch Anhäufungen von Lebenserfahrungen – also durch Interaktionen mit der Umwelt – erschaffen worden. Demnach kann das Nachdenken über „Wer ist wie Gott?“ einen klärenden Effekt haben. Die gedankliche Verbindung mit der Schöpfung könnte die bisherige Selbstwahrnehmung harmonisieren und als Orientierungshilfe dienen.

Wer die Dinge so fasst, wie sie sind, nicht wie sie genannt oder gepriesen werden, der ist wahrhaft weise und mehr von Gott als von den Menschen gelehrt,“ sagte Thomas von Kempen.

Vorbilder

Die Frage „Wer ist wie Gott?“ spielt im Leben aller Menschen irgendwann eine Rolle, denn sie beinhaltet die Frage: „Wie beziehungsweise Wer möchte ich sein?“ Obwohl die Ermittlung nach Vorbildern ein gesellschaftlicher Reflex ist, entsteht bei Nachfrage, nach seinem Fixsternen der Orientierung, eine längere Pause.

Gläubige Menschen antworten oftmals klarer und rascher. Christen beispielsweise wollen den Verstand Christi in sich stärken. Buddhisten wollen wie Buddha sein. Doch warum fällt es anderen so schwer eine Leitfigur zu finden?

Braucht es heute im virtuellen ICH-Kult überhaupt noch Vorbilder? Oder haben wir etwa das Vorbild-haben verlernt? Benötigen wir vielleicht Unterstützung beim Orientierungsmanagement? Die Suche nach Antworten beginnt meist in der Kindheit, bei den Wurzeln und damaligen Vorbildern.

Allerdings sind Schulen, Universitäten, Regierungen, Streitkräfte, Unternehmen und alle möglichen anderen Organisationen daran interessiert unsere Vorbilder zu prägen. Es ist wirklich so, dass sie Einfluss auf die Entscheidung haben wie wir sein wollen.

Selbstverwirklichung

Im Laufe seines Lebens wird jeder, ob direkt oder indirekt, dazu gebracht irgendwelche Rollen einzunehmen. Der amerikanische Psychologe Carl Rogers beschäftigte sich mit der Persönlichkeitstheorie. Demzufolge würde der Mensch nach Selbstverwirklichung und Selbstaktualisierung streben. Nach seinem Konzept könne die Selbstfindung in drei Unterkategorien unterteilte werden:

  • unser Selbstwertgefühl (wie wir über unser Selbst denken),
  • unser Selbstbild (wie wir unser Selbst sehen)
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  • unser ideales Selbst (wie wir Selbst sein wollen).

Rogers Hypothese besagt, jedes Individuum könne seine Grundeinstellungen und sein Verhalten verändern. Allerdings würden dafür adäquate Vorbilder benötigt werden. Erst durch die Visualisierung – was aus einem werden könnte – sei es möglich, eine tiefe Veränderung hervorzurufen. Die Welt der Mythen und Religionen bietet uns entsprechende Ideale.

Sobald die Kluft zwischen dem was wir sind und dem, wie wir sein könnten, erkennbar ist, beginnt die Transformation zu dem, was wir sein sollten. In der Bedeutung vom Namen Michaels liegt die Botschaft verborgen, uns auf den Weg unserer Bestimmung zu machen – wieder göttlich zu werden.

Offenbarung der göttlichen Tugend

Der Mensch ist dazu bestimmt „wie Gott“ beziehungsweise „göttlich“ zu werden. Das Wissen um seinen göttlichen Teil liegt tief verborgen. Doch mit der Förderung folgender drei göttlicher Qualitäten werden Sie bei der Selbstverwirklichung effizient vorankommen. 

Erstens: die Freiheit. Gott ist frei. Wir streben ebenfalls danach frei zu sein. Das Gefühl von Freiheit entsteht, sobald das Handeln mit dem Universum, mit Gott im Einklang ist. Allein der Wunsch – seine Lebensweise dem Göttlichen zuzuwenden – kann die Fesseln von Sucht und Zwang abschütteln.

Zweitens: Verständnis oder Weisheit. Verständnis und Weisheit sind eng mit der Moral verbunden. Es ist auch keine oberflächliche Sache wahres Verständnis zu empfinden und seinen Weg durch Weisheit zu prägen. Es ist ein tiefer Einblick in die Funktionsweise des Kosmos und die Fähigkeit, im Einklang mit ihm zu sein. Das Alte Testament hat es so gesagt: „Diejenigen, die mich hassen, lieben den Tod.“

Drittens: Liebe oder Mitgefühl. Warum braucht es Liebe oder Mitgefühl? Eine Gegenfrage würde lauten: Wie könnte man glauben die Schönheit der ganzen Schöpfung zu erblicken, wenn wir nicht zu lieben wüssten? Erst wenn die göttliche Liebe dem Herzen entspringt, kann gegeben werden, ohne zu nehmen. Gottähnlich zu werden, würden zusätzliche Aspekte des Kosmos offenbaren wie Verbundenheit, Komplexität und Bedingungslosigkeit.

Der Weg der Veränderung scheint zeitweise hart zu sein, aber vergessen Sie nicht: göttliche Wesen bieten ständig und bedingungslos die wahre Liebe an. Wenn Sie sich dem Göttlichen zuwenden, erhalten Sie alle Unterstützung und Förderung, damit Sie sich selbst wieder entdecken können.

Das Original erschien in The Epoch Times (USA) (deutsche Bearbeitung von rp)
Originalartikel:
The Myth of St. Michael and What It Tells Us