Deprimierte Frau.Foto: iStock

Wie das Festhalten an Gefühlen den Verstand versklaven kann

Von 1. August 2021 Aktualisiert: 26. Juli 2021 13:38

Uns wurde beigebracht unseren Gefühlen zu vertrauen. Es wird gesagt, dass authentisch zu sein zu einem erfolgreichen Leben führt. Unsere Universitäten haben Gefühle sogar zu einem geradezu unantastbaren Sakrileg erklärt.

Gillian McCann, Religionsprofessorin an der kanadischen Nipissing Universität, erinnert sich daran, welchen Rat sie von ihrem Doktorvater bekam: „Tue das, was du fühlst!“.

Gemeinsam mit der Co-Autorin Gitte Bechsgaard hat McCann herausgefunden, dass die Unfähigkeit zur emotionalen Selbstregulierung und damit einhergehende Suchtprobleme rapide zunehmen: „Wir leben in einer Kultur mit der Vorstellung, auf alle Lebenssituationen authentisch und ausdrucksstark reagieren zu müssen – völlig losgelöst vom situativen Zusammenhang oder möglichen Konsequenzen.“

Gefühle sind nicht die Ursache der Gedanken

Eines Morgens – ich hatte gerade mein Frühstück im Schnell-Kochtopf zubereitet – war ich dabei mich gedanklich auf den kommenden Arbeitstag vorzubereiten. Ich achtete auf meine Gedanken und bemerkte, dass diese vor allem auf Missstände und Ärgernisse ausgerichtet waren, mit einem eingetrübten Blick auf den kommenden Tag.

Als ich mich in meine morgendliche Meditation versenken wollte, hörte ich den Dampf, der wütend aus meinem nicht richtig geschlossenen Schnell-Kochtopf zischte. Unbewusst aufschreiend, fand ich mich in der Küche wieder – schockiert von den intensiven Emotionen, die in Sekundenschnelle unter meiner ruhigen Oberfläche hochkochten. Der zischende Dampf enthüllte, was in meinem Kopf vor sich ging.

Es wurde mir eine Lektion erteilt; unter der Voraussetzung, dass ich dazu bereit war, hier etwas daraus zu lernen. Ich hatte die Wahl: Entweder mache ich den Schnell-Kochtopf für meine Wut verantwortlich oder ich entscheide mich dafür, zu erkennen, dass meine Gedanken voller Frustration, Irritationen und Vorwürfe zu eben diesem Gefühlsausbruch geführt haben.

Nasse Straßen verursachen keinen Regen

Haben wir nicht alle schon einmal unsere Umstände oder andere Menschen für unsere Gefühle verantwortlich gemacht? Wenn wir Groll empfinden, beschuldigen wir unseren Partner, nicht genug Unterstützung zu bieten. Fühlen wir uns ängstlich und gestresst, geben wir einer Verkehrsstörung die Schuld. Wenn wir uns deprimiert fühlen, sind wir sicher, dass es vom schlechten Zustand der Welt kommt.

Wir haben Ursache und Wirkung umgedreht. Der verstorbene Autor Michael Crichton hat das wie folgt beschrieben: „Nasse Bürgersteige verursachen keinen Regen.“

In gleicher Weise verursachen Gefühle keine Gedanken. Vielmehr geht jedem Gefühl erst ein Gedanke voraus.

Nehmen Sie sich kurz Zeit und versuchen Sie, Wut zu fühlen. Können Sie sich in Wut versetzen, ohne zuerst wütende Gedanken heraufzubeschwören?

Die psychologische Unfreiheit beginnt, wenn Sie Ihre Gedanken von Ihren Gefühlen trennen und annehmen, dass Ihre Gefühle von äußeren Umständen herrühren. Das ist ein Trugschluss. Der Schnell-Kochtopf hat meine Frustration nicht verursacht; sein zischender Dampf hat vielmehr meine Frustration offengelegt. Der Verkehr verursacht keinen Ärger – er bringt nur unseren Ärger zum Vorschein. Beziehungen verursachen keinen Groll; sie zeigen uns nur den Groll, den wir bereits mit uns herumgetragen haben.

Trotzdem bestehen wir mit Nachdruck darauf, dass „nasse Bürgersteige Regen verursachen“. Je intensiver unsere Gefühle sind, desto mehr sind wir uns sicher, dass andere Menschen und Umstände für die erlebten Gefühle verantwortlich sind.

Die Welt von innen-nach-außen wahrnehmen

Üblicherweise verarbeiten wir Gefühle nach dem Schema von-außen-nach-innen. Wir glauben, dass unsere Gefühle uns eine Art Rückmeldung über andere Menschen, unsere Umstände, vergangene oder zukünftige Ereignisse geben können.

Dabei neigen die meisten Menschen dazu, negativen Gefühlen ihre besondere Aufmerksamkeit zu schenken – andere Gefühlsregungen übersieht man leicht. Es werden immer mehr Medikamente gegen Angstzustände verschrieben, woraus wir schließen können, dass viele, besonders von ängstlichen Gedanken geplagt werden. Wenn Angst aufsteigt, beschleunigt sich das Denken. Man wird von Gedanken ergriffen wie: „Warum fühle ich mich so? Wie kann ich dieses Gefühl loswerden?“ Je mehr Ihr Kopf voller Gedanken ist, desto weniger sind Sie im gegenwärtigen Moment verankert. Die Einnahme eines verschreibungspflichtigen Medikaments mag dann als einzige Möglichkeit erscheinen, den Geist zu beruhigen.

Begegnet man den Gefühlen mit einer von außen-nach-innen gewandten Mentalität, dann hat man ständig eine Unmenge äußerer Umstände zu verarbeiten und zu bewältigen. Allein der schier endlose Vorrat an anderen Menschen und Situationen, die Gefühle auslösen können, führt naturgemäß dazu, dass wir ständig irgendetwas auf dem Herzen haben.

Allerdings entstehen Gefühle niemals unabhängig von unseren Gedanken. Gedanken und Gefühle werden immer von-innen-nach-außen erlebt. In seinen „Selbstbetrachtungen“ schrieb Marcus Aurelius: „Unsere Gedanken bestimmen, wie unser Leben erfahren wird.“

Von innen-nach-außen betrachtet, sind unsere Gefühle wie ein Gradmesser, der uns eine Rückmeldung über die Qualität unseres Denkens im jeweiligen Moment gibt.

Mehr Verantwortung übernehmen

Mit dem Verständnis, dass alles Erleben von-innen-nach-außen und nicht von außen-nach-innen stattfindet, beginnen wir Verantwortung zu übernehmen und erfahren psychologische Freiheit. Denn wir projizieren unsere Gedanken auf die Welt. Stephen Covey schreibt in seinem Buch „Die sieben Wege zur Effektivität“:  „Wir sehen die Welt nicht wie sie ist, sondern wie wir sind.“

Wir können in jedem Moment entscheiden, ob wir die Verantwortung dafür, wie wir unser Leben erfahren, übernehmen wollen oder nicht. Wenn wir die Welt durch die Linse einer von-außen-nach-innen gerichteten Geisteshaltung sehen, dann glauben wir fest daran, dass unsere aufkommenden Gefühle zu Lebensumständen oder zu anderen Menschen, ein verlässliches Feedback abgeben. Diese Geisteshaltung, die Welt von-außen-nach-innen wahrzunehmen, führt dann unmittelbar zu Schuldzuweisungen.

Die Alternative dazu ist, eine Geisteshaltung einzunehmen, die auf das Erleben von innen-nach-außen abzielt. Von Moment zu Moment können wir aufsteigende Gefühle als Signale interpretieren, die uns ein zuverlässiges Feedback über die Qualität unserer Denkprozesse geben.

Vom Leben lernen

Wir können schreiend und wild um uns schlagend durchs Leben laufen, oder wir können ein „glücklicher Lernender“ sein. Hartnäckig daran festzuhalten, dass das Leben von außen-nach-innen erfahren wird, bedeutet, in einem elenden Zustand festzustecken.

Wenn Sie ein glücklicher Lernender sein wollen, denken Sie bitte daran, dass Ihre Interpretation einer „äußeren“ Situation immer ein deutlicher Hinweis auf Ihren aktuellen Geisteszustand ist.

Beobachten Sie das Aufsteigen von intensiven Gefühlen. Beobachten Sie aufmerksam alle Gedanken mit der Tendenz, andere Menschen oder Umstände für Ihre Gefühle verantwortlich zu machen.

Ärgern Sie sich zum Beispiel leicht über andere schlechte Autofahrer? Wenn ja, beobachten Sie Ihre gegen andere Verkehrsteilnehmer gerichteten Anschuldigungen. Vielleicht sind Sie ja ein guter Fahrer, verhalten sich aber selbst in anderen Situationen rücksichtslos. Wenn Sie bereit sind, in jedem Moment zu lernen, dann können Sie in jeder Lebenslage erkennen, was in Ihrem Denken vor sich geht.

Sobald Sie verstehen, dass das Leben von innen-nach-außen erfahren wird, wächst die Bereitschaft, sich darin zu üben, alte Gewohnheiten aufzugeben. Man wird dann in schwierigen Situationen zu sich selbst sagen: „Ich bin gerade dabei Vorwürfe zu machen – hier muss ich mich wohl irren!“

Der stoische Philosoph Epiktet begann sein Leben als Sklave. Er überwand erst die körperliche Unfreiheit und wandte sich dann seinem Geist zu, um sich von seinen eigenen inneren Ketten zu befreien. In seiner Schriften-Sammlung „Das Enchiridion“ teilt er seine zeitlose Entdeckung mit: „Die Menschen werden nicht durch die äußeren Dinge gestört, sondern dadurch, wie sie diese wahrnehmen.“

Des Weiteren sagt Epiktet: „Wenn wir uns als eingeschränkt, gestört oder unglücklich erleben, sollten wir das nie anderen zuschreiben, sondern nur uns selbst; es liegt an unseren eigenen grundlegenden Werten. Ein Mensch ohne geistige Anleitung neigt dazu, anderen die Schuld an seinem eigenen schlechten Zustand zu geben.“

Die gute Nachricht ist, dass jede Lebenssituation – sogar zischender Dampf –
uns etwas lehren kann. Wenn wir dazu bereit sind, auf eine von-innen-nach-außen gerichtete Geisteshaltung zu achten, wird alles zu einer kostbaren Lernerfahrung.



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