Kohle am Kap: Wie Europa in Südafrika für großes Chaos sorgt

In Südafrika boomt die Nachfrage nach Kohle, ausgelöst von der EU. Für das Land am Kap ist das jedoch kein Segen. Südafrikas Staatspräsident spricht von „einer Krise von katastrophalem Ausmaß.“
Kohle
Ein Lkw wird mit Kohle beladen. In Südafrika ist der Transport auf der Schiene kaum möglich.Foto: iStock
Von 15. August 2023

Steinkohle ist in Südafrika fester Bestandteil des Alltags. Der Großteil der produzierten Energie wird durch Kohlekraftwerke erzeugt, viele bestreiten damit ihren Lebensunterhalt. Der europäische Kohlehunger bringt allerdings die Infrastruktur von Südafrika an ihre Grenzen – und darüber hinaus.

2022 stieg der europäische Kohlebedarf stark an. Einige Monate nach Beginn des Ukraine-Kriegs entschieden sich viele EU-Staaten für einen Boykott von russischem Gas. Auch Russlands Kohle und Erdöl stand auf der Liste. Das löste einen regelrechten Kohle-Boom an vielen anderen Produktionsstandorten der Welt aus. Auch in den südafrikanischen Stollen, wie die „Frankfurter Rundschau“ berichtet.

Der Preis für Kohle war im vergangenen Jahr zeitweise von 60 auf bis zu 450 US-Dollar (413 Euro) pro Tonne gestiegen. Südafrika ist der fünftgrößte Kohleexporteur der Welt. Insbesondere Frankreich, Spanien und Polen lassen neben Deutschland, der Niederlande und Italien Kohle aus Südafrika importieren.

Infrastruktur kommt nicht mit

Optimal wäre es, wenn innerhalb Südafrikas die Kohle über den Schienenweg transportiert werden könnte. Allerdings ist das Schienensystem in einem äußerst schlechten Zustand. Kabeldiebstahl, miserable Wartung der Schienenstrecke und die Ausplünderung des staatlichen Transportunternehmens Transnet durch die „Comrades“ des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) zwangen den Konzern in die Knie. Fast wöchentlich entgleisen Züge, was einen konstanten Gütertransport fast unmöglich macht.

Da sich mit dem Transport jedoch viel Geld verdienen lässt, kam es zu einem wahren Wettrennen von Lkw, wie „Afrika Süd“ berichtet. Tausende tonnenschwere Trucks bringen die Kohle von den Stollen zum Hafen von Richards Bay. Ein Großteil der Kohleexporte wird größtenteils im Kohleterminal in KwaZulu-Natal an der Ostküste des Landes verladen. So bildeten sich auf den Straßen kilometerlange Staus – und immer mehr Schlaglöcher.

Viele Kohletransporteure wichen deswegen in die Haupt- und Hafenstadt Maputo des nördlichen Nachbarlandes Mosambik aus. Seither bilden sich an der Grenzstation Komatipoort regelmäßig bis zu 20 Kilometer lange Staus. Bis zu 3.000 Lkw versuchen täglich, die Grenze zu überqueren.

„Eine Krise von katastrophalem Ausmaß“, beklagt Südafrikas Staatspräsident Cyril Ramaphosa. Durch die starke Verkehrsdichte und den Zeitdruck der Transporteure kommt es immer wieder zu teilweise tödlichen Unfällen, in die immer wieder auch Kinder involviert sind. Das zeigen mehrere Videos.

Im Oktober 2022 hatten Organisationen und Gruppierungen aus betroffenen Gemeinden in Städten und umliegenden Gebieten deswegen die Zufahrt für tausende Lkw aus Mpumalanga blockiert. Sie wiesen darauf hin, dass zu viele offensichtlich fahruntüchtige Lastwagen über die maroden Straßen führen. Für die Schulkinder sei die Lage besonders gefährlich.

Hauptabnehmer ist Indien, dann folgt die EU

Der Run auf Südafrikas Steinkohle hat dazu geführt, dass der Kohleverkauf in die EU in den ersten sechs Monaten des Jahres im Vergleich zum Vorjahr um 780 Prozent, also fast um das Achtfache, gestiegen ist.

Im Jahr 2021 waren die Kohleexporte wegen der COVID-19-Krise geringer, dazu kam eine rückläufige Nachfrage aus ostasiatischen Märkten, Probleme mit der Kohleflotte und Beschränkungen bei Produktions- und Transportkapazitäten.

Hauptabnehmer der südafrikanischen Kohle ist Indien. Inzwischen ist die EU mit einem Anteil von über 20 Prozent zweitgrößter Importeur für das schwarze Gold. Allein in der südafrikanischen Hafenstadt Richards Bay wurden 2022 mehr als 14 Millionen Tonnen Kohle nach Europa verladen, 520 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Dabei hat Südafrika selbst einen hohen Bedarf an Kohle. Rund 86 Prozent seiner Elektrizität produziert das Land laut „arte“ mit heimischen Kohlekraftwerken. Die vielen Wohngebiete, die nicht an das Stromnetz angeschlossen sind, nutzen die Kohle direkt, um ihre Wohnungen bei Bedarf zu heizen und um ihr Essen zu kochen. Rund 200.000 Männer arbeiten in der Kohlebranche, die Steinkohle wird im Tiefbau gefördert.

Energiewende nach der Kohle-Krise?

Südafrika plant, sukzessive aus der Kohle und dem Kohlestrom auszusteigen. Beim Klimagipfel in Glasgow 2021 versprach Südafrika eine Energiewende bis 2050. Das Land will zunehmend auf Photovoltaik- und Windenergie setzen – Sonne und Wind stünden in großer Menge zur Verfügung.

Für einen sozial gerechten Kohleausstieg sagten westliche Länder finanzielle Hilfen zu. Im Rahmen dieser Partnerschaften wurden dem Land für die kommenden fünf Jahre 8,5 Milliarden US-Dollar (rund 7,8 Milliarden Euro) für die Energiewende zugesichert.

Deutschland hat für das Programm bereits 700 Millionen Euro bereitgestellt und im Oktober bei Regierungsverhandlungen weitere 320 Millionen Euro für die kommenden zwei Jahre zugesagt. Unterstützt wird von Berlin unter anderem der Bau von Solar- und Windkraftanlagen sowie deren Stromleitungen. Parallel dazu will die deutsche Regierung Programme zur Umschulung ehemaliger Kohlearbeiter und die Ausbildung für Berufe zur Bewältigung der Energiewende fördern.

Auch die Weltbank hat Südafrika im November eine Finanzierung von 497 Millionen US-Dollar gewährt. Damit soll das Komati-Kraftwerk, eines seiner größten Kohlekraftwerke, stillgelegt und mit Sonnen- und Windquellen auf erneuerbare Energien umgestellt werden.

So ist zumindest die langfristigen Pläne. Derzeit kämpft das Land allerdings erstmal weiterhin mit der hohen Nachfrage nach Steinkohle.



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