Die Ästhetik der Macht ohne Moral

Von 12. Mai 2008 Aktualisiert: 12. Mai 2008 8:05
Die ehemalige NS-Ordensburg in der Nordeifel ist die zweitgrößte bauliche Hinterlassenschaft der NS-Zeit. Sie wird zum Ort des Lernens und der Begegnung.

„Manchmal haben wir hier auch unerwünschtes Publikum. An der Skulptur des Fackelträgers konnten wir eine Sonnenwendfeier verhindern und vereinzelt entsorgen wir auch schon mal abgelegte Blumen und Kränze. Bei bisher weit über 300.000 Besuchern bleiben derartige Zwischenfälle mit rechten Nostalgikern aber weit unter unseren Erwartungen zurück.“ sagt Klaus Ring, wissenschaftlicher Projektleiter des Konversionsobjektes „Lernort Vogelsang“.

Die Bauplastiken des „Fackelträgers“ und die der „NS-Ordensritter“ im Eingangsbereich der von den Nationalsozialisten in den Jahren 1934-36 errichteten „Ordensburg Vogelsang“ waren Bestandteil einer erlogenen Tradition, die der Nationalsozialismus zwischen dem NS-Staat und dem mittelalterlichen Deutschen Ritterorden zu knüpfen suchte und eignet sich heute zur Auseinandersetzung mit den Themen „Propaganda und Indoktrination im dritten Reich.“

Einst wurde die hundert Hektar große Anlage als Schulungszentrum für die Ausbildung des Führungsnachwuchses zeitgleich mit den „Ordensburgen“ Crössinsee in Pommern, in der heute die polnische Armee sitzt und der heutigen Bundeswehr-Feldjägerschule Sonthofen im Allgäu in monumental prägender Propaganda-Architektur mit dem 48 Meter hohen Turm „Bergfried“, in dem sich im „Kultraum“ die drei Meter hohe Holzplastik „Der Deutsche Mensch“ befand, nebst „Ehrenhalle“, „Haus des Wissens“ und dem Speisesaal „Adlerhof“ in die urtümliche Landschaft aus Eifelwäldern und die Seenlandschaft der Urfttalsperre im heutigen Eifel-Nationalpark gesetzt.

Durch die einzigartige wuchtige Landschaftsarchitektur unter Verwendung regional typischer Feldsteine erzielten die Bauherren des damals noch jungen NS-Staates einen grundlegenden Effekt der Verwobenheit von „Volk und Heimat“, denn hier sollte der „Führernachwuchs“ im Sinne der menschenverachtenden NS-Ideologie ausgebildet werden, um für eine totalitäre und verbrecherische Staatspartei kritik- und bedingungslose Gehorsamsdienste zu leisten.

Debatte über Erhalt oder Abriss des Ensembles

Nach dem Untergang des „1000-jährigen Reiches“ diente das symbolträchtige Bauwerk dem belgischen Militär. Nach dessen Abzug im Jahr 2005 entbrannte eine heftige Debatte um den Erhalt des gut erhaltenen denkmalgeschützten Ensembles. Die Forderungen gewisser Interessengruppen das Areal zu schleifen oder, kostengünstiger, abzuriegeln und dem „kontrollierten Verfall“ preiszugeben ließ Parallelen zur seinerzeit „politisch korrekten“ Entscheidung des Bayrischen Ministerrates aus dem Jahr 1996 erkennen, dass „Bauwerke, die an das Dritte Reich erinnern, abzureißen sind.“

So geschah es seinerzeit auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden, einst Adolf Hitlers Erholungsort. Das dort im Jahr 1936 für „verdiente Volksgenossen“ erbaute Hotel Plattlerhof wurde nach dem Krieg von der US-Army als „General Walker Recreation-Center“ zur Luxus-Erholungsanlage für verdiente GI`s ausgebaut. Nach dem Abzug der US-Army im Jahr 1996 sollten die „strammen Arkaden“ nicht Kulisse für „stramme Kameraden“, oder gar eine Art „Nazi-Disneyland“ für ausländische Touristen werden. Der Plattlerhof wurde abgerissen und mit einem Parkplatz zubetoniert, um in der Nachbarschaft auf „geschichtlich unbelastetem Terrain“ einen gesichtslosen Hotelneubau zu errichten.

„Aus der Geschichte lernen — Die Zukunft gestalten.“

Dass Geschichte sich weder ausblenden noch beseitigen lässt und geschichtsträchtige Orte für deren authentische Aufarbeitung Chancen zur plastischen Aufklärung gegen Intoleranz und für das Eintreten für Menschenrechte bieten, hat heute der Initiativkreis Vogelsang „Gegen Vergessen — für Demokratie“ erkannt. In der ehemaligen NS-Ordensburg entsteht nun unter dem Motto „Aus der Geschichte lernen — die Zukunft gestalten“ ein Dokumentations-, Lern- und Begegnungszentrum. Außerdem wird eine Jugendherberge mit einer Jugendbildungsstätte in der Burg die Region auch touristisch erlebbar machen.

Dass sich in den letzten Jahren die öffentliche deutsche Vergangenheitsbewältigung verändert hat, belegen Filmproduktionen wie „Der Untergang“ über die letzten Tage im Berliner Führerbunker und jüngst der Fernseh-Zweiteiler „Die Gustloff“, in dem die Versenkung des mit zehntausend Flüchtlingen beladenen deutschen Kreuzfahrers „Wilhelm Gustloff“ in der eisigen Ostsee durch ein russisches U-Boot in den letzten Kriegswochen thematisiert wird.

Antworten auf die stets bewegenden Fragen, wie es soweit kommen konnte und wie man sich selbst damals möglicherweise verhalten hätte, kann man sich im Dokumentationszentrum und der Vogelsang-Akademie anhand von dargestellten zeitgenössischen Einzelschicksalen, Workshops, Projekten und Ausstellungen nähern.

Info: www.vogelsang-ip.de

Thilo Gehrke (41) ist Journalist für Wirtschafts-, Sozial- und Sicherheitspolitik, Autor und Fotograf in Hamburg und Mitglied im Wissenschaftlichen Forum für Internationale Sicherheit an der Führungsakademie der Bundeswehr.

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