Internes Papier zur Pandemie: Experten raten Regierung, Urängste, Kinder und Langzeitschäden als Schock zu benutzen

Von 6. April 2020 Aktualisiert: 8. April 2020 12:16
„Die Corona-Pandemie wird so schlimm wie Spanische Grippe und Weltwirtschaftskrise zusammen, wenn es nicht gelingt, sie einzudämmen. Diese Formel werde ‚jedem einleuchten‘“ – So soll die Bundesregierung der Bevölkerung die Maßnahmen zur Corona-Pandemie erklären. Ein internes Papier des Bundesinnenministeriums sorgt für Unruhe.

„Der Worst Case ist mit allen Folgen für die Bevölkerung in Deutschland unmissverständlich, entschlossen und transparent zu verdeutlichen“, empfiehlt ein Wissenschaftlerteam verschiedener deutscher und internationaler Institute der Bundesregierung in einem internen Papier. Es sorgte nach Bekanntwerden aufgrund seiner Zahlenmodelle und den Empfehlungen zur Krisenkommunikation für Unruhe.

In diesem geht das Expertenteam beim Worst-Case-Szenario von 1,0 bis 1,2 Millionen Todesfällen in Deutschland aufgrund des SARS-CoV-2 Virus aus Wuhan aus. Im günstigsten Falle werden rund 1 Million Bundesbürger infiziert und es gebe 12.000 Todesfälle.

Beim Worst-Case-Szenario, also bei nur geringen Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung und wenig Testungen, würde die Infiziertenzahl rasant zunehmen und schon relativ bald 70 Prozent der Bevölkerung ausmachen.

In diesem Falle rechnet das Expertenteam mit einer massiven Überlastung des Gesundheitssystems. Über 80 Prozent der intensivpflichtigen Patienten müssten dann von den Krankenhäusern mangels Kapazitäten abgewiesen werden.

„Weitreichende Maßnahmen zur Reduktion physischer Kontakte“ empfohlen

Zur Abwendung des Worst Case empfehlen die Autoren unter anderem flächendeckende Tests der Bevölkerung nach dem Vorbild Südkoreas und „weitreichende Maßnahmen zur Reduktion physischer Kontakte“.

Dadurch soll die Ausbreitungsgeschwindigkeit des KPCh-Virus* (SARS-CoV-2) verlangsamt werden, um „die Kapazitäten des Gesundheitswesens deutlich weniger zu strapazieren“. Gleichzeitig soll Zeit gewonnen werden, damit die später notwendigen Testkapazitäten in Deutschland aufgebaut werden können.

Allerdings müsse auch bei einer erfolgreichen Eindämmung der Epidemie die Kapazität für die nötige medizinische Betreuung erhöht werden, erklären die Experten. Denn die Lage wird sich dadurch verschlimmern, dass „nicht nur intensiv-medizinische Betreuung von Schwerstkranken mit Beatmungsgeräten, sondern auch für mittelschwer Erkrankte eine Sauerstoffversorgung ambulant und stationär notwendig werden wird“.

Getestet werden sollten Bürger mit Eigenverdacht und alle Kontaktpersonen positiv Getesteter

Nach Meinungen des Expertenteams lässt sich die Wirkung der Eindämmungsmaßnahmen am besten durch Ausweiten des Testens für alle Bürger in Echtzeit nachvollziehbar machen. Konsequent getestet werden sollten Bürger mit Eigenverdacht und der gesamte Kreis der Kontaktpersonen von positiv getesteten Bürgern.

Großflächiges Testen vermittelt den von Ausgangsbeschränkungen betroffenen Bürgern ein aktives Krisenhandeln des Staates“, raten die Experten.

„Wir müssen von der Methode ‚wir testen, um die Lage zu bestätigen‘ zur Methode ‚wir testen, um vor die Lage zu kommen‘ wechseln. Eine zentrale Erfassung aller durchgeführten und zukünftig erfolgenden Tests ist unabdingbar“, schreibt das Team.

Dies erlaubt eine mit allen Bürgern geteilte Beobachtung der Ausbreitung und Eindämmung. Ein der Lage angemessenes und schrittweises Eingreifen in wirtschaftliche und gesellschaftliche Abläufe wird dadurch erst ermöglicht und die Akzeptanz und Sinnhaftigkeit von freiheitsbeschränkenden Maßnahmen erhöht“, heißt es in dem Papier weiter.

Fünf Prozent der infizierten Personen benötigen stationäre medizinische Hilfe

Gleichzeitig gehen die Autoren in diesem Fall davon aus, dass fünf Prozent der infizierten Personen stationäre medizinische Hilfe benötigen. 30 Prozent von den in Kliniken aufgenommenen Infizierten benötigt zudem eine intensivmedizinische Betreuung, schätzt das Expertenteam. Und weitere 20 Prozent benötigen mindestens eine Beatmung mittels entsprechender Gerätschaften.

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Das Robert-Koch-Institut hingegen geht von 4,5 Prozent der Infizierten aus, die stationär behandelt werden müssen, davon 25 Prozent intensivpflichtig, schreibt das Expertenteam.

Anhand der Zahlen Südkoreas geht man bei starker Kontakteinschränkung und intensiven Tests in Deutschland von einer mittleren Fallsterblichkeitsrate von 1,8 Prozent aus – „bei bester Krankenhausversorgung“.

Darüber wird von einer Verweildauer auf der Intensivstation von zehn Tagen ausgegangen, „wenn die Patienten so schnell wie möglich verlegt werden“. Dadurch könnte man die extrem knappe Ressource für den nächsten Patienten nutzen. Für die Beatmung an einem Beatmungsgerät setzen die Experten neun Tage an und für Patienten, die einen Krankenhausaufenthalt ohne solche Unterstützungen benötigen, acht Tage.

Claudia Spies, Direktorin der Charité im Bereich Anästhesiologie mit Schwerpunkt Operative Intensivmedizin, erklärte kürzlich, dass nach den jetzigen Erfahrungen die sehr schwer Erkrankten innerhalb der ersten 14 Tage versterben. Bei den übrigen zieht sich die Behandlung vier bis sechs Wochen hin. Das bedeutet, so lange ist das Intensivbett belegt.

Experten sehen Gefahr des Vertrauensverlustes in die Regierung

Für Wirbel hat auch die Empfehlung des Expertenteams an die Regierung zur Krisenkommunikation gesorgt.

So gilt es, einem Vertrauensverlust in die Institutionen mit größtmöglicher Transparenz entgegenzuwirken – auch, um die gesellschaftlichen Durchhaltekräfte zu mobilisieren. Die Bundesregierung müsse eine umfassende Mobilisierungskampagne starten, empfehlen die Experten der deutschen Regierung. Das Verschweigen des Worst Case sei hier keine Option. „Wer Gefahr abwenden will, muss sie kennen“, führen die Experten an.

„Wir brauchen ein Zusammenkommen und Wirken von allen Kräften in der Gesellschaft. Dann werden wir die Gefahr noch abwenden.“ Daher soll kommuniziert werden: „Es kommt etwas sehr Bedrohliches auf uns zu, wir haben die Gefahr aber erkannt und handeln entschieden und überlegt“, heißt es in dem Papier.

Die Experten befürchten, dass die Corona-Pandemie in der Bevölkerung sonst nicht ernst genommen werde. Eine Fixierung „auf die prozentual eher niedrige Sterblichkeitsrate“, die vor allem die Älteren betrifft, könne dazu führen, dass der Ernst der Lage unterschätzt wird.

Viele werden dann denken: „Naja, so werden wir die Alten los, die unsere Wirtschaft nach unten ziehen, wir sind sowieso schon zu viele auf der Erde, und mit ein bisschen Glück erbe ich so schon ein bisschen früher“.  Solche Mechanismen hätten in der Vergangenheit sicher zur Verharmlosung der Epidemie beigetragen, erklären die Experten in dem internen Bericht.

Regierung soll bei Kommunikation Schockwirkung erzielen

Das Expertenteam empfiehlt daher in seiner Kommunikationsempfehlung: „Um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen, müssen die konkreten Auswirkungen einer Durchseuchung auf die menschliche Gesellschaft verdeutlicht werden.“

Dazu werden drei konkrete Beispielszenarien genannt:

Erstens sollen Urängste in der Kommunikation genutzt werden: „Viele Schwerkranke werden von ihren Angehörigen ins Krankenhaus gebracht, aber abgewiesen, und sterben qualvoll um Luft ringend zu Hause. Das Ersticken oder nicht genug Luft kriegen ist für jeden Menschen eine Urangst. Die Situation, in der man nichts tun kann, um in Lebensgefahr schwebenden Angehörigen zu helfen, ebenfalls. Die Bilder aus Italien sind verstörend.“

Zweitens empfiehlt das Papier, Kinder durch Angst zu sensibilisieren: „Kinder werden sich leicht anstecken, selbst bei Ausgangsbeschränkungen, z.B. bei den Nachbarskindern“, heißt es in dem internen Schreiben.

„Wenn sie dann ihre Eltern anstecken und einer davon qualvoll zu Hause stirbt und sie das Gefühl haben, Schuld daran zu sein, weil sie z.B. vergessen haben, sich nach dem Spielen die Hände zu waschen, ist es das Schrecklichste, was ein Kind je erleben kann“, heißt es in dem Papier.

Drittens schlagen die Autoren vor, an mögliche Langzeitschäden zu erinnern: „Auch wenn wir bisher nur Berichte über einzelne Fälle haben, zeichnen sie doch ein alarmierendes Bild“, heißt es in dem Bericht.

„Selbst anscheinend Geheilte nach einem milden Verlauf können anscheinend jederzeit Rückfälle erleben, die dann ganz plötzlich tödlich enden, durch Herzinfarkt oder Lungenversagen, weil das Virus unbemerkt den Weg in die Lunge oder das Herz gefunden hat. Dies mögen Einzelfälle sein, werden aber ständig wie ein Damoklesschwert über denjenigen schweben, die einmal infiziert waren.“

Expertenteam: „Corona-Pandemie wird so schlimm wie Spanische Grippe und Weltwirtschaftskrise zusammen“

Es sollte außerdem „historisch argumentiert werden“, schlagen die Autoren vor, nach der Formel: „2019 = 1919 + 1929“. Im Jahr 1919 verbreitete sich die Spanische Grippe aus den USA in die ganze Welt und brachte je nach Zählung zwischen 25 und 50 Millionen Menschen den Tod. Das Jahr 1929 ist wiederum das Jahr der Weltwirtschaftskrise.

Kern der Kommunikationsstrategie soll die Aussage sein: Die Corona-Pandemie wird so schlimm wie Spanische Grippe und Weltwirtschaftskrise zusammen, wenn es nicht gelingt, sie einzudämmen. Diese Formel werde „jedem einleuchten“, schreibt das Expertenteam.

„Das massive Testen muss durch eine effiziente Kontaktsuche von positiv getesteten Personen unterstützt werden, wobei ein Teil von Hand erfolgen kann nach dem Verfahren, das das RKI schon vorschlägt (‚Mit wem waren Sie seit fünf Tagen vor Anfang der Symptome in Kontakt?‘). Abschließend erklären die Experten:

Um das Testen schneller und effizienter zu machen, ist längerfristig der Einsatz von Big Data und Location Tracking unumgänglich.“

Man hoffe, dass die Testkapazität sehr schnell hochgefahren werden könne. Daher sei es besser, eine sehr scharfe, aber kurze Periode der Ausgangsbeschränkungen zu haben, nur bis die Maßnahmen zum Testen und Isolieren greifen würden. „Eine längere Periode der Ausgangsbeschränkungen ist weder wirtschaftlich noch sozial aufrechtzuerhalten.“

Laut „Focus“ hat sich das Bundesinnenministerium geweigert, das Papier auf Grundlage des Presserechts und des Informationsfreiheitsgesetzes für andere Medien verfügbar zu machen. Das 17-seitige Dokument wurde auf dem gemeinnützigen Portal „Frag den Staat“ veröffentlicht.