Nach erfolgreichem Test: Setzt russische Überschallrakete „Avangard“ neues Wettrüsten in Gang?

Von 1. Januar 2019 Aktualisiert: 1. Januar 2019 18:27
Die Russische Föderation meldet den erfolgreichen Test einer ihrer neu entwickelten Überschallraketen des Typs „Avangard“ über eine Distanz von 4.000 Kilometer. Für den gefährdeten INF-Vertrag mit den USA verheißt dies wenig Gutes.

„Die Bedrohung ist durchaus realistisch und ernst zu nehmen.“ Dies ist nicht nur die Auffassung Dirk Zimpers vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, der sich im Deutschlandfunk zu den Ergebnissen des jüngsten Überschallraketentests der Russischen Föderation geäußert hat.

Bereits im März hatte General John E. Hyten vom U.S. Strategic Command angesichts entsprechender Ankündigungen durch den russischen Präsidenten Wladimir Putin in ähnlicher Weise gewarnt. Man müsse, so Hyten, „diese Systeme und diese Äußerungen, die dort kommen, sehr ernst nehmen, weil sie eine reale Bedrohung darstellen“.

Vor wenigen Tagen meldete die staatliche russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti, eine Überschallrakete des Typs „Avangard“ sei im Süden Russlands gestartet und habe ihr 4000 Kilometer entferntes Ziel auf der Halbinsel Kamtschatka im Osten des Landes erreicht. Die Nachrichtenagentur fügte der Meldung ein Video hinzu, das den Start zeigen soll. Präsident Putin habe den Startbefehl von einem Kontrollzentrum in Moskau aus gegeben, berichtet der „Spiegel“ unter Berufung auf den Kreml.

Geschwindigkeit noch höher als angenommen

Während der russische Präsident im März erklärt hatte, das „unbesiegbare“ Raketensystem erreiche eine Geschwindigkeit von Mach 20, also die 20-fache Schallgeschwindigkeit, war jüngst sogar die Rede davon, dass Avangard bei dem Test die 27-fache erreicht habe, etwa 30.000 Stundenkilometer. Nicht nur die Geschwindigkeit der Rakete würde es herkömmlichen Raketenabwehrsystemen de facto unmöglich machen, diese abzufangen. Zudem könne die Rakete noch im Flug auf- und abbewegt werden.

Herkömmliche ballistische Raketen seien nicht in der Lage, Flugmanöver dieser Art auszuführen. Demgegenüber sei die Flugbahn der Avangard unvorhersehbar und könne Abwehrsysteme weiträumig umkurven. Bisher können Raketen, sobald die initiale Boost-Phase abgeschlossen ist, nur noch minimale Korrekturen an ihrer Flugkurve vornehmen.

Das Avangard-System werde in der Lage sein, jedes Raketenabwehrsystem der nächsten 30 bis 50 Jahre zu überwinden, heißt es aus dem russischen Verteidigungsministerium.

Genaue technische Details über die exakte Funktionsweise der Rakete, die Russlands Regierung als „strategische Waffe“ bezeichnet, sind nicht bekannt, Moskau hält sich – wenig überraschend – diesbezüglich bedeckt. Die ersten neuen Raketen, so heißt es aus dem Kreml, könnten bereits im nächsten Jahr in Betrieb gehen.

Bestückung mit Sprengkopf nicht einmal erforderlich

Im Deutschlandfunk erklärt Rolf Zimper, der Programmlinienkoordinator Wehrtechnische Forschung beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, zur Funktionsfähigkeit der Waffe:

„Eine solche Hyperschallwaffe wird üblicherweise mit einem konventionellen Trägersystem gestartet, also einer konventionellen Rakete. Nach dem Start steigt die Rakete auf, wird beschleunigt, und oben in der ich sag mal Abdeckung, also dem Fairing, ist ein sogenanntes Hyperschallgleitvehikel. Dieses Hyperschallgleitvehikel separiert in Höhen über 100 Kilometer, taucht dann wieder in die Erdatmosphäre ein und gleitet mit unheimlich hoher Geschwindigkeit in der Atmosphäre über sehr hohe Distanzen. Letztendlich gleitend tatsächlich wie ein Segelflugzeug. Aber diese Vehikel sind natürlich ganz speziell optimiert auf wahnsinnig hohe Geschwindigkeitsbereiche.“

Man spreche in diesem Zusammenhang auch von einer Wellenreiterkonfiguration. Diese seien dann tatsächlich in der Lage, „bei Geschwindigkeiten von zehn Kilometern pro Sekunde in der Atmosphäre zu gleiten, über hohe Distanzen, und dann in einen Zielort zu fliegen“.

Die Rakete könnte sowohl mit konventionellen als auch mit atomaren Sprengköpfen bestückt werden – müsste dies aber nicht, so Zimper. „Schlicht und ergreifend die kinetische Energie des Vehikels“ würde bereits ausreichen, um einen immensen Schaden zu erzeugen.

Derzeit, so Zimper, gebe es keine effektiven Gegenmaßnahmen gegenüber Hyperschallwaffensystemen. General Hyten bestätigte dies am 20. März 2018 auch auf eine Frage im US-Senat.

Experten zufolge arbeiten derzeit Russland, die USA und die Volksrepublik China intensiv an der Entwicklung solcher und ähnlicher Hyperschallwaffensysteme. Die nunmehrige russische Erfolgsmeldung könnte ein Wettrüsten in diesem Bereich beschleunigen.

Kontext von NATO-Raketenschild und Ukrainekrise

US-Präsident Donald Trump hat bereits im Oktober mit dem Rückzug der USA aus dem 1987 mit der Sowjetunion abgeschlossenen INF-Abrüstungsvertrag angekündigt. Die Arbeit an Waffen wie Avangard wäre eines von zahlreichen Beispielen für die Verletzung des Abkommens durch Moskau, heißt es aus Washington. Der INF-Vertrag sieht vor, alle bodengestützten und atomar bestückten Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite von mehr als 500 Kilometern abzuschaffen. Im Dezember räumte Washington Moskau eine letzte Frist von 60 Tagen bis Mitte Februar ein, um zu den Bestimmungen des Vertrags zurückzukehren.

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Die Russische Föderation sieht sich hingegen seit Jahr und Tag durch die NATO-Osterweiterung und den Raketenschild im Osten Europas bedroht, der offiziell dem Schutz vor möglichen iranischen Raketenangriffen dienen soll. Die nunmehrigen Aufrüstungsbemühungen sind auch vor dem Kontext in den letzten Jahren verstärkter Spannungen infolge der Ukrainekrise zu sehen.

Sowohl Trump als auch Putin haben sich jedoch grundsätzlich daran interessiert gezeigt, den bilateralen INF-Vertrag auf eine multilaterale Ebene zu bringen. Die Klärung der Details dürfte mit den jüngsten russischen Avangard-Tests unterdessen nicht leichter geworden sein.