Schwache Wirtschaft, starker DAX: Woher kommt das Allzeithoch an der deutschen Börse?

Obwohl sich die deutsche Wirtschaft in einem besorgniserregenden Zustand befindet, hat sich der Leitindex DAX auf dem höchsten Niveau aller Zeiten stabilisiert. Dass Börsen und Realwirtschaft auseinanderdriften, ist nicht neu. Die Frage ist, ob sich die Schere wieder schließt und wann.
Titelbild
Händler vor einem Chart des deutschen Aktienindex DAX, am 6. Dezember 2023 an der Börse in Frankfurt am Main.Foto: Daniel Roland/AFP über Getty Bilder
Von 20. Februar 2024

Inmitten täglicher Hiobsbotschaften über den Zustand der deutschen Wirtschaft hatte der deutsche Börsen-Leitindex DAX bereits im Dezember des Vorjahres erstmals die 17.000er-Marke überschritten. Die Konjunkturaussichten sind seither nicht besser geworden – dennoch hat sich der Index mittlerweile über diesem Wert häuslich eingerichtet.

Über das Vorjahr hinweg hatte der DAX um 20,3 Prozent zugelegt, während das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,3 Prozent gesunken ist. Die Schere zwischen der Entwicklung der Börse und jener der Realwirtschaft wirft regelmäßig Fragen auf. Häufig weckt sie auch Befürchtungen, dass eine Blase platzen könnte.

Ist die deutsche Dauerkrise bereits in den DAX eingepreist?

Dass sich Börse und Realwirtschaft auseinander bewegen, ist nicht ungewöhnlich. Daten über die Realwirtschaft beschreiben regelmäßig die Vergangenheit oder die Gegenwart. An der Börse spielen diese selten eine Rolle. Hier geht es primär um die Zukunftserwartungen bezüglich der wirtschaftlichen Entwicklungen im Allgemeinen und bestimmter Sektoren und Unternehmen im Besonderen.

Um von einer positiven Entwicklung einzelner im DAX notierter Konzerne auszugehen, bedarf es nicht einmal eines grundsätzlichen Optimismus hinsichtlich der deutschen Wirtschaft. Solange die entsprechenden Unternehmen weltweit tätig sind und auf Wachstumsmärkten gut aufgestellt sind, ist Deutschland als Heimatmarkt für die Gesamtperformance möglicherweise kaum noch relevant.

Grundsätzlich ist Unsicherheit für Aktienmärkte toxischer, als es schlechte Nachrichten sind. Immerhin können diese bereits erwartet und in die Kursentwicklung eingepreist sein. Deutschland hat seit 2020 ununterbrochen Krisen erlebt und die Erwartungen in die Lösungskompetenz der Ampel-Regierung ist gering. Gut denkbar also, dass der Markt davon ausgeht, dass eine wesentliche weitere Verschlechterung der Lage wenig wahrscheinlich wäre.

Schwacher Euro birgt Erleichterung für die Exportwirtschaft

Ein möglicher Faktor für die derzeitige Börsenentwicklung könnte die Hoffnung auf einen perspektivisch weiteren Rückgang der Inflation sein. Gegenüber dem Vorjahr sind die Inflationsraten in den USA, in Deutschland und in der Eurozone gesunken. Mit knapp drei Prozent oder mehr liegen sie dennoch weiterhin in einem Bereich, der über dem Ziel der Notenbanken liegt – und die Konsumneigung der Verbraucher beflügelt.

Immerhin haben die USA vergleichsweise robuste Wirtschaftsdaten vorzuweisen und auch im dortigen Einzelhandel hat sich die Stimmung verbessert. Für die deutschen Exporte, die durch hohe Produktionskosten belastet sind, bietet immerhin ein schwacher Euro eine gewisse Erleichterung. Die Produkte werden dadurch etwas wettbewerbsfähiger.

Überdies mehren sich die Anzeichen dahin gehend, dass die Zinspolitik der Notenbanken nicht weiter verschärft wird. Sollte die Inflation nachgeben, dürften sogar Senkungen im Raum stehen. Für die Wirtschaftsentwicklung würde dies Rückenwind bedeuten.

Hedgefonds Qube glaubt eher an Niedergang des DAX als an Gesundung der Wirtschaft

Ein genereller Faktor, der zu hohen Börsenkursen beiträgt, kann grundsätzlich auch sein, dass zu viel Geld im Markt ist. Dies wäre die Folge einer zu offensiven Notenbankpolitik. Anleger würden an die Börse flüchten, weil andere Formen der Verwendung liquider Mittel nicht als effizient genug erscheinen.

In der derzeitigen Situation ist diese Erklärung eher weniger naheliegend, da die Notenbanken die Zinsen hochhalten, um die Inflation zu dämpfen. Eine weitere mögliche Erklärung wäre eine Blasenbildung. Dies könnte beispielsweise bei Rüstungstiteln der Fall sein, wo Anleger auf die Ankündigungen von Politikern vertrauen, diese mit üppigen Staatsaufträgen und Abnahmegarantien auszustatten.

Der Hedgefonds Qube ist beispielsweise davon überzeugt, dass dies im Fall von Rheinmetall zum Tragen kommt. Generell geht er nicht davon aus, dass sich die Schere zwischen DAX und Realwirtschaft auf dem derzeitigen Niveau des Leitindexes schließen wird.

Deshalb ist der Fonds mit knapp einer Milliarde Euro auf Short-Positionen mit Blick auf den DAX gegangen. Europaweit ist die Rede von 61 Short-Positionen, die Qube gesetzt hat. Das bedeutet, dass das Unternehmen eher an einen deutlichen Einbruch an den europäischen Börsen denn an eine dauerhafte wirtschaftliche Erholung glaubt.



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