Wird der DAX zum Sorgenkind? Ratingagenturen bescheinigen Konzernen angeschlagene Bonität

Der DAX hält sich ungeachtet der Wirtschaftskrise auf einem hohen Niveau. Skepsis herrscht dennoch bei Ratingagenturen. Sie bescheinigen vielen der dort notierten Konzerne eine durchwachsene Bonität. In drei Fällen ist sogar das Ramschniveau greifbar.
Aktienhändler verfolgen die Kursentwicklung auf ihren Monitoren im Handelssaal der Deutschen Börse. Deutschlands Börsenschwergewichte bekommen die weltweite Konjunkturschwäche und die hohen Energiepreise in Deutschland zunehmend zu spüren.
Aktienhändler verfolgen die Kursentwicklung auf ihren Monitoren im Handelssaal der Deutschen Börse (Archivbild).Foto: Boris Roessler/dpa
Von 28. November 2023

Auf den ersten Blick sieht die Entwicklung des deutschen Börsen-Leitindex DAX gesund aus. Erst in der Vorwoche hatte er mit 16.039,42 Punkten seinen historischen Höchstwert erreicht. Gegenüber dem Jahresbeginn hat der Index damit um knapp 2.000 Punkte zugelegt. Dennoch warnen Beobachter vor einer möglichen Überbewertung, die damit verbunden sein könnten. Mehrere Ratingagenturen bescheinigen deutschen Blue Chips eine durchwachsene Bonität.

Warum steht der DAX besser da als die deutsche Wirtschaft insgesamt?

Dass ein Leitindex an der Börse trotz allgemeiner Krisenstimmung einen Höhenflug erlebt, kann unterschiedliche Gründe haben. Einer ist, dass die Krise bereits zu einem früheren Zeitpunkt eingepreist wurde und Anleger etwa den im DAX abgebildeten Titeln gesunde Fundamentaldaten zubilligen.

Ein anderer ist, dass aufgrund einer zu offensiven Geldpolitik der Notenbank zu viel Geld im Markt ist und davon mehr an die Börse geht. Wiederum ein anderer ist, dass Anleger die langfristige Entwicklung der im DAX vertretenen Konzerne anders bewerten als die Analysten.

Dies könnte derzeit beispielsweise eine Rolle bei der Entwicklung des deutschen Leitindex spielen. Anders als die Anleger sehen mehrere Ratingagenturen aktuell nur wenig Anlass zum Optimismus, wenn es um eine Vielzahl von DAX-Konzernen geht. Vor allem die Bonität lasse demnach deutlich zu wünschen übrig.

Drei Konzerne an der Kippe

Wie die „Welt“ berichtet, verfügen nicht weniger als 16 der im DAX notierten Konzerne nur noch über eine Bonität im B-Bereich. Im Vergleich dazu haben lediglich neun von 30 Dow-Jones-Konzernen ein Rating unterhalb des als gesund geltenden A-Bereichs.

Mit „BBB“ sind Siemens Energy (bei S&P) und Fresenius (bei Fitch) nur noch ein Grad oberhalb des „Ramschniveaus“ eingestuft. Dieses Schicksal teilen sie mit MTU Aero Engines, das auf Baa3 bei Moody’s kommt.

Wie dauerhaft die Einstufung sein wird, ist noch ungewiss. Im Fall von Siemens Energy sind die Nettoschulden gemessen am Gewinn immer noch überschaubar. Allerdings haben die Ratingagenturen den Unwägbarkeiten Rechnung getragen, mit denen die Windenergietochter Siemens Gamesa konfrontiert ist.

DAX-Konzern kaufte sich Gerichtsprozesse ein: Bayer auf dem absteigenden Ast

Triebwerkshersteller MTU Aero Engines leidet nach wie vor an den Folgewirkungen der Corona-Pandemie. Die Erlöse waren deutlich eingebrochen. Zuletzt hatte es zudem eine Gewinnwarnung aufgrund von Materialfehlern bei Geschäftspartner Pratt & Whitney gegeben.

Fresenius hatte ebenfalls coronabedingt eine negative Geschäftsentwicklung zu verzeichnen. Anders als Siemens und MTU Aero Engines hatte der Hersteller medizinischer Produkte zuletzt auch hohe Schulden angesammelt. Grund dafür waren Übernahmen, von deren längerfristigem Nutzen nicht alle Marktbeobachter überzeugt sind.

Ebenfalls auf dem absteigenden Ast sehen die Ratingagenturen den Bayer-Konzern. Gegenüber April ist der Kurs der Aktie um mittlerweile fast die Hälfte eingebrochen. Bis 2001 hatte Bayer noch auf ein AA-Rating verweisen können. Dann kam der Rückruf des Arzneimittels Lipobay. Mittlerweile leidet der DAX-Konzern auch noch an den Spätfolgen der Übernahme des US-Konzerns Monsanto, der in mehrere Gerichtsprozesse verwickelt ist.

Bewerten Ratingagenturen im US-amerikanischen Interesse?

Was – außer Rheinmetall – alle DAX-Konzerne mit einem Rating abseits des A-Bereiches verbindet, ist auch ein Kurs, der mindestens um einen zweistelligen Prozentsatz unterhalb ihres Allzeithochs angesiedelt ist. Mit minus 79,2 Prozent sieht es diesbezüglich bei der Deutschen Telekom am schlechtesten aus. Dahinter rangieren Bayer (minus 76,9) und E.ON (minus 74,3).

Trotz vorzeigbarer Erträge und einem günstigen Verhältnis von Nettoschulden zu Nettogewinnen ist auch Volkswagen seit 1991 von AA- auf BBB+ abgerutscht. Grund dafür ist unter anderem die Unsicherheit über die Folgen politischer Interventionen auf den Individualverkehr – und die Fähigkeit der Konzerne, sich daran anzupassen.

Kritiker weisen darauf hin, dass die meisten großen Ratingagenturen in den USA angesiedelt sind. Sie verbinden damit den impliziten Vorwurf der Voreingenommenheit zugunsten amerikanischer Unternehmen und den Wunsch, Konkurrenz kleinzuhalten.

Demgegenüber reagiert jedoch auch der hiesige Markt auf ungünstige Einstufungen sensibel und verlangt nach höheren Risikoprämien – etwa bei Unternehmensanleihen. Auch spricht die Ratinggeschichte der Mercedes-Benz Group gegen diese Einschätzung. Dieser Konzern ist vom B- in den A-Bereich bei der Bonität zurückgekehrt. Zuvor hatte er sich vom US-Konzern Chrysler getrennt.



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