„Nein, ich habe keine Angst” – Gespräche über Mobiltelefon nach Tibet

Epoch Times22. März 2008 Aktualisiert: 22. März 2008 14:32
Dramatischer Einblick in die Realität vor Ort

Rebecca Novick ist eine Radiojournalistin, die sich gegenwärtig in Dharamsala, dem Sitz der tibetischen Exilregierung, aufhält. Sie berichtet über ein Treffen mit jungen tibetischen Mönchen, die mit ihren Verwandten in Tibet über Mobiltelefon in Kontakt stehen und so zu Zeugen des brutalen Vorgehens gegen die tibetische Bevölkerung werden. Sie schreibt:

In der letzten Zeit war Dharamsala, eine Stadt in Nordindien, die Tausende von Exiltibetern beherbergt, ein Ort hektischer Aktivität mit ständigen Sympathiekundgebungen für die in ihrem Heimatland zurückgebliebenen Tibeter. Ich habe eine Reihe dieser Ereignisse gefilmt und für verschiedene Nachrichtenmedien darüber berichtet. Am Abend des 16. März wurde ich von einer kleinen Gruppe junger tibetischer Mönche im Haupthof der Residenz des Dalai Lama angesprochen. Ihre Gesichter waren angespannt und ernst. Sie wollten eindeutig reden.

Meine Übersetzerin Kyizom sagte mir, dass sie vom Kloster Kirti in Amdo im Nordosten Tibets kämen. Am Morgen war eine Pressemitteilung herumgegangen, dass 2.500 Mönche aus dem Kloster Kirti und 8.000 Zivilisten in Ngaba, Amdo, einem Bezirk in Nordsichuan, spontan demonstriert hatten. Das chinesische Militär hatte Tränengas eingesetzt, um die Demonstranten zu zerstreuen und lastwagenweise waren Truppen in die Gegend entsandt worden.

„Alle Tibeter sind wie meine Familie“

Die Mönche in Dharamsala, alle in den Zwanzigern, erhielten Anrufe von Leuten aus Amdo, die Augenzeugenberichte über dieses und andere dramatische Ereignisse abgaben. Die Mönche speicherten die Aussagen auf ihren Telefonen ab. Wir saßen auf den steinernen Stufen, während einer von ihnen, Lobsang (Name geändert), mir vorspielte, was ihm ein Mann aus Amdo eine Stunde vorher am Telefon erzählt hatte. Der Mann auf der anderen Seite der Leitung hörte sich verzweifelt an und obwohl ich die einzelnen Wörter nicht verstehen konnte, nahm ich den Ton deutlich wahr. Danach erklärte mir meine Übersetzerin, was er gesagt hatte.

„Wie viele Leute wurden heute getötet?“, fragte Lobsang. Der Mann antwortete: „Acht Menschen, zwei Mönche, ein Mädchen und fünf Zivilpersonen. Sie haben gerade eben zwei mehr erschossen. Drei von ihnen waren Schüler der Amdo Ngaba Mittelschule.“ Der Bericht hörte plötzlich auf und Lobsang steckte sein Handy wieder zurück in seine rotbraune Robe. „Ich bin bestürzt, über das, was in Tibet geschieht“, sagte er, „jetzt nachdem Mönche und die Bevölkerung gemeinsam demonstrieren, werden die Chinesen noch mehr Menschen töten.“ Seine Familie lebt in Amdo und ich fragte ihn, ob er wegen der Sicherheit seiner Familie besorgt sei. „Ich mache mir nicht nur Sorgen um meine Familie, alle Tibeter sind wie meine Familie.“

Ein anderer Mönch, nennen wir ihn Tashi, war besorgt, dass die Demonstrationen in Amdo in Gewalt enden könnten. „Die Chinesen erschießen Leute, die friedlich demonstrieren und die Tibeter könnten meinen, dass sie keine andere Wahl haben, als zur Gewalt zu greifen, um sich selbst zu schützen. Gewaltlosigkeit ist tief in uns verwurzelt, sie ist ein Teil unserer Lebensweise. Aber wir sind auch Menschen.“

„Hat er nicht Angst, darüber am Telefon zu sprechen?“

Während wir redeten, klingelte Lobsangs Telefon erneut. Der Anruf kam aus Tibet. Er beugte seinen Kopf tief herunter, um die Stimme trotz der Störungen besser verstehen zu können. Kyizom sagte mir, dass der Mann am Telefon gerade mitgeteilt hätte, dass er soeben gehört habe, dass 20 Leute auf einer Brücke erschossen worden seien. Dann war die Leitung tot. Lobsang versuchte zurückzurufen, doch es klappte nicht. „Es ist sehr schwierig, den Kontakt mit Leuten in Tibet aufzunehmen. Viele Anrufe kommen nicht durch, aber wir tun unser Bestes“, meinte er. Wie er es überhaupt schaffte, Kontakt zu bekommen, darüber wollte er keine Auskunft geben.

Das Telefon klingelte wieder und Kyizom übersetzte, während der Mann am anderen Ende schnell sprach, offensichtlich im Bewusstsein, dass die Verbindung jeden Moment abbrechen könne. „Ungefähr 1.000 Menschen schlossen sich heute dem Protest am Kloster Kirti an. Einige von ihnen wurden verhaftet und ins Gefängnis gebracht. Die Leute forderten, dass die Polizei sie freiließe. Die Polizei weigerte sich und einige Tibeter zündeten einen Polizeiwagen an und legten Feuer an einem Gefängnis. Ich sah fünfzehn Tote im Kloster Kirti liegen. Eine Menge Schüler der Purkyi Laptan Schule nahmen an der Demonstration teil. Ein Mädchen und ein Junge wurden erschossen.“

„Hat er nicht Angst, darüber am Telefon zu sprechen?“, fragte ich, weil ich weiß, dass viele Tibeter berichteten, dass ihre Telefone überwacht werden. Lobsang übersetze meine Frage. „Nein, ich habe keine Angst“, antwortete der Mann.

Lobsang sagte etwas, was Kyizom nicht übersetzte. Tränen traten ihr in die Augen. Dann fuhr sie mit belegter Stimme fort: „Machen Sie sich um mich keine Sorgen, sagte der Mann. Bitte rufen Sie mich weiter an und ich will ihnen mitteilen, was immer ich kann.“ „Ich werde für Ihre Sicherheit beten“, sagte Lobsang und legte auf. Für einen Augenblick waren alle still, bis Tashi wieder anfing zu reden. Er wollte noch einmal etwas zur der Zerstörung von Eigentum sagen.

Tibetische buddhistische Mönche beim Gebet im Tempel seiner Heiligkeit Dalai Lama. (AFP Photo/Manan Vatsyayana)Tibetische buddhistische Mönche beim Gebet im Tempel seiner Heiligkeit Dalai Lama. (AFP Photo/Manan Vatsyayana)

Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung

Was ich hörte, war, dass etwa 7.000 chinesische Soldaten das Kloster Kirti abriegelten und mit militärischen Übungen begannen. Die Menschen waren wirklich eingeschüchtert, sie standen nur da mit ihrem Foto vom Dalai Lama und einer auf die Brust gehefteten tibetischen Fahne. Die Soldaten stürzten sich auf sie und fingen an, unterschiedslos auf sie einzuschlagen und schossen mit scharfer Munition in die Menge. So geschah es nur aus dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung heraus, dass die Tibeter dann chinesisches Eigentum angriffen. Es war nicht vorsätzlich.“

Die Mönche rollten ein etwa einen Meter großes Hochglanzfoto, auf dem 3.000 Mönche vor dem Kloster Kirti in Tibet abgebildet waren, aus. „Können Sie diese Story in die Medien bringen?“, fragten sie mich. Dharamsala war voller Journalisten, die über die Pressekonferenz des Dalai Lama berichten wollten. Ich hatte eine Reihe von ihnen getroffen, von CNN, ABC, BBC, Reuters, wie auch von der indischen Presse. Ich begann selbst eine Mobiltelefonkampagne und erzählte ihnen allen, was ich erfahren hatte. Ich sagte den Mönchen, dass sie für den folgenden Nachmittag eine Pressekonferenz in dem im Exil gegründeten Kloster Kirti in Dharamsala vorbereiten sollten.

Krankenhäuser verweigern die Behandlung

Am nächsten Nachmittag war jeder der hundert Stühle in der Halle von Kirti von Reportern der weltgrößten Medienunternehmen und Vertretern verschiedener NGOs besetzt. Die Mönche hatten sich über Nacht in Medienprofis verwandelt und ein ganzes System mit Lautsprechern und Mikrophonen installiert. Aber es war eine gänzlich andere Art von Pressekonferenz. Anstelle von Regierungssprechern standen hier einfache Mönche, die eine Geschichte zu erzählen hatten.

Vor den Reportern stand Lobsang und rief den Mann in Amdo an, dem er von der Pressekonferenz erzählt hatte und der sich des Risikos bewusst war, das er damit einging, wenn er jetzt sprach. Er beschrieb riesige Truppenbewegungen in seiner Heimatstadt. Er fügte auch Einzelheiten zu den Ereignissen vom letzten Tag hinzu. Er hatte durch ein Fenster einsehen können, wie die Polizei alle Festgenommenen erschoss. Die Tibeter draußen versuchten, die Leichen ausgehändigt zu bekommen und dann entspann sich ein Kampf zwischen den Tibetern und den Soldaten. Schließlich war es den Tibetern gelungen, fünf Leichen aus dem Gefängnis zu holen. Danach brannten sie es bis auf die Grundmauern nieder.

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„Dreißig Leute werden vermisst“, sagte er. „Die Krankenhäuser verweigerten den Demonstranten die Behandlung. Drei Personen starben, während sie darauf warteten, dass ein Arzt sich ihrer annahm.“ Den Krankenhausangestellten war gesagt worden, sie verlören ihren Job, wenn sie die Demonstranten behandelten, erklärte er.

Es war Montag, der 17. März, das Datum, an dem das Ultimatum auslief, das die Chinesen den Demonstranten gesetzt hatten. Diejenigen, die sich selbst stellten, würden nachsichtig behandelt und mit denen, die es nicht täten, würde man keine Nachsicht haben. Es war klar, dass die Tibeter in Amdo sich nicht viel um dieses Ultimatum kümmerten. Überall liegen Flugblätter, auf denen steht, dass heute um Mitternacht eine große Demonstration sein soll“, sagte der Mann am Telefon zu Lobsang. „ich bin bereit an jeder Demonstration mitzumachen. Ich bin bereit zu sterben, wenn es nötig ist.“

Nach dem Anruf wollten die Reporter die zuletzt angerufene Nummer als Beweis dafür sehen, dass der Anruf wirklich nach Tibet gegangen war. So legte Kyizom ihre Finger über alle anderen Angaben außer der Ländervorwahl, um den Anrufer zu schützen, und zeigte dies allen im Raum.

„Was können wir noch verlieren, was wir noch nicht verloren haben?“

Für die Tibeter in Tibet war es sehr schwierig, Fotos und Videos zu schicken, aber einige Bilder sind jetzt doch raus gekommen. Die Mönche haben plastische Fotos von einigen der Leichen erhalten, die ins Kloster Kirti gebracht wurden, das vorübergehend einem Leichenschauhaus gleicht. Sie haben die Fotos auf CD gebrannt und allen Reportern übergeben, ebenso haben sie sie an den Wänden aufgehängt. Darauf sind Menschen mit Schusswunden, bedeckt von Blut, viele mit dem entsetzten Gesichtsausdruck eines gewaltsamen Todes und einige Körperteile, die so entstellt sind, dass man sie nicht mehr erkennen kann.

Später am Abend erhielten die Mönche aus Kirti in Dharmsala noch mehr Fotos von den Menschen, die von der chinesischen Polizei getötet worden waren. Und in dieser Nacht, während 5.000 Mönche und Laien im Tempel des Dalai Lama im Kerzenlicht einen Gebetsgottesdienst für diejenigen abhielten, die bei den Unruhen umgekommen waren, flimmerten hinter ihnen die Fotos der Opfer über einen großen Fernsehschirm. Ein junger Mönch erschrak, er erkannte die Leiche seines Cousins auf dem Bildschirm. Er hatte nicht gewusst, dass er tot war.

Obwohl sie sich in Indien befanden, war den Mönchen bewusst, dass sie ihre Familien und Freunde gefährden könnten, wenn sie mit Journalisten sprachen. Hatten sie Angst? „Die Chinesen erschießen unsere Freunde, unsere Nachbarn und unsere Familien“, sagten sie. „Was können wir noch verlieren, was wir noch nicht verloren haben?“

Es sieht so aus, als fühlten die Menschen in Amdo das Gleiche. Auch nach dem Ende des von den Chinesen gesetzten Ultimatums haben Tausende von Tibetern an neuerlichen Demonstrationen in Amdo teilgenommen und führen die verbotene tibetische Fahne und Bilder des Dalai Lama mit sich.

Die Namen wurden geändert, um die Identität der Personen zu schützen.

Rebecca Novick

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