Robert Rother: „Von dir wird verlangt, das selbständige Denken aufzugeben, auf Anweisung zu funktionieren“

Von 7. März 2021 Aktualisiert: 7. März 2021 18:08
Mit der Finanz-Nachrichtenseite „Finance China“, die der erfolgreiche junge deutsche Unternehmer Robert Rother völlig legal in China betrieb, geriet er 2011 ins Fadenkreuz des kommunistischen Regimes. Trotz seines Erfolgs war man kein Fan seiner Geschäfte. Verhaftung, Folter, Prozess und Arbeitslager folgten.

Robert Rother verbrachte sieben Jahre und sieben Monate in einem chinesischen Gefängnis. Nach einem Besuch in China im Jahr 2004 übte das Land eine „magische Anziehungskraft“ auf den jungen Investor und Geschäftsmann aus und er entschloss sich, nach China zu gehen, um dort Geschäfte zu machen.

Ich komme ja aus der Investmentbranche, habe in jungen Jahren angefangen, mit 17 schon meine erste Firma gegründet und dann die nächste in China.“ – R. Rother

Die meisten seiner ersten Geschäftsideen scheiterten allerdings und er ging bald pleite. Später machte er mit einer neuen Geschäftspartnerin einen Neustart in Shenzhen, einer Megastadt in Südchina in der Nähe von Hongkong. Sie begannen, mit Diamanten zu handeln, und ihr Geschäft wurde schnell sehr erfolgreich. 2008 landeten Rother und seine Geschäftspartnerin einen Volltreffer. Als Chinas Kapitalmarkt austrocknete, halfen sie chinesischen Unternehmen, durch die Geschäftsbeziehungen, die sie aufgebaut hatten, Zugang zu Geld zu bekommen.

Ich habe ja mehrere Ferraris gefahren. Ich war in der High Society von China tätig, habe an einem Tag in der Wirtschaftskrise 800.000 Dollar verdient. Das war so der Durchbruch. Und ich hatte 30 Angestellte, dazu noch mehrere weitere Firmen, einen Auto Tuning Shop auf 1.000 Quadratmetern in Shenzhen. Ich war viel in Macao unterwegs, wo wir Immobilien hatten, und in Hongkong auch.“ – R. Rother

Sein letztes Unternehmen war eine Website, die Informationen über den chinesischen Aktienmarkt verkaufte. Trotz seines Erfolgs war das chinesische Regime kein Fan seiner Geschäfte. 

Mit der Finanz-Nachrichtenseite „Finance China“ hatte ich Erfolg. Wir hatten die Lizenzen von der chinesischen Regierung gekauft. Alles legal. Nur einen Monat vor meiner Verhaftung hieß es dann, … dass die Leute in Peking gerne sehen würden, dass ich die Website dicht mache, dass ihnen das nicht gefällt. Ja, aber ich habe mir dabei nichts gedacht, weil ich ja vertraglich alles geregelt hatte. Das war ein Irrtum.“ – R. Rother

Später verstand Rother, dass die Kommunistische Partei Chinas in Bereichen wie Finanzen sehr hart daran arbeitet, die Kontrolle aufrechtzuerhalten. Und da die Behörden gegen ihn als deutschen Staatsbürger und ohne Verbindung zur Partei keinen Hebel hatten, mussten sie ihn loswerden.

Du kannst in China nur erfolgreich sein, wenn du Kotau vor der chinesischen Regierung machst und dich dem System anpasst. Ganz einfach. Wenn du dich quer stellst, dann kannst du nicht lange durchhalten.“ – R. Rother

Eines Tages im Jahr 2011, als er gerade in einer Bar saß, tauchten plötzlich Polizisten auf und wollten mit ihm sprechen. Er dachte zuerst, dies wäre ein Missverständnis, das er aufklären könnte.  Schließlich verstand er, dass die Dinge in China anders gehandhabt werden.

Als erstes kommst du in Untersuchungshaft. Dann sagen sie: Du … musst drei Tage da bleiben, dann wird die Erstuntersuchung gemacht. Nach drei Tagen kommen sie wieder und geben dir einen Zettel und sagen, dass du freiwillig noch weitere sieben Tage bleibst und danach weitere 30 Tage. Und so zieht sich das dann hin. Dann hat sich das Ganze 13 Monate bei mir hingezogen.“ – R. Rother

Während er in Haft war, erfuhr er, dass sein Safe geleert worden war. In ihm lagen Uhren, Diamanten und eine Million Dollar in bar. Sein Ferrari wurde auch beschlagnahmt. Ein Mitinsasse, der ein ehemaliger Polizist war, erzählte ihm, es wäre gängige Praxis, dass die Polizei die Wohnung von Häftlingen plündere, während sie sich in Haft befinden.“

Rother beschrieb, dass er über hundert Stunden verhört wurde. Die Polizei setzte ihn unter Druck, um ihn zu einem Geständnis zu zwingen.

Das Schlimmste ist, die packen dich in so eine Isolation und in eine andere Welt. Du hast keinen Kontakt zur Außenwelt, du weißt nicht, was Sache ist. Du kannst mit keinem Anwalt sprechen. Dann haben sie mir gefälschte Zeugnisse vorgelegt … Zeugenaussagen. Und haben gesagt: Hier, deine Partnerin hat gesagt, dass du der Boss bist, und wenn du jetzt nicht gestehst, dann kriegst du die Todesstrafe. Das war so das Allererste, was sie gesagt haben. Wenn du jetzt nicht sofort auspackst, wirst du hingerichtet. Und damals, nach dem chinesischen Gesetz für Vertragsbetrug, gab es auch noch die Todesstrafe.“ – R. Rother

Aber Rother gab nicht nach. Nach 13 Monaten wurde sein Fall der Staatsanwaltschaft übergeben. Das Urteil wurde im Dezember 2013 verkündet. Er wurde für das Betreiben eines Schneeballsystems verurteilt, mit dem reiche chinesische Geschäftsleute um 21 Millionen Dollar betrogen worden seien. In dem Urteil wurde behauptet, dass Rother vorgetäuscht habe, ein Nachfahre der Rothschild-Familie zu sein, um zu Chinas Oberschicht Zugang zu bekommen. Während des Gerichtsverfahrens wurde nicht ein einziger Zeuge befragt. Das Urteil basierte ausschließlich auf Aussagen aus den polizeilichen Verhören.

Ich habe hinterher erst festgestellt, als der Fall zur Staatsanwaltschaft übergeben worden ist, dass meine Aussagen, die auf Englisch … auf Chinesisch natürlich geschrieben worden sind, gefälscht worden sind von der Polizei. Also da standen Sachen drin, die ich nicht gesagt habe, um mich gefügig zu machen. Ich hatte zum Glück immer noch englische Statements selber geschrieben, meine Aussagen, und die hinterher der Polizei eingereicht. Und dann gab es große Divergenzen zwischen dem Englischen, was ich geschrieben habe, und zwischen dem Chinesischen. Aber das hat den Richter einfach nicht interessiert. Er hat gesagt, Chinesisch habe Vorrang.“ – R. Rother

Rothers Anwalt sprach mit den meisten der angeblichen Opfer, wobei niemand sagte, dass er betrogen worden sei. Chinesische Gerichte haben eine Verurteilungsquote von 99,9 Prozent. Laut einem ehemaligen Richter in der Provinz Fujian ist Chinas Rechtssystem von Natur aus ungerecht. Die Kommunistische Partei Chinas kontrolliert nämlich die Gerichte und die Polizei. Jeder, der der Partei missfällt, wird wahrscheinlich auf eine ungerechte Weise strafrechtlich verfolgt. Rother wurde zu acht Jahren verurteilt. Er beschrieb, wie er die staatlichen chinesischen Medien anlächelte, als er den Gerichtssaal verließ, um zu zeigen, dass er den Prozess für eine Farce hielt.

Es gibt keinen Rechtsstaat. Ganz einfach: Der ist einfach nur Show. Das ist eine Show-Veranstaltung.“ – R. Rother

Seine Haft begann im Juli 2014 im Dongguan-Gefängnis in Südchina in der Provinz Guangdong. Das Gefängnis hat ungefähr 5.000 Häftlinge, von denen 500 Ausländer sind. Die Zellen waren überfüllt und man hatte keine Privatsphäre.

Also zu Beginn, als wir im Dongguan Gefängnis ankamen, haben wir mit 18 Leuten auf ungefähr 19 Quadratmetern gewohnt. Auf diesen 19 Quadratmetern war alles. Zwei Plumpsklos waren dort, man hat dort gegessen, sich gewaschen und geschlafen. Rechts gab es Doppelbetten, die ungefähr ein Meter fünfzig breit waren. Links gab’s Einzelbetten, also es waren Etagenbetten und in der Mitte gab es einen Gang, der war vielleicht so, viel breiter war der nicht.“ – R. Rother

Rother schlief auf einem Holzbrett ohne Bettlaken, Matratze oder Kopfkissen – Schulter an Schulter mit einem anderen Häftling. Er teilte seine Zelle mit korrupten Beamten, Drogenhändlern, Vergewaltigern und Mördern. Die medizinische Versorgung und die Hygienebedingungen waren sogar unter chinesischen Standards. Im Sommer erfüllten Schweißgeruch und die Gerüche aus den Plumpsklos die Zelle. Er wurde gezwungen, jeden Morgen um 5:30 Uhr aufzustehen. Der Tag war hauptsächlich mit Zwangsarbeit gefüllt. Jeden Abend mussten die Insassen auch Propaganda-Sitzungen über sich ergehen lassen. Sie mussten chinesisches Staatsfernsehen schauen und sich Vorträge der Polizeibeamten anhören.

Und danach hat die Polizei dann immer noch Ansprachen gegeben und uns erzogen, was denn Kommunismus ist und wie gut China ist, speziell wie gut der Zhongguo Meng ist, der Chinese Dream, und wie gut es ist, dass China die Constitution abgeändert hat, dass Xi Jinping auf Lebenszeit regieren darf. Das wird uns, glaube ich, über ein halbes Jahr lang jeden Abend erklärt, dass das denn so richtig sei, ohne dass man Fragen stellen darf. Dann wurde uns über Karl Marx viel gelehrt.“ – R. Rother

Nach chinesischem Gesetz sind Arbeit und Umerziehung Teil von Haftstrafen. Dieses System ist auch als „Reform durch Arbeit“ bekannt.

Die Gefängnisfabriken in China, das ist absoluter Turbokapitalismus. Da wird nur darauf geachtet, dass du deine Arbeitsziele erreichst, und die werden immer gesteigert, sodass du mehr und mehr Umsatz machst. Die Inhaftierten werden ausgelutscht wie eine Orange bis … mehr als bis an die Grenze muss man dort schuften, um Geld zu verdienen. Natürlich für die chinesische Polizei und somit für die Regierung.“ – R. Rother

Jeden Morgen mussten sie im Gleichschritt zum Fabrikgebäude marschieren, das sich innerhalb der Gefängnismauern befand. Der Arbeitstag begann um 7:00 Uhr morgens und dauerte mindestens neun Stunden. Manchmal mussten sie sieben Tage pro Woche arbeiten. Seine Arbeit bestand darin, Drosselspulen zu produzieren. Dafür musste er zwei Meter Kupferdraht um einen Eisenring wickeln.

Das ist so eine Bewegung, die man immer … mit so einem Haken geht man da rein, und hier hat man … den Draht so darumgewickelt. Dann die hinterher auf Platinen gesetzt und verpackt und auf der ganzen Welt verkauft. Das haben wir auch ganz nett nach Deutschland verkauft, wurde uns ganz stolz gesagt. So gut … eine so gute Qualitätsarbeit, die hier hergestellt wird. Das ist die Ironie.“ – R. Rother

Er sah oft, dass sich Häftlinge an den Augen verletzten, da sie keine Sicherheitsbrillen trugen. Rother bemerkte mit der Zeit, dass er sich langsam in eine „menschliche Maschine“ verwandelte, deren einzige Aufgabe es war zu funktionieren und zu liefern. Er war nicht mehr Robert Rother, sondern ein Gefangener mit der Nummer 441-802-7614.

Das Einzige, was von dir verlangt wird, ist, dass du das selbstständige Denken aufgibst, dass du dich dem System unterwirfst und dann nur noch funktionierst auf Anweisung: „Geh links, links, geh rechts, rechts. Und arbeite so viel, wie Du kannst – zum Wohle der Kommunistischen Partei.“ Und wenn du dies befolgst, dann hast du deine Ruhe. Wenn du dies nicht tust, dann kriegst du Probleme.“ – R. Rother

Die Arbeit wurde durch ein Punkte-System organisiert, um das Maximum aus jedem Häftling herauszuquetschen.

Es ist Knochenarbeit. Du musst dich wirklich dran halten, weil die wissen ganz genau, wie viel du leisten kannst. Und dann wirst du auch dran genommen, dass du diese Stückzahlen erreichst.“ – R. Rother

Im Sommer 2018 hatte die internationale Politik plötzlich einen spürbaren Einfluss auf sein Leben und das Leben seiner Mithäftlinge. Die US-Regierung verhängte damals zusätzliche Zölle in Höhe von 25 Prozent auf bestimmte chinesische Waren als Reaktion auf den Diebstahl geistigen Eigentums und Technologie durch die KP Chinas.

Einige Fabriken in seinem Block mussten schließen und andere konnten sich nie richtig von den Zöllen erholen – zumindest nicht bis zu der Zeit als er freigelassen wurde. Er sagte, dass die Wärter Angst hatten, die Kontrolle zu verlieren, da sie ohne Arbeit die Häftlinge nicht bezahlen konnten. Rother sagte auch, dass die Fabriken von Häftlingen geführt wurden – von der Logistik bis zur Qualitätskontrolle.

Dann gibt es einen Fabrikmanager, der ist auch ein Gefangener. Die meisten saßen schon ziemlich lange im Gefängnis … 10, 15 Jahre, die die Erfahrung haben, so eine Fabrik zu leiten. Die managen die Alltags Produktion.“ – R. Rother

Die Polizei war dort, um die Produktion zu beaufsichtigen und sicherzustellen, dass niemand aus der Reihe tanzte. Die Fabriken wurden laut Rother wie normale Unternehmen geführt – außer, dass alles für einen viel günstigeren Preis gemacht wurde, da die Häftlinge im Grunde genommen keine Rechte hatten und fast ohne Lohn arbeiteten.

Das Gefängnis macht ja auch Werbung, ganz klar, wer hier produzieren lassen möchte. Oft kamen da Fabrikanten rein, die haben sich das dann angeguckt, die bei uns produzieren lassen haben. Und da werden Ausschreibungen gemacht, gibt’s Nachrichten … Werbung in chinesischen Zeitungen: „Wer denn super gute Arbeitskräfte sucht zum guten Preis, der sollte doch zum Gefängnis Dongguan kommen und dort produzieren lassen, und alles kann dort produziert werden.“ – R. Rother

Zwangsarbeit ist in China weit verbreitet. Laut einem Bericht von 2019 benutzten über 600 chinesische Unternehmen Gefängnisarbeit in über 30 Provinzen und Regionen, um Waren von Puppen bis Pullovern herzustellen.

Also viel Elektronik-Sachen in aller Form: Kopfhörer und andere Applikationen, Lichter, Taschenlampen, dann Kleidung, viel, ja, Schuhe, Taschen, Pullover, all sowas, Spielzeug, Modellautos, ferngesteuerte Autos … “ – R. Rother

Die meisten dieser Produkte kommen aus Xinjiang im Nordwesten Chinas. Dort hält die KPC über eine Millionen Uiguren und andere türkische Minderheiten in über 300 Zwangsarbeitslagern fest. Diese Einrichtungen produzieren Waren für über 83 globale Marken.

Also erst einmal als Unternehmen an sich muss ich ja klare Prioritäten setzen: Wo stehe ich denn? Sind mir die Menschen wirklich wichtig oder bin ich nur darauf aus, Geld zu verdienen? Ich musste ja die Zulieferkette genau checken. Wo gebe ich? … Wo produziere ich? Und das kann ich ja machen. Wo? Auf welche Produkte setze ich mein Logo drauf und meinen Namen?“ – R. Rother

Rother sah, wie einige Markenprodukte in seinem Gefängnis hergestellt wurden. Es wusste jedoch nicht, wer der Abnehmer für diese Produkte war.

Also von meinem Gesichtspunkt aus muss die Rechtslage geändert werden, dass Unternehmen, die in Zwangsarbeit produzieren lassen, in welcher Form auch immer, dafür zur Rechenschaft gezogen werden von Gesetzes wegen her in Deutschland und in Europa. Es kann ja nicht sein, dass ich in Deutschland unter Zwangsarbeit nicht produzieren darf, aber in China kann ich das machen und kriege dafür keine Strafe. …“ – R. Rother

In den letzten Jahren wurden immer wieder handgeschriebene Briefe mit Hilferufen aus Arbeitslagern in China in Produkten im Westen gefunden.

Für Rother haben Verbraucher die Verantwortung, dabei zu helfen, die Zwangsarbeit in China zu beenden. 2012 fand eine in Oregon lebende Frau einen handgeschriebenen Brief in einer Halloween-Dekoration. Der Brief beschrieb die Folter und Verfolgung in dem berüchtigten Masanjia-Arbeitslager. Er wurde von Sun Yi geschrieben, einem Falun Gong-Praktizierenden, der aufgrund seines Glaubens zu zweieinhalb Jahren verurteilt wurde.

Falun Gong ist eine Meditationspraxis für Körper und Geist und basiert auf den Prinzipien Wahrhaftigkeit, Güte und Nachsicht. 1999 gab es nach staatlichen Schätzungen etwa 70 bis 100 Millionen Praktizierende in China. Die große Popularität der Praxis wurde vom chinesischen Regime als Bedrohung angesehen. Daraufhin startete die KP im Juli 1999 eine beispiellose Unterdrückungskampagne. Millionen von Falun Gong-Praktizierenden wurden seitdem in Gefängnissen und Arbeitslager eingesperrt. Sie werden dort häufig gefoltert und müssen Zwangsarbeit leisten.

Und wenn ein Unternehmen die Entscheidung trifft, dass Menschen eben nicht so wichtig sind, dann muss sich als Konsumer halt gucken: „Okay, dann möchte ich solche Marken auch nicht tragen oder auch kein Auto davon fahren.“ – R. Rother

Während seiner Haftzeit in Dongguan wurde Rother auch regelmäßig Zeuge von Folter, Missbrauch und anderen Formen von Misshandlung. Wenn ein Häftling die Arbeit verweigerte oder gegen eine der 38 Gefängnisregeln verstieß, wurde er heftig bestraft. Eine dieser Bestrafungen war der berühmt-berüchtigte Tiger-Stuhl.

Das ist ein Eisenstuhl, an dem man mit den Händen gekettet ist, und die Füße auch, sodass man sich nicht bewegen kann. Hat man ja nur so eine kleine Platte vor sich. Unten der Boden des Stuhls ist mit Röhren ausgelegt, also nicht flach, sondern angespitzt. Wenn man halt längere Zeit auf dem Stuhl sitzt, drückt sich das ins Gesäß rein, und alles fängt an zu schwellen, genauso wie die Arme. Ich habe Leute gesehen, die saßen eine Woche, zwei Wochen und auch länger auf diesem Stuhl, non-stop.“ – R. Rother

Rother sagte, Tiger-Stühle wurden öffentlich zur Schau gestellt, um die Häftlinge einzuschüchtern. Wenn ein Häftling, der im Stuhl gefesselt war, sich nicht entschuldigte oder Reue zeigte, setzten die Wärter Elektrostäbe ein. Diese verursachten laut Rother oft bleibende Schäden.

Mit denen wurde man erst am Körper getasert, was zu erheblichen Schmerzen führt und zu Lähmungserscheinungen. Kurzfristig und vor allem entleert sich dann die ganze Blase. Man sitzt in seinen eigenen Fäkalien und für Leute, denen es ziemlich schlecht ergangen ist, denen wurde der Elektroschocker ans Gehirn gepackt. Sie haben das dann „frying the brain“ genannt, direkt hier an die Schläfe, und da verbrennen wohl die Synapsen im Gehirn, und danach sind die Leute nicht mehr die gleichen. Sie können sich nicht mehr wirklich bewegen. Sie können sich nicht mehr artikulieren. Wenn man mit ihnen spricht, merkt man wirklich, dass alles langsamer geht, und sie verstehen einen nicht mehr so, als ob sie auf Kinder-Level zurück transformiert worden sind durch die Schäden im Kopf.“ – R. Rother

Rother selbst wurde einst an ein Bett gefesselt. Dies war eine Bestrafung, weil er sich über einen Mangel an medizinischer Versorgung im Gefängnis beschwert hatte.

Kam dann ein Polizeibeamter und meinte, ich würde lügen, und dann wurde ich hier in die Position gesteckt. Und dann sollte ich da so für drei Tage verharren. Ich wurde auch noch am Bett Posten festgemacht und konnte mich gar nicht bewegen. Und so soll ich dann dort drei Tage verbringen. (Und wenn ich aufs Klo hätte müssen, dann hätte ich einen Eimer bekommen. Irgendwie hat mein Anwalt davon mitbekommen.) Ich weiß nicht, wie, wer ihm die Information zukommen lassen hat. Aber dann kam mein Anwalt am Nachmittag und hat mich dann aus der Situation herausgeholt. Fakt war, dass ich mich offiziell entschuldigen musste vor der Polizei und vor den Mitinsassen, was ich natürlich erst abgelehnt habe, weil ich mir keiner Schuld bewusst war.“ – R. Rother

Laut Rother verwendeten die Wärter auch eine Reihe von psychologischen Foltermethoden. Er hatte miterlebt, wie viele Häftlinge unter dem Druck zusammenbrachen.

Die schlimmste Folter ist wirklich dieses …, dass du psychisch …, dass du so unter Druck gesetzt wirst, dass du deine Arbeitsziele erreichen musst, dass du teilweise gar keine Freizeit hast, dass du sieben Tage die Woche arbeiten musst und das dann zwei, drei Wochen am Stück und nach … nach der Arbeit noch nicht mehr frei hast, sondern du kontinuierlich unter Zeitdruck gesetzt wirst, dass du noch Reformationsunterricht anhören musst, wie du ein guter Kommunist wirst und… es wird dir jegliche Art der Freiheit … des freien Denkens genommen und du wirst kontinuierlich unter Druck gesetzt. Das ist…, das zehrt ganz schön an den Nerven. Da muss man sehr, sehr stark sein, um da durchzukommen.“ – R. Rother

Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen haben bestätigt, dass Folter in chinesischen Gefängnissen und Arbeitslagern weit verbreitet ist. Rother beschrieb auch, wie er es schaffte, diese desolate Lage durchzustehen. Zum einen war seine deutsche Staatsbürgerschaft eine Art „Lebensversicherung“, da das deutsche Konsulat sich regelmäßig nach seinem Wohlbefinden erkundigte.

Er sagte, dass egal was im Gefängnis geschah, die Wärter auf keinen Fall einen toten Deutschen verantworten wollten. Es schien, dass die Leben der chinesischen Häftlinge für die Wärter eher entbehrlich waren. Zum anderen entwickelte Rother über die Zeit eine konstruktive Einstellung.

Da kommt man natürlich schon mit ziemlich vielen verschiedenen Menschen zusammen und da muss man zurechtkommen mit den Menschen, und das ist eine große Herausforderung. Wenn man das nicht schafft, dann hat man sehr viele Probleme. Da muss man sehr schnell in sich gucken, selbst anfangen zu lernen. Wie gehe ich mit den Menschen um, wie gehe ich mit verschiedenen Kulturen um? Wie verhalte ich mich richtig? Das ist eine große Herausforderung.“ – R. Rother

Er sah viele Häftlinge, die sich selbst zerstörten, weil sie diejenigen um sie herum als Feinde betrachteten. Er wählte jedoch eine andere Herangehensweise.

Ich habe einfach mal versucht, die Menschen wie ein Buch zu sehen. Jeder Mensch hat eine Geschichte zu erzählen. Ich habe mich dann hingesetzt und einfach mal zugehört: Okay, woher kommst du? Wo bist du groß geworden? Wieso bist du in diese Sache hineingekommen? So hat man viel über verschiedene Länder gelernt. Und wenn die Menschen sich erst einmal erzählen können, woher sie kommen, aus was für Verhältnissen, dann kriege ich selber auch ein ganz neues Verständnis über diese Person.

Und ich weiß, okay, wieso die in so eine Situation geraten sind. Das baut dann eine gewisse Freundschaft und Respekt … gegenseitigen Respekt auf, was sehr wichtig ist. Und wenn du den Menschen Respekt gegenüber bringst, indem du zum Beispiel zuhörst und nicht urteilst, bringen sie dir auch wieder Respekt gegenüber. Dann ist das ein Geben und Nehmen, wo man dann gut zusammenleben kann.“ – R. Rother

Rother wurde im Dezember 2018 entlassen. Er verbrachte insgesamt sieben Jahre und sieben Monate im Gefängnis. Es war allerdings nicht leicht für ihn, sich wieder an das normale Leben anzupassen. Rother sagte, dass er Zeit gebraucht habe, sich an die Anforderung des täglichen Lebens zu gewöhnen. Als er das erste Mal einkaufen ging, war er von der Fülle an Auswahlmöglichkeiten überwältigt und verließ das Geschäft schnell wieder. Rother verbrachte sein erstes Jahr in Freiheit auf der norddeutschen Insel Wangerooge und schrieb ein Buch über seine Erfahrungen mit dem Titel „Drachenjahre“. Er sagte, dass er es seinen Mitgefangen schuldig sei zu berichten, wie Häftlinge in China behandelt werden.

Seine größte Lektion aus seiner Erfahrung war die folgende:

Ich habe auf engstem Raum mit 18 Leuten auf 19 Quadratmetern viele Jahre lang zusammengelebt. Sieben Jahre und sieben Monate mit Leuten aus allen Kulturen, allen Religionen, jeglicher Hautfarbe und im Prinzip sind wir alle nur Menschen. Und ich habe herausgefunden, wenn du jeden Menschen so behandelst, wie du auch gerne behandelt werden möchtest, dann bist du immer auf dem sicheren Weg, egal, wo du hinkommst … “ – R. Rother

Rother arbeitet jetzt als Bitcoin Daytrader. Er hofft, dass seine Geschichte Menschen zeigt, dass Zwangsarbeit und Folter in chinesischen Gefängnissen wirklich existieren und dass wirtschaftliche Beziehungen mit China zu schweren Menschenrechtsverletzungen beitragen. Er hofft auch, dass die Geschichte den Menschen zeigt, dass wir etwas dagegen tun können.

 

Robert Rother: „Drachenjahre – Wie ich 7 Jahre und 7 Monate im chinesischen Gefängnis überlebte“

Das Buch ist der erste Augenzeugenbericht eines Europäers über die Haftbedingungen in chinesischen Gefängnissen – eine persönliche, eine verstörende Geschichte, packend wie ein Thriller und politisch ebenso hochaktuell wie brisant. Ein Buch über ein Land, das längst schon Weltmacht geworden ist, und in dem Menschenrechte mit Füßen getreten werden.

Jetzt in unserem Online-Shop bestellen: buch.epochtimes.de

Oder per E-mail: [email protected] oder Tel.: +49 (0)30-26 39 53 12

Paperback: 17,95 EUR inkl. Versand in BRD (224 Seiten)

 


Unterstützen Sie unabhängigen und freien Journalismus

Danke, dass Sie Epoch Times lesen. Ein Abonnement würde Sie nicht nur mit verlässlichen Nachrichten und interessanten Beiträgen versorgen, sondern auch bei der Wiederbelebung des unabhängigen Journalismus helfen und dazu beitragen, unsere Freiheiten und Demokratie zu sichern.

Angesichts der aktuell schwierigen Zeit, in der große Tech-Firmen und weitere Player aus dem digitalen Werbemarkt die Monetarisierung unserer Inhalte und deren Verbreitung einschränken, setzt uns das als werbefinanziertes Nachrichten-Portal unter großen Druck. Ihre Unterstützung kann helfen, die wichtige Arbeit, die wir leisten, weiterzuführen. Unterstützen Sie jetzt Epoch Times indem Sie ein Abo abschließen – es dauert nur eine Minute und ist jederzeit kündbar. Vielen Dank für Ihre Unterstützung!

Monatsabo ab 7,90 Euro Jahresabo ab 79,- Euro

Gerne können Sie EPOCH TIMES auch durch Ihre Spende unterstützen:

Jetzt spenden!


Unsere Buchempfehlung

Alle Völker der Welt kennen den Teufel aus ihren Geschichten und Legenden, Traditionen und Religionen. Auch in der modernen Zeit führt er – verborgen oder offen – auf jedem erdenklichen Gebiet seinen Kampf gegen die Menschheit: Religion, Familie, Politik, Wirtschaft, Finanzen, Militär, Bildung, Kunst, Kultur, Medien, Unterhaltung, soziale Angelegenheiten und internationale Beziehungen.

Er verdirbt die Jugend und formt sich eine neue, noch leichter beeinflussbare Generation. Er fördert Massenbewegungen, Aufstände und Revolutionen, destabilisiert Länder und führt sie in Krisen. Er heftet sich - einer zehrenden Krankheit gleich - an die staatlichen Organe und die Gesellschaft und verschwendet ihre Ressourcen für seine Zwecke.

In ihrer Verzweiflung greifen die Menschen dann zum erstbesten „Retter“, der im Mantel bestimmter Ideologien erscheint, wie Kommunismus und Sozialismus, Liberalismus und Feminismus, bis hin zur Globalisierungsbewegung. Grenzenloses Glück und Freiheit für alle werden versprochen. Der Köder ist allzu verlockend. Doch der Weg führt in die Dunkelheit und die Falle ist bereits aufgestellt. Hier mehr zum Buch.

Jetzt bestellen - Das dreibändige Buch ist sofort erhältlich zum Sonderpreis von 50,50 Euro im Epoch Times Online Shop

Das dreibändige Buch „Wie der Teufel die Welt beherrscht“ untersucht auf insgesamt 1008 Seiten historische Trends und die Entwicklung von Jahrhunderten aus einer neuen Perspektive. Es analysiert, wie der Teufel unsere Welt in verschiedenen Masken und mit raffinierten Mitteln besetzt und manipuliert hat.

Gebundenes Buch: Alle 3 Bände für 50,50 Euro (kostenloser Versand innerhalb Deutschlands); Hörbuch und E-Book: 43,- Euro.

Weitere Bestellmöglichkeiten: Bei Amazon oder direkt beim Verlag der Epoch Times – Tel.: +49 (0)30 26395312, E-Mail: [email protected]

Kommentare
Liebe Leser,

vielen Dank, dass Sie unseren Kommentar-Bereich nutzen.

Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen, Schimpfworte, aggressive Formulierungen und Werbe-Links. Solche Kommentare werden wir nicht veröffentlichen. Viele Kommentare waren bisher schon anregend und auf die Themen bezogen. Wir bitten Sie um eine Qualität, die den Artikeln entspricht, so haben wir alle etwas davon.

Da wir die juristische Verantwortung für jeden veröffentlichten Kommentar tragen müssen, geben wir Kommentare erst nach einer Prüfung frei. Je nach Aufkommen kann es deswegen zu zeitlichen Verzögerungen kommen.

Die Kommentarfunktion wird immer weiter entwickelt. Wir freuen uns über Ihr konstruktives Feedback, sollten Sie zusätzliche Funktionalitäten wünschen an [email protected]


Ihre Epoch Times - Redaktion