Die Modistin Christine Halbig vor ihren Hutkreationen.Foto: Goran Gajanin

Gut behütet

Von 19. April 2022
Zwischen Tradition und Gegenwart. Er schützt, kleidet und ist ein Symbol der Zugehörigkeit: der Hut.

Über Jahrhunderte hinweg war die Kopfbedeckung in allen Epochen en vogue, bis er nach und nach an Bedeutung und Extravaganz verlor und schließlich aus dem Licht der Öffentlichkeit verschwand. Wird es Zeit für eine Hut-Renaissance? Was macht den perfekten Hut aus und welchen Einfluss hat er auf den Träger?

Epoch Times sprach mit der Münchner Modistin Christine Halbig über das Streben nach Perfektion im traditionellen Handwerk, über Werte und Erkenntnisse, die sie aus ihrem Beruf schöpft, aber auch über Hürden, die sie meistern musste. Um ein guter Hutmacher zu sein, braucht es Demut, sagt sie. „Der Prozess, einen Hut herzustellen, ist ein ständiges Ringen. Was er am Träger auslöst, kann jedoch schon perfekt sein.“

Ist das Lebensgefühl ein anderes, wenn man behütet durchs Leben geht?

Es ist tatsächlich anders: Ein schönes Gefühl, das auch ein gewisses Beschützt-Sein vermittelt. Trägt man eine Kopfbedeckung, macht das etwas mit einem Menschen. Mit einem Hut kann man nicht krumm und bucklig durch die Gegend gehen. Ein Hut verlangt, sich gerade hinzustellen, er fordert zur Reflexion auf, dazu, sich mit der eigenen Person auseinanderzusetzen.

Was schätzen Sie besonders an Ihrem Beruf?

Die Materialvielfalt und den Kontakt zu meinen Kunden. Sie sind meine Inspiration. Abgesehen von dem schönen Handwerk habe ich das Vergnügen, wunderbare Menschen kennenzulernen und einen Einblick in ihr Leben zu erhalten. Der Verkauf eines Hutes hat viel mit dem Versuch zu tun, sich auf den Menschen einzulassen. Den handwerklichen Aspekt schätze ich auch sehr: Mit den Händen etwas zu erschaffen und sich am Abend anzusehen, was entstanden ist. Mich in meine Arbeit, in die Tätigkeit hineinfallen zu lassen, gefällt mir – es hat etwas Meditatives. Einfach nur zu spüren, was die Hände machen und dabei dem Nähfaden folgen.

Gewinnen Sie durch die Auseinandersetzung mit Ihrer Arbeit oder im Austausch mit Kunden Erkenntnisse, die Ihr Leben beeinflussen?

Ja. Je länger ich diesen Beruf ausübe, desto mehr merke ich, dass sich bei mir so eine Art Demut herauskristallisiert. In meinem Leben hat es immer eine Rolle gespielt, was ICH will. Das stand im Vordergrund und hat mich immer viel Kraft gekostet. Entdecke ich beispielsweise ein spezielles Material, aus dem ich einen Hut erschaffen will, sehe ich den Hut im Kopf schon fertig vor mir, habe also eine bestimmte Vorstellung, wie er aussehen soll. Im Prozess merke ich dann aber, dass das Material nicht will. Dem muss ich mit einer Demut entgegentreten und schauen, was es von mir verlangt, anstatt dass ich diejenige bin, die ihm etwas aufzwingt. Das ist momentan auch eine Haltung in meinem Leben: Was verlangt das Leben von mir, wie kann ich dem begegnen, flexibel bleiben und nicht durchsetzen, was ich will. Die Menschen und Kunden, die ich kennenlerne, haben mein Leben auch beeinflusst und bereichert.

… und Sie zu neuen Hutkreationen inspiriert?

Absolut. In der Lockdown-Zeit hatten wir monatelang geschlossen. Da möchte man meinen, dass man sich in dieser freien Zeit unglaublich der Inspiration hingibt und endlich ungestört Zeit für Dinge hat, die man schon immer ausprobieren wollte. Das haben mein Team und ich auch gemacht, allerdings ist das auch nur begrenzt. Wir brauchen auf jeden Fall die Kundin, die im Laden steht und uns inspiriert. Wenn sie nicht kommen darf, versiegt unsere Quelle – so empfand ich das. Ich bin niemand, der wie ein Künstler ohne Ende Bilder malt und malt und sie nicht zeigen darf und dennoch weiter malt. Ich brauche schon regelmäßig den Austausch mit der Kundin, auch wenn sie nicht unbedingt etwas kauft. Es genügt, wenn ich sie sehe und mir vorstelle, was ihr wohl stehen würde oder für welchen Anlass sie etwas bräuchte – das ist essenziell.

Ein Hut ist auch ein Kunstwerk, eine Skulptur, wenn man so will, die am Körper getragen wird. In der Kunst strebt man nach Perfektion. Wie sollte der perfekte Hut beschaffen sein? Was sollte er vermitteln?

Der perfekte Hut ist für mich nicht zwingend handwerklich hundertprozentig perfekt. Ich stelle fest, dass ich schon danach strebe, dass er perfekt wird, aber der kleine Fehler, der irgendwo entsteht, oder die kleine Ungereimtheit ist gerade das, was es ausmacht. Ich denke, den perfekten Hut gibt es nicht. Der Prozess, einen Hut herzustellen, ist ein ständiges Ringen. Was er am Träger auslöst, kann jedoch schon perfekt sein. Die Haltung, die es dem Träger abverlangt, oder die Kommunikation die zwischen dem Träger und dem Hut entsteht, kann an Perfektion grenzen.

Einer Kundin hatte ich einmal einen ganz gewöhnlichen Hut gefertigt. Er war zwar auf sie zugeschnitten, schwarz und aus Filz, hätte man ihn jedoch am Hutständer gesehen, hätte man gedacht „welch langweiliges Ding“. Als sie ihn allerdings aufgesetzt hat, sah er durch sie plötzlich perfekt aus. Nach einer gewissen Zeit kam sie mit einer Karte für mich, auf der vorne stand „Simsalabim, alles ist möglich“. Mit dem Hut hatte sie wohl eine Erfahrung gemacht, vielleicht den Mann ihres Lebens kennengelernt. Insofern hatte der Hut, der auf dem Ständer einfach nur gewöhnlich und alles andere als perfekt aussah, eine perfekte Wirkung für sie in dem Moment in ihrem Leben gehabt.

Ich empfinde es manchmal tatsächlich so, dass Leute kommen und wir es schaffen, eine Verbindung mit ihnen einzugehen, ihnen etwas fertigen zu dürfen, was dann im Tragen noch mehr ist als nur der Hut und die Trägerin. Wenn sich zwei Menschen oder ein Hut und eine Trägerin wunderbar zusammenfügen, entsteht ein Plus, etwas Neues. Wenn das geschieht, dann ist das für unser Team, genauso wie für die Kunden sehr beglückend. Auch für die Menschen in ihrem Umfeld, die sie mit dieser wunderbaren inneren Haltung wahrnehmen, die sie vielleicht plötzlich durch den Hut bekommen hat, ist es auch schön. Ich sehe es als unsere Aufgabe im Leben an, für die Menschheit das Schöne zu vermehren und die Freude für all jene, die uns begegnen, zu vergrößern.

Stoßen Sie im Zuge Ihrer Arbeit auf Herausforderungen? Wie meistern Sie diese?

Wenn eine spezielle oder prominente Kundin kommt, mir den Anlass nennt und wo sie den Hut tragen möchte, den ganz Deutschland sieht. Mir dann zu überlegen: Was setzt man ihr auf, welche Bedeutung hat es, was man ihr empfiehlt, was hat die Farbe des Hutes für eine Wirkung, wenn sie vor Tausenden Menschen steht,… das ist eine Herausforderung. Aktuell soll ich für das Bayrische Nationalmuseum einen Hut entwerfen. Sie haben eine Ausstellungsreihe geplant, die die Historie der Hüte zeigen soll, Kopfbedeckungen von frühen Zeiten bis zur Gegenwart. Die Überlegung, was ich da zeigen kann, was auf der einen Seite modern, auf der anderen Seite aber noch den Bezug zur Geschichte hat, stellt für mich eine Herausforderung dar. Wie kann ich Tradition pflegen, aber nicht totreden und immer auf dem gleichen Weg wandeln, sondern es auch in die Moderne transportieren?

Warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig, traditionelle Handwerkskunst aufrechtzuerhalten und weiterzugeben? Was können Menschen im Allgemeinen aus Traditionen schöpfen?

Tradition bietet eine gewisse Art von Sicherheit: Zu wissen, woher ich komme, was mich mit der Vergangenheit, mit meinen Ahnen und den Menschen verbindet, die vorher das gleiche Handwerk ergriffen haben. Ich denke, wir können nur mithilfe der Tradition und dem Wissen, das früher existierte, etwas Neues erschaffen, gerade im Handwerk. Sonst sind wir hohl, ohne Fundus, ohne Wurzel. Man muss nur aufpassen, dass man nicht auf dem ewig Gestrigen herumreitet. Tradition bedarf schon immer auch einer Reflexion, wie man etwas neu interpretieren kann, ohne völlig avantgardistisch-abgehoben zu sein. Tradition ist auch eine Verpflichtung, sich mit dem, was ist, immer wieder neu auseinanderzusetzen. Zu ehren, was die Menschen vor uns geschaffen oder sich an Techniken angeeignet haben, ist wichtig.

Der Grat zwischen Moderne und Tradition ist schmal. Es gibt aberwitzige Geschichten, die sich Menschen ausdenken, die von dem Ursprünglichen schon sehr abgekoppelt sind. Es ist immer auch ein Suchen nach einem guten Weg, wie man aus der Tradition schöpft und sie neu interpretiert. Diese Neuinterpretation darf nicht zu durchgeknallt sein, finde ich. Zumindest ist dies nicht die Sprache, die ich mit meinem Handwerk spreche. Trotz der Moderne betrachten wir das mit einer gewissen Bodenhaftung.

Können Sie mir die wichtigsten Arbeitsschritte skizzieren, die für die Hutfertigung notwendig sind?

Das Hutmachen hat, ähnlich wie beim Schuster, etwas mit Formen zu tun, mit dem Arbeiten über dem Holzkopf. Das Ausgangsmaterial, das wir verwenden – sei es Stroh, Filz oder Leder – muss erst mal weich gemacht werden. Das geschieht oft mit Hitze und Feuchtigkeit, also mit Dampf. Danach wird das Material (der Stumpen) über den Holzkopf, also die Hutform gezogen – es gibt ganz verschiedene: eckige, runde, schiefe. Das ist unser Negativ. Der Stumpen ist das Positiv. Nun muss dieser erst mal trocknen, was je nach Material unterschiedlich lange dauert. Im nächsten Schritt, kann das Material noch mit verschiedenen Flüssigkeiten oder mit Draht versteift werden. Da ein Hut dreidimensional ist, besteht auch immer die Herausforderung darin, wie man es, vor allem auf unsichtbare Weise, schafft, das Material steif genug zu bekommen, damit die Form bestehen und plastisch bleibt und nicht wieder in sich zusammenfällt. Nachdem es erkaltet ist, nimmt man es vom Negativ. Das leere Positiv gestaltet man schließlich noch aus. Es erhält innen, wo der Kopf anliegt, ein Band, Dekorationen werden noch appliziert, man formt eventuell noch ein wenig nach und veredelt noch außen den Rand.

Welches handwerkliche Geschick muss man mitbringen, wenn man den Beruf eines Hutmachers ergreifen möchte? Was zeichnet eine gute Modistin aus?

Geduld und ein Gefühl für Materialien. Aber vor allen Dingen Geduld.

Im Gegensatz zur Massenfertigung bekommt ein maßgeschneiderter Hut im Prozess der Herstellung eine Seele. Inwiefern spielt da die eigene Geisteshaltung des Hutmachers eine Rolle?

Wir haben vorhin über Demut gesprochen. Wenn die nicht da ist, kann man sich schlecht in die Kundin hineinversetzen. Man merkt bei der Verarbeitung, dass da jemand am Werk war, der über das Material hinweg gearbeitet hat. Wenn man mit einer Geisteshaltung des Respekts dem Material gegenüber an die Sache herangeht, entsteht da dieses „Mehr“.

Die Liebe zum Handwerk auszuleben und dem Herzen zu folgen, ist für mich bedeutend. Wenn man das beherzigt, kann nichts schiefgehen. Ich schätze mich glücklich, dass ich Menschen in meinem Team und um mich habe, die im gleichen Sinne tätig sind. Wir haben uns vielleicht angezogen und gefunden. Ich versuche jeden Tag mit Liebe an die Aufgaben zu gehen, ehrlich mit den Menschen umzugehen, transparent zu sein.

Sind Sie schon einmal auf eine Hürde gestoßen, die Sie, wenn Sie im Nachhinein zurückblicken, ganz gut überwunden haben?

Es gab sehr viele Hürden. Spontan fällt mir die Situation mit dem ersten Lockdown ein. Seit 17 Jahren betreibe ich nun das Geschäft – das war das erste Mal, dass uns der Verkauf und das Empfangen von Kunden verwehrt wurden. Es war sehr dramatisch für mich, ich bin in Panik verfallen. Ich erinnere mich an eine Nacht, da hätte man mich in eine psychische Betreuung bringen können, so verzweifelt war ich. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Bis ich einmal abends alleine in der Werkstatt saß. Ich blieb etwas länger, hatte Musik angemacht, bewusst keine Nachrichten eingeschaltet und arbeitete. Ich betrachtete mich von außen, sah mich hier sitzen, so als wüsste ich nicht, was rings um mich in der Welt gerade passierte. Plötzlich überkam mich ein großes Glücksgefühl.

Die Arbeit machte mir so viel Freude, ich dachte, eigentlich könnte es nicht schöner sein. Es war der perfekte Moment. Dieses Gefühl von diesem Moment habe ich versucht, immer wieder zu finden. Unser Laden hatte lange Zeit geschlossen und mein Team und ich haben uns bewusst dazu entschieden, keine Nachrichten zu hören. Wir hatten eine wunderbare Zeit. Die Erkenntnis, die ich daraus gewann, war, mehr im Jetzt zu leben, in dem Moment zu fühlen, was mir guttut und darauf zu vertrauen, dass sich schon alles positiv für mich entwickeln wird. Ich versuche die Ängste nicht zu pflegen, die irgendwo in der Zukunft liegen und auch keine geliehenen Ängste aus dem Radio zu übernehmen. Ich versuche vielmehr den Moment – sei es die Freude oder Hingabe an die Arbeit – auszukosten und zu spüren.



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