Ist westliches Denken universell gültig – „Erinnerungskultur“ in Deutschland und Asien

Von 3. Dezember 2018 Aktualisiert: 3. Dezember 2018 17:21
Deutschland hat ein besonderes Bild über sich und seine Geschichte. Wir gehen davon aus, dass dieses Bild von jedem „Vernünftigen“ in der Welt geteilt würde. Aber andere Kulturen haben eine andere Vorstellung von „Gerechtigkeit“ und „Schuld“.

Immer wieder spähe ich aus den Gitterfenstern. Wir verlassen Delhi. Bald ist der Zug an den Glaspalästen des Zentrums vorbeigerollt, die Häuser werden schäbiger und weichen dann eng aufeinanderhockenden Wellblechbuden. Und wer sich dies nicht leisten kann, spannt blaue Plastikplanen zwischen Bambusstöcke. Über holprige Lehmwege mühen sich Mopeds und Ochsenkarren. Kinder jagen durch Staub und Dreck, johlen und winken fröhlich dem Lindwurmzug zu. Neben den Gleisen sitzen Slumbewohner und scheißen in die Büsche, manche auch direkt auf die Gleise. Niemand geniert sich, Notdurft ist öffentlich.

Aus dem Rostbudenmeer ragen heruntergekommene Hochhäuser wie steile, trostlos karge Felsen. So sehe ich das als Luxusdeutscher. Es würde mich nicht wundern, wenn die Bewohner der hohen Häuser ihre Bleibe als Luxusresidenz ansähen, wie weiland in der DDR die Plattenbauten Ziel der Wohnträume waren. Eben alles eine Frage der Alternative.

Plötzlich spricht mich mein indischer Sitznachbar freundlich an. Where do you come from? Oh, from Germany, I like it. Mein Nachbar organisiert Reisen für indische Geschäftsleute nach Deutschland. „Everything very clean & quiet, not many people.“ Kann man so sagen, jedenfalls verglichen mit Indien.

Der geschichtlich beschlagene Mr. Rama erzählt mir von der Erbfeindschaft Indiens gegenüber Pakistan und er hat Angst vor Terroranschlägen der eigenen moslemischen Minderheit. Auf jeden Fall sympathisiert er mit starken Männern wie fast alle Asiaten. Starke Clanführer bringen den Clan voran, das ist wichtig und schafft Respekt.

Er erzählt mir wie die Aversion gegen den Islam zustande kam. Ab dem 12. Jahrhundert wurde der größte Teil Indiens von muslimischen Eroberern besetzt. Die traditionelle Religions- und Gesellschaftsordnung wurde erschüttert, die Hindus sahen sich anstelle von hinduistischen Brahmanen und Maharadschas von fremdgläubigen Herrschern regiert, Tempel wurden zerstört, Moscheen erbaut. Hindus mussten im eigenen Land eine „Ungläubigensteuer“ bezahlen, zig Millionen Hindus wurden versklavt oder fanden durch die muslimischen Eroberer den Tod. Das moslemische Reich der Mogulen herrschte in Nordindien bis ins 18. Jahrhundert. 600 Jahre Fremdherrschaft hat ein tiefes Misstrauen gegenüber den Muslimen bewirkt und das wirkt bis heute nach.

Was soll ich davon halten, ich als Deutscher. Ich bin ja nicht hier, um die richtige Gesinnung zu missionieren. Ich bin hier um zuzuhören. Also lasse ich alles auf mich wirken und bestelle erst einmal einen Tee; abwarten & Tee trinken. Das scheint nicht die schlechteste Haltung zu sein, zumindest für mich als ziel- und handlungsfixiertem Westler.

Die Faszination vom 3. Reich habe ich schon in vielen Staaten der 3. Welt bemerkt, immer verblüffend ähnlich formuliert. Es ist vielen unvorstellbar, gegen einen ehemaligen Führer des eigenen Clans Partei zu ergreifen. Die Solidarität gegenüber Eltern, Familien, der Nation gilt ungebrochen. Ungebrochen ist auch der Stolz auf die Wurzeln, die Vorfahren. Diese zu verurteilen, ist genauso undenkbar wie die Vorstellung, die eigenen Eltern abzulehnen, egal was diese auch getan haben mögen. Die Verurteilung der Vorfahren bedeutet auch Selbstverurteilung, Selbsthass, da die Ahnen ja in einem selbst weiterleben.

Von deutscher Selbstanklage sind viele Asiaten deshalb oft genug peinlich berührt. Was in Deutschland als Erinnerungskultur hoch im Kurs steht, verstehen viele Asiaten als Beleidigung der eigenen Vorfahren und sie nehmen das mit Fassungslosigkeit oder verstecktem Unwillen zur Kenntnis.

Die „Erinnerungskultur“ in Asien zielt auf Bindungserhalt. Sie zielt nicht auf ein Richten und der Verurteilung der Elterngenerationen. Diese werden immer in Ehren gehalten.
Dies ist möglich, weil in den asiatischen Religionen (Buddhismus, Hinduismus, Konfuzianismus) „Religionen“ kein christliches Schuld-Denken gibt. Entgegen dem westlichen Denken, das annimmt, seine Vorstellungen seien universell gültig, herrscht in anderen Kulturen ein grundsätzlich anderes Denken und Fühlen.

Du bist Schuld – nein du. Ich habe doch recht, du hast angefangen. Du bist böse. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Solche Sätze gehören im Westen zum Alltag.

Nun Mr. Rama, ich habe gehört, die Inder waschen ihre Sünden im Ganges ab. Stimmt das denn? Mr. Rama, der sich als Reiseführer auch mit der christlichen Kultur beschäftigt hat, lächelt milde:

Wir kennen keine Schuld oder Sünde. Das gibt es im Hinduismus nicht. Menschen sind nicht sündig. Bei uns gibt es kein letztes Gericht mit höchstem göttlichen Richter, der für alle Ewigkeit die Guten in den Himmel und die Bösen in die Hölle befördert. Aber das Gefühl nicht gut zu sein und das schlechte Gewissen kennen wir im Alltag schon, und zwar unseren weltlichen Göttern gegenüber. Das sind unsere Eltern, aber auch der Chef, das Familienoberhaupt oder der ältere Bruder. Ihnen gegenüber fühlen wir uns zu 100% verpflichtet und sie fordern dies auch ein. Hier gibt es das Schuldgefühl, das schlechte Gewissen und all das Seltsame, das der Westen in seiner Religion praktiziert.

Das Leben ist für uns das Ergebnis unseres Karmas, das heißt unsere Handlungen haben positive oder negative Wirkungen. Verdienstvolle Handlungen verbessern unser Karma, negative verschlechtern es. Der Hindu oder der Buddhist sagt sich, dass er das Ergebnis seiner Taten präsentiert bekommt. So oder so. Also gibt es keinen Grund, sich sündig oder böse zu fühlen. So hilft uns das Karmadenken weiter, so dass wir uns nicht selbst abwerten.

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Ich lehne mich in meinen Sitz zurück, nehme einen Schluck Tee und erinnere mich an meine Reise ins buddhistische Kambodscha. Dort brachten die roten Khmer unter Pol Poth fast ein Drittel der eigenen Bevölkerung um. Für mich sehr erstaunlich, gibt es in der Bevölkerung kaum ein Bedürfnis nach Rache oder Strafe für die Täter. Die westliche Vorstellung der weltlichen Gerechtigkeit steht im Widerspruch zum Gedanken der Wiedergeburt. So lebt das kambodschanische Opfer als Nachbar des Täters und beide erwarten auf ihre Art den „Zahltag“, die nächste Reinkarnation wird entsprechend des Vorlebens ausfallen. Ein schlechtes Gewissen aus religiösen Gründen oder das christliche „Ringen mit Gott“ ist unbekannt.

Die Zukunft ist das folgerichtige Ergebnis der Gegenwart und die ist das Ergebnis der Vergangenheit. Das Karma des anderen ist nicht verstehbar, es macht also keinen Sinn, ihn zum richtigen Glauben missionieren zu wollen. Er wird das Wesen des Seins im Laufe seiner Wiedergeburten schon selbst verstehen lernen.

Der Abendländer will das nicht Fassbare fassen, es erforschen. Im hinduistischen Indien oder in buddhistisch geprägten Ländern wird das nicht Fassbare einfach als gegeben, als augenblickliches Karma akzeptiert.

Hier liegt wohl ein Grund für die große Duldsamkeit gegenüber dem Fremden gegenüber den vielen seltsamen Heiligen, die in Indien ihr Wesen treiben. Dies wird leicht als Toleranz missverstanden. Aber der Grat zum Desinteresse und zur Ignoranz ist schmal. Wer denkt, das Karma des anderen sei nicht verstehbar, der wird sich auch nicht um Verständnis bemühen.

Meinem Bedürfnis, alles verstehen zu wollen, alles für verstehbar zu halten, wird hier ein Kontrapunkt gesetzt. Die Vorstellung des Unbegreiflichen im Menschen entspannt mich, wenn ich mich nicht für die Werte-Missionierung der Welt zuständig fühle.

In meinem Buch Die Reise durch Indien, so fremd so vertraut, stelle ich in unterhaltsamer Weise östliches und westliches Denken einander gegenüber.

In seinem Buch „So fremd, so vertraut“ schildert K.-J. Gadamer unterhaltsam die Unterschiede zwischen westlicher und östlicher Kultur. Zum Multi-Media-Buch gibt es unter gadamers-reisen 19 Fotoshows und Filme.