Freilichtmalerei begann für die europäischen Künstler im hellen Licht Italiens

Von 29. April 2020 Aktualisiert: 29. April 2020 22:44
In der einmaligen Ausstellung „Naturgetreu" in der National Gallery of Art in Washington können Besucher über hundert Ölskizzen aus ganz Europa entdecken.

In der Ausstellung „Naturgetreu: Open-Air-Malerei in Europa, 1780–1870“ in der National Gallery of Art (NGA) in Washington, USA, können Besucher die Landschaften Europas anhand von etwa 100 Ölskizzen besichtigen.

Keine zwei Tage sind gleich und noch nicht einmal zwei Stunden. Weder – noch gab es seit der Erschaffung der Welt jemals zwei Blätter eines Baumes, die gleich waren. Folglich unterscheiden sich ebenso die wahren Kunstwerke, die sich in der Natur befinden, voneinander“, sagte der britische Landschaftsmaler John Constable.

Damit bezog sich John Constable auf die einzige Konstante der Natur: Veränderung, denn ein akademisches Kunststudio kann niemals simulieren, wie das Licht zu einer bestimmten Tageszeit auf eine Landschaft fällt. Daher mussten die Künstler selbst in die Natur gehen und sie studieren.

Mary Morton ist Kuratorin und Leiterin der Abteilung für französische Malerei in der National Gallery of Art in Washington, sie sagte:

Im späten 18. Jahrhundert und im gesamten 19. Jahrhundert waren Sie einfach kein ausgebildeter Künstler bis Sie nach Rom gingen und sich mit antiker Kultur, antiker Architektur, antiker Skulptur, Renaissance- und Barockmalerei und Architektur beschäftigten – und zunehmend in den 1780er und 90er Jahren in die römische Campagna hinausgingen und das schöne, magische Licht Italiens aufzeichneten; die Topographie der römischen Campagna.“

Ebenso ermutigte der französische Landschaftskünstler Pierre-Henri de Valenciennes junge Künstler mit seiner einflussreichen Abhandlung über Landschaftsmalerei, die 1800 veröffentlicht wurde, Ölskizzen im Freien zu malen.

Die Tradition der Freichlichtmalerei

Junge Künstler reisten aus europäischen Hauptstädten wie Paris, Kopenhagen und Berlin an, um ihre Kunstausbildung zu vervollständigen, indem sie die römische Landschaft in Öl skizzierten: eine Tradition, die als Freilichtmalerei bezeichnet wird. Währenddessen verewigte die Freilichtmalerei dieser europäischen Künstler die italienische Landschaft und umgekehrt bildete Italien – ein Land mit alten künstlerischen Traditionen – einige der größten Künstler Europas in der Natur aus.

Die Künstler waren tüchtig dabei, die Berge, Täler, Flüsse, Wasserfälle und sogar ausbrechenden Vulkane zu malen. Währenddessen notierten sie schnell alles, was sie zwischen der Erde und dem Himmel gesehen haben. Diese Ölskizzen waren nicht als detaillierte fertige Gemälde gedacht, sondern als Studien oder, wie Morton sie beschreibt, als Feldnotizen.

Weitere Öl-Skizzen entstanden nach der Rückkehr der Künstler

Später verteilten die Künstler diese Skizzen untereinander oder archivierten die Bilder in ihren Ateliers. Entweder entwickelten die Künstler im Studio einige der Ölskizzen zu fertigen Werken oder kehrten mehrmals zum selben Ort zurück, um ein fertigeres Werk zu erstellen, erklärte Morton in einer E-Mail. Als diese Künstler in ihre Heimatländer zurückkehrten, verwiesen sie auf die Ölskizzen für frische Kompositionen. Des Weiteren setzten sie die Tradition fort, Open-Air-Ölskizzen zu erstellen, die sich dann aber auf ihre Heimatlandschaften konzentrierten.

Die Exponate der Ausstellung „Naturgetreu: Open-Air-Malerei in Europa, 1780–1870“ stammen aus der Sammlung der NGA und zwei weiteren europäischen Sammlungen: der Foundation Custodia, der Sammlung Frits Lugt in Paris und dem Fitzwilliam Museum in Cambridge, Großbritannien. Außerdem kuratierte Morton die Ausstellung zusammen mit Ger Luijten, dem Direktor der Foundation Custodia, und Jane Munro, der Verwalterin von Gemälden, Zeichnungen und Drucken im Fitzwilliam Museum.

Die Ausstellung ist eine Entdeckung vieler Dinge: Ölskizzen im Freien, weniger bekannte Künstler und die Schönheit Europas.

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Wiederentdeckung der Freilichtmalerei

Erst in den letzten Jahrzehnten wurde die Tradition des Ölskizzierens besser verstanden, sagte Morton. Das Kuratorenteam untersuchte nicht nur das Fachwissen des 17. und 18. Jahrhunderts für die Ausstellung, sondern auch die Arbeit des verstorbenen Philip Conisbee, der von 1993 bis 2008 der leitende europäische Kurator für Malerei der National Gallery of Art (NGA) war.

Diese Zeitspanne wird im umfassenden Ausstellungskatalog „Naturgetreu: Freilichtmalerei in Europa, 1780–1870“ diskutiert. John Gere war der Kurator in der Abteilung für Drucke und Zeichnungen am British Museum und Spezialist für italienische Zeichnungen alter Meister. Aufgrund seiner Entdeckung einiger Freilichtbilder auf einer Auktion im Jahr 1954, wurde Geres Interesse an dem Genre geweckt. Anschließend begann er zusammen mit seiner Frau diese Skizzen zu sammeln. Demzufolge wurde eine Wiederentdeckung der Freilichtmalerei ausgelöst. Daraufhin sah Conisbee die Sammlung bei den Geres und begann schließlich weitere Nachforschungen.

1980 verfasste Conisbee die Ausstellungskatalogeinträge für die erste umfassende Ausstellung von Freilichtgemälden im Fitzwilliam Museum, laut dem Ausstellungskatalog. Während der nächsten 40 Jahre erforschte er die Freilichttradition und baute die Sammlung dieser Werke der NGA auf.

1996 betreute Conisbee die erste amerikanische Ausstellung der NGA mit dem Thema „Im Licht Italiens: Corot und frühe Freilichtmalerei“. „Naturgetreu“ ist eine Fortsetzung von Conisbees Arbeit, die zahlreiche Ölskizzen zeigt, die er während seiner Zeit an der NGA erworben hat, sowie neues Fachwissen. Ziel der Ausstellung ist es, das Verständnis für diesen wichtigen, aber noch relativ wenig erforschten Teil der europäischen Kunstgeschichte zu erweitern.

Erkenntnisse der Freilichtmalerei

Einige der kleinen Details, die wir entdecken, können diese Skizzen umso liebenswerter aussehen lassen und uns vielleicht helfen, einen Bezug zu unserem Alltag herzustellen. Manche dieser Arbeiten auf Papier haben beispielsweise eine Kante, die eindeutig mit einem Messer geschnitten wurde. Ähnlich wie wir manchmal auch ein Stück Papier schneiden, um Notizen darauf zu schreiben, scheinen einige der Ölskizzen vom Künstler ebenso aus demselben Blatt geschnitten worden zu sein. Somit können wir uns eine Vorstellung davon machen, wie die damaligen Künstler ihre Materialien vorbereiteten: das Papier mit der Hand schneiden, Pinsel auswählen und die Farbe sorgfältig verpacken.

Das Erschaffen traditioneller Kunstwerke

Die Künstler verwendeten Tierblasen, um ihre Farbe aufzubewahren, oder mischten nur eine begrenzte Farbpalette, um sie mitzunehmen. Gruppen von Künstlern wagten sich oft mit Staffeleien, Papier und Farben in der Hand, über gefährliche Strecken auf das Land. Der italienische Künstler Giuseppe de Nittis reiste jeden Tag sechs Stunden, um Italiens am besten zugänglichen Vulkan, den Vesuv, zu malen. Er ging einen Teil des Weges zu Pferd und für den Rest wurde er von einem Führer getragen, erklärte Jane Munro vom Fitzwilliam Museum. Er änderte jedoch seine Route, nachdem er spürte, wie sich die Erde unter ihm bewegte, was auf einen möglichen Vulkanausbruch hinwies.

Vor Ort hätten die Künstler jede Skizze für eine bestimmte Zeit gemalt. Im Rahmen ihrer akademischen Kunstausbildung wären sie mit der Disziplin von zeitlich abgestimmten Zeichnungen von Bewegungen vertraut gewesen. Ebenso waren diese Künstler in der Lage die Pose eines Lebensmodells in kurzen, schnellen Gesten mit ihrer Kohle oder ihrem Pinsel festzuhalten und verwendeten denselben Geist, um die Nuancen der Natur in Öl wiederzugeben. Jede Ölskizze ist „wie eine pantheistische Träumerei“, sagte Morton.

Da diese Künstler eine formale Kunstausbildung hatten, ist jede Skizze „ein Stück Natur, das sie ästhetisch formalisiert und für sich selbst zufriedenstellend dargestellt haben, weil die meisten der Skizzen für sie selbst waren“, sagte Morton.

Allumfassende Freilichtmalerei

Die Ausstellung beginnt zuerst mit den zwei italienischen Regionen, Rom und Neapel, und deckt dann den Rest Europas ab. Die Skizzen sind auf insgesamt fünf Galerien verteilt und wurden nach Themen gruppiert, genau wie die Künstler sie in ihren eigenen Studios archiviert hätten: Es gibt Felsen und Höhlen, Wasserfälle und Vulkane, um nur einige der elf Kategorien zu nennen.

Der französische Landschaftsmaler Jean-Baptiste-Camille Corot aus dem 19. Jahrhundert war ein erfolgreicher Freilichtmaler, der diese Tradition nach Frankreich brachte. Als Traditionalist wollte Corot, „es so genau wie möglich wiedergeben“, was er vor sich sah. Corots Ölskizze „Die Insel und Brücke von San Bartolomeo, Rom“, die in der Ausstellung gezeigt wird, bestätigt dies. Corots Lehrer Achille Etna Michallon brachte ihm bei naturgetreu zu malen, und Michallon selbst muss dies von seinen beiden Lehrern gelernt haben: den Neoklassikern Jacques-Louis David und Valenciennes.

Valenciennes‘ Rat an Künstler war, beim Malen einer Aussicht immer mit dem Himmel zu beginnen. Die Künstler könnten ein Stück Land als Orientierungshilfe verwenden, aber Valenciennes glaubte, dass der Himmel die Tonalität für die gesamte Landschaft bestimmt, erklärte Morton.

Der Himmel als Leitmotiv

Constable hätte dem zugestimmt, obwohl er als das britische Gegenstück von Valenciennes betrachtet werden kann. Zudem war für Constable der Himmel von größter Bedeutung. Es ist „das Leitmotiv, der Maßstab und der Kernpunkt der Stimmung“ in einem Landschaftsbild, sagte er.

Im Grunde genommen war Constable vom Himmel besessen. Er las sogar meteorologische Berichte und verbrachte Stunden mit, „Skying“. Er bezeichnete mit diesem Begriff das Beobachten und Aufzeichnen des sich ständig ändernden Himmelsgewölbes. Des Weiteren versah er seine Himmelsstudien mit Anmerkungen über die Wetterberichte, der Lichtrichtung und weiteren meteorologischen Informationen. Morton zeigt uns auf, was Constable in seinen Gemälden mit Licht bewirkt, wie zum Beispiel in der „Wolkenstudie: Stürmischer Sonnenuntergang“.

Zudem ist das Gemälde „Santa Trinità dei Monti im Schnee“ von André Giroux in einer ähnlichen Farbpalette gemalt wie Constables „Wolkenstudie: Stürmischer Sonnenuntergang“. Französische Studenten wie Giroux, die von der französischen Regierung gesponsert wurden, durften in der Villa Medici wohnen. Giroux malte die Skizze direkt von seinem Schlafzimmerfenster aus.

In der Skizze entfaltet sich eine schneebedeckte Szene, und teilweise benutzte Giroux seinen Finger zum malen oder, um durch die nasse Farbe durchzuschaben. Die technische Kunsthistorikerin Ann Hoenigswald entdeckte Giroux ‚kreatives Markieren‘ im Rahmen ihrer Untersuchung der Ausstellung, um mehr darüber zu erfahren, wie diese Freilichtbilder wiedergegeben wurden.

Die Perspektive der Stimmung

Eine der beiden vorgestellten Malerinnen ist Louise-Joséphine Sarazin de Belmont, eine Schülerin von Valenciennes. Frauen durften damals noch nicht an Kunsthochschulen studieren, deshalb hatte sie Privatunterrichtet bei Valenciennes. Sarazin de Belmont begann normalerweise ihre Gemälde im Freien, aber arbeitete danach weiter an ihnen, um sie auf dem Pariser Kunstmarkt zu verkaufen, sagte Morton in einer E-Mail. „Die Grotte in einer felsigen Landschaft“ drückt die „Aufregung aus, in der Erde zu sein, aber nach draußen schauen zu können“, sagte Morton.

Überdies hat Sarazin de Belmont es gemeistert, eine unglaubliche große Wahrnehmung der Mensur auf dem Papier zu erzeugen, die sich anfühlt, als würden wir fast unseren Kopf in die Landschaft des Gemäldes stecken. Sie nutzte die Perspektive der Stimmung, um dies zu erreichen: Der Hintergrund verblasst, während frische Farben den Vordergrund und die Mitte ausfüllen.

Der französische Maler Jean-Charles Rémond malte ebenfalls viele Ölskizzen im Freien. Aber sein fertiges Gemälde „Der Ausbruch von Stromboli, 30. August 1842“ war ein Auftrag der Galerie für Mineralogie und des Naturhistorischen Museums in Paris. Satte Rottöne und die Dunkelheit dominieren das Gemälde als die Lava aus dem Vulkan ausbricht.

Naturgetreu

Jane Munro überlegt, wer tatsächlich der „Natur treu“ ist. Sind es Künstler wie Guiseppe de Nittis, die Vulkane skizzieren und die Wahrscheinlichkeit von Vulkanausbrüchen vorhersagen, indem sie ihre Ohren an die Erde halten, um die darunter sprudelnde Lava zu hören, oder sind es Wissenschaftler wie der Physiker Luigi Palmieri, der Direktor des Vesuv-Observatoriums ist und der die Erde mit Seismographen überwacht? Was würden Sie dazu sagen?

Die Einzigartigkeit der Wahrnehmung

„Es gibt keine Möglichkeit, eine Welle, genau wie sie in der Natur vorkommt, zu malen. Sie können nur die Wahrnehmung einer Welle malen und das ist genau das, was Gérard getan hat “, sagte Morton. Dabei bezog sich Morton auf Baron François Gérards äußerst farbiges Gemälde, welches einen lilaroten Sonnenuntergang und eine Welle, die kraftvoll auf einen Felsen schlägt, darstellt.

Im Grunde genommen ist jede dieser Ölskizzen ein Gespräch eines Künstlers mit der Natur, das die Wahrnehmung und Gefühle hervorruft, die dieser Künstler zu diesem Zeitpunkt empfunden hat.

Die Ausstellung „Naturgetreu: Open-Air-Malerei in Europa, 1780–1870“ ist bis zum 3. Mai 2020 in der National Gallery of Art in Washington zu sehen. Weitere Informationen unter NGA.gov (English)

Die Informationen in diesem Artikel stammen hauptsächlich aus dem Audio der Pressevorschau zu „Naturgetreu: Open-Air-Malerei in Europa, 1780–1870“, die Mary Morton, Kuratorin und Leiterin der Abteilung für französische Malerei, in der Nationalgalerie für Kunst hielt. Jane Munro vom Fitzwilliam Museum präsentierte sich ebenfalls.

Der Originalartikel erschien in The Epoch Times USA (deutsche Bearbeitung von sme)
Originalfassung: In the Light of Italy, Artists Paint ‘True to Nature’