Großbritannien: Schulen ersetzen analoge Uhren – Kinder können sie nicht mehr lesen

Von 5. April 2019 Aktualisiert: 5. April 2019 14:22
In Großbritannien gehen immer mehr Schulen dazu über, analoge Uhren in Prüfungsräumen durch digitale zu ersetzen. Der Grund: Immer mehr Kinder hätten Schwierigkeiten, das Ziffernblatt zu lesen und damit ihre verbleibende Arbeitszeit abzuschätzen.

In vielen Schulklassen der 1980er Jahre gehörte die Kurzgeschichte „The Man Who Hated Time“ von Victor Canning zum obligatorischen Schulstoff im Englischunterricht. Die meisten Schüler dürften die Geschichte zeitnah wieder aus ihrem Gedächtnis gestrichen haben, in der es um einen Protagonisten geht, der aus persönlichen Gründen eine Aversion gegen Uhren hat. Es war aus Sicht der meisten eine Geschichte, die man für die Schule las, aber definitiv nicht fürs eigene Leben. 

Glaubt man britischen Medien, dürften aber zumindest in Großbritannien viele Schulkinder tatsächlich eine Aversion gegen Uhren haben, allerdings aus einem anderen Grund als Victor Cannings „Hasser der Zeit“: Viele von ihnen sollen nicht mehr in der Lage sein, das Ziffernblatt analoger Uhren zu lesen. 

Bereits vor einem Jahr berichtete der „Telegraph“, Schulen würden anlässlich standardisierter Prüfungstermine analoge Uhren aus den dafür vorgesehenen Sälen verbannen, weil die Schüler nicht in der Lage wären, die Zeit von ihnen abzulesen.

Faktenchecker von „Snopes“ wiegeln ab

Das „Faktenchecker“-Portal „Snopes“ wies diese Darstellung als „größtenteils falsch“ zurück. Es würde mitnichten zutreffen, dass Schulen im gesamten Vereinigten Königreich die Analoguhren in den Klassenräumen durch digitale ersetzen, weil heutige Schüler die Zeit nicht mehr ablesen könnten.

Es treffe jedoch zu, dass es Vorschläge gäbe, während der standardisierten Prüfungen analoge durch digitale Uhren zu ersetzen, um vermeidbare Störungen zu verhindern, da einige Schüler Probleme hätten, anhand der analogen Zeitanzeige abzuschätzen, wie viel an Zeit ihnen noch verbliebe. 

Der „Telegraph“ selbst zitierte Malcolm Trobe, den stellvertretenden Generalsekretär der Lehrergewerkschaft ASCL, der erklärte:

Die heutige Generation ist nicht mehr so gut darin, traditionelle Ziffernblätter zu lesen, wie die ältere.“

In diesem Jahr erlebt das Land nun ein Déjà vu: Diesmal hat sich „Dailywire“ mit dem Thema befasst und Paul Bois bezieht sich auf einen Bericht des Portals „Inspire To Change“, das über die Entscheidung der Ruislip High School im Nordwesten Londons berichtet, im Prüfungsraum die analoge Uhr durch eine digitale zu ersetzen.

Fragen nach verbleibender Zeit sollen vermieden werden

Statt den Kindern beizubringen, wie man ein analoges Ziffernblatt liest, wird dieses also kurzerhand entfernt. Grund: Schüler, die ein GCSE- oder A-Level-Examen schreiben, hätten sich darüber beklagt, dass sie die Zeit nicht lesen könnten. Um ihnen das Arbeiten „so einfach und zügig wie möglich“ zu gestalten, habe man auf digital umgestellt. Immerhin gelte bei Arbeiten dieser Art ein striktes Zeitlimit und es seien unnötige Unterbrechungen zu befürchten, sollten einzelne Schüler die Betreuer ständig fragen, wie viel Zeit denn noch bleibe.

Dr. Sebastian Sigler nimmt die Nachricht auf „Tichys Einblick“ zum Anlass für ein Plädoyer, sich die Zeit zu nehmen, um Kinder mit elementaren Kulturtechniken vertraut zu machen, zu denen auch das Lesen des Ziffernblatts einer analogen Uhr gehöre. Auch in Deutschland könne man von ähnlichen Problemen beim Lesen alter Uhren ausgehen, darüber hinaus aber auch von Defiziten beim Erlernen der Schreibschrift.

Das Herabsetzen von Leistungsstandards dürfe nicht die Antwort darauf sein, dass Kindern unabdingbare Fertigkeiten abhandengekommen seien, die ihren Eltern und Großeltern noch als selbstverständlich erschienen. Im Gegenteil: So begrüßenswert der technologische Fortschritt auch sei, er dürfe nicht auf Kosten des Erlernens von Techniken gehen, die grundlegend seien und auf denen komplexere aufbauen. In dieser Phase täte es Not, die Nutzung elektronischer Hilfsmittel auf ein Minimum zu reduzieren.

„Klassisches Weimar ruhte auf 3000 Personen“

Es sei dabei jedoch mit dem Widerstand linker Bildungspolitiker zu rechnen und bürgerlicher Kräfte, die auf diesem Gebiet faule Kompromisse eingingen. Begrüßenswert sei aber die steigende Nachfrage nach konfessionsgebundenen Schulen und humanistischen Gymnasien. Es seien auch mehr Stipendien nötig, um Kindern aus weniger betuchten Familien den Besuch von Privatschulen zu ermöglichen. 

„Es wird dann vielerorts so sein wie im 18. Jahrhundert“, meint Sigler. „Angehörige des Bildungsbürgertums, einer kleinen Gruppe, erkannten und empfahlen begabte junge Leute an die Institute höherer Bildung. Das Weimar der Klassik, das denjenigen unter uns, die eine analoge Uhr lesen können, durch Goethe und Schiller bestens vertraut ist, dieses Weimar war eine Personengesellschaft von rund 3000. Es besteht also noch Hoffnung.“

Nur, wenn unsere Kinder „Cicero von Citizen sicher unterscheiden können“, habe Europa überhaupt eine Chance, als Gemeinschaft von Völkern zu überleben, die in Wohlstand und Frieden leben.

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