Iwan Schischkin – der „Zar des Waldes“

Titelbild
„Roggen“ 1878 von Iwan Schischkin. Öl auf Leinwand. Tretjakow-Galerie in Moskau.Foto: Public Domain
Von 25. August 2021

Wann haben Sie das letzte Mal einen Sonnenaufgang beobachtet? Und wann haben Sie zuletzt innegehalten und einfach nur der Natur gelauscht? Wenn man sich Zeit und Raum nimmt, gibt es so viel Inspiration in der Natur! Man muss dafür nur die eigenen vier Wände verlassen.

Einer, der sich von der Natur inspirieren ließ, war der Landschaftsmaler Iwan Schischkin (1832-1898). Mit seinen realistischen Werken erschuf er ein neues Genre in der Landschaftsmalerei – ein formales, feierliches Porträt der russischen Natur. Doch der Weg dorthin war nicht einfach.

Schischkin wurde 1832 in Russland geboren. Es heißt, er habe immer einen Bleistift zum Zeichnen mit sich getragen. Doch als Sohn eines Kaufmanns sollte er als Erwachsener das Geschäft seines Vaters übernehmen – Künstler sein galt nicht als ein ersthafter Beruf. So musste Schischkin seinen Wunsch, Künstler zu werden, vor seiner Familie geheim halten und nachts bei Kerzenlicht malen.

Doch mit 16 Jahren hielt er den „engstirnigen Formatismus“ nicht mehr aus. Trotz des Widerstands seiner Eltern brach er das Gymnasium ab und zog nach Moskau, um die Schule für Malerei, Bildhauerei und Architektur zu besuchen, wo er vier Jahre lang studierte.

Im Jahr 1856 ging Schischkin mit 24 Jahren nach St. Petersburg, um dort an der Kunstakademie zu studieren. Dabei stellte er sich die folgende Bedingung: Sollte er das Studium ohne Auszeichnung abschließen, würde er in seine Heimatstadt zurückkehren, um das Familienunternehmen weiterzuführen, und die Kreativität vergessen. Nicht nur, dass er sein Studium mit Auszeichnung abschloss, er erhielt sogar ein Stipendium für ein Auslandsstudium in der Schweiz und Deutschland. Doch das Heimweh plagte ihn und er kehrte nach einigen Jahren wieder in seine Heimat zurück. Von da an reiste er nur noch innerhalb Russlands.

Peredwischniki – die Wandermaler

Schischkin war ein erstaunlich produktiver Maler, der rund 600 Werke erschuf. Er wurde vor allem für seine außergewöhnlichen Gemälde der Wildnis geschätzt. Er war für seine üppigen Waldlandschaften so bekannt, dass er „Zar des Waldes“ genannt wurde. Er malte sehr oft allein draußen, was ihm unter seinen Mitschülern die Spitznamen „Einsame Eiche“ oder „Bär“ einbrachte.

„Nebliger Morgen“, 1885 von Iwan Schischkin. Öl auf Leinwand. Foto: Public Domain

„Landschaft mit Baumstumpf“, 1892 von Iwan Schischkin. Öl auf Leinwand. Regionalmuseum der bildeten Kunst in Rostow am Don. Foto: Public Domain

Schischkin verbrachte unzählige Tage und Sitzungen im Freien mit dem Auf- und Abbau von Leinwänden, Staffeleien, Farben und Vorräten, um die Natur zu beobachten und eine Fülle von prächtigen Feldskizzen zu erschaffen. Es ist schwer, eine solche Ausrüstung tief in Wälder und Felder zu schleppen. Schischkin war ein fleißiger und disziplinierter Mann. Wie sonst hätte er eine so gewaltige Anzahl von Werken erschaffen können?

Selbst im Rahmen seiner großen Kompositionen beherrschte Schischkin die kleinsten Details. Auch wenn er größere und vollständige Werke im Atelier anfertigte, waren das echte Sonnenlicht und sogar das Mondlicht die belebenden Quellen für alle seine Gemälde, vor allem, weil Elektrizität, Glühbirnen und künstliches Licht zu seinen Lebzeiten gerade erst aufkamen!

Im Werk „Im wilden Norden“ fing Schischkin das Mondlicht ein. 1891, Öl auf Leinwand. Nationales Kunstmuseum der Ukraine in Kiew. Foto: Public Domain

1870 trat Schischkin der Genossenschaft der künstlerischen Wanderausstellungen bei, auch Peredwischniki genannt – einer Gruppe von russischen Künstlern, die Vertreter des Realismus und Naturalismus in der Malerei waren. Ein Jahr später eröffnete die Genossenschaft ihre erste Ausstellung, auf der zum ersten Mal ein einfaches, alltägliches Leben in Russland gezeigt wurde – im Gegensatz zur offiziellen Kunst – was großen Anklang beim Publikum fand. Schischkins Bilder erregten die Aufmerksamkeit des Sammlers Pawel Tretjakow, der die Werke des Künstlers für seine neue Galerie erwarb.

„Dickicht“, 1881 von Iwan Schischkin. Öl auf Leinwand. Tretjakow-Galerie in Moskau. Foto: Public Domain

Ein „Lied der Freude“

Iwan Schischkin benannte seine Werke meistens einfach nach den Jahreszeiten, Zeiten, Orten und den Eigenschaften des Tages, an dem er arbeitete. Die Titel bedürfen kaum der Ausschmückung, weil die Werke für sich selbst sprechen.

Heute, in einer Zeit, in der Tablets, Telefone und Bildschirme mit aller Art von Blinken, Leuchten und Summen unsere Aufmerksamkeit in vorprogrammierte, künstliche Atmosphären locken, kann man im weiten Raum von Schischkins Werken eine große Freiheit entdecken.

Das größte Vergnügen an seinen Gemälden ist vielleicht, wie gut er uns inspiriert, die großartige Harmonie der Natur zu schätzen. Einige seiner Werke tragen sogar den Titel „Etüde“, in der Art einer kleinen musikalischen Komposition. Kritiker bezeichneten seine Werke als ein „Lied der Freude“.

„Winter“, 1890 von Iwan Schischkin. Öl auf Leinwand. Russisches Museum in St. Petersburg. Foto: Public Domain

Egal, ob man ihm in den Wald, durch weite Felder und endlose Klippen, zu einem verrottenden Baumstumpf, einem Grasfeld oder einem einfachen Stein folgt, Schischkins Wertschätzung der Natur und der Schöpfung ist tiefgründig. Iwan Schischkin nutzte die kurze Zeit und das große Talent, die ihm auf Erden gegeben waren, um das Leben zu ehren. Im Jahr 1898 starb er plötzlich im Atelier, während er an dem Gemälde „Waldreich“ arbeitete.

Schischkins Gemälde überleben als Ikonen der russischen Seele und wenden sich an alle menschlichen Seelen als eine Offenbarung der Schönheit im überirdischen Licht.



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