Das Oberleder wird in Handarbeit passend zur Leiste gefertigt.Foto: Vickermann und Stoya

Traditionelles Handwerk am Leben erhalten

Von 14. Februar 2022
Wie in Baden-Baden ein Maßschuhmacher handgefertigte Einzelstücke herstellt.

Ein maßgeschneidertes Kleidungsstück, das speziell für die eigene Figur angefertigt wird, hat etwas ganz Besonderes an sich. Diese Art von Mode ist kostenintensiver als ein Stück aus der Massenproduktion, spart aber auf lange Sicht Geld, ist einzigartig und nachhaltig.

In der kleinen Stadt Baden-Baden im Südwesten Deutschlands macht der Maßschuster Vickermann und Stoya ein Handwerk salonfähig, das im Jahr 2022 nur noch schwer zu finden ist.

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war die Maßschuhmacherei beliebt. Die Kunden besuchten ein Geschäft, ließen ihre Maße und Wünsche aufnehmen und kamen später wieder, um ihr für sie individuell angefertigtes Schuhwerk abzuholen. Die Industrialisierung mit ihrer Massenproduktion veränderte die Schuhherstellung für immer und machte Maßschuhe zu einer Seltenheit. Viele der heutigen Schuhe besitzen nicht mehr die hohe Qualität und Liebe zum Detail, die sie einst hatten.

Matthias Vickermann und Martin Stoya wissen um den Wert der traditionellen Schuhmacherei. Sie fertigen und reparieren Schuhe für Männer, Frauen und Kinder auf der ganzen Welt. Das ist eine besondere Kunst, „und wir tun viel, um dieses Handwerk zu erhalten“, sagt Vickermann. Er weiß, dass es für die Hersteller in Deutschland nicht leicht ist, sich auf dem Markt zu behaupten. Doch die deutsche und internationale Kundschaft unterstützen das Handwerk.

Vickermann lernte das Schuhmacherhandwerk in einer kleinen Werkstatt in Baden-Baden. Zuvor war er gelernter Buchhalter, entschied sich dann aber für eine andere Richtung und für das Handwerk. „Ich habe Schuhgröße 50 und habe schon damals gerne schöne Schuhe getragen“, sagt er. „Die Branche finde ich sehr interessant, meine Entscheidung bereue ich bis heute nicht.“ Mit seinem Hintergrund kümmert er sich überwiegend um den geschäftlichen Teil des Unternehmens.

Stoya ist ausgebildeter Orthopädieschuhmacher und lernte während seiner Ausbildung auch traditionelle Handnähmethoden kennen. So bringt er beide Aspekte in seine Arbeit ein: „Das Besondere bei uns ist, dass auch die orthopädischen Details berücksichtigt werden, sodass beide Fachgebiete in einem vereint sind und die Schuhe wie eine zweite Haut sitzen“, sagt er. In seiner Werkstatt ist er immer mit einer Schürze anzutreffen, um ein Paar Schuhe zu reparieren oder ein Neues mit speziellen orthopädischen Elementen anzufertigen.

In einer Schuhmacherwerkstatt lernten sich die beiden kennen, arbeiteten viele Jahre lang als Kollegen zusammen und verstanden sich gut. „In einem Gespräch wurde dann klar, dass wir beide den Schritt in die Selbstständigkeit wagen wollen“, so Vickermann. Schließlich wurde im Jahr 2005 ihr Baden-Badener Unternehmen gegründet.

Die Entstehung eines Schuhs

Das Geschäft befindet sich in einem historischen Gebäude und der Kunde blickt beim Betreten in die offene Werkstatt. So kann man den Schuhmachern bei der Arbeit über die Schulter blicken und auch die verschiedenen Modelle und Lederaccessoires kennenlernen. Im Stockwerk über dem Geschäft befinden sich Büros, ein Schuhputzsalon und eine Bar, in der häufig Seminare stattfinden.

Der Kunde wählt sein gewünschtes Schuhmodell aus und entscheidet sich für das Leder und die Farbe. Die Auswahl reicht vom klassischen Kalbsleder bis hin zu Straußenleder oder anderen exotischen Häuten. „An dieser Stelle wird das Gespräch interessant“, so Vickermann. „Eine ehrliche Kundenberatung ist uns sehr wichtig und dafür nehmen wir uns auch viel Zeit.“

Anhand dieser Informationen stellen sie die Leisten, also die Schuhformen, her. Sie bestellen unbearbeitete Leisten, die viel größer sind als benötigt, bringen sie auf die richtige Fußgröße und schleifen sie in die gewünschte Form.

„Die größte Schwierigkeit besteht darin, die Maße und die Form zusammenzubringen“, so Stoya. Die Maße des Kunden müssen genau abgeglichen sein, damit am Ende alles perfekt passt. „Dieser Schritt dauert von einer bis zu vier Stunden“, meint er.

Zunächst wird ein Probeschuh aus einfachem Leder angefertigt, den der Kunde zwei Wochen lang trägt. Anhand der Abdrücke und Markierungen, die der Fuß während dieser Probezeit hinterlässt, erkennt der Schuhmacher, wo die Passform nicht exakt ist, wie weit die Schnürung geöffnet sein muss, wie sich der Fuß im Laufe des Tages dehnt oder anschwillt und wie der Kunde geht.

„Der Kunde gibt uns dann ein Feedback und wenn nötig, müssen die Leisten noch einmal geändert werden“, so Stoya. Dann beginnen sie mit dem Zusammenbau der eigentlichen Schuhe.

Das Modell des Kunden wird anhand von Papierschablonen konstruiert und die Proportionen werden überprüft. Die Einlegesohle wird erstellt, dann werden einzelne Stücke aus dem ausgewählten Leder geschnitten, um das Oberleder zu konstruieren, das später geformt und über den Leisten geklemmt wird. Das Leder und die Einlegesohle werden von Hand zusammengenäht, und nachdem der Schuh an der Luft getrocknet ist, werden die Sohlen und Absätze Schicht für Schicht gefertigt.

„Wir machen alles von Hand vor Ort“, sagt Vickermann. „Da die Schuhe während des gesamten Prozesses die Manufaktur nicht verlassen, kann der Kunde spontan vorbeikommen und sich nach dem Zustand seiner Schuhe erkundigen.“

Abschließend werden die Schuhe zum Schutz versiegelt, veredelt und auf Hochglanz poliert.

„Der Prozess vom Maßnehmen bis zum fertigen Maßschuhpaar dauert etwa 60 Stunden – das entspricht zwei Monaten“, so Stoya. Erstbestellungen für Männer und Frauen einschließlich Leisten und Probeschuhen kosten um die 3.000 Euro.

Ein schützenswertes Handwerk

Im Zeitalter der Massenproduktion glaubt das Duo noch immer an die traditionelle Maßanfertigung. „Handgefertigte Mode ist ein Ausdruck der Persönlichkeit, bei der auch Traditionen und Handwerk lebendig gehalten werden“, meint Vickermann.

Sie haben festgestellt, dass immer mehr Menschen das Handwerk zu schätzen wissen, und so investieren mehr Verbraucher in langlebige Couture- und Maßmode.

„Die Menschen legen mehr Wert auf Nachhaltigkeit und Langlebigkeit, da ihnen auch die Umwelt immer wichtiger wird“, so Vickermann. „Gute Qualität bedeutet definitiv eine höhere Langlebigkeit.“

„Auch das Handwerk insgesamt wird wieder mehr beachtet und bewundert, da die Menschen dessen Wert erkennen und realisieren, dass viele Berufe vom Aussterben bedroht sind.“

Ihr Geschäft ist im Laufe der Jahre gewachsen. In den Anfängen „arbeiteten wir nur zu zweit“, sagt Stoya. Inzwischen sind sie auf acht Mitarbeiter angewachsen und haben sich zu einem „Schulungsunternehmen entwickelt, das Menschen über unsere Arbeit informiert und Seminare zur Schuhpflege veranstaltet.“

Vickermann hat seit etwa sechs Jahren keine Schuhe mehr selbst hergestellt. Er ist viel unterwegs, besucht internationale Kunden, um Maß zu nehmen und lernt auf Veranstaltungen neue Kunden kennen. „Ich fühle mich im Verkauf unglaublich wohl und es macht mir auch großen Spaß, anderen Menschen unser Handwerk zu vermitteln und sie dafür zu begeistern“, sagt er.

Diese persönlichen Beziehungen sind ein exklusives Merkmal der altmodischen Maßschuhmacherei. „Wir haben festgestellt, dass es unseren Kunden nicht nur um das Produkt geht, sondern auch um den zwischenmenschlichen Aspekt, der natürlich auch bei uns an erster Stelle steht“, so Vickermann. „Wir sind bereit, unsere Kunden überall auf der Welt zu besuchen und persönlich zu beraten … zu jeder Tageszeit. … Nur so kann jahrelanges Vertrauen aufgebaut werden.“

Während der Pandemie haben sie ihre Dienstleistungen sogar digital erweitert und einen Online-Shop für Schuhreparaturen eingerichtet (ShoeDoc.de). Die Verbindung zu ihren Kunden zu halten, ist ihnen wichtig.



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