Zur Verteidigung unserer Verteidiger – Ein Essay

Von 12. August 2018 Aktualisiert: 13. August 2018 9:42
Was in der Literatur so ruhig und doch zutiefst ergreifend erzählt wird, sind einerseits die ewigen Verbrechen menschlicher Machtsucht und Raublust, andererseits das Heldentum jener Männer, die geschworen haben, Heimat und Volk zu verteidigen und bereit sind, hierfür den höchstmöglichen Preis zu zahlen: ihr Leben ...

EPITAPH

Wanderer, kommst du nach Sparta, dann sag ihnen, dass du uns hier liegen sahst, so wie das Gesetz es befahl.
Simonides von Cheos (556 – 468 v.Chr.)

Wenn ich diese Zeilen lese, verengt sich meine Kehle und ich muss hart schlucken. Aus dem Zusammenhang genommen, sind es nur ein paar Worte ohne Bedeutung. Aber sobald ihr Sinn klar wird, ist es ein Gedicht so gross und so zeitlos, dass ich Schwierigkeiten habe, in der Literatur der nächsten zwei Jahrtausende etwas Gleichwertiges zu finden. Denn was da so ruhig und doch zutiefst ergreifend erzählt wird sind einerseits die ewigen Verbrechen menschlicher Machtsucht und Raublust, andererseits das Heldentum jener Männer, die geschworen haben, Heimat und Volk zu verteidigen und bereit sind, hierfür den höchstmöglichen Preis zu zahlen: ihr Leben …

Simonides berühmtes Epitaph gedenkt der Schlacht von Thermopylae, ein schmaler Pass an Griechenlands Ostküste etwa 100 Kilometer nördlich von Athen. Im August 480 v. Chr. überfielen die Perser unter Xerxes die Gefilde Homers zu Land und zur See mit einer gewaltigen Streitmacht. Überrascht und gänzlich unvorbereitet, verzichteten die Griechen ausnahmsweise darauf, sich gegenseitig zu bekriegen und schmiedeten ein Bündnis, verloren dabei aber kostbare Zeit. Während sie verzweifelt ihre zerstreuten Kräfte sammelten, bestand die strategisch bedeutsamste Notwendigkeit darin, den persischen Vormarsch so lange aufzuhalten, bis alle bereit waren. Diese Aufgabe fiel den Spartanern zu, Griechenlands kriegerischstem Clan und im allgemeinen gut vorbereitet, die sofort eine Expeditionstruppe nach Thermopylae unter ihrem König Leonidas entsandten. Mit seiner Armee, winzig im Vergleich zur Übermacht des Feindes, aber begünstigt durch ein schwieriges Terrain, gelang es ihm, den Vormarsch der Perser für drei lange Tage und Nächte aufzuhalten und so den Griechen genügend Zeit zu geben, um sich zu sammeln. Die darauf folgende Schlacht führte durch eine Kombination von hervoragender militärischer Taktik, brillanten Seestrategien und reinem Glück zu einer vollständigen Vernichtung von Xerxes Armeen. Wohingegen König Leonidas und seine kleine Gruppe von Verteidigern bis auf den letzten Mann fielen.

Dies hat Simonides dazu angemerkt:

Den Gefallenen
Ihr, die ihr bei Thermopylae euer Leben liesset
Im Tod habt ihr Ruhm errungen
Ein Altar ist euer Grabstein, Erinnerung an unsere Trauer
Und unsere Klagen sind ein Lied des Triumphs.
Euer Kenotaph wird niemals mit Moos bedeckt sein
Oder Vergessenheit
Auch durch den Alles-Zerstörer Zeit nicht aufgehoben.
Denn dort neben euch im dunklen Gewölbe ruht
Im Heiligtum von Hellas Ehre und Rasse
Leonidas König von Sparta
Schimmerndes Beispiel männlicher Entschlossenheit
Der uns unsterblichen Ruhm gab!

Wie man sieht, waren dies Zeiten, in denen Soldaten noch als Personen von einiger Bedeutung erachtet wurden. Wohingegen heutzutage unsere Landesverteidiger ein eher obskures und vernachlässigtes Dasein führen, offensichtlich ungeliebt von der politischen Führung, vielleicht sogar gefürchtet als mögliche Putschisten, und deshalb beglückt mit einer Merkelkreatur als Verteidigungsministerin, die an Inkompetenz und Stillosigkeit nicht zu unterbieten ist. Offensichtlich nur zu dem Zweck installiert, die Truppe feministisch zu verspotten, versucht sie obendrein, jegliche Erinnerung an die glorreiche Vergangenheit derselben auszumerzen. All dies angesichts eines katastrophalen Zustandes von Ausrüstung und Material, was dann auch dazu führt, dass ein veralteter Hubschrauber in Afghanistan oder in Mali abstürzt und etlichen von unseren Soldaten das Leben kostet, welche aus unerfindlichen Gründen entweder die Opiumfelder der Taliban bewachen oder aber die Goldminen der Rothschilds vor ihren rechtmässigen Eigentümern schützen.

Ich selbst habe keinerlei militärische Erfahrung. Gerade zwanzig Jahre alt, erhielt ich per Einschreiben den Befehl, alles stehen und liegen zu lassen und mich zwecks Antritts meines Wehrdienstes bei unserer brandneuen Bundeswehr zu melden. Dies nun kam in einem gänzlich ungelegenen Moment, denn längst hatte ich vor, Europa und Gebiete weit darüber hinaus per Anhalter zu erkunden. Während ich noch über die Situation nachdachte, sagte meine Mutter: Mein Mann ist im letzten Krieg gefallen, ich weigere mich, meinen Sohn im nächsten zu verlieren. Gute Reise!

Am selben Abend veranstaltete ich ein fröhliches Besäufnis mit einigen alten Kumpanen, um meine abrupte Abreise zu feiern, wobei einer der Schwachköpfe die Idee hatte, den Hintern mit der Vorladung zu reinigen und sie dorthin zu schicken, woher sie gekommen war. Was die Empfänger erheblich verärgerte, denn ein paar Tage später tauchte ein mickriger Zivilist mit einem Trupp Polizisten auf, Blaulicht flackernd und Sirenen heulend und Handschellen im Anschlag, um mir eine Lektion in Demokratieverständnis zu erteilen. Doch alles umsonst, denn am Tag zuvor war ich unbemerkt über die Grenze nach Österreich entkommen.

Infolgedessen war meine Wertschätzung in diesen Jahren für militärische Angelegenheiten eher zurückhaltend, wenn nicht gar feindselig. Dies änderte sich ein Jahrzehnt später ganz unerwartet, nämlich in den frühen siebziger Jahren, als ich mich für eine Weile in Amsterdam niedergelassen hatte. Was paradox klingt, denn dies war die Epoche von Frieden und Freier Liebe, Flower Power, langen Haaren, bunten Outfits und genug Hashish, um einen Elefanten zu betäuben. Meine christlichen Grundsätze liessen sich glückhaft mit dem Love is all you need der Beatles vereinbaren, und für die generelle Erweiterung meines Horizontes sorgten Huxley’s Doors of Perception und ähnlich gelagerte Offenbarungen.

Beflügelt von der öfter wiederkehrenden Illusion, vielleicht für immer zu bleiben, hatte ich eines dieser typischen Amsterdamer Häuser neben einem Kanal gekauft, sieben Stockwerke hoch, aber extrem schmal, mit lebensgefährlich steilen Treppen und im Winter ohne Heizung ausser einem tragbaren Gasherd, der seinen Gestank einer meist mit Tabakrauch und Cannabisdunst gesättigten Luft hinzufügte. In Übereinstimmung mit meinen menschenfreundlichen Absichten öffnete ich Tür und Tor für vorüberwehende Reisende, und bald wurde das Haus eine Art Karawanserei ohne irgendwelche Vorbehalte. Während meine Popularität wuchs, begann ich, immer kühnere Systeme zur Einführung des sofortigen Weltfriedens zu entwerfen, die ich sodann meinen Gästen offenbarte. Welche, je nach Art der Bekifftheit, entweder Tränen lachten oder darüber einschliefen. Kurzum, es war eine herrliche Zeit, unwissend und unschuldig, und voller Hoffnung und Liebe.

Bis eines Tages jemand einen Burschen mitbrachte, der nicht wirklich zur Familie passte. In den späten Zwanzigern, gross, mit grauen Augen und kastanienbraunem Haar, eindeutig aus guter Familie, war er angeblich ein Amerikaner aus dem Mittleren Westen namens Kelly. Wie die Schauspielerin. Ich habe seinen Vornamen nie herausgefunden. Er hinkte leicht und hatte ein Problem mit dem rechten Arm. Was mich sofort und beunruhigend beeindruckte, war seine emotionale Distanz, die stille Unnahbarkeit, ein nach Innen gekehrter Blick, der die Welt scheinbar nur marginal zu betrachten schien, wie aus einem Augenwinkel. Mein Bekannter, der ihn im Schlepptau hatte, murmelte entschuldigend: Ex-Marine, verstehst du? Vietnam-Veteran! Gerade zurückgekommen. Ein bisschen verrückt, aber cool. Benötigt ein Dach über dem Kopf für ein paar Tage. Und ob es ein Problem war. Ich sagte etwas albernes wie: Solange er seine Kanonen für sich behält … und hiess ihn willkommen.

Und so trat Kelly in mein Leben und machte mich zu einem Mann. Ich sagte ihm, er solle sich wohlfühlen und seinen kleinen Rucksack im Auge behalten, und ob er ein paar Gulden beisteuern könnte für das tägliche grosse Abendessen und die verschiedenen Essenzen, welche danach die Runde machten. Sehr gern, antwortete er auf seine ruhige und höfliche Art, allerdings noch nicht heute, da er pleite war. Aber sicherlich in der nächsten Woche, fügte er hinzu, denn er sollte in einem der makrobiotischen Restaurants einen Job als Tellerwäscher bekommen. Inzwischen könnte er, sozusagen als eine Art Entschädigung, jene Räumlichkeiten des Hauses ausfegen, in denen die täglichen Festivitäten ihren Lauf nahmen.

Nun klang ausfegen in Bezug auf das Haus und seine Gäste nicht unbedingt überwältigend. Meine damalige Flamme, eine hinreissende Flower-Power-Schönheit, war nicht ganz so enthusiastisch, wenn es um eine fürsorgliche Haushaltung ging. Dasselbe galt für den Rest der Anwesenden. Was nicht bedeutete, dass das Haus wie ein Mülleimer aussah, aber besonders sauber war es auch nicht. Ich sagte OK, vergass das Ganze und ging am nächsten Morgen meiner Wege. Was aus einigen nicht allzu ernsthaften Beschäftigungen bestand. Wie etwa Redaktion und Vertrieb eines kleinen Hippie-Stadtführers, der Nachrichten über das Neueste in Rock und Pop enthielt, welcher Leadsinger von welcher Band mit welchem Groupie schlief, wer am Flughafen mit Koks in den Absätzen seiner Krokodillederstiefel erwischt wurde, wer an einer Überdosis aus Speed, LSD und Beruhigungsmitteln gestorben war, oder welche stadtbekannte Kultfigur diesen oder jenen absoluten Schwachsinn von sich gegeben hatte. Plus lokale Informationen, Preise für Hash und wo man ihn kaufte und wo besser nicht, oder wichtige Ratschläge wie etwa die kostenlose Behandlung von Tripper und Syphilis, denn die vielgepriesene Freie Liebe hatte auch gewisse Nachteile. Ein weiteres Mini-Racket waren gefälschte Studentenausweise und dienten hauptsächlich dazu, die überteuerten Fluggesellschaften um zwanzig Prozent und mehr über das Ohr zu hauen, sei es für ein Ticket in die Staaten, nach Goa oder Katmandu.

  © Manfred von Pentz

All dies gegen eine Handvoll Cents oder, sofern sie nicht vorhanden waren, umsonst. Als ich am selben Abend nach Hause kam, traute ich meinen Augen nicht. Dasselbe galt für meine Gäste, von denen die meisten in der Stadt unterwegs gewesen waren. Das Haus sah makellos aus! Saubere Küche, sauberes Geschirr, saubere Toiletten, saubere Fenster, Fussboden schimmernd. Plus ein paar Handtücher und Bettwäsche gewaschen und zum trocknen auf dem Dachboden aufgehängt.

Was auch immer sonst in meinem Kopf herumging, an diesem Tag erkannte ich die Unordnung, in der ich gelebt hatte, meine allgemeine Sorglosigkeit und Verantwortungslosigkeit, die Missachtung meiner Gesundheit und meines gesunden Menschenverstandes, die Unwahrscheinlichkeit wenn nicht völlige Torheit meiner Lösungen für eine bessere Welt, und dass es an der Zeit war, zu neuen Ufern aufzubrechen. Es geschah nach und nach, aber unerbittlich. Ich sagte Kelly, dass ich erfreut sei und er so lange bleiben könne wie er wolle.

Um das Ganze abzurunden, bot ich ihm ein winziges Zimmer auf dem Dachboden an, das er gerne annahm und in der Regel aufsuchte, nachdem er das Haus auf Vordermann gebracht hatte und bevor die Abendsoiree in vollem Gange war. Eines Tages erwähnte ich etwas beiläufig, dass ich hoffte, er sähe sich nicht als mein Diener, worauf er ruhig antwortete: Ich bin kein Diener, weiss aber zu dienen. Eine Bemerkung, die das Geheimnis, welches Kelly für mich geworden war, nur noch vertiefte. Denn ich wusste jeden Tag deutlicher, dass dort oben auf dem Dachboden nicht nur ein neuer Freund lebte, sondern auch etwas Ungeheuerliches, das keinen Namen hatte.

Natürlich versuchte ich, mehr über ihn zu erfahren, und im Laufe der Zeit gab er einige Informationen preis. Geboren in Virginia. Scheidung der Eltern als er acht Jahre alt war. Sein Vater spurlos abgetaucht. Wiederheirat der Mutter mit einem Versicherungsvertreter, den er kaum kannte. Militärkarriere, Leutnant, Vietnameinsatz sofort nach Erhalt seiner Insignien. An die Front geschickt, ohne Zeit für eine Tasse Tee zu haben. Dreissig bis vierzig Männer unter seinem Befehl, abhängig von gegnerischen Aktivitäten.

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Als ich mehr wissen wollte, sah er mich mit seinen entfernten Augen an und fragte, ob wir es dabei belassen könnten. Während die Tage vergingen, besuchte ich ihn hin und wieder, aber wir redeten nie viel, und meistens sah ich ihm zu, wie er aus dem Fenster auf den Kanal blickte und das Wasser, das da so langsam vorbeizog. Oder er las mir einen Vers aus seiner alten Bibel vor und wollte wissen, was ich davon hielt, vermittelte aber bei all seiner Höflichkeit den Eindruck, dass alles, was ich zu sagen hatte, völlig irrelevant war.

Eines Abends im Spätherbst stieg ich wieder hinauf, und als er mich bat hereinzukommen und dann ansah, schienen seine Augen so weit entfernt wie immer, mit dem einzigen Unterschied, dass Tränen langsam seine Wangen hinunterliefen. Jetzt bin ich nicht gerade ein Nesthäkchen und kann bei ausreichender Provokation so ruppig werden wie ein rostiger Nagel. Aber es gibt eine Sache, die mich jetzt und immerdar ausser Fassung bringt, und das sind Tränen. Du magst Messalina selber sein und mich und die Köchin und den Chihuahua mit Schierling vergiften, und doch könnte ich dir vergeben, wenn du an meinem Sterbebett eine Träne der Reue weinen würdest. Also setzte ich mich hin und sagte etwas albernes, wie etwa ich wäre sein Freund, hätte ihm Schutz und Vertrauen gegeben, und dass er mir eine Antwort schuldete. Was ihn schliesslich zum Reden brachte.

Krieg in unserer Zeit. Die ständige Furcht, auf eine Mine zu treten, wenn du unterwegs warst. Die eigentlichen Gefechte mit einem Adrenalinstoss beginnend, als du erst die Kugeln hörtest, die um deine Ohren schwirrten, und nur den Bruchteil einer Sekunde später das Knallen der Waffen. Als du in ein Dorf kamst und nie wusstest, ob sie eine Handgranate auf deine Männer werfen würden nachdem sie dir eine Schale Reis angeboten hatten. Die verstümmelten Leichen von Frauen und Kindern, Haufen von ihnen. Die Nächte, in denen du wach lagst in einem fadenscheinigen Unterschlupf, dem Donner der fernen Mörser lauschtest oder dem Rascheln im Gras, das eine giftige Schlange oder der Feind selbst sein konnte. Die absolute Andersartigkeit der Menschen, deren Freiheit zu verteidigen du von so weit herkamst. Die ständige Notwendigkeit, die eigenen Männer unter Kontrolle zu halten und dabei ein Beispiel für Mut und Entschlossenheit in einer Situation völligen Wahnsinns zu sein. Sie daran zu hindern, Amok zu laufen und ihre Waffen zu schwenken und wahllos auf alles zu schiessen, was sich bewegte, nachdem sie eine Grausamkeit zu viel erlebt hatten. Die sich langsam verdichtende Erkenntnis, dass der Krieg von Anfang an aus ganz anderen Motiven vom Zaun gebrochen wurde als offiziell behauptet. Ein wachsendes Wissen, dass du am falschen Ort unterwegs warst, zur falschen Zeit, mit den falschen Motiven. Und schliesslich der letzte Strohhalm.

Ein Dorf, das der Vietcong überrannt hatte und dessen Ältester auch unter Folter keine wichtigen Informationen über die Bewegungen des Feindes preisgab, vermutlich weil er nichts wusste. Weshalb sie seine Tochter erwählten, ein Mädchen von ungefähr fünf Jahren, und in der Hoffnung folterten, ihn zum Reden zu bringen. Dies geschah mit allen möglichen Mitteln, obwohl gerade nicht genug, um sie direkt zu töten. Als Kelly und seine Männer das Dorf betraten, war sie bereits gestroben, lag aber immer noch auf einer improvisierten Trage aus Bambus. Als sie in das blutig verklebte kleine Gesicht und auf den zerbrochenen kleinen Körper starrten, schien es, als ob eine unausgesprochene Übereinkunft zwischen ihnen stattfand. Kelly bestach einen Dorfbewohner und nach drei Tagen trafen sie auf den Feind. Die Vietcong-Einheit war ungefähr fünfzig Mann stark, aber sorglos genug, um nur eine Wache zu setzen. Kelly griff im ersten Tageslicht an, erlitt zwei Kausalitäten, und danach kümmerte es ihn nicht mehr, was seine Männer denen antaten, die gefangen genommen worden waren.

Liebe für immer verleugnet, das Ende aller Vernunft, eine Rückkehr zur reinen Barbarei, ein irreversibler Abstieg in Wahnsinn und Verzweiflung. Danach verschärfte sich die Situation, denn der Vietcong gewann an Boden und die Kämpfe wurden von Tag zu Tag härter. Kelly verlor alle Hemmungen und entwickelte die Angewohnheit, direkt ins feindliche Feuer zu laufen und dabei selbst Feuer zu speien, und für eine Weile sah es so aus, als brauchte er die sprichwörtliche goldene Kugel, um ihn zu Fall zu bringen. Aber dann erwischte es ihn in Bein und Schulter gleichzeitig, und das war das Ende vom Lied.

Zurück in den Staaten wurde er umgehend zusammen geflickt, lebte in armseligen Baracken, wurde mit Bürokratie überflutet hinsichtlich welcher Bezüge und welcher nicht, machte die zweifelhafte Bekanntschaft mit einem militärischen Psychiater, der noch nie einen Vietcong gesehen hatte und Beruhigungsmittel zurückliess, die Kelly die Toilette hinunterspülte. Eines Tages kam ein cleverer Hauptmann aus einer Propagandaeinheit vorbei und bat ihn, an einer Art Präsentation teilzunehmen, die der wachsenden Unzufriedenheit im Lande über den Krieg entgegenwirken sollte. Kelly zog seinen Kampfanzug an samt Dekorationen und stand auf einem Podium neben einem Senator oder Kongressabgeordneten, der versuchte, etwas zu sagen. Ein hoffnungsloses Unterfangen, denn die Menge, umfangreich und jung und grösstenteils langhaarig, schrie ihn ohne Unterbrechung nieder. Als Kelly sich zum Gehen wandte, kam ein Mädchen, jung und schön wie jene, von denen er geträumt hatte während er wach lag und den fernen Geschützen lauschte oder nur einem Rascheln im Gras. Sie sah ihn an mit unendlicher Abscheu und nannte ihn einen Mörder.

Ein Sentiment inzwischen aufgegriffen von einer Presse, der nur gesteigerte Auflagen wichtig waren, oder von Politikern, die alles für ein paar Wählerstimmen mehr verlauten lassen würden. Schliesslich tauchte ein Zivilist auf und sagte ihm mit schiefem Grinsen, dass es so aussah, als sei er ein wenig zu sorglos in seine Kugeln gelaufen, und dass dies die endgültige Berechnung seines Soldes beeinträchtigen könnte, und ob er noch einige Fragebögen ausfüllen könnte. Worauf Kelly ihm anbot, sich seinen Sold in den After zu schieben, die Sachen packte und in Richtung Europa verschwand. Dies mit der generellen Idee, nach Südafrika weiter zu ziehen, wo der Vater eines alten Gefährten eine weitläufige Farm im Transvaal besass und einen kampferprobten Mitarbeiter gebrauchen konnte, denn das Land war bereits unruhig und nächtliche Überfälle von Mandelas Halsabschneidern an der Tagesordnung.

Er schaute aus dem Fenster, während er dies sagte, und es schien, als sei Südafrika eine ferne Erinnerung und kein wirklicher Ort. Die Nacht war alt geworden, und nachdem ich endlich in mein Zimmer zurückging, lag ich lange still und fand erst etwas Schlaf, als die Welt zu erwachen begann. Kelly arbeitete einen Monat lang als Tellerwäscher und sagte mir eines Tages, dass er sich entschieden hatte abzureisen. Ich gab ihm eine meiner Studentenkarten für ein ermässigtes Ticket nach Kapstadt und fuhr ihn zum Flughafen. Er bedankte sich und sagte mir, wir würden uns sicherlich wiedersehen, obwohl wir beide irgendwie wussten, dass dies unwahrscheinlich war. Ich sah zu, wie er über den Asphalt humpelte, ins Flugzeug stieg und davonflog.

Und erst da wusste ich zum ersten Mal, dass sein mutiges und grosses Herz irreparabel beschädigt worden war.

 

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https://www.epochtimes.de/tag/manfred-von-pentz

http://www.manfredvonpentz.net/

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