Mindestens 10.000 Jahre alt: Prähistorisches Skelett aus Südmexiko gibt wichtige Hinweise auf Besiedlung Amerikas

Von 7. Februar 2020 Aktualisiert: 7. Februar 2020 10:48
Auf der Halbinsel Yucatán in Südmexiko entdeckten Forscher 2016 das prähistorische Skelett einer 30-jährigen Frau. Neuste Ergebnisse zeigen, dass die menschlichen Überreste mindestens 10.000 Jahre alt sind und Hinweise auf die Besiedlung Amerikas geben.

Die Menschen leben bereits mindestens seit dem Jungpleistozän (vor 126.000-11.700 Jahren) auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán. Vieles von dem, was wir über diese frühesten Siedler Amerikas wissen, stammt von gut erhaltenen menschlichen Skeletten, die Wissenschaftler in den Höhlen bei Tulum in Quintana Roo, Mexiko entdeckten.

Ein internationales Forscherteam unter Federführung von Geowissenschaftlern der Universität Heidelberg untersuchte einen dieser menschlichen Überreste und liefert wichtige Erkenntnisse für die frühe Besiedlungsgeschichte des amerikanischen Kontinents. Die Forscher veröffentlichten ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift „PLOS ONE“.

Skelett zeigt Unterschiede zwischen den ersten Siedlern Amerikas

Entdeckt wurde das Skelett bereits 2016 nahe der Stadt Tulúm in der Chan-Hol-Höhle (Mexiko). Diese wurde vor rund 8.000 Jahren infolge des Wechsels von Kalt- und Warmzeit und dem damit verbundenen Anstieg des Meeresspiegels mit Wasser geflutet. Außerdem fanden die Forscher zuvor neun weitere prähistorische Skelette in dem komplizierten Höhlensystem.

Nach Angaben von Prof. Dr. Wolfgang Stinnesbeck, dem Leiter des Forschungsteams, sind alle zehn Skelette zwar nicht immer vollständig, aber gut erhalten. Sie bieten wertvolle archäologische, paläontologische und klimatische Informationen über den amerikanischen Kontinent und seine ersten Bewohner, die Paläoindianer.

Zu den Besonderheiten der Tulúm-Skelette gehört, dass sie rundköpfige – mesozephale – Schädelmerkmale aufweisen. Damit unterscheiden sie sich von der langköpfigen – dolikozephalen – Morphologie der Paläoindianer aus Zentralmexiko und Nordamerika, so Prof. Stinnesbeck.

Unterschiedliche Herkunft oder Isolation

Für die Forscher ist das ein Hinweis, dass zu dieser Zeit zwei morphologisch unterschiedliche paläoindianische Gruppen in Amerika gelebt haben müssen. Möglicherweise erreichten sie den amerikanischen Kontinent von verschiedenen Ursprungsorten aus. Oder aber eine kleine Gruppe von frühen Siedlern lebte isoliert auf der Halbinsel Yucatán und entwickelte in kurzer Zeit eine andere Schädelmorphologie.

Nach den Worten von Prof. Dr. Silvia Gonzalez und Dr. Sam Rennie von der Liverpool John Moores University (Großbritannien) scheint die frühe Besiedlung Amerikas damit komplexer zu sein, als bislang angenommen. Zudem müsse sie bereits zu einem früheren Zeitpunkt erfolgt sein.

Wenn ein Skelett Geschichten erzählt

Die Frau, deren Skelett von den mexikanischen Tauchern Vicente Fito und Iván Hernández gefunden wurde und nun dokumentiert werden konnte, war bei ihrem Tod etwa 30 Jahre alt.

Ihr Schädel weist mehrere Verletzungen auf, die möglicherweise aber nicht die Todesursache bildeten. Die Wissenschaftler fanden außerdem Hinweise auf eine Infektion, vermutlich hervorgerufen durch Bakterien der Treponema-Gruppe, die eine starke Veränderung der Schädelknochen verursacht hat.

Wie auch bei den anderen Tulúm-Skeletten konnte bei den Zähnen der Frau Karies festgestellt werden, was auf eine Ernährung mit hohem Zuckergehalt hinweisen könnte. Demgegenüber fanden sich bei den meisten Skeletten der Paläoindianer aus Zentralmexiko und Nordamerika abgenutzte Zähne ohne Karies; dies deutet auf eine harte Nahrung hin.

Ein Finger zeigt das Alter

Um das genaue Alter des Fundes herauszufinden, nutzten die Wissenschaftler eine physikalische Methode der Altersbestimmung, die auf dem radioaktiven Zerfall von Uran und seiner Umwandlung in Thorium basiert. Datiert wurden die Uran-Thorium-Isotopen in einer Kalkkruste, die auf den Fingerknochen des Skeletts in der ursprünglich trockenen Chan-Hol-Höhle gewachsen war.

Damit konnten Prof. Dr. Norbert Frank und seine Forschungsgruppe vom Institut für Umweltphysik der Universität Heidelberg dem Skelett ein Mindestalter von 9.900 Jahren zuweisen. Allerdings war der Körper zu diesem Zeitpunkt schon skelettiert, so dass der prähistorische Fund noch älter sein muss.

Außerdem haben Wolfgang Stinnesbeck und sein Team im Jahr 2017 ein weiteres menschliches Skelett aus der Chan-Hol-Höhle dokumentiert. Diese Knochenfunde wurden auf ein Alter von mindestens 13.000 Jahre datiert. Die Grundlage für die Datierung biete ein Tropfstein, der auf dem Hüftknochen des Skelettes gewachsen war. Sie sind für die Forscher ein Beleg für die unerwartet frühe Besiedelung Südmexikos.

Zweite Forschergruppe – ähnliches Ergebnis

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Auch Mark Hubbe, Professor für Anthropologie an der Ohio State University, und seine Kollegen untersuchten vier gut erhaltene Schädel aus den Höhlensystemen von Tulum. In ihrer kürzlich veröffentlichten Studie präsentierten sie ähnliche Ergebnisse wie Stinnesbeck und sein Team. So weisen alle vier untersuchten Schädel ebenso ein hohes Maß an morphologischer Vielfalt auf.

Während der älteste Schädel starke Ähnlichkeiten mit modernen arktischen Nordamerikanern in Grönland und Alaska zeigte, zeigte der zweitälteste Schädel Merkmale wie bei modernen europäischen Populationen. Von den beiden verbleibenden Schädeln schien einer Ähnlichkeiten mit asiatischen und indianischen Gruppen zu zeigen, während der andere neben einigen modernen südamerikanischen Merkmalen auch Gemeinsamkeiten mit arktischen Populationen zeigte.

„Die neuesten Befunde verkomplizieren die aktuell vorherrschende Theorie. Nach dieser sind sich die ersten Siedler in Amerika sehr ähnlich gewesen“, so Hubbe. „Wir haben immer über die Besiedlung Amerikas gesprochen, als ob Nordamerika und Südamerika das gleiche wären. Aber es sind verschiedene Kontinente mit unterschiedlichen Geschichten darüber, wie sie besiedelt wurden.“