Wahrheit basiert auf Tatsachen – das gilt auch für „Fridays for Future“ – Ein Kommentar

Von 19. Juli 2019 Aktualisiert: 19. Juli 2019 12:22
Seit den „Fridays for Future“-Demos müssen sich Lehrkräfte häufiger mit politisierten Schülern auseinandersetzen. Diese werden dabei immer uneinsichtiger gegenüber Fakten. Schuld ist die moralische Überhöhung der Politik, schreibt unser Gastautor.

Ein 18-jähriger Gymnasiast aus Köln rechtfertigt sich gegenüber dem Reporter eines Nachrichtenmagazins für seine Teilnahme an den Freitagsdemonstrationen der Klimaaktivisten mit den Worten:

Wieso sollte ich in die Schule gehen, wenn ich weiß, dass es in ein paar Jahrzehnten keine Schule mehr geben wird, wenn wir jetzt nicht auf die Straße gehen.“

Die Motive seiner Mitstreiter klingen ähnlich: Die Welt gehe unter, wenn sie sich jetzt nicht für das Klima ins Zeug legten.

In Geografie und Biologie haben die Freitagsaktivisten solche Untergangsszenarien sicher nicht gelernt. Selbst die Umweltorganisation Greenpeace, nicht eben für Untertreibungen bekannt, kennt kein Klimamodell, das auch nur annähernd die Weltuntergangsängste der demonstrierenden Schüler rechtfertigen würde.

Natürlich darf man im Meinungskampf übertreiben. Das haben Jugendbewegungen immer schon getan. Wenn aber von sieben etablierten Umweltorganisationen eben mal drei die krassen Forderungen der Klima-Jugend teilen, besteht die Gefahr, dass sich die Schüler durch ihren dystopischen Radikalismus selbst ins Abseits befördern.

Die Öffentlichkeit wirkt an der quasireligiösen Überhöhung der Schülerbewegung fleißig mit. So hat Berlins katholischer Bischof Heiner Koch die Vorbildwirkung der schwedischen Klimaschutz-Aktivistin Greta Thunberg mit der von Jesus Christus verglichen.

Auch historische Parallelen drängen sich auf. Im Jahr 1212 brachen Tausende Kinder und Jugendliche zu einem Kreuzzug zur Befreiung des Heiligen Landes auf, weil fanatische Bischöfe der Meinung waren, nur „unschuldige“ Kinder könnten die Erlösung bringen. Kein einziges Kind kam damals ans Ziel.

Ich habe am Gymnasium Klimapolitik unterrichtet. Dabei habe ich immer Wert darauf gelegt, alle bekannten Fakten zur Diskussion zu stellen. Dazu gehört die Tatsache, dass Deutschland nur für zwei Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich ist. Hilfreich ist auch das Faktum, dass der Anteil der regenerativen Energie an der deutschen Stromerzeugung inzwischen 44 Prozent beträgt – mit steigender Tendenz. Damit ist Deutschland Vorbild für alle Industrieländer.

Den Schülern ist auch bekannt, dass die ihnen so verhassten Kohlekraftwerke nur deshalb so lange am Netz bleiben müssen, weil die Regierung im Jahre 2011 beschlossen hat, endgültig aus der Atomenergie auszusteigen. Wenn man sich nur auf die stark wetterabhängige Wind- und Solarenergie verließe, säßen wir an bedeckten und windarmen Tagen im Dunkeln, und das Handy könnte keinen Strom mehr ziehen. In einem Sozialstaat sollte man auch nicht die 50.000 Familien vergessen, die von der Arbeit in der Kohle leben.

Sie wollen alles und das sofort

Offensichtlich verfangen solch harte Fakten bei den klimabewegten Schülern nicht. Sie wollen alles und das sofort. Ihr Blick ist zudem in problematischer Weise auf Deutschland verengt. In Brasilien werden laut Satellitendaten in jedem Monat 739 Quadratkilometer Regenwald abgeholzt. Das entspricht zwei Fußballfeldern pro Minute. In wenigen Jahren könnten 30 Prozent des gesamten Regenwaldes für immer verloren sein.

Im Geografie-Unterricht lernen die Schüler, dass Regenwälder das Weltklima stabilisieren, indem sie der Atmosphäre CO2 entziehen und Sauerstoff abgeben. Allein der Amazonas-Regenwald schluckt etwa zwei Milliarden Tonnen CO2 im Jahr. Das ist das 13-Fache der jährlichen CO2-Emissionen des gesamten Autoverkehrs in Deutschland. Wenn man das weiß, hätte man allen Grund, vor der brasilianischen Botschaft in Berlin zu demonstrieren, um die rechtsgerichtete Regierung Brasiliens von diesem Irrsinn abzubringen.

Auch vor der chinesischen und indischen Botschaft könnte man aufmarschieren, weil diese Länder die Kohleverbrennung unbeirrt ausbauen und gar nicht daran denken, nach deutschem Vorbild ein Gesetz zum verbindlichen Kohle-Ausstieg zu beschließen.

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Sollten nicht rationale Effektivitätserwägungen dazu führen, dass man die größten Verursacher der Klimaerwärmung zuerst aufs Korn nimmt, anstatt sich auf den Klima-Primus Deutschland einzuschießen?

In den letzten Jahren ist es mühsamer geworden, mit Schülern der gymnasialen Oberstufe rational über gesellschaftspolitische Themen zu diskutieren. In fast jedem Politik-Kurs gibt es Schüler, die mit Inbrunst Fakten anzweifeln und unverdrossen eigene „Erkenntnisse“ dagegenstellen. Im Kurs „Politik und Wirtschaft“ wird zum Beispiel bezweifelt, dass sich die in jeder Talkshow geäußerte These, in unserem Land gehe die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander, nicht durch Fakten belegen lässt.

Der Gini-Koeffizient, Maßstab der Einkommensverteilung (0 = alles gleich; 1 = einer hat alles), ist in Deutschland seit mehr als zehn Jahren stabil. Er zeigt auch das Maß an Umverteilung zugunsten der unteren Einkommensschichten. Vor Umverteilung liegt der Faktor bei 0,5, nach Umverteilung bei 0,29. Wären die Flüchtlinge nicht in die Armutsstatistik gerutscht, fiele der Koeffizient noch günstiger aus.

Vorwurf, zum Klub der „Klimaleugner“ zu gehören

Schwierig ist auch die Vermittlung einfachster Steuertatsachen: Der deutsche Spitzensteuersatz beginnt heute schon beim 1,3-Fachen des Durchschnittseinkommens. In den 60er-Jahren musste man noch das 15-Fache verdienen, damit der höchste Steuersatz greift. Auf Unglauben stößt auch die Tatsache, dass die reichsten zehn Prozent der Deutschen 50 Prozent des gesamten Aufkommens der Einkommensteuer generieren.

Ich habe erlebt, wie ein Schüler den exponentiellen Kurvenverlauf der Einkommensteuer anzweifelte, weil er in den sozialen Netzwerken mit der kruden Botschaft gefüttert worden war: Die Reichen sind stinkreich und geben nichts ab. Basta.

Über Klimafragen kann man mit politisch aktiven Schülern kaum noch rational diskutieren, weil einem allein das Beharren auf Fakten den Vorwurf einbringen kann, man gehöre zum Klub der „Klimaleugner“.

Schuld an dieser konfrontativen Diskussionskultur ist die moralische Überhöhung der Politik. Wer für sich moralische Untadeligkeit in Anspruch nimmt, ist schnell bei der Hand, den Diskussionspartner, der das eigene Weltbild nicht teilt, als Ignoranten oder Freund der Auto-Lobby abzukanzeln.

Aus eigener Jugenderfahrung weiß ich, wohin es führt, wenn man Tatsachen zum Zwecke einer höheren Moral und einer verheißungsvollen Utopie ignoriert. Aus der kreativen antiautoritären Rebellion der Studenten und Oberschüler im Jahre 1968 wurde in den frühen 70er-Jahren eine dogmatische kommunistische Bewegung, die sich von der intellektuellen Redlichkeit verabschiedete und zu abstrusen Welterklärungstheorien Zuflucht nahm.

Am Ende dieser Entwicklung standen die Anbetung einer Diktatur (Maoisten) und die Ausübung brutaler Gewalt (RAF).

Ich würde mir wünschen, dass die klimabewegten Oberschüler sich nicht gänzlich von der Maxime verabschieden, dass man die Wahrheit immer in den Tatsachen suchen muss. Der Fachunterricht am Gymnasium ist auf diese wissenschaftliche Prämisse ausgerichtet.

Das süße Gift der einfachen Welterklärung

Gymnasiale Bildung will die Schüler zu kritischem Denken und Problembewusstsein erziehen. Dieses entsteht jedoch nur, wenn die Aneignung der Wirklichkeit nach der aufklärerischen Maxime geschieht: Am Anfang ist der Zweifel. Jede Theorie hat nur so lange Bestand, bis sie von einer neuen Theorie abgelöst wird, die die Wirklichkeit stimmiger beschreibt. Bloße Behauptungen oder ideologische Setzungen erlauben keine Annäherung an die Wahrheit.

Ich habe persönlich erlebt, wie sich Klimaforscher von einer zuvor vehement vertretenen Theorie verabschieden mussten. Bei einer Podiumsdiskussion in einem Berliner Gymnasium zum Klimawandel fragte ich eine Wissenschaftlerin vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, wie es komme, dass sich ihre Prognosen über den Anstieg des Weltmeeresspiegels in den letzten Jahren von drei Metern auf zuletzt 60 Zentimeter reduziert haben (die aktuelle Prognose beträgt nach dem IPCC-Bericht von 2013 45-82 Zentimeter).

Die Wissenschaftlerin gab die offenherzige Auskunft, es liege daran, dass die Computer, die die Klimamodelle durchrechneten, immer leistungsfähiger würden. Die aktuelle Prognose sei dem neuesten Equipment geschuldet. Die Schüler waren verblüfft, weil sie live erleben konnten, wie eine Wissenschaftlerin eine Theorie, die die Politik jahrelang in helle Aufregung versetzt hat, einfach wieder „einkassiert“. Trial and Error gilt eben auch in der Klimawissenschaft.

Es wäre zu wünschen, dass die kritischen Schüler, wenn sie sich weiterhin gegen die Klima-Erwärmung engagieren, nicht dem süßen Gift der einfachen Welterklärung erliegen. Die Sehnsucht nach einfachen Lösungen ist nämlich keineswegs das Privileg rechtspopulistischer Parteien und Gruppierungen.

Die Schüler sollten Fakten nicht deshalb leugnen, weil sie unbequem sind und das eigene Narrativ von der bevorstehenden Katastrophe nicht unterstützen. Man möchte ihnen nicht wünschen, dass sie sich in der Rolle des Don Quijote wiederfinden, der seinem Diener Sancho Pansa sein närrisches Credo verkündet: „Tatsachen, mein Lieber, sind die Feinde der Wahrheit.“

Zuerst erschienen auf  www.welt.de

Rainer Werner ist ehemaliger Lehrer, er lebt in Berlin. Er ist Autor des Buches „Fluch des Erfolgs – Wie das Gymnasium zur ´Gesamtschule light` mutiert“. Sein Blog: Für eine gute Schule

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.