Markus Krall: „Man kann die Wirtschaft nicht wie einen Computer runter und wieder hochfahren“

Herr Krall, spätestens mit dem „Draghi Crash“ und den „Schwarzen Schwänen“ wurden Sie einem breiten Lesepublikum bekannt. Augenblicklich sorgt Ihr Titel „Die Bürgerliche Revolution“ für Breitenwirkung. Für einen Wirtschafts- und Finanztitel ist das eher ungewöhnlich.

Markus Krall: Mittlerweile habe ich wohl eine relativ breite Zuschauerschaft auf Youtube beziehungsweise beim Lesepublikum. Früher waren das im Prinzip nur Leute, die an Geldpolitik interessiert waren. Das hat sich geändert. Von daher gehe ich davon aus, dass das Thema Wirkung und Folgen der Geldpolitik mittlerweile in den bürgerlichen Mainstream eingesickert ist.

Sie künden von einer Wirtschaftskrise epischen Ausmaßes. Manche bezeichnen Sie deshalb als Crashpropheten. In welcher Phase befinden wir uns jetzt im Sommer 2020?

Krall: Wir befinden uns derzeit in der Phase der Kontraktion unserer Wirtschaft, wir erleben eine deflationäre Phase, die mit einem massiven Rückgang unserer Produktion einhergeht und mit einem noch massiveren Rückgang der Nachfrage. Auslöser dafür ist wohl die Coronakrise.

Die Tatsache, dass es jetzt so extrem wird, kommt allerdings daher, dass sowohl Realwirtschaft als auch Finanzwirtschaft schon lange an Vorerkrankungen leiden. So kommt es in diesem Zusammenhang zu einer Ertragserosion bei den Banken und in der Realwirtschaft zu einer „Zombifizierung“ zahlreicher Unternehmen. Zombies sind die Unternehmen, die sich nur durch immer neue Kreditvergabe auf Nullzinsbasis über Wasser halten können.

Warum werden Sie als ausgewiesener Fachmann nicht mal in eine der Talkshows oder sonstigen Sendungen der großen Fernsehsender eingeladen?

Krall: Dafür bin ich nicht Mainstream genug. Wer dort auftreten will, muss ein gewisses Mindestmaß an Angepasstheit üben, jedenfalls darf er die Institutionen der Herrschaft der Parteien nicht in Frage stellen. Das tue ich aber. [Anm. der Red.: Und dafür steigen die Zugriffszahlen bei Youtube gelegentlich schon auf Millionenhöhe.]

Welche Rolle spielt der Lockdown?

Krall: Nun, das hat unter anderem dazu geführt, dass schon nach wenigen Wochen rund 20 Prozent der Unternehmen keine Liquidität mehr hatten. Viele davon standen allerdings auch vorher schon mit dem Rücken zur Wand. So zeigt sich bei Ebbe sehr schnell, wer bei Flut nackt baden gegangen ist.

Dann gab und gibt es ja derzeit das sogenannte Helikoptergeld, womit bei vielen Unternehmen das Schlimmste vorerst verhindert werden konnte.

Krall: Dazu muss man allerdings sagen, dass dieses Helikoptergeld ziemlich ungleich verteilt wird. Die ganzen Gastronomen, die Kleingewerbetreibenden, die Taxifahrer, die Handwerker, die stehen jetzt wirklich mit dem Rücken zur Wand.

Beim Mittelstand und den Kleingewerbetreibenden, den Leuten die eigentlich das Rückgrat unseres Wohlstands bilden, bei den Leistungsträgern im Volk kommt es leider nicht an.

Wer muss sich absehbar zuallererst Sorgen machen?

Krall: Wer zuerst kippt, das sind natürlich die Zombies, aber mittlerweile nagt der Lockdown ja so an der Substanz unserer Volkswirtschaft, dass jetzt auch viele gesunde Unternehmen anfangen zu kippen.

Das ist die wirkliche Sorge, die man haben muss. Die Zombies wären irgendwann sowieso gekippt, jetzt reißen sie neben den Banken noch viele gesunde Unternehmen mit in den Abgrund.

Angenommen Sie als Wirtschaftsfachmann hätten die Chance, die nächsten 100 Tage politische Entscheidungen zu treffen und Weichenstellungen vorzunehmen. Könnte man damit das wirtschaftliche Schicksal Deutschlands eventuell hin zum Positiven lenken?

Krall: Nein, das kann man nicht. Egal mit welcher Macht. Es ist einfach so, dass die durch falsche Politik herbeigeführten Ungleichgewichte so groß sind, dass niemand mehr die vorgezeichnete Bereinigungskrise aufhalten kann. Und man sollte diese Bereinigungskrise auch gar nicht aufhalten. Sie sorgt nämlich dafür, dass alle ineffizienten Strukturen, die sich jetzt über Jahre durch falsche Politik verfestigt haben, aufbrechen, um dann in eine Erholung einzutreten.

Aber einfach Laufenlassen ist ja wohl nicht das passende Rezept.

Krall: Ich glaube, die Frage der 100 Tage sollte man anders formulieren: Wir brauchen ein Hundert-Tage-Programm, um möglichst schnell wieder aus dem Loch heraus zu kommen, in das wir fallen werden.

Das ist nochmals eine ganz andere Frage. Wenn wir die Krise schon nicht abwenden können, was ist zu beachten?

Krall: Was gar nicht geht, sind die Mittel, die derzeit in der Politik en vogue sind, nämlich alles mit noch mehr Geld zukleistern zu wollen. Diese Form des Bilanzbetrugs kommt jetzt an ihr Ende. Stattdessen muss man die Gelegenheit wahrnehmen, wenn die Krise erstmal so groß und tief ist, Maßnahmen zu ergreifen, die nachhaltig positiv wirken. Und der einzige Weg dorthin sind marktwirtschaftliche Mechanismen. Es geht darum, die Märkte wirken zu lassen, weil nur die Märkte den Grad an Effizienz haben, der notwendig ist, um die richtigen Entscheidungen auf der Mikroebene der kleinen Unternehmen, Investoren und Konsumenten treffen zu können.

Das bedeutet eine radikale Abwendung von der sozialistischen Geld- und Wirtschaftspolitik hin zur marktwirtschaftlichen Geld- und Wirtschaftspolitik. Das heißt, man muss auch die derzeitigen Machtverhältnisse ändern?

Krall: Das ist ein Maßnahmenbündel, das unter den aktuellen Verhältnissen niemals angepackt würde. Einmal weil den Verantwortlichen dafür die Kompetenz fehlt. Zweitens, weil sie ihre komplette Inkompetenz und das damit verbundene Scheitern eingestehen müssten. Letztlich würde das den Rückzug des Staates und der Zentralbanken aus vielen Gebieten der Machtausübung bedeuten.

Und wie wäre es mit einem Mittelding, ein bisschen Keynesianismus und ein bisschen radikale Marktwirtschaft?

Krall: Dieses Mittelding haben wir ja jetzt dreißig Jahre lang gehabt. Wo das hingeführt hat, erleben wir ja gerade. Man kann nicht eine falsche Politik heranziehen und dann hoffen, dass, wenn ein bisschen von der richtigen Politik beigemengt wird, daraus ein Wundermittel entsteht.

Es geht darum, die falsche Politik komplett über Bord zu werfen und die richtigen Informationssignale der Märkte zu beachten, die uns sagen, was zu tun ist.

Sie setzen dabei wohl sehr stark auf technischen Fortschritt und nicht so sehr, wie man vielleicht auch annehmen könnte, auf Ankurbelung der Wirtschaft durch Konsum.

Krall: Fortschritt bei Arbeitsteilung und Produktivität kann nur ein technischer Fortschritt sein. Eine andere Quelle für langfristiges Wachstum gibt es nicht. Der Konsum schafft nur eine Nachfrage, die kurzfristig als ein Strohfeuerchen ein Scheinwachstum erzeugt.

Nehmen wir das Beispiel E-Autos. Hier ist man ja in der Politik der Ansicht, diese seien alternativlos. Es gab schon in den 20ern den Versuch, die Automobiltechnik zu elektrifizieren. Das ist gescheitert, weil sie nicht subventioniert wurde. E-Mobilität wird auch diesmal scheitern, auch wenn sie diesmal subventioniert wird. Denn Elektrizität ist keine effiziente Methode, um Autos wirklich sparsam und umweltfreundlich zu betreiben. Wer etwas anderes erzählt, lügt. Alles was subventioniert werden muss, ist wirtschaftlich und ökologisch nicht nachhaltig und wird auch auf Dauer nicht erfolgreich sein.

Jetzt ist Corona nicht nur eine medizinische, sondern vor allem eine wirtschaftliche Bewährungsprobe. Wie sehen Sie das?

Krall: Das bedeutete eigentlich noch nicht, dass in Folge nahezu die gesamten Nationen dieses Erdballs die Pandemie ausrufen.

Die erste Wahrnehmung war vermutlich „Oh was kommt da denn da auf uns zu?“ Und als es dann hier ankam, haben sie genauso panisch reagiert wie die Chinesen, weil sie dachten, dass die Chinesen einen guten Grund gehabt haben müssen. Das ist meine Hypothese dazu. Diese Panik hat sich quasi verselbständigt und ist dann im Lockdown geendet.

Da sind ja weit über hundert ausgewiesene Fachleute, etwa ein Sucharit Bhakdi oder ein Dr. Wolfgang Wodarg, die die offizielle Lesart der Regierung mit ihren beigeordneten Virologen, erheblich und auch fachlich begründet in Zweifel ziehen. Man braucht ja nur die Zahlen zu studieren, und man wundert sich über die politische Reaktion. Erst hat man zu spät reagiert, dann wurde überreagiert. Dann hat man wahrscheinlich Angst vor der eigenen Courage bekommen, so nach dem Motto, wenn das rauskommt, dass wir fahrlässig die Wirtschaft ruiniert haben, dann haben wir den Aufstand vor der Tür und dann Gnade uns Gott.

Im Juli 2020 gibt es aber nur spärliche Zeichen für einen Volksaufstand. Das Volk scheint duldsam.

Krall: In gewisser Weise schon, aber inzwischen sind wir schon so weit, dass ein Großteil des Mittelstands unschuldigerweise ruiniert wurde. Die Stimmung könnte kippen. Maggie Thatcher hat mal gesagt, die Deutschen habe man entweder an den Füßen oder an der Kehle.

Ich gehe davon aus, dass wir nicht unter zehn Millionen Arbeitslosen wegkommen. Das sind gigantische Verwerfungen.

Nicht jede Bevölkerungsgruppe wird das hinnehmen, wenn das Nötigste fehlt. Wird es Verteilungskämpfe auch im realen Sinn geben?

Krall: Also ich will mal nicht hoffen, dass wir im Bürgerkrieg landen. Es wird nicht so sein, dass der Staat sagt, ich will euch nichts mehr geben. Er wird es mit vollen Händen ausgeben. Das Helikoptermoney wird noch lange aufgetrieben. Da sind wir erst ganz am Anfang. Die Menge an Geld, die gedruckt werden muss, um die ganzen Unternehmen mitsamt den Banken zu retten, um die Sozialhilfe zu bezahlen, die Arbeitslosengelder, die wird noch sehr viel gigantischer werden als alles was man bisher gesehen hat.

In Zahlen heißt das?

Krall: Da reden wir nicht von ein paar Milliarden, da reden wir von ein paar tausend Milliarden, denen nichts an Waren und Dienstleistungen gegenübersteht.

Ganz naiv gefragt: Wenn die Produktion am Boden liegt, warum fährt man sie nicht einfach wieder hoch, lässt die Produktionsbänder wieder anlaufen nachdem man zuvor die Lieferketten wieder hergestellt hat.

Krall: Sie können die Produktion nicht einfach auf Kommando steigern, da braucht man auch Nachfrage zur gleichen Zeit nach den Dingen, die produziert werden. Ja klar, die Leute wollen ja gerne wieder konsumieren …, aber sie trauen sich nicht, weil sie ja nicht wissen, wie es weitergeht. Und dann haben sie oft auch kein Geld. Wenn sie zehn Millionen Arbeitslose haben, dann können sie denen zwar Helikoptermoney zukommen lassen, aber das erzeugt noch lange keine wachsende Nachfrage.

Die globale Produktion ist ja nicht deswegen eingebrochen, weil jemand der Meinung war, dass die Produktion runtergefahren werden soll. Das liegt primär daran, dass die Chinesen ihre Produktion Corona-bedingt runtergefahren haben und die Zulieferkette an ihren Wurzeln unterbrochen wurde.

Wenn man etwas unterbricht, kann man es doch auch wieder fortsetzen.

Krall: Nehmen Sie mal ein Unternehmen wie Daimler Benz. Die haben rund hunderttausend Zulieferer im ersten, zweiten und dritten Glied. Wenn dann nur ein 50 Cent Teil fehlt, dann können sie das Fahrzeug oft nicht ausliefern.

In einem Interview haben Sie zu erkennen gegeben, dass Sie die weltweite Produktionsweise befürworten. Was spricht dagegen, verstärkt Zulieferteile im eigenen Land zu produzieren?

Krall: Ich bin für Freihandel. Das ist allerdings ein viel diffizileres Thema als den meisten bewusst ist. Anders als beim Freihandel schafft die Protektion Strukturen, die nicht lebensfähig sind und die dann später einmal zu krisenhaften Erscheinungen führen. Wenn wir im eigenen Land fertigen wollen, müssten wir Dinge machen, für die wir nicht optimal aufgestellt sind. Auf jeden Fall wäre es teurer. Sinkende Kaufkraft und geringeres Bruttosozialprodukt wären die Folge.

Aktuell kommt das Problem dazu: Viele der Unternehmen, die notwendig sind, um die Produktionsketten wieder in Gang zu setzen, die gibt es gar nicht mehr, die haben Pleite gemacht. Und wenn die Chinesen einen Teil ihrer Produktion jetzt vielleicht wieder hochfahren, dann finden sie dafür keinen Absatzmarkt mehr. Man kann die Wirtschaft nicht wie einen Computer runter und wieder hochfahren.

Also müssen wir Ihrer Ansicht nach erstmal durch das Tal der Tränen, aber irgendwo, irgendwie, irgendwann geht es doch hoffentlich wieder aufwärts.

Krall: Man kann die Wirtschaft nicht wie einen Computer runter und wieder hochfahren. Ja, es wird wieder aufwärts gehen, aber nur dann, wenn wir uns von allem befreien, was die Wirkung der Märkte bei der Bereinigung dieser Krise in irgendeiner Weise behindert. Dazu müssen wir zuallererst unser Geldsystem reformieren.

Das heißt, das Fiat-Money-System abschaffen und eine goldgedeckte Währung einführen, bei der es keine Geldpolitik wie bisher mehr gibt. Wir brauchen einen Goldstandard und wir brauchen Wettbewerb beim Thema Währung. Also private Zentralbanken, die miteinander im Wettbewerb stehen. Das Staatsmonopol beim Geld muss weg, damit die Leute nicht mehr über die Geldpolitik beraubt werden können.

Idealerweise schaffen wir dann noch 99 Prozent der bürokratischen Gängelung ab, indem wir alles über Bord werfen, was die Unternehmen an effizienten Prozessen hindert. Gleichzeitig wird die Staatsquote massiv zurückgefahren. Das Gleiche gilt für die Steuern und Staatsausgaben. Die Anzahl der Beamten und Staatsangestellten wäre um etwa 90 Prozent zu verkleinern.

Wer soll das denn alles bewerkstelligen? Etwa die junge Generation, die derzeit heranwächst?

Krall: Das wird nicht die nachfolgende Generation in die Hand nehmen, das können Sie vergessen. Die größte Herausforderung, die die bisher zu bewältigen hatten, waren gefüllte Pampers. Es wird von allein passieren, und zwar einfach durch den Zusammenbruch. Das führt dazu, dass der Staat all das, was er bisher gemacht hat, nicht mehr tun kann. Das läuft über die Inflation. Die drucken jetzt fleißig Geld und lassen es über die Leute regnen, und irgendwann steigen die Preise schneller, als sie es an die Leute bringen können, und dann ist es vorbei.

Ist es nicht eine Chance, aus Erfahrung klug zu werden?

Krall: Nein, die Leute werden nicht schlau. Die machen erst dann etwas richtig, wenn sie vorher alle falschen Wege ausprobiert haben. Dann bleibt als letztes noch die Kapitulation vor dem Markt.

Harte Zeiten Herr Krall!?

Krall: Ja.

Sie haben mit der Atlas-Initiative einen Verein ins Leben gerufen. Was wollen Sie damit erreichen?

Krall: Die Atlas-Initiative ist das Sammelbecken derjenigen, die an die Kraft der Werte der Freiheit glauben und bereit sind, das nicht nur mit Kopfnicken beim Lesen eines libertären Buches zu kommentieren, sondern die wissen, dass sie etwas tun müssen, wenn die Freiheit für unsere Kinder und Kindeskinder erhalten werden soll. Diese Menschen wissen, dass wir dem Tier der Unfreiheit in Gestalt des Sozialismus entgegentreten und ihm die Stirn bieten müssen. Wir werden mit den Tausenden von Mitgliedern keine politische Partei werden, aber wir werden in die Politik hineinwirken und wenn wir es richtig machen, dann vielleicht effizienter und effektiver als so manche Partei.

Wolfgang Burger: Ich danke für das Gespräch.

Das Interview ist zuerst erschienen bei www.regiotto.de/

 

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Quelle: https://www.epochtimes.de/meinung/markus-krall-man-kann-die-wirtschaft-nicht-wie-einen-computer-runter-und-wieder-hochfahren-a3296330.html