"Fliegender Holländer" in der Semperoper Dresden mit Markus Marquardt als Holländer.Foto: Matthias Creutziger

„Fliegender Holländer“ erleidet im Wagner-Jahr an der Dresdener Semperoper Schiffbruch

Von 12. Juli 2013 Aktualisiert: 12. Juli 2013 7:33

 

Richard Wagners Romantische Oper „Der Fliegender Holländer“ wurde vom ihm 1843 in Dresden uraufgeführt, weshalb das Stück beim „Wagner-Schwerpunkt 2013 “ der Semperoper nicht fehlen durfte. Doch was „La Juive“ von Halévy und „La vestale“ von Spontini hielten, konnte ausgerechnet des Meisters eigenes Werk nicht einlösen.

Der Holländer (Aufführung vom 28. Juni 2013) war der schwächste der drei Abende. Und das war der Inszenierung geschuldet, die völlig an der Geschichte vorbei zielte und die Sängerdarsteller vom Inhalt der Musik isolierte. Positivster Punkt des Abends war Constantin Trinks am Pult der Sächsischen Staatskapelle. Mit einem Orchester, das mit Liebe und Freude spielte, zauberte er einen weichen und lyrischen Holländer aus dem Graben, der dem Geist von Wagners Musik entsprach.

Es war ein romantisches Gemälde des Meeres, dessen feinste und transparente Farbschichten die Streicher bildeten. Blech und Pauken wirkten wie dicke, pastose Pinselstriche, die mit Einwürfen Glanzlichter und Knalleffekte setzten. Trinks dirigierte die beiden Instrumentengruppen kontrastierend, besonders in der Ouvertüre hob er die Pauken donnernd und solistisch aus dem feingewebten Klangteppich heraus, was faszinierte.

Er strafte das Musiker-Vorurteil von der unökonomischen Holländer-Partitur Lügen, indem er sie durchhörbar machte, ohne dass die Musik ihre Schlagkraft und Dramatik verlor. Märchenatmosphäre kam immer wieder auf und steigerte sich am Schluss zu himmlischer Strahlkraft. Zumindest der Mann am Pult glaubte an die Erlösung des Helden und entriss die Aufführung dem künstlerischen Abgrund.

Regietechnischer Missbrauch

Eine naturalistische Düne erstreckte sich über die Bühne der Semperoper. Abgesehen von der unnötigen Haifisch-Bar, die herein gerollt wurde, hätte man im Bühnenbild von Marina Segna einen wunderbaren Holländer spielen können. Besonders die animierten Videoprojektionen von Vögeln, Blitzen, ziehenden Wolken und wehenden Gardinen waren Oper mit zeitgemäßen und effektvollen Mitteln.

Und doch erzählte uns die Inszenierung von Florentine Klepper eine Missbrauchsgeschichte in Standbildern. Inwiefern ein 50-Jähriger sein Heil bei einer 8-Jährigen sucht? Das soll hier nicht weiter diskutiert werden. Auch wenn man sich nur in Andeutungen erging, waren diese zutiefst widerlich. Die kleine Natalia Pyrc wusste wahrscheinlich selbst nicht, warum sie dauernd um den Holländer herumstreifen sollte, von Matrosen in einem Netz gefangen wurde und dutzende Babypuppen auf einem Bett zu stapeln hatte. Und leider erschloss sich das auch den erwachsenen Zuschauern nicht.

Ein klarer Fall von Missbrauch des Werkes Richard Wagners, das von Senta, einer sehr selbstbestimmten jungen Frau handelt. Auch wenn es zunächst so aussieht, als ob sie von ihrem Vater an einen fremden Bräutigam verkauft wird: Wagner verschränkt hier zwei dramaturgische Ebenen. Er musste die Geschichte den gesellschaftlichen Spielregeln seiner Zeit anpassen und Daland einen guten Grund geben, warum der ein zerrissenes Gespenst wie den Holländer mit nach Hause nehmen sollte … Die Schätze im Bauch seines Schiffes sind für den Verdammten doch nur Mittel zum Zweck, um alle sieben Jahre einen Fuß in die menschliche Gesellschaft zu bekommen und der ewigen Vernichtung zu entgehen. Bei welcher anderen Gelegenheit könnte Senta, ein wohlbehütetes Mädchen aus dem Biedermeier, ihn sonst treffen und erlösen? Schließlich setzt sie ihre Schicksalsmission gegen eine Menge gesellschaftliche Widerstände durch, denn im „Fliegenden Holländer“ geht es um tiefe seelische Verbundenheit. Erotik spielt überhaupt keine Rolle, einzig Erik darf leise Sehnsüchte äußern.

Zum Glück verschwanden bei Florentine Klepper am Schluss sowohl der böse Onkel, als auch der zudringliche Freund. Für die Hauptdarsteller, die das Potential hatten, ihre Rollen zu verkörpern, war der Abend ein künstlerisches Desaster: Marjorie Owens sang Senta mit Flackervibrato, aber großem Engagement, der Holländer Markus Marquardts wollte einem, polternd und harsch, nicht zu Herzen gehen, Georg Zeppenfeld rettet von Daland lediglich Töne und Text, Will Hartmann behauptete sich tapfer als eingesprungener Erik. Die Wirkung des Männerchor-Duells wurde zerstört, weil die Holländer-Mannschaft durch Lautsprecher sang.

Die Foyergespräche danach zeugten von vielen Fragezeichen und mehrfach raunte es „langweilig“. Und vielleicht raunte dort auch Wagners Geist die von ihm überlieferten Worte: „Gar nichts liegt mir daran, ob man meine Werke gibt: Mir liegt einzig daran, dass man sie so gibt, wie ich´s mir gedacht habe.“

 



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