Zwei Taucher. Symbolbild.Foto: Christian Jogler

Italiens Kampf gegen die Muschel-Mafia

Epoch Times15. August 2022 Aktualisiert: 15. August 2022 8:01

Unter den neugierigen Blicken von Touristen tauchen vor der felsigen Küste von Apulien im Südosten Italiens zwei Taucher der Finanzpolizei ins türkisblaue Wasser. Sie suchen weder nach vergrabenen Schätzen noch nach Schmuggelware, sondern nach Beweisen für das illegale Sammeln von Steindatteln. Das ist eine geschützte Muschelart, die bei reichen Feinschmeckern als Delikatesse gilt.

Die Spuren der illegalen Muschelsammler sind unverkennbar: Knapp unter der Meeresoberfläche klaffen hunderte Löcher im Kalkstein. Die Wilderer haben sie in das Riff gekratzt, gemeißelt oder gesprengt, um die Muscheln aus ihren Wohnhöhlen zu ziehen. Dabei werden die Kalksteine, die auch der Lebensraum unzähliger anderer Meeresorganismen sind, unwiederbringlich zerstört.

Werkzeuge beschlagnahmt

„Die Männer setzen Sauerstoffflaschen und Taucherbrillen auf, tauchen mit Hammer und Meißel ab und zertrümmern den Fels“, berichtet der Polizeibeamte Arcangelo Raffaele Gennari in der apulischen Hafenstadt Monopoli. „In einigen Fällen haben wir Mini-Presslufthämmer beschlagnahmt. Es wurde auch schon Sprengstoff eingesetzt.“ Unterstützt werden die illegalen Sammler meist von Helfern an Land, die dort unter anderem Schmiere stehen.

Auf dem Schwarzmarkt werden für die längliche braune Muschel mit dem lateinischen Namen Lithophaga lithophaga fast 200 Euro pro Kilogramm bezahlt. Die Wilderer beliefern Fischmärkte und Restaurants, welche die Muscheln unter der Hand an wohlhabende Kunden verkaufen, darunter auch Mafiosi, die ihren Reichtum mit einem besonderen Teller Spaghetti Frutti di Mare zur Schau stellen wollen.

Schon vor 30 Jahren dokumentierte der Meeresbiologe Stefano Piraino, dass mehr als 40 Prozent der Ionischen Küste Apuliens durch das Sammeln von Steindatteln stark geschädigt war. In Italien führte seine Untersuchung 1998 zu einem Gesetz, das Sammlung, Verkauf und Konsum von Steindatteln verbietet, gefolgt von einem EU-weiten Verbot im Jahr 2006.

Viele der von Piraino untersuchten Riffe haben sich aber bis heute nicht erholt. Die Felsen sind immer noch nackt, weiß und unbesiedelt, wie der Biologe bei einer erneuten Untersuchung in diesem Jahr registrierte. Steindatteln wachsen extrem langsam – in 30 Jahren gerade einmal fünf Zentimeter. Ein weiteres Problem sind Seeigel, welche die kahlen Felsen abweiden – und die Wiederansiedlung neuer Algen und Weichtiere verhindern.

Weitere Gebiete betroffen

Neben Apulien sind auch andere italienischen Küstenregionen betroffen. Forscher der Parthenope-Universität in Neapel zählten in den Riffen der Halbinsel von Sorrent laut einer Studie aus dem Jahr 2019 durchschnittlich 1500 künstliche Löcher pro Quadratmeter. Und auch in anderen Mittelmeerländern werden Steindatteln abgeerntet. Auf der Reiseplattform Tripadvisor sind Fotos von Steindatteln zu finden, die im vergangenen Jahr in Restaurants in Albanien, Slowenien und Montenegro serviert wurden.

In Italien gehen Polizei und Justiz mittlerweile verstärkt gegen die Muschelsammler vor. Im März wurde der Anführer einer Bande, die in geschützten Küstenabschnitten bei Neapel und auf der Insel Capri massenhaft Muscheln abgeerntet hatte, zu sechs Jahren Haft verurteilt. Laut der Umweltorganisation Legambiente wurden in Apulien im vergangenen Jahr 97 Tonnen illegal geernteter Meeresfrüchte beschlagnahmt.

Im Juli sorgte ein Online-Video für Aufsehen, auf dem ein auf Felsen einhämmernder Mann an einem Strand bei Neapel zu sehen war, der am hellichten Tag und vor den Augen anderer Strandbesucher auf Muscheljagd ging. Meist schlägt die Muschelmafia aber in der Abenddämmerung oder kurz vor Sonnenaufgang zu – „unter absoluter Geheimhaltung“, wie der Polizist Gennari sagt.

Um den Raubbau an den Steindatteln zu beenden, ist die Polizei daher auch auf aufgeklärte Restaurant-Besucher angewiesen. „Wenn Sie einen Teller Linguini mit Steindatteln essen, wird dafür ein ganzer Quadratmeter Ökosystem zerstört“, sagt Piraino. (afp/mf)



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