Bou Meng, ein Überlebender des Gefängnisses Tuol Sleng, mit dem Code-Namen S-21, sitzt neben einem Metallbett und demonstriert die Fesseln, die er an den Füßen tragen musste. Tuol Sleng Genozid Museum in Phnom Penh.Foto: Tang Chhin Sothy/AFP/Getty Images

Khmer-Rouge Tribunal öffnet Wunden und ermöglicht Heilungsprozess

Von 5. Juli 2011 Aktualisiert: 5. Juli 2011 17:15

Vor 36 Jahren, am 17. April 1975, ereignete sich ein Wendepunkt in der Geschichte von Phnom Penh. Binnen 24 Stunden wurde die Hauptstadt Kambodschas leer geräumt. Über zwei Millionen Menschen, nur mit dem Nötigsten bepackt, wurden aus ihren Häusern und Wohnungen vertrieben. Viele von ihnen kehrten nie mehr zurück.

Die Parallelen zum kommunistischen China -Mao und die Kulturrevolution – sind nicht abzustreiten. Maos „Großer Sprung nach vorn“ im Jahr 1958 war von landwirtschaftlicher Zwangskollektivierung und Vertreibung aus den Städten geprägt. Pol Pot, der Anführer der „Khmer Rouge“ (Roten Khmer), verwendete später ähnliche Strategien in Kambodscha. Hierfür soll Pol Pot 1966 mehrere Monate in China verbracht haben. Die Aufbruchszeit dieser Kulturrevolution konfrontierte ihn mit dem Bild einer Antriebskraft mit geschichtlichem zerstörerischen Potential..

Aufbau der Roten Ideologie

Als Pol Pot 1949 mit 24 Jahren nach Paris kam, um eine Ausbildung als Radioelektroniker anzutreten, lernte er die marxistische Ideologie kennen, die ihn faszinierte. Zusammen mit einigen anderen kambodschanischen Studenten, darunter Ieng Sary, Khieu Samphan, Khieu Ponnary und Song Sen, trat er in die Kommunistische Partei Frankreichs ein. Diese würden später zu der Führungselite der Roten Khmer gehören. Zusammen bildeten sie die „Pariser Gruppe“. Diese jungen Studenten verpflichteten sich, den Kommunismus in Kambodscha zu verbreiten. Pol Pot vernachlässigte seine Ausbildung, verlor sein Stipendium und kehrte 1953 nach Kambodscha zurück, wo sich die „Pariser Gruppe“ wieder zusammenfand.

Von 1954 bis 1962 führte Pol Pot zwei Leben. Zu einem arbeitete er als Lehrer und war sehr beliebt bei seinen Schülern. Gleichzeitig agierte er als kommunistischer Aktivist im Untergrund. Im Jahr 1963 floh er mit seinen engsten Kameraden vor Prinz Sihanouk, Kambodschas Staatsoberhaupt, aus Phnom Penh in den Dschungel im Osten Kambodschas.

Im März 1970 veranstaltete Premierminister Lon Nol mit amerikanischer Unterstützung einen erfolgreichen Putsch und setzte Prinz Sihanouk als Staatsoberhaupt ab. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Roten Khmer schon etliche Mitglieder gesammelt und begannen einen Bürgerkrieg gegen die neu zusammengesetzte Regierung. Von Januar bis August 1973 warf die kambodschanische Regierung, unterstützt von den USA, eine halbe Million Tonnen Bomben über Kambodscha ab, die bis zu 300.000 Menschen töteten. Das führte zu weit verbreiteter Sympathie für die Roten Khmer. Der Bürgerkrieg dauerte noch weitere zwei Jahre. Am 17. April 1975 war es dann soweit: Die Hauptstadt Phnom Penh wurde von den Roten Khmer erobert.

Die „Stunde Null“

Die Führung der Roten Kmer verschleierte ihre politische Macht hinter einer undurchschaubaren Organisation, genannt „Angka“, und setzte sich zum Ziel, alles Bestehende auszumerzen und darauf eine komplett neue, primitive Agrarwelt zu erschaffen. Diese Zerstörung und sogenannter Neuaufbau wurde von Pol Pot als „Stunde Null“ bezeichnet. Es gab keinerlei individuelle Freiheiten, Entscheidungen oder Besitz. Geld, Autos, Fahrräder und Bücher wurden verboten, Krankenhäuser, Schulen und Geschäfte geschlossen. „Angka“ bestimmte jeden Sekundenablauf eines Menschen. Alle mussten aufs Land und über Nacht Landarbeiter werden. Phnom Penh wurde zu einer Geisterstadt.

Eine weitere Zielsetzung von Pol Pot und „Angka“ war es, die gebildete Schicht komplett auszurotten. Sogar das Tragen einer Brille war ein Grund, als elitär abgestempelt und getötet zu werden. Jeder versteckte seine Vergangenheit und seine Fähigkeiten. Nur als „alte Menschen“ (dagegen wurden Stadtmenschen als „neue Menschen“ bezeichnet), also analphabetische Bauern, konnte man überleben. Das Sprechen einer Fremdsprache, medizinische und technische Fähigkeiten, der Glauben an den Buddhismus, all das konnte zum Verhängnis werden.

Für die Stadtmenschen wurde ihr neues Leben auf dem Land unerträglich. Neben dem konstanten Terror mussten Lehrer, Ärzte und Handarbeiter unter extremen Bedingungen schwerste Arbeit verrichten. Familien wurden auseinandergetrieben, Kinder alleine in Arbeitsgruppen gesammelt, Frauen von ihren Männern getrennt.

Bald wurde das Überleben und das Stillen des ewigen Hungers zum einzigen Lebensziel. Jeder Einzelne musste über zwölf Stunden lang am Tag auf den Feldern arbeiten, bekam aber nicht einmal das Nötigste an Reis, um zu überleben. Dazu kam, dass jegliches Stöbern nach anderem Essen – seien es auch nur Gräser oder Insekten – mit der Todesstrafe zu bezahlen war. Das erzählte mir auch mein ehemaliger Arbeitskollege Tan (Name von der Redaktion geändert). Als kleines Kind schaute er hungrig zu, wie ausländische „Forscher“ Kokosnüsse austranken (sie hatten Angst vor kontaminiertem Wasser) und die leeren Nüsse danach auf den Boden warfen. Zu gern hätte er die Nüsse aufgemacht und das süße Fleisch ausgekratzt. Wäre er jedoch dabei entdeckt worden, hätte das seinen Tod bedeuten können. Fast 30 Jahre später glaubte Tan noch immer, dass diese Forscher (sie arbeiteten an etwas Geheimem in einen verlassenen Zugwaggon) Koreaner waren. Viel eher waren das aber Chinesen aus dem kommunistischen Festlandchina. Doch Tan, selbst chinesischer Abstammung, wie auch viele andere, die ihr Leben in dieser Zeit verloren hatten, konnte nicht glauben, dass China bewusst seine eigenen Leute vernichten ließ. Tans Vater starb in der Folge dem Hungertod. Seine Geschwister sah er erst Jahre später wieder.

Da „Angka“ familiäre Beziehungen verbot, nutzten die Roten Khmer oft die Kinder aus und formten sie zu fanatischen Anhängern. Von einem frühen Alter an wurden Kinder einer Gehirnwäsche unterzogen, um an nichts anderes als an „Angka“ zu glauben – so konnten sie auch benutzt werden, um ihre eigenen Eltern zu bespitzeln. Falls gewisse Eltern sich als analphabetische Bauern tarnten, wurden ihre Kinder dafür belohnt, sie als „neue Menschen“, also Feinde des Staates, zu identifizieren. Diese Kinder und Jugendlichen erhielten dafür Führungspositionen und Privilegien. In einigen landwirtschaftlichen Kollektiven gab es so viele jugendliche Khmer Rouge-Kader, dass es kaum noch Erwachsene gab, um das Lager zu führen.

Auseinandersetzung mit der Vergangenheit

Nach jahrelangen Grenzgefechten mit den Roten Khmer besetzten vietnamesische Truppen am 7. Januar 1979 erfolgreich Phnom Penh. Die Roten Khmer wurden gezwungen, in die Wildnis zu fliehen. Für Hunderttausende von Familien in Kambodscha begann der lange Marsch in ihre Heimatdörfer in der Hoffnung, überlebene Angehörige zu finden. In vielen Fällen war allerdings nichts von ihren früheren Leben übriggeblieben: keine Häuser, kein Besitz; und was für sie am schwersten wog, keine Verwandten.

In den insgesamt drei Jahren, acht Monaten und 21 Tagen ab der Stunde Null starben bis zu 1,7 Millionen Menschen durch die Hände der Roten Khmer. Wie viele Opfer es tatsächlich waren, kann nur geschätzt werden. Die Zahlen variieren zwischen 1,5 und drei Millionen.

Ich lebte von 2003 bis 2006 mit meiner Familie in Phnom Penh. Damals glich die Hauptstadt noch einer Provinzstadt. Die meisten Straßen bestanden aus Erde; Kokospalmen wuchsen an jeder Ecke. Durch die vielen französischen „Expats“, die Cafés und kleine Restaurants betrieben, hatte Phnom Penh ein indochinesisches kolonialistisches Flair. Frische Baguettes wurden täglich von Jungs auf Fahrrädern verkauft und der „Khmer Coffee“, ein starker, durch ein Metallfilter filtrierter Kaffe, oft mit dicker Kondensmilch serviert, wurde in jedem Straßenlokal angeboten. Das Tempo war langsam, die Atmosphäre sehr gelassen, doch es herrschte eine unterschwellige angespannte Stimmung. Unter dem langsamen und einfachen Leben verbargen sich tiefe Wunden.

Nur 24 Jahre zuvor litten die Menschen unter konstanter Angst, Terror und Hunger. Den Roten Khmer ist es gelungen, in weniger als vier Jahren das Land von ausgebildeten Menschen zu „reinigen“. Nur eine Handvoll Intellektuelle blieb übrig; die meisten von ihnen sind vor Jahren ermordet worden oder waren geflüchtet. Die Roten Khmer schafften es in kurzer Zeit, die Gesellschaft Kambodschas zu zerstören. Familien wurden auseinandergerissen und sogar Mönche aus ihren Tempeln vertrieben. Die traditionellen Werte waren größtenteils vernichtet worden. Die Menschen wussten nicht mehr zwischen Richtig und Falsch, Gut und Böse zu unterscheiden. In den Zeitungen las man täglich von Kindervergewaltigung und Lynchjustiz.

Wie mein ehemaliger Arbeitskollege Tan, der über seine schrecklichen Erlebnisse jahrelang schwieg, verdrängten auch die meisten Kambodschaner diesen Teil ihrer Geschichte. Diejenigen, die übrigblieben, fühlten sich oft schuldig, überlebt zu haben; manch einer hatte das damalige System unterstützt, um überleben zu können. Unsere Haushälterin und Kindermädchen Sopheap (Name von der Redaktion geändert) war zugleich neugierig und naiv, als ich sie über die Zeit der Roten Khmer befragte. Genauso wie ihr erging es vielen jungen Menschen, zu Hause wurde nie über diese furchtbare Zeit gesprochen, Eltern und Großeltern blieben jahrelang stumm.

Auseinandersetzung und Nachsicht

So wie meine französisch-kambodschanische Freundin Ratana kehren viele Kambodschaner nach jahrelangem Aufenthalt aus dem Ausland zurück, um ihre Wurzeln wiederzufinden und das Land mit aufzubauen. Ratanas Vater, ein Intellektueller chinesischer Abstammung, blieb zurück, um die neue Regierung zu unterstützen. Die zweijährige Ratana floh mit ihrer Mutter und ihren Großeltern nach Frankreich. Kurz darauf kehrte ihre Mutter nach Phnom Penh zurück, um ihrem Mann beizustehen. Ratana sah ihre Eltern nie wieder. Im Jahre 2003 kehrte sie zurück, zusammen mit den Großeltern, ihrem französischen Mann und dem gemeinsamen Sohn. Sie opferte ihre
Bankkarriere in Genf, um ihre Söhne in ihrem Mutterland großzuziehen. Ihr Zuhause ist jetzt Phnom Penh geworden.

Rote Khmer-Tribunal führt zur Aufklärung

Nach einem jahrzehntelangen Kampf um Finanzierung, Prozessrechte und technischem Ablauf zwischen Kambodscha (und China) auf der einen Seite und den Vereinten Nationen auf der anderen Seite, wurde das Rote Khmer-Tribunal im Februar 2009, 30 Jahre nach dem Fall der Roten Khmer, errichtet.

Bis dahin war die chinesische Regierung der primäre Gegner eines international verwalteten und beaufsichtigten Tribunals für die ehemaligen Führer der Roten Khmer gewesen. Chinas starke Unterstützung der Roten Khmer im Zeitraum von 1975 bis1979 macht deren Verbrechen zu einer sensiblen Angelegenheit für Peking. Außerdem sind die Parallelen zwischen Maos „Großem Sprung nach vorn“, die Kulturrevolution und Angkars „Stunde Null“ schwer zu übersehen. Ein solches Tribunal, sozusagen vor Chinas Haustür, würde auch den Beweis erbringen, dass derartige Menschenrechtsverletzungen einen Eingriff in die Souveränität anderer Länder rechtfertigen kann, auch 30 Jahre später.

Rund 70 Prozent der 14 Millionen Kambodschaner wurden nach 1975 geboren. Mit der Errichtung des Tribunals begann ein Heilungsprozess, in dem die Menschen ermutigt worden sind, offen über die Zeit der Roten Khmer zu sprechen. Die Gerichtsprozesse helfen dabei, eine ganze Generation über die schreckliche Vergangenheit ihres Landes zu unterrichten.

Über 28.000 Menschen besuchten den Prozess gegen den ersten Angeklagten, den ehemaligen Lehrer Kaing Khek Iev, besser als „Duch“ bekannt, der das berüchtigte Gefängnis S-21 leitete. Weitere Millionen Kambodschaner verfolgten den Prozess im Fernsehen und im Radio. Duch wird beschuldigt, den Tod und die brutale Folter von über 14.000 Männern, Frauen und Kindern im S-21 beaufsichtigt zu haben. Im Juli 2010 wurde er zu 35 Jahren Haft verurteilt, 16 Jahre wurden ihm abgezogen wegen bereits verbüßter Strafe.

Am 27. Juni eröffnete das UN-Sondertribunal den Prozess gegen die letzten vier Angeklagten – Nuon Chea, den Chefideologen und „Bruder Nummer 2″, Khieu Sampan, den Staatspräsidenten der Roten Khmer, Ieng Sary, den Außenminister, sowie dessen Frau Ieng Thirith, die ehemalige Sozialministerin. Die Anklagepunkte gegen die letzten noch lebenden Roten Khmer-Anführer lauten Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. Mehrere tausend Zeugen sind zugelassen.

Pol Pot, „Bruder Nummer 1″, starb bereits 1998 unter zweifelhaften Umständen, fast 23 Jahre nach der Räumung von Phnom Penh. Sein ehemaliger Rote Khmer-Kommandant Ta Mok, mittlerweile auch verstorben, hatte ihn zur lebenslanger Haft verurteilt. Pol Pot wurde beschuldigt, die Ermordung seiner einstmaligen rechten Hand, Song Sen und dessen 13-köpfige Familie, befohlen zu haben.

 


Unterstützen Sie unabhängigen und freien Journalismus

Danke, dass Sie Epoch Times lesen. Ein Abonnement würde Sie nicht nur mit verlässlichen Nachrichten und interessanten Beiträgen versorgen, sondern auch bei der Wiederbelebung des unabhängigen Journalismus helfen und dazu beitragen, unsere Freiheiten und Demokratie zu sichern.

Angesichts der aktuell schwierigen Zeit, in der große Tech-Firmen und weitere Player aus dem digitalen Werbemarkt die Monetarisierung unserer Inhalte und deren Verbreitung einschränken, setzt uns das als werbefinanziertes Nachrichten-Portal unter großen Druck. Ihre Unterstützung kann helfen, die wichtige Arbeit, die wir leisten, weiterzuführen. Unterstützen Sie jetzt Epoch Times indem Sie ein Abo abschließen – es dauert nur eine Minute und ist jederzeit kündbar. Vielen Dank für Ihre Unterstützung!

Monatsabo ab 7,90 Euro Jahresabo ab 79,- Euro

Gerne können Sie EPOCH TIMES auch durch Ihre Spende unterstützen:

Jetzt spenden!


Liebe Leser,

vielen Dank, dass Sie unseren Kommentar-Bereich nutzen.

In letzter Zeit beobachten wir, wie Hacker immer wieder beliebige Nicks verwenden und üble Kommentare unter eben diesen Namen schreiben. Trolle schrecken nicht davor zurück, das Epoch Times Logo als Profilbild sich anzueignen und ebenfalls die Kommentarfunktion auf schlimmste Weise zu missbrauchen.

Aufgrund der großen Menge solcher Angriffe haben wir uns entschieden, einen eigenen Kommentarbereich zu programmieren, den wir gut kontrollieren können und dadurch für unsere Leser eine wirklich gute Kommentar-Umgebung schaffen können.

In Kürze werden wir diese Kommentarfunktion online stellen. Bis dahin bitten wir Sie noch um etwas Geduld.


Ihre Epoch Times - Redaktion