Laut einer aktuellen Umfrage ist der Kampf gegen Altersarmut für die Bundesbürger das wichtigste politische Thema für eine Wahlentscheidung.Foto: Stephanie Pilick/Symbolbild/dpa

Armut in Deutschland auf Rekordhoch – NRW besonders betroffen

Epoch Times20. November 2020 Aktualisiert: 20. November 2020 18:17

Der Paritätische Wohlfahrtsverband sieht die Armut in Deutschland auf einem Rekordhoch. Rund 13,2 Millionen Menschen lebten im vergangenen Jahr in Armut, wie aus dem am Freitag veröffentlichten Armutsbericht des Verbands hervorgeht. Die Armutsquote in Deutschland habe mit 15,9 Prozent den höchsten Wert seit der Wiedervereinigung erreicht.

Dass bei allen ohnehin seit Jahren besonders armutsbetroffenen Gruppen wie Alleinerziehenden, Arbeitslosen und kinderreichen Familien die Armut von 2018 auf 2019 noch einmal zunahm, nannte der Wohlfahrtsverband „alarmierend“. Jeder dritte erwachsene Arme ist demnach erwerbstätig (33 Prozent) oder in Rente (knapp 30 Prozent).

Deutschland bei Armut zweigeteilt – NRW besonders betroffen

Dabei ist Deutschland zweigeteilt. Im Süden haben Bayern und Baden-Württemberg eine gemeinsame Armutsquote von 12,1 Prozent. Der Rest der Republik, vom Osten über den Norden bis in den Westen, kommt dagegen zusammen auf eine Quote von 17,4 Prozent. Außerhalb Bayerns und Baden-Württembergs lebt durchschnittlich mehr als jeder Sechste unterhalb der Armutsgrenze.

Das problematischste Bundesland bleibt dem Bericht zufolge Nordrhein-Westfalen. Seit 2006 wuchs die Armutsquote in dem bevölkerungsreichen Bundesland zweieinhalbmal so schnell wie die gesamtdeutsche Quote. Armutstreiber in Nordrhein-Westfalen ist das Ruhrgebiet mit einer Armutsquote von 21,4 Prozent.

Der Paritätische warnte vor einer drastischen Verschärfung der Armut in diesem Jahr wegen der Coronakrise. Besonders betroffen seien geringfügig Beschäftigte sowie junge Menschen, die coronabedingt schon jetzt unter wachsender Arbeitslosigkeit litten. „Corona hat jahrelang verharmloste und verdrängte Probleme, von der Wohnraumversorgung einkommensschwacher Haushalte bis hin zur Bildungssegregation armer Kinder, ans Licht gezerrt“, erklärte Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider.

DGB fordert: Mindestlohn von zwölf Euro und eine Kindergrundsicherung

Im Gegensatz zu anderen Verbänden werden durch Paritätische Wohlfahrtsverband nicht eine Erhöhung der Bildungschancen durch einen Ausbau an Schulungs- und Fördermöglichkeiten oder ein verbesserter Zugang zum Arbeitsmarkt forciert sondern eine sofortige Anhebung der finanziellen Unterstützungsleistungen für arme Menschen sowie armutsfeste Reformen der Sozialversicherungen.

Deutschland sei „ein in wachsender Ungleichheit tief zerrissenes Land“, kritisierte Schneider. Dies bedeutet, die Probleme sollen durch einen Ausbau des Sozialstaats gelöst werden anstatt das Individuum zu stärken.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) bekräftigte angesichts der Zahlen seine Forderung nach einem Mindestlohn von zwölf Euro und eine Kindergrundsicherung. Dass jeder Dritte trotz Arbeit von Armut betroffen sei, „bleibt ein besonderer Skandal in Deutschland im 21. Jahrhundert“, erklärte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel.

Von Armut spricht man in Deutschland, wenn mindestens einer dieser drei Umstände zutrifft:

  • Wenn die Haushaltsgemeinschaft 60 Prozent oder weniger des mittleren Einkommens der Bevölkerung zur Verfügung hat. Das mittlere Einkommen ist ein Durchschnittswert. Im Schnitt sollte eine vierköpfige Familie (mit Kindern unter 14 Jahren) in Deutschland rund 2.300 € monatlich zur Verfügung haben. Von Bundesland zu Bundesland variiert der Wert jedoch. Daher ist die Artmusschwelle mit 1.830 € monatlich in Sachsen-Anhalt am niedrigsten, in Baden-Württemberg und Hamburg mit rund 2.290 € am höchsten.
  • Wenn man von erheblichen materiellen Entbehrungen betroffen ist. Das bedeutet, wenn Miete oder Versorgungsleistungen nicht bezahlt werden können, die Wohnung nicht angemessen beheizt und man sich eine einwöchige Urlaubsreise nicht leisten kann.
  • Wenn weniger als 20 Prozent der Haushaltsmitglieder zwischen 18 und 59 Jahren einem Erwerb nachgehen.

(afp/er)

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