Deutsche Soldaten – auch überfordert?

Von 31. Oktober 2006 Aktualisiert: 31. Oktober 2006 20:22
„Die Soldatinnen und Soldaten wissen, dass sie für Menschenwürde, Recht und Freiheit notfalls auch mit ihrer Gesundheit und ihrem Leben eintreten müssen.“
(AP Photo/Hermann J. Knippertz)(AP Photo/Hermann J. Knippertz)

„Die Bundeswehr braucht gut ausgebildete, charakterstarke und in der Urteilskraft gefestigte Soldatinnen und Soldaten, die auch in Krisensituationen unter hohem physischem (körperlichem) und psychischem (seelischem) Druck bestehen können. Soldatische Tugenden wie Kameradschaft, Entschlussfreude, Standfestigkeit, Tapferkeit und Durchhaltevermögen bleiben daher für eine wirksame Aufgabenerfüllung unverzichtbar.“ So die Bundeswehr unter der Überschrift „Innere Führung: Bildung, Ausbildung, Tugenden“.

Das beschreibt den Idealfall, aber wer entspricht mit Anfang Zwanzig schon einem Ideal. Die meisten Soldaten sind jung, sie begegnen in den Krisenregionen zum ersten Mal dem Tod, sie begegnen dem Hass und sie begegnen der eigenen Angst. Man schickt sie als Bewahrer eines Friedens, der noch keiner ist.

Psychologen wundern sich nicht, dass einige den inneren Druck mit makaberen Späßen kompensieren. Den Tod lächerlich zu machen sei keine Erfindung der Neuzeit. Es ähnelt den Mutproben der Halbstarken, dem Pfeifen der Kinder im Wald oder dem Bungee-Jumping der Risiko-Sucher. Alles Varianten, wie man die eigene Hilflosigkeit gegenüber dem Unausweichlichen vor sich und anderen verbergen kann.

Dazu sagte uns Erik R., ein ehemaliger Zeitsoldat, der im Kosovo stationiert war: „Ich war physisch und psychisch sehr angespannt durch die hasserfüllte Atmosphäre innerhalb der Bevölkerung um uns herum.“ Er beschreibt, dass in seiner Umgebung bei den Kameraden der Alkohol in Strömen floss, um wenigstens für Stunden der Anspannung zu entgehen.

„Wer niemanden hatte, bei dem er auch mal schwach sein konnte, der war wirklich arm dran. Ich konnte jederzeit meine Familie, Eltern und Geschwister, anrufen, das hat mir sehr geholfen durchzuhalten“, sagt Erik R. „Aber manche Väter oder Mütter wollten auch nur stolz sein auf ihre Söhne, nach dem Motto – ‚Nun ist doch noch was aus dir geworden!’ – die Söhne konnten dann nur noch lügen, wie toll sie wären, um die Eltern nicht zu enttäuschen. Manche gingen zum Bundeswehrseelsorger, aber wer nirgends einen Halt hat in allem, was dort auf einen einstürmt, der wird häufig zum Angeber oder Superhelden und Macho. Das gab es bei uns auch. Da wurde man auch leicht zum Außenseiter, wenn man nicht mitmachte, wer will das schon.“

Angeworben hatte ihn die Bundeswehr bei der Arbeitssuche, seine Abenteuerlust und das Sicherheitsdenken für einen festen Job gleichzeitig ansprechend. Die Bundeswehr ist einer der größten Arbeitgeber in Deutschland. Da konnte er nicht widerstehen. Es tut ihm auch nicht leid, denn die drei freiwilligen Jahre beschleunigten seinen inneren Reifeprozess im Eilgang. Er begann danach mit einer Ausbildung zum Erzieher.

Erik R. kann jedoch nicht verstehen, dass eine Zeitung mit den Bildern aus Afghanistan solchen Wirbel macht, das sei wohl auch nicht besser als die eigentliche Tat. Wer wirklich besorgt wäre um Deutschland, der würde damit zum Minister gehen und sagen: „Hier, räumt da mal auf, sonst geht es uns mit den Folgen bald allen dreckig.“

Im Kosovo war er erstaunt über die Hochachtung, die den Deutschen von der Bevölkerung entgegengebracht wurde. In Afghanistan soll es bisher ähnlich gewesen sein.

Was in Afghanistan geschah mit den Totenschädeln, wird eine Untersuchung aufklären. Es gibt keine wirkliche Entschuldigung für die jungen Kerle, aber eine Frage an die Urteilenden steht im Raum. Die Psychologen jedenfalls stellen sie: „Was erwarten wir von unseren jungen Leuten, was wir selbst vielleicht nie erleben und bestehen mussten? Mit welchen Wertvorstellungen und gelebten Werten schicken wir sie eigentlich in die Welt?“

_____Leserbriefe_____________________________________________________

Mit mehr Menschenwürde behandeln

Die Bundeswehr soll erst einmal lernen, ihre Angestellten oder zutreffender wäre wohl, gekauften Sklaven, mit mehr Menschenwürde zu behandeln!
Ich finde es nämlich verwerflich, 19jährige Seelen zu kaufen und sie in ewig langen Verträgen, aus denen sie nicht herauskommen, an die Bundeswehr zu binden! Dies verletzt für mich ein Menschenrecht – selbstbestimmt zu leben, wie es jeder will. Statt dessen werden, ÄrztInnen und SoldatInnen gezwungen, ihre Pflicht wahrzunehmen mit Auslandeinsätzen, die sie nicht wollen. Wer soll damit nicht überfordert sein? Was hat das mit Urteilskraft zu tun? Die sollen ja nur funktionieren und gehorchen! Wer will da nicht ausbrechen? Oder zusammenbrechen?
Ich konnte dem allem nicht mehr zusehen – in meiner Beziehung – wenn eine Beziehung mit jemandem in der Bundeswehr überhaupt möglich ist…

Nel

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