Die sakrosankte Kanzlerin: Schweizer Journalist wirft deutschen Medien Merkel-Hörigkeit vor

Von 4. Juni 2019 Aktualisiert: 4. Juni 2019 17:54
Einst galten deutsche Medien als immun gegen die Verehrung Mächtiger und kritisch auch gegenüber denjenigen, die im eigenen Land den Ton angaben. Mittlerweile sei davon nichts mehr zu bemerken, meint der Schweizer Journalist Frank A. Meyer. Angela Merkel zu hinterfragen, gelte gleichsam als Tabu.

In einer Kolumne für die Schweizer Tageszeitung „Blick“ hat der bekannte Journalist und Medienberater Frank A. Meyer deutschen Medien vorgeworfen, „eingebetteten Journalismus“ zu betreiben. Unter „embedded journalism“ versteht man eine Form des Journalismus, wie er unter anderem in bewaffneten Konflikten oft zur Anwendung kommt: Ausgewählten Journalisten wird die Möglichkeit gewährt, direkt von der Front zu berichten, dabei werden sie durch die erfahrenen Militärs vor Risiken abgeschirmt und erhalten die Chance, spektakuläre Aufnahmen zu machen – im Gegenzug wird von ihnen jedoch erwartet, dass sie ausschließlich in einer solchen Weise berichten, die im Sinne der Konfliktpartei ist, die sie „einbettet“.

Dass auch der deutsche Mainstream weitgehend solchen Journalismus pflege, zeige sich vor allem daran, dass Kritik an der Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel dort de facto nicht mehr vorkomme und nicht einmal die jüngsten katastrophalen Wahlergebnisse der Regierungsparteien zum Anlass genommen würden, die Rolle der Regierungschefin in diesem Zusammenhang zu hinterfragen.

„Die Inhaberin der politischen Richtlinienkompetenz ist kein Thema“

Im Zusammenhang mit der Berichterstattung zur jüngsten EU-Wahl seien viele Namen gefallen – und mit ihnen verknüpft ganz eindeutige Tendenzen im Unterton: Schwärmerisch über Greta Thunberg und ihre „Fridays for Future“-Märsche, im Plauderton über den – möglicherweise wie auch andere Social-Media-Influencer weit überschätzten – YouTuber „Rezo“, lästernd über die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer und höhnisch über Andrea Nahles, die sich durch vorgezogene Wahlen ihre Position sichern wollte und damit Schiffbruch erlitt.

„Kein Begriff, kein Name wird ausgespart, der die Leser- und User-Seelen aufzuwühlen verspricht“, schreibt Meyer. „Oder doch? Ein Begriff, ein Name fällt nicht in diesem medialen Getümmel um die Europawahlen: Angela Merkel, die Chefin der Regierung, kommt in der aufgeregten Debatte nicht vor. Die Inhaberin der politischen Richtlinienkompetenz ist kein Thema.“

Während in der Partei, die sie über fast zwei Jahrzehnte geleitet hatte, Krisenstimmung angesagt war, ergehen sich deutsche Medien in fast byzantinistischer Form über die Rede der frischgebackenen Ehrendoktorin zum „anständigen“ Amerika in Harvard. Meyer schreibt:

Man stelle sich die Regierung einer wachen Demokratie nach einer solchen Niederlage vor: Sie würde von den Journalisten der demokratischen Medien in Haftung genommen, auf die Bühne gezerrt, ätzenden Fragen ausgesetzt, schonungsloser Kritik unterzogen – dekonstruiert!“

Unbestechliche Journalisten würden sich in einer solchen Demokratie zur Stimme der Wähler machen und Rechenschaft verlangen. Stattdessen aber machen Deutschlands Journalisten

einen ehrfürchtigen Bogen um die Bundeskanzlerin – und wenn sie sich ihr doch mal nähern, dann unter Bücklingen und nur, um sich so rasch wie möglich dienerhaft rückwärts zu entfernen“.

Kritik nur an fehlender Loyalität zu Merkels Politik

Merkel würde derzeit vom Wähler die Quittung erhalten für offensichtliche Fehlleistungen in ihren mittlerweile 14 Jahren Amtszeit, „für eine irrlichternde Umweltpolitik, für eine fahrlässig abgetakelte Bundeswehr, für den Verzicht auf eine Europastrategie, für das Verschlafen digitaler Zukunftspläne – vor allem für das angerichtete Migrationschaos“.

Meyer wies darauf hin, dass die Union noch einen Monat vor Merkels Grenzöffnung bei 42 Prozent gelegen habe und die SPD bei 25, während die AfD nach ihrem Essener Parteitag mit der Lucke-Abwahl bei drei Prozent umherdümpelte.

Heute liegen Unionsparteien und SPD gemeinsam nicht mehr weit über dem Ergebnis, dass CDU und CSU damals zusammen hatten. Die Vorstellung, dass dies mit einer falschen Politik Merkels zu tun haben könnte – für deutsche Medien unvorstellbar. Allenfalls wird die Union dahingehend kritisiert, dass sie die Politik Merkels nicht bereitwillig genug mitgetragen hätten, wie dies etwa auch die „Klimaschützer“ der Thunberg-Bewegung anprangern. Meyers Fazit:

Der deutsche Journalismus, einst bewundert als Bollwerk gegen jedwedes Begehren des Büttels und nie der Verehrung Mächtiger verdächtig, ist heute das, was man auf Englisch ‚embedded journalism‘ nennt – eingebettet in die Riten und Regeln der Regierungsmacht. Im Bett.“