Menschen stehen bei einer Schweigeminute zum Gedenken der Opfer nach der Amokfahrt von Trier mit Toten und Verletzten um genau die Uhrzeit, zu der ein 51-jähriger Mann am Dienstag durch die Fußgängerzone gerast ist. In ganz Trier läuteten die Kirchenglocken.Foto: Harald Tittel/dpa/dpa

„Ich wusste, Katja ist tot“: Der Schmerz hört nicht auf nach der Amokfahrt von Trier

Epoch Times13. Juni 2021 Aktualisiert: 13. Juni 2021 6:59
Seit der tödlichen Amokfahrt in Trier ist bei Familie Lieser nichts mehr wie es war. Sie haben Katja verloren. Und auch einen großen Teil ihres eigenen Lebens.

Die weiße Kerze in der Laterne im Garten brennt Tag und Nacht. „Für Katja. Wir vermissen sie so sehr.“ Immer muss Petra Lieser weinen, wenn sie über ihre Tochter spricht, die vor gut einem halben Jahr bei der Amokfahrt in der Fußgängerzone in Trier getötet wurde.

Nichts ist seitdem mehr wie es war. „Der Schmerz hört nicht auf. Er hört absolut nicht auf“, sagt die 52-Jährige. Auf dem Tisch liegen Fotobücher mit Bildern aus dem Leben einer jungen Frau, das mit 25 Jahren von einer Minute auf die andere endete.

„Sie hat Jura studiert und war gerade mit den schriftlichen Prüfungen fertig. Sie hatte so viel vor“, erzählt die Mutter. Katja sei sehr lebenslustig gewesen, habe viel gelacht. „Aber dann war sie einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.“

Am 1. Dezember 2020 erfasste sie der rasende Amokfahrer mit seinem Sportgeländewagen von hinten. Sie wurde durch die Luft geschleudert, war sofort tot. Bei der Tat starben vier weitere Menschen: ein neun Wochen altes Baby, dessen Vater (45) und zwei Frauen im Alter von 73 und 52 Jahren. Zudem gab es zahlreiche Verletzte.

„Ich wusste Katja ist tot“

„Ich habe an dem Tag, als die Nachrichten kamen, sofort gewusst, dass Katja tot ist. Es ist verrückt zu sagen, aber ich habe es gefühlt“, sagt die Mutter, die Leiterin einer Kindertagesstätte ist. „Der Mord ist sinnloser als sinnlos gewesen.“

Katjas Schwester Tanja (23) fügt hinzu: „Man hat keine Worte.“ Auch für sie brach eine Welt zusammen. „Katja war für mich die wichtigste Person in meinem Leben. Wir haben immer alles zusammen gemacht. Wir waren die besten Schwestern, die es gab. Einfach auch beste Freunde.“ Es vergehe keine Sekunde, ohne dass sie an ihre Schwester denke.

Sie und ihre Mutter werden in dem Prozess gegen den 51-Jährigen, der wegen fünffachen Mordes angeklagt ist, als Nebenklägerinnen auftreten. „Ich habe keine Angst vor dem Prozess“, sagt die Mutter. „Ich gehe da für Katja hin.“ Wut auf den Täter habe sie nicht. „Wir wissen nicht, was seine Beweggründe waren. Aber wenn er vor unserer Türe gestanden und um Hilfe gebeten hätte, hätten wir ihm geholfen.“

Nach vorläufiger Einschätzung eines psychiatrischen Sachverständigen leidet der Mann laut Staatsanwaltschaft an einer Psychose. Zudem sei er alleinstehend, arbeitslos, ohne festen Wohnsitz und offenbar durch seine persönlichen Lebensumstände frustriert gewesen.

Auch der Vater von Katja sagt, er sei nicht wütend auf den Täter. „Ich denke, es kommt jetzt darauf an, wie er sich vor Gericht gibt. Vielleicht kommt dann die Wut, wenn er irgendeinen Blödsinn erzählt.“ Tanja Lieser sagt: „Egal, was er sagen wird. Das ändert an der Tatsache, dass Katja fehlt, nichts.“ Der Prozess könne aber wichtig sein, um das Ganze zu verarbeiten. „Und auch um für Katja zu kämpfen, dass sie wenigstens ein bisschen mehr gesehen wird.“ Aber natürlich werde es wohl schlimm werden, „wenn wir die Bilder und Videos sehen“.

Prozessbeginn wahrscheinlich im Spätsommer

Nach Angaben des Landgerichts Trier gibt es noch keinen Termin. Die Staatsanwaltschaft rechnet mit Beginn des Prozesses noch im Spätsommer. Angeklagt ist der Deutsche auch wegen versuchten Mordes in 18 Fällen, davon 14 Mal in Tateinheit mit gefährlicher oder schwerer Körperverletzung. Laut Anklage ist der Mann „wahllos und gezielt auf Passanten“ zugefahren, in der Absicht „möglichst viele Menschen zu töten oder zumindest zu verletzten“. Sein Motiv: unklar.

Petra Lieser konnte seit dem Tod ihrer Tochter nicht mehr arbeiten gehen. „Vielleicht beginne ich Ende des Monats wieder langsam. Ich weiß aber nicht, ob ich es schaffe.“ Sie liebe ihren Beruf, vielleicht könne das auch ablenken. Zurzeit geht sie jeden Tag 10 bis 14 Kilometer laufen. Mit Freundinnen. „Das ist meine Art, das zu verarbeiten“. Aber jedes Mal, wenn sie ein Auto sehe, das so ähnlich wie das des Täters aussehe, sehe sie vor sich, wie Katja überfahren werde. „Das ist einfach furchtbar.“

In die Trierer Innenstadt könne sie nicht mehr gehen. Auch die Läden, in denen sie mit ihrer Tochter einkaufen war, meide sie. „Ich kann auch keine Musik im Radio hören. Da kommt immer ein Lied, das Katja gerne gehört hat.“ Und der Fernseher bleibe aus. „Ich schirme mich ab. Sonst kommen direkt die Bilder.“ Ganz schlimm sei für sie gewesen, dass sie nach der Tat zehn Tage lang nicht zur Leiche ihrer Tochter durfte. Weil die Obduktion noch anstand.

„Ich kann nachts nicht mehr schlafen“

Vater Andreas Lieser hat seinen Arbeitsplatz nahe dem Ort, an dem seine Tochter in den Tod gerissen wurde. Die Stelle sei für ihn tabu. „Ich nehme jetzt immer einen anderen Eingang.“ Tagsüber könne er gut verdrängen. Nachts gehe das aber nicht. „Ich kann nachts nicht mehr schlafen.“ Da bekomme er Herzrasen. Auch Tochter Tanja leidet körperlich. „Man hat keine Kraft. Selbst einkaufen wird zur Last.“

Ihr und ihren Eltern ist es ein großes Anliegen, dass die Erinnerung an Katja und die anderen Opfer wachgehalten wird. „Wir können nicht verstehen, warum es noch keine Planungen für eine Gedenkstätte oder Gedenkstellen gibt“, sagt der Vater. „Es wäre wichtig, dass die Opfer mehr gesehen werden“, meint auch Tanja. „Wir wollen, dass das Ganze Gesichter bekommt. Und Namen.“ So wie zum Beispiel in Hanau, wo nach dem rassistisch motivierten Anschlag vom 19. Februar 2020 namentlich an die neun Getöteten erinnert wurde.

Die Rückkehr ins „normale Leben“ fällt auch der besten Freundin von Katja, Anna-Lena Notzon (26), schwer. „Ich kann das alles noch nicht richtig wahrhaben. Egal, was man macht und wo man ist, fehlt ein Teil – und es wird eigentlich immer schlimmer.“ Dass man jetzt wieder in die Stadt zum Feiern gehe, nach Corona, das sei für sie und ihre Freunde gerade „unvorstellbar“. „Wir wissen, dass Katja wollen würde, dass wir wieder Spaß haben. Aber wir können es nicht.“ (dpa)



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