Neuanfang für krumme Gurke und knorrige Karotte

Von 7. Juli 2009 Aktualisiert: 7. Juli 2009 13:14
Die Europäische Union entsorgt Richtlinien für Obst und Gemüse

Jetzt ist es amtlich: Seit dem 1. Juli ist die Gurken-Verordnung (EWG) Nr. 1677/88 der EU, die wegen der vielen Witze, die man über sie gerissen hat, schon Berühmtheit erlangt hatte, vom Tisch. Die Gurke, für die laut EU-Norm nur eine „maximale Krümmung“ von zehn Millimetern auf zehn Zentimeter Länge erlaubt war, darf nun wieder so wachsen wie es der Herrgott will.

Gleiches gilt für 25 weitere Obst- und Gemüsesorten, die ab 1988 mit Einführung der Standards möglichst einheitlich zu wachsen hatten. Karotten etwa dürfen nun wieder knorrig oder mit Pusteln über den Ladentisch wandern, geschmacklich stehen sie ihren Kollegen mit dem makellosem Äußeren sowieso in nichts nach. Bohnen mögen so gewellt sein wie sie wollen und Aprikosen, Spargel und Zucchini beliebig lang, kurz oder krumm.

In Wirtschaftskrise bewusster mit Lebensmitteln umgehen

„Wir müssen diese Dinge nicht auf EU-Ebene regeln“, sagte EU-Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer Boel. In Tagen der hohen Lebensmittelpreise und der Wirtschaftskrise sollten Verbraucher von einem größtmöglichen Produktangebot auswählen können. Es mache keinen Sinn, so Fischer Boel, die in ihrer dänischen Heimat selbst einen Bauernhof betreibt, „perfekte Produkte wegzuwerfen, nur weil sie nicht normgerecht sind.”

Die Europäischen Mitgliedstaaten hatten bereits im Dezember vorigen Jahres für den Vorschlag der Kommission gestimmt, die mit ihrer Initiative die EU-Richtlinien vereinfachen und unnötige Bürokratie abbauen will. Im Übrigen kann man der EU in dem Fall den schwarzen Peter nicht einmal zuschieben, die Regelungen gehen auf den Handel zurück, der zwecks einfacherer Logistik normierte Standardkisten einführte. In eine Kiste passte immer genau die gleiche Anzahl an genormten Gurken.

Nun können Produzenten, Großhändler und Endverkäufer ihre Verträge wieder selber aushandeln. Obst und Gemüse unterschiedlicher Größe wird dann gegebenenfalls nach dem Kilopreis und nicht nach der Stückzahl berechnet, die Produzenten haben weniger Ausschuss, weil sie auch den Spargel, der nach der früherer EU-Norm als zu kurz galt, verkaufen können und können die Ware dementsprechend billiger anbieten.

Große Supermarktketten wie Aldi, Lidl oder Rewe dürften weiterhin genormte Produkte vorziehen und somit hauptsächlich den Trend bestimmen.  Die Ware muss für sie vergleichbar und stapelbar sein. Für Äpfel, Zitrusfrüchte, Kiwis, Salate, Pfirsiche, Nektarinen, Erdbeeren, Gemüsepaprika, Tafeltrauben und Tomaten, die als die zehn wichtigsten Erzeugnisse 75 Prozent des Handels in Europa ausmachen, bleiben die Vermarktungsnormen ohnehin bestehen. Vorerst, denn würde es nach der deutschen Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner gehen, dann bekämen auch der angeschlagene Apfel und die zu große Tomate schnellstmöglich ihre Daseinsberechtigung.

Aigner droht deshalb ein Streit mit dem Bauernverband, der schon die jüngste EU-Entscheidung für „nicht nachvollziehbar“ hält und vor Horrorszenarien wie „Wühltischen“ im Supermarkt warnt. Kleinere Betriebe, die sich die erforderliche technische Ausstattung zur Sortierung der Norm-Produkte oft nicht leisten können. sehen in dem EU-Vorstoß auch als Chance für kleinere Betriebe am Markt. Sie  werfen dem Bauernverband vor, die „Großen“ zu bevorzugen.

Erschienen in The Epoch Times Deutschland Nr. 25/09

(AP Photo/Christof Stache)
(AP Photo/Christof Stache)
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