Terrorexperte Shams ul-Haq: „Indien und Pakistan müssen Besonnenheit wahren – sonst wird Kaschmir zum zweiten Jemen“

Von 27. Februar 2019 Aktualisiert: 27. Februar 2019 16:47
Im Gespräch mit der Epoch Times rechnet der aus Pakistan stammende Terrorexperte Shams ul-Haq nach der jüngsten Eskalation nicht mit einem weiteren Krieg um Kaschmir. Der Preis wäre für beide Seiten zu hoch.

Die jüngst wieder aufgeflammten Spannungen zwischen Indien und Pakistan rund um die Unruheprovinz Kaschmir nähren die Furcht vor einer weiteren Eskalation in- und außerhalb der Region. Vor einigen Tagen hatte die indische Luftwaffe Ziele auf pakistanischem Territorium angegriffen. Offiziellen Angaben zufolge galt die Offensive einem Trainingslager der radikal-islamischen Terrororganisation Jaish-e-Mohammad (JeM), in Balakot.

Die Stadt liegt im Distrikt Mansehra in der pakistanischen Provinz Khyber-Pakhtunkhwa. Von dort aus sollen die Terroristen am 14. Februar einen Selbstmordanschlag auf indischem Territorium dirigiert haben, der das Leben von 40 indischen Soldaten kostete und zu dem sich JeM postwendend bekannte.

Indien warf Pakistan daraufhin vor, die Aktivitäten der Terroristen in der Region zu dulden und spekulierte gar über eine Einbindung pakistanischer Nachrichtendienste in die Operation. Die Regierung in Neu-Delhi kündigte eine harte Reaktion gegen die Terroristen an, Pakistans Premierminister Imran Khan warnte vor einer Verletzung der Souveränität seines Landes und kündigte an, selbst gegen die Extremisten vorgehen zu wollen.

Imran Khan: „Wir können uns keine Fehlkalkulation leisten“

Am heutigen Mittwoch (27.2.) berichtete BBC, Pakistan habe nun in der Region zwei Kampfflugzeuge der indischen Luftwaffe abgeschossen und deren Piloten gefangen genommen. Indien hat bislang den Verlust einer MiG 21 bestätigt und erklärt, dass ein Pilot vermisst werde.

Die Entwicklung stellt eine neuerliche gefährliche Zuspitzung des Konflikts dar. Seit beide Nuklearmächte 1947 ihre Unabhängigkeit vom britischen Empire erlangt hatten, führten sie bereits drei Mal gegeneinander Krieg. In zwei Fällen ging es dabei um die Provinz Kaschmir, die von beiden Ländern beansprucht, aber jeweils nur zu einem Teil kontrolliert wird. Die jüngsten Luftangriffe Indiens auf Gebiete jenseits der Demarkationslinie waren die ersten seit 1971.

Pakistans Premierminister Imran Khan forderte eine „verantwortungsvolle“ Antwort, gab aber zu bedenken: „Denkt man an die Waffen, die wir haben und die sie haben, können wir uns eine Fehlkalkulation leisten?“

Der in Pakistan aufgewachsene Terrorexperte Shams ul-Haq hat mit der Epoch Times über die Situation und die jüngsten Entwicklungen gesprochen. Dabei hat er betont, wie wichtig es sei, gerade jetzt Besonnenheit zu bewahren.

In den Medien noch mehr Scharfmacher als in der Politik

Gleichzeitig äußerte er jedoch Verständnis dafür, dass Indien auf ein hartes Vorgehen gegen JeM bestehe:

„Vor zwei Wochen gab es diese Bombe [Anm. der Red.: Anschlag mit 40 toten indischen Soldaten]. JeM hat auch Leute in Pakistan, ebenso wie der IS. Die Organisation unter ihrem Anführer Masood Azhar will ‚Kaschmir befreien‘, wirbt dafür junge Menschen an und versucht, den Kaschmir-Konflikt für ihre Zwecke zu benutzen wie der IS den Islam. Sie haben den Anschlag im indischen Teil verübt. Man kann nicht 40 Menschen töten, ohne dass es eine Reaktion gibt. Der Gegenschlag Indiens erfolgte vor drei Tagen, jetzt der Abschuss und die Festnahme der Piloten. Es gibt ein Abkommen zwischen beiden Staaten, das es ermöglicht, sie zurückzuschicken. Der Premierminister [Pakistans] hat es bereits angedeutet: Man will keinen Krieg, es hat bereits zwei Kriege mit schrecklichen Folgen gegeben, beide Seiten können das nicht gebrauchen. Allerdings ist auch die internationale Gemeinschaft gefordert.“

Sowohl der Premierminister Pakistans als auch der Außenminister Indiens haben sich mittlerweile an die Bevölkerung ihrer Länder gewandt.

Ul-Haq sieht in der derzeitigen Lage auch die Medien beider Länder in der Verantwortung. Beide würden den seit mehr als 70 Jahren schwelenden Konflikt und die jüngsten Entwicklungen hochkochen, um damit Geld zu machen. In Indien sei dies sogar noch schlimmer.

„Die Medien sollten den Frieden im Auge behalten“, betont der Terrorexperte und weist auf die Situation der Betroffenen hin: „Mehrere Dörfer in den Grenzgebieten wurden auf beiden Seiten geräumt. Der Strom wurde abgeschaltet. Die Situation ist für Betroffene auf beiden Seiten unannehmbar. Und sie macht den Leuten Angst.“

Tiefe Strukturen des radikalen Islam reichen bis in pakistanischen Staatsapparat

Beide Länder müssten nun aufpassen, um eine Eskalation zu vermeiden. Auch Indiens Premierminister Narendra Modi, der im Wahlkampf steht, soll eine Strategie der Spannung verfolgen, um den Konflikt im Wahlkampf zu nutzen und seine radikale hinduistische Basis mobilisieren zu können.

Kommt es aber zu einer Eskalation, so Ul-Haq, hätten die Islamisten gewonnen. Sie würden am meisten profitieren und wollen deshalb auch Gespräche zwischen beiden Ländern hintertreiben. Sie seien es, die junge Menschen dazu motivierten, nach Kaschmir zu kommen und dort Zellen zu bilden.

JeM und andere Terrororganisationen sind offiziell in Pakistan verboten. Auf die Frage der Epoch Times, inwieweit radikal-islamische Kräfte tatsächlich Einfluss im Land ausüben, erklärt Ul-Haq, dass dieser tatsächlich beachtlich sei und bis ins Parlament und den Staatsapparat reiche. Dass es den Extremisten gelungen sei, im Zusammenhang mit dem Freispruch Asia Bibis das Land lahmzulegen und die Ausreise zu verhindern, sei eine Machtdemonstration radikaler Kräfte:

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„Sie haben Parlamentssitze, sie haben Rückhalt in Teilen der Bevölkerung, sie emotionalisieren, hetzen, vor allem auch in den sozialen Medien. Es ist ein Phänomen auf beiden Seiten, auch in Indien gibt es solche Kräfte. Diesen Leuten ist die nunmehrige Entwicklung nur recht.“

Einen Zusammenhang der Eskalation mit dem Asienbesuch des US-Präsidenten Donald Trump, der Pakistan mehrfach Untätigkeit im Kampf gegen den Terror vorgeworfen hatte, oder mit möglichen Gesprächen, die Washington mit den Taliban in Afghanistan zu führen bereit sei, sieht Ul-Haq nicht.

Radikale Taliban destabilisieren auch Nachbarländer

Dennoch sei es richtig, wenn Trump sage, die pakistanische Politik und das Militär müssten mehr tun im Kampf gegen den radikal-islamischen Terror. Das sei Pakistans Verantwortung. Bislang gebe man in Islamabad jedoch nicht einmal offiziell zu, dass es im Land den IS gibt.

Auch der Ansatz, Gespräche mit den Taliban zu führen, sei richtig. In Afghanistan hätten die USA und ihre Verbündeten 17 Jahre lang Krieg geführt, viele eigene Soldaten verloren und die Taliban stünden trotzdem vor Kabul.

„Ohne Frieden dort gibt es auch in der Welt keinen Frieden“, ist Ul-Haq sich sicher. Entgegen den Abzugsankündigungen werde Trump jedoch inoffiziell Kräfte in Afghanistan behalten müssen, weil ansonsten radikale Kräfte der Taliban Morgenluft wittern und Einfluss nehmen würden. Diese würden auch Konflikte in Ländern wie Indien, Bangladesch oder Burma befeuern. Deshalb sei es wichtig, zumindest den Versuch zu unternehmen, mit gesprächsbereiten Kräften eine Lösung zu suchen.

Auf die Frage nach seiner persönlichen Einschätzung hinsichtlich des Eskalationspotenzials um Kaschmir zeigt Ul-Haq sich zuversichtlich, dass es zu keiner weiteren Zuspitzung kommen werde:

„Ich glaube, beide Seiten wissen um den Ernst der Lage. Man muss aber aufpassen, was in den nächsten Tagen und Wochen passiert. Jede Militäraktion bringt weitere Gefahr. Die ersten beiden Kriege um Kaschmir kosteten hunderttausende Leben und haben die Wirtschaft der Region völlig ruiniert. Ich als Pakistaner sage: Beide Länder sollen sich das wirklich gut überlegen.“

Auch NATO, UNO und Europa müssten gemeinsam deeskalieren. Es wäre jetzt an der Zeit, zu den Telefonhörern zu greifen und Gespräche zu führen. Jetzt könnten die internationalen Organisationen ihre Kosten rechtfertigen und ihre Existenzberechtigung nachweisen. Auch Saudi-Arabien, China und der Iran seien gefordert, denn wenn es einen Krieg gäbe, dann hätte das weltweite Auswirkungen. Eine Situation wie im Jemen sei um jeden Preis zu verhindern.

Zudem dürfe man einen Umstand nie vergessen: Der Grund für die Eskalation ist die Terrororganisation JeM.