Alt-Bundestrainer Berti Vogts: „Die Mannschaft“ lieber heute als morgen abschaffen

Epoch Times4. September 2018 Aktualisiert: 4. September 2018 17:51
Der Alt-Nationalspieler und frühere DFB-Trainer Berti Vogts hat sich in einem Kommentar zur Situation der deutschen Fußball-Nationalmannschaft geäußert. Darin kritisierte er die Führungsspieler für ihr Gebaren bei der WM und plädierte für ein Ende der Bezeichnung „Die Mannschaft“.

Berti Vogts, seines Zeichens Gladbacher Urgestein, Welt- und Europameister als Nationalspieler und Europameister als Trainer, hat sich zur Krise der deutschen Fußball-Nationalauswahl zu Wort gemeldet. Vogts war 1998 als glückloser Nachfolger des Weltmeistertrainers Franz Beckenbauer nach acht Jahren zurückgetreten, in denen dem EM-Titelgewinn 1996 ein verlorenes EM-Finale 1992 und zweimal ein Viertelfinal-Aus bei den WM-Turnieren 1994 und 1998 gegenüberstanden.

Nun, da das DFB-Team nach einer desaströsen Vorstellung bei der Weltmeisterschaft in Russland bereits in der Vorrunde ausgeschieden war, wird auch der Rat des Berti Vogts wieder höher geschätzt und wie Medien berichten, könnte die frühere Abwehrlegende eine wichtige Rolle spielen. Zeitungen der „Funke Mediengruppe“ hatten berichtet, dass DFB-Direktor Oliver Bierhoff Vogts in einen neuen zehnköpfigen Beirat holen wolle. Der Ex-Nationaltrainer hat sich dazu noch nicht geäußert.

In einer Kolumne für das Nachrichtenportal von „T-Online“ hat Berti Vogts, der zuvor ein Ende des „Schlafwagenfußballs“ der DFB-Elf gefordert hatte, nach den ersten beiden Spieltagen der Bundesliga eine positive Bilanz gezogen. Die offensivere Spielweise und die stärkere Abschlussorientierung, die dabei zu bemerken gewesen wären, könnten demnach auf ein intaktes Entwicklungspotenzial hindeuten.

Medien tragen Mitschuld am „Schlafwagenfußball“

Den Medien warf Vogts vor, vorschnelle Trainerdiskussionen vom Zaun zu brechen. Dies verleite die Betreffenden dazu, ihre Mannschaften zu ergebnisorientiertem Fußball anzuhalten – eben jenem „Schlafwagenfußball“, der zuletzt die Nationalmannschaft gekennzeichnet habe.

Berti Vogts würdigte es zwar, dass der seit Ende der WM 2006 als Cheftrainer amtierende Joachim Löw in seiner WM-Analyse die Schuld für das schlechte Abschneiden auf sich genommen habe, um die Spieler zu schützen.

Dennoch seien die Spieler selbst die Hauptverantwortlichen für die WM-Blamage. Vogts meinte dazu:

„Gerade von den Führungsspielern hätte man mehr erwarten müssen. Sie haben schon die Spiele im Vorfeld der WM verbockt. Sie hätten sich zusammensetzen und überlegen müssen, wie sie den Karren gemeinsam aus dem Dreck ziehen. Ohne Trainer. Stattdessen waren immer andere schuld. Oder die Unterkunft. Aber die Spiele werden immer noch auf dem Platz gewonnen. Nicht im Hotel.“

Besonders deutlich wurde Berti Vogts aber mit Blick auf die bereits 2016 im Jahr ihrer Vorstellung umstrittenen Corporate Identity als „Die Mannschaft“. Diesen Begriff, so Vogts, sollte man „lieber heute als morgen abschaffen“. Man spreche von der deutschen Nationalmannschaft und das habe auch einen speziellen Sinngehalt:

„Für eine ‚Mannschaft‘ kann ich jede Woche spielen – auch in der Kreisliga. Es gibt knapp 25.000 Vereine in Deutschland mit mehr als vier Millionen Mitgliedern allein im Seniorenbereich. Nur 23 davon dürfen für die deutsche Nationalmannschaft spielen. Und genau dieses Bewusstsein ist verloren gegangen und verschenkt worden. Das ist das Wichtigste, das man im Herzen tragen muss. Jedes Kind träumt davon, einmal den Adler auf der Brust zu tragen. Wenn ich dieses Privileg genieße, dann sollte ich es auch zu schätzen wissen. Ich spiele dann für diese Kinder.“

Entfremdung zwischen Fans und Mannschaft

Die Fußball-WM in Russland war neben schlechten spielerischen Leistungen des DFB-Teams auch von einer starken Entfremdung zwischen den Fans und der Nationalmannschaft gekennzeichnet. Die umstrittenen Fotosessions türkischstämmiger Spieler mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan, die Weigerungen vieler Spieler, die Nationalhymne mitzusingen, das Entfernen der Nationalfarben von den Trikots der sogenannten „Mannschaft“ – zusammen mit der extrem politisierten Berichterstattung der Leitmedien mit Blick auf Gastgeber Russland hat dies alles die Stimmung im Land erheblich belastet.

Im Vergleich zu WM-Turnieren der Jahre davor waren weniger Fahnen in Fenstern und an Autos zu sehen, der Devotionalienabsatz verlief schleppender als gewohnt und brach mit dem vorzeitigen Ausscheiden komplett zusammen. In den sozialen Medien war zu bemerken, dass sogar konservative und politisch rechtsstehende Bürger der deutschen Mannschaft ein vorzeitiges Aus wünschten – ein absolutes Novum in der Geschichte internationaler Fußballturniere der Männer mit deutscher Beteiligung.

Dass Nationalspieler Mesüt Özil in den Fokus der öffentlichen Kritik rückte, nahmen Leitmedien wiederum zum Anlass, einen angeblichen „Rassismus“-Skandal herbeizuschreiben. Zur Begründung für diese Vorwürfe an mehrere DFB-Funktionäre und deutsche Fußballfans wurde darauf verwiesen, dass Özil – was zweifellos zutraf – während des Turniers zumindest nicht uninspirierter gespielt habe als alle anderen auch. Es traf auch zu, dass bereits in den 1970er Jahren deutsche Nationalspieler die Hymne nicht mitsangen, ohne dass dies einen ähnlichen Aufschrei ausgelöst hätte.

Özil – Rassismusopfer oder Diva?

Demgegenüber lässt sich jedoch argumentieren, dass sich die Zeiten seither gewandelt und zumindest abseits der politischen Eliten auch in Deutschland wieder mehr Wert auf Patriotismus gelegt wird. Außerdem könnte sich Özil, indem er selbst von sich aus zur Rassismuskeule gegriffen und sich als Opfer inszeniert hatte, auch selbst einen erheblichen Teil zu den unfreundlichen Reaktionen beigetragen haben.

Tatsächlich hatten andere türkischstämmige Nationalspieler wie Ilkay Gündoğan, der ebenfalls in die Erdoğan-Fotoaffäre involviert war, oder Emre Can nicht mit ähnlichen heftigen Missfallensbekundungen zu kämpfen. Zudem war Özil auch bei seinem Verein in England zuletzt nicht immer im Stammkader. Im Juli erklärte der 92-fache Nationalspieler seinen Rücktritt aus dem DFB-Team.

Die bevorstehenden Testspiele am kommenden Donnerstag gegen Weltmeister Frankreich und am darauffolgenden Sonntag gegen WM-Teilnehmer Peru werden eine erste Standortbestimmung für die Nationalmannschaft nach der WM-Pleite sein. Berti Vogts sieht dennoch die Chance zu einer Trendwende – auch unter Trainer Löw. Die Voraussetzungen seien auf Grund des Nachwuchspotenzials deutlich günstiger:

„Das ist nämlich der große Unterschied zur WM 1998, als wir im Viertelfinale gegen die goldene Generation der Kroaten ausgeschieden waren. Damals gab es keine Nachwuchsakademien und dementsprechend keine Spieler, die ich anschließend hätte nominieren können. Elf Spieler waren nach der WM nicht mehr dabei. Ich musste damals ältere Spieler zurückholen, von denen wir uns schon verabschiedet hatten. Dann bin ich nach zwei Testspielen zurückgetreten. Das war ungleich schwerer als die Situation heute.“

(rw)

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