Bis zur Hälfte der Corona-Patienten nicht „wegen“ COVID behandelt

2020 mussten mehr Patienten auf der Intensivstation behandelt werden, Corona spielte dabei jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Analysen der Abrechnungsdaten mit den Krankenkassen zeigen, Krankenhäuser waren stark unterlastet – und bis zu jeder zweite Corona-Patient wurde gar nicht wegen COVID-19 behandelt.
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Notaufnahme.Foto: upixa/iStock
Von 14. November 2021

Selbst die Corona-Pandemie schützt Krankenhäuser nicht vor der deutschen Bürokratie. Jeder Patient und jede Behandlung muss sorgfältig dokumentiert und abgerechnet werden. Diese Daten stellt das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) zur Verfügung. Die InEK-Datenbank umfasst aktuell den Zeitraum von Januar 2019 bis Mai 2021. Karsten Montag, Autor und Corona-Aufklärer, hat diese Daten für das „Multipolar-Magazin“ „mit viel Geduld und Aufwand sichergestellt und ausgewertet“.

Ähnlich wie bei Corona-Toten scheint auch bei Corona-Patienten in Krankenhäusern und auf den Intensivstationen nicht überall Corona schuld zu sein, wo Corona drauf steht. Montags Auswertung der Abrechnungsdaten zeigt, nur etwa jeder zweite „Corona-Patient“ wurde tatsächlich wegen oder mit einer akuten Atemwegserkrankung hospitalisiert. Die anderen „Corona-Patienten“ fallen demzufolge in die gleiche Kategorie wie „Fallschirmspringer ohne Fallschirm stirbt an Corona“.

Gebrochenes Bein + positiver Test = Corona-Fall

Die Abrechnungsdaten basieren auf Meldungen der Krankenhäuser. Wesentliches Merkmal ist dabei die Angabe der Haupt- beziehungsweise Nebendiagnose. Diese werden in sogenannten ICD-10-GM Codes angegeben. „Akute Atemwegserkrankungen aufgrund einer Virusinfektion“ verstecken sich hinter den Bezeichnungen J00 bis J22, J44.0 und B34.9. U07.1 steht für „COVID-19, Virus nachgewiesen“.

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Die Abrechnungsdaten zeigen damit eindeutig, ob ein Patient „wegen“ COVID-19 – beziehungsweise einer Atemwegserkrankung in Verbindung mit einem positiven Corona-Test – oder „mit“ COVID-19 ins Krankenhaus kam – also mit einer anderen Hauptdiagnose und zufällig positiv getestet wurde.

Der Anteil der COVID-19-Fälle mit akuten Atemwegserkrankungen an allen stationär aufgenommen COVID-19-Fällen im Winter 2020/21 [lag] zum Teil nur bei etwas mehr als der Hälfte“, schreibt Montag.

Die „übrigen sogenannten COVID-19-Fälle“ kamen demzufolge aus anderen Gründen ins Krankenhaus, wie „Herzinfarkt, Harnwegsinfektionen oder Beinbruch“. Gleichzeitig fand Montag jedoch weitere „brisante Erkenntnisse“ in den Daten. Er schreibt:

„Im Vergleich zu 2019 [stieg] die Zahl der intensivmedizinisch behandelten Fälle abseits von akuten Atemwegserkrankungen – insbesondere Schlaganfälle, Krebserkrankungen und Herzinfarkte – nach dem ersten Lockdown ungewöhnlich stark an. Dies deutet auf die Folgen verschobener Behandlungen und verzögerter Vorsorgeuntersuchungen wegen des ersten Lockdowns hin.“

Die Abrechnungsdaten der Krankenhäuser untermauern damit, was Mediziner bereits im Frühjahr 2020 befürchtet haben: Kollateralschäden der Corona-Politik. Außerdem, so Montag weiter, zeigen die Zahlen, dass sämtliche Lockdowns jeweils zu Zeitpunkten in Kraft traten, als die Krankenhausbelegung in Deutschland deutlich unter derjenigen des Jahres 2019 lag.“

In diesem Zusammenhang stelle sich die Frage, warum die Bundesregierung – trotz offensichtlicher Unterauslastung der Krankenhäuser und entgegen der Behauptungen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der Anfang September 2020 in der BILD einen neuen Lockdown ausschloss – wiederholt derartige Freiheitseinschränkungen erlassen hat. „Auch dieser zweite Lockdown führte zu einer deutlichen Unterauslastung der Krankenhäuser“, stellt Montag fest.

Unterauslastung der Krankenhäuser wegen Corona

Bereits Ende August 2020 stellen Prof. Dr. Boris Augurzky vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) und Prof. Dr. med. Reinhard Busse von der Technischen Universität Berlin in ihrem Bericht „Analysen zum Leistungsgeschehen, zur Erlössituation von Krankenhäusern und zu betroffenen Patienten und ihrer Versorgung in der Corona-Krise“ fest:

„Mit Beginn der zwölften Kalenderwoche beobachten wir im Jahr 2020 einen starken Rückgang im Vergleich zum Vormonat in der Größenordnung von rund 61.000 Patienten [oder] -20 Prozent. Der Rückgang vergrößert sich auf rund 136.000 (-42 Prozent) in Kalenderwoche 15. […] Der Unterschied zu den Vorjahreswochen ist bis Kalenderwoche 20 deutlich sichtbar.“

Krankenhäuser waren 2020 eher unter- als überlastet. Die Anzahl der Einweisungen ging im Frühjahr um bis zu 42 Prozent zurück.

Durchschnittliche Anzahl voll- und teilstationärer Patienten in Krankenhäusern gemäß Definition des InEK nach Kalenderwochen und Jahren. KW 1, 21 und 22 wurden aufgrund unvollständiger Daten zum Erfassungszeitpunkt nicht berücksichtigt. Foto: Bildschirmfoto / Prof. Augurzky et al., 2020

Weitere Erkenntnisse aus dem Bericht sind:
  • Zwischen KW 12 und KW 21 gab es täglich durchschnittlich 7.000 COVID-Patienten, die rund 1,7 Prozent der stationären Bettenkapazitäten belegten.
  • Bis 31. Mai 2020 wurden insgesamt 6.814 COVID-Patienten auf Intensivstationen behandelt. Das sind etwa 20 Prozent aller stationär behandelten Corona-Fälle. Sie belegten durchschnittlich 4 Prozent der intensivmedizinischen Kapazitäten.
  • 4.896 beatmete COVID-Patienten benötigten etwa 4 Prozent der insgesamt verfügbaren „high care“ und ECMO-Betten laut DIVI-Register.

Aus diesen Daten folgt wiederum, was mehrere Intensivpfleger seit Beginn der Pandemie mehrfach zum Ausdruck brachten: Eine mögliche Überlastung der Krankenhäuser ist nicht auf Corona, sondern auf andere Faktoren zurückzuführen. Die Daten zeigen jedoch auch, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zu teils deutlich sinkender Belegung der Krankenhäuser geführt hat, auch wenn dies größtenteils auf andere Patientengruppen zurückzuführen ist.

Krankenhäuser unterfinanziert statt überlastet

Diese Unterauslastung wirkte sich auch auf die Finanzlage der Krankenhäuser aus. Laut Prof. Augurzky et al. sanken die Einnahmen entsprechend. Dank Freihaltepauschalen in Höhe von etwa 4,7 Milliarden Euro – allein in den ersten drei Monaten der Corona-Krise – sanken die Erlöse der Krankenhäuser im Schnitt jedoch nur um 0,4 Prozent.

„Der erhebliche Rückgang der Anzahl der Patienten sei nur zu einem geringen Teil auf die Verschiebung von geplanten unkritischen Operationen zurückzuführen und erfolgte für den Expertenbeirat hinsichtlich anderer Krankheitsbilder in diesem Ausmaß unerwartet“, fasst Montag die Ergebnisse zusammen.

Im Abschlussbericht für das Bundesgesundheitsministerium wird darüber hinaus festgehalten, dass „eine flächendeckende Freihaltung von Bettenkapazitäten wie auch der Aufbau von Kapazitäten für die intensivmedizinische Behandlung“ und „eine Verlängerung der finanziellen Hilfen nach Paragraf 21 KHG (Freihaltepauschalen und Pauschale für zusätzliche Intensivbetten) für die Krankenhäuser über den 30. September 2020 hinaus in der aktuellen Form“ nicht erforderlich sei.

Der Folgebericht vom 30. April 2021 bestätigt, dass die Krankenhäuser auch in der „zweiten Welle“ nicht annähernd vor einer Überlastung wegen Corona standen. Im November und Dezember 2020 war die „Anzahl der aufgenommenen Krankheitsfälle in den Krankenhäusern deutlich niedriger als im Vergleichszeitraum 2019“, schreibt Montag.

Mehr Corona-Positive, aber gleich viel Erkrankte

Doch selbst unter diesen durchschnittlich zwei bis vier Prozent Corona-Patienten in den Krankenhäusern befanden sich nicht alle „wegen“ COVID-19 in Behandlung. In Übereinstimmung mit der vom Robert Koch-Institut im Sommer 2021 vorgeschlagenen „Identifikation akuter Atemwegserkrankungen aufgrund einer Virusinfektion“ analysierte Montag die InEK-Daten. Die angesprochenen ICD-Codes dienen auch dem RKI zur Überwachung der COVID-Fälle.

Betrachtet man nun alle Fälle mit der Diagnose U07.1 – einer wie auch immer nachgewiesen COVID-19-Infektion – zeigt sich, dass insbesondere um den Jahreswechsel 2020/2021 nur etwa die Hälfte aller Patienten auch eine akute Atemwegserkrankung aufwies. Dies trifft sowohl auf Behandlungen im Allgemeinen als auch im Speziellen auf Intensivstationen zu.

Positiv getestete Patienten mit und ohne Diagnose einer akuten Atemwegserkrankung.

Aufnahme stationär behandelter COVID-19-Fälle mit (rosa) und ohne (hellblau) akute Atemwegserkrankung. Deutlich erkennbar ist die Weihnachtspause in den Kliniken. Foto: Karsten Montag, mit freundlicher Genehmigung von „Multipolar-Magazin“

Zusätzlich muss beachtet werden, dass nicht jede Atemwegserkrankung auf Corona zurückzuführen ist, auch wenn der Patient anschließend positiv getestet wird, sodass die Zahl der tatsächlich wegen COVID-19 hospitalisierten Patienten nochmals leicht unter den angegebenen Werten liegen wird.

Indes sind auch die Diagnosen der „mit“ COVID-19 Hospitalisierten laut Montag „weit gestreut“. Sie decken im Grunde „das gesamte Spektrum der im Krankenhaus behandelten Fälle ab, außer dass bei der stationären Aufnahme ein positiver PCR-Test festgestellt wurde“.

Dennoch zeigt sich, dass die Anzahl der wegen Corona Hospitalisierten um den Jahreswechsel nur unmerklich höher war als zu Beginn der Pandemie. Lediglich die Anzahl der Patienten mit positivem Test ist gestiegen.

Karsten Montag schreibt dazu:

„Die hohe Anzahl von hospitalisierten COVID-19-Fällen ohne akute Atemwegserkrankung zum Jahreswechsel spiegelt dabei die hohe Anzahl von PCR-Tests in der Bevölkerung wider. Während in der 13. Kalenderwoche 2020 gemäß den Testzahlen des RKI insgesamt knapp 380.000 Tests durchgeführt wurden, waren es in der 50. Kalenderwoche 1,5 Millionen.

Zunahme der Intensivpatienten nicht auf Corona zurückzuführen

Ohne auf den Abbau der Intensivkapazitäten einzugehen, offenbaren die InEK-Zahlen einen weiteren Fakt, der nicht ins Corona-Narrativ passt. Wie die Auswertung zeigt, stieg die Zahl der neu aufgenommen Intensivpatienten bereits in den ersten Wochen 2020 deutlich über den Vorjahreswert, sank jedoch seit Jahresbeginn stetig. Mit Beginn der Corona-Krise und -Maßnahmen beschleunigte sich die Abnahme.

Trotzdem, und obwohl die Gesamtzahl der wöchentlich stationär aufgenommenen Patienten 2020 unter den Vorjahreswerten lag, wurden auf den Intensivstationen durchschnittlich 5.000 Patienten mehr behandelt. Die Zahl akuter Atemwegserkrankungen blieb im Vergleich zum Vorjahr jedoch annähernd gleich oder sank.

Entwicklung der stationär aufgenommene Patienten auf den Intensivstationen nach Kalenderwochen seit Januar 2019.

2020 startete mit überdurchschnittlich vielen Intensivpatienten (hellblau). Der erste Lockdown ließ die Zahlen sinken, wirkte jedoch kaum auf die Anzahl akuter Atemwegserkrankungen (rosa). Foto: Karsten Montag, mit freundlicher Genehmigung von „Multipolar-Magazin“

Auch die Auswertung der Diagnosedaten bestätigt, dass die Zunahme auf den Intensivstationen nicht auf Corona beziehungsweise akute Atemwegserkrankungen zurückzuführen ist. Während Letztere im Zeitraum der 22. bis 42. Kalenderwoche etwa zehn Prozent häufiger waren als 2019, stiegen die Zahlen, beispielsweise von Gleichgewichtsstörungen und Bauchspeichelkrebs, um 55 bis 60 Prozent. Die Zahl der Schlaganfälle erhöhte sich gar um 80 Prozent. Eine mögliche Ursache könnten Patienten sein, die ihre Behandlungen hinauszögerten und infolgedessen schwerer erkrankten.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Epoch Times Wochenzeitung, Ausgabe Nr. 18, vom 13. November 2021.



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