Mehr als nur Shopping: Bauministerin plant Neubelebung deutscher Innenstädte

Der Handelsverband warnt vor bis zu 5.000 Geschäftsschließungen und einer weiteren Verödung der Innenstädte. Bundesbauministerin Klara Geywitz will den Einzelhandel durch ein Mehr an sozialem Leben stärken – etwa mehr Schulen, Wohnungen, Bibliotheken oder Spielplätze im Umfeld.
Titelbild
HDE-Präsident Alexander von Preen warnt: Ohne innovative Konzepte könnten bis zu 5.000 Einzelhändler dieses Jahr ihre Türen schließen.Foto: iStock
Von 26. April 2024

Bundesbauministerin Klara Geywitz will der drohenden Verödung der Innenstädte durch vielfältigere Angebote des sozialen Lebens begegnen. Im Rahmen des jährlichen Handelsimmobilienkongresses in Berlin sprach sie von Bibliotheken, Wohnungen, Kindergärten und Schulen, die zusätzlich zum Einzelhandel in die Stadtzentren gehörten. Auf diese Weise könne man Letztgenannte stabilisieren und stärken.

Geywitz sieht „Monokulturen“ in den Städten als einen Faktor, der zur zunehmenden Verödung zentraler Lagen führe. Diese seien anfällig für Krisen. Dies gelte „nicht nur für die Fichten im Harz, sondern auch für den Immobilienmarkt und die Innenstadtentwicklung“.

Monokulturen im Einzelhandel

Vor allem in den größeren Städten geht die Anzahl der Einzelhandelsgeschäfte kontinuierlich zurück. Die lokale Standortpolitik setzt jedoch nach wie vor in erster Linie auf Shopping. In Zeiten der Hochkonjunktur mit hoher Kaufkraft und Konsumneigung erschien dies auch naheliegend.

Vor dem Ende der 2010er-Jahre war eine recht kontinuierliche Entwicklung zu verzeichnen. In den Innenstadtlagen stiegen die Mieten – und Einzelhandelsketten erschienen als zahlungskräftige und verlässliche Mieter. Allerdings waren diese besonders für Familien mit Kindern nicht mehr erschwinglich.

Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) erwägt, Büroflächen zu Wohnungen umzubauen.

Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD). Foto: Paul Zinken/dpa

Die Wohnnutzung von Innenstadtlagen nahm zugunsten der gewerblichen Nutzung ab, zahlreiche neue Geschäfts- und Bürogebäude kamen hinzu. Weniger Familien mit Kindern bedeuteten jedoch auch weniger Bedarf für Kinderbetreuung oder Schulen. Diese verlegten ihre Standorte an günstigere Gegenden mit mehr Wohnbevölkerung – und an ihre Stelle traten wiederum Geschäfts- und Bürogebäude.

Auch der Leerstand nimmt zu: Allein in den vergangenen Jahren stieg die entsprechende Quote in Erdgeschosslagen der Innenstädte von acht auf zehn Prozent an. Dies geht aus einer Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung hervor.

„Lieber morgen als übermorgen“ das Geschäft schließen

Der Handelsverband Deutschland (HDE) hatte in den vergangenen Monaten mehrfach vor einem weiteren Ladensterben in den Innenstädten gewarnt. Die erneute Insolvenz von Galeria Karstadt Kaufhof und die bevorstehende Schließung von Filialen sei ein Alarmsignal. Nicht nur große und bekannte Ketten liefen Gefahr, in Schieflagen zu geraten.

HDE-Präsident Alexander von Preen hatte im November des Vorjahres erklärt, rund ein Drittel der mittelständischen Einzelhändler denke daran, „lieber morgen als übermorgen“ das Geschäft zu schließen. Die krisenhaften Ereignisse der vergangenen Jahre und das in den Keller gerutschte Konsumklima weckten wenig Optimismus bezüglich einer möglichen Trendwende.

Die langen Corona-Lockdowns hatten viele Innenstadteinzelhändler ohne Umsatz bei hohen Mieten zurückgelassen. Dazu kam die Konkurrenz durch den Onlinehandel. Selbst dort, wo man versuchte, sich als stationärer Händler ein Standbein zu schaffen, war Platzhirsch Amazon häufig einen Schritt voraus.

Während nach dem Ende der Pandemie nicht alle Kunden zurück in die Geschäfte kamen, folgten Inflation und Energiekrise. Unsicherheit mit Blick auf die Zukunft und eine bestenfalls stagnierende Konjunkturentwicklung begünstigten eine anhaltende Konsumflaute. In dieser Lage befürchtet der HDE, dass allein in diesem Jahr bis zu 5.000 Händler aufgeben könnten.

„Minigolf auf Dächern“: Innenstädte durch innovative Ideen beleben

Von Preen verweist darauf, dass seit 2015 die Anzahl der Einzelhandelsgeschäfte in Deutschland von 372.000 auf 311.000 gesunken sei – Tendenz weiter fallend. Ohne Einzelhandel drohten „Geisterstädte“, so der HDE-Präsident. Sobald Menschen keinen Anlass mehr fänden, in die Innenstädte zu kommen, sei dies nur noch eine Frage der Zeit.

Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut für Urbanistik (difu) pflichtete im Rahmen des Handelsimmobilienkongresses Ministerin Geywitz bei. Wie der „Münchner Merkur“ berichtete, riet sie zu „Experimentierfreudigkeit“. Es sei wichtig, dafür zu sorgen, dass Menschen „andere Zugänge zur Innenstadt“ fänden. So würde es möglicherweise helfen, große und qualitativ optimale Spielplätze zentral anzusiedeln.

Geywitz erwähnte auch die Nutzung von Dächern als potenziellen Ansatz. In früheren Zeiten sei dies üblich gewesen, etwa durch Minigolfanlagen auf den Dächern von Einkaufszentren. Dies habe sich geändert – und möglicherweise nicht zum Positiven. Dies, so die Ministerin, könne sich auch wieder ändern:

Heute sind die Dächer in der Regel nicht genutzt. Ich glaube aber, sie haben noch ein gutes Potenzial für Aufenthaltsqualität.“

HDE-Chef will jährlichen Gipfel für die Zukunft der Innenstädte

Von Preen forderte eine Gründungsoffensive, für die sich leerstehende Immobilien nutzbar machen ließen. Für maximal 60 Monate könnten diese einen Zuschuss erhalten. Zudem könne man Ansiedlungsmanager mobilisieren, die Leerstände erfassen und Nachmieter organisieren könnten. Ministerin Geywitz gab er den Anstoß mit, einen jährlichen Gipfel mit allen Stakeholdern zu organisieren. An diesem solle neben dem Bundesbauministerium auch das Bundeswirtschaftsministerium teilnehmen.



Epoch TV
Epoch Vital
Kommentare
Liebe Leser,

vielen Dank, dass Sie unseren Kommentar-Bereich nutzen.

Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen, Schimpfworte, aggressive Formulierungen und Werbe-Links. Solche Kommentare werden wir nicht veröffentlichen. Dies umfasst ebenso abschweifende Kommentare, die keinen konkreten Bezug zum jeweiligen Artikel haben. Viele Kommentare waren bisher schon anregend und auf die Themen bezogen. Wir bitten Sie um eine Qualität, die den Artikeln entspricht, so haben wir alle etwas davon.

Da wir die Verantwortung für jeden veröffentlichten Kommentar tragen, geben wir Kommentare erst nach einer Prüfung frei. Je nach Aufkommen kann es deswegen zu zeitlichen Verzögerungen kommen.


Ihre Epoch Times - Redaktion