Die Wahrheit enthüllen: Experte analysiert die Zweifel am Flüchtlings-„Pull-Faktor“

Eine Studie ermittelt, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Anwesenheit sogenannter „Seenotretter“ und der Anzahl der Menschen in Seenot geben würde. Im Epoch-Times-Interview klärt Dr. Kai Jäger über eklatante Mängel in der Studie auf.
Dieses von der humanitären Organisation Sea-watch zur Verfügung gestelltes Bild zeigt Menschen in Seenot auf dem Mittelmeer.
Dieses von der humanitären Organisation Sea-Watch zur Verfügung gestellte Bild zeigt Menschen in Seenot auf dem Mittelmeer.Foto: Christian Gohdes/Seawatch.org/AP/dpa
Von 29. August 2023

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Ende 2022 beschloss der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages eine millionenschwere Finanzierung der umstrittenen „Seenotrettung“ vor der nordafrikanischen Küste. Anfang August 2023 will eine über das Familienministerium finanzierte Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) parallel bewiesen haben, dass es keinen „Pull-Faktor“ gibt. Demnach gebe es kein erhöhtes Aufkommen von Flüchtlingen aufgrund der Tatsache, dass die Seenotretter den auf See in Not Geratenen Hilfe leisten.

Die Studie wurde in der weltweit angesehenen Fachzeitschrift „Scientific Reports“ veröffentlicht. Nach Erscheinen meldete eine überraschend große Anzahl an Medien das Ergebnis der Studie. Die überwiegende Zahl der Veröffentlichungen stützte sich dabei auf Meldungen von Nachrichtenagenturen wie AFP.

Epoch Times sprach mit dem promovierten Ökonom Kai Jäger, der bis vor wenigen Monaten als assoziierter Professor (Senior Lecturer) für Politische Ökonomie am King’s College London tätig war.

Dr. Jäger hatte sich die „Pull-Faktor“-Studie gleich nach Erscheinen genauer angeschaut. Dabei war er verblüfft über Diskrepanzen zwischen dem, was man vorgibt, zu finden, und dem, was die Studie letztlich tatsächlich hergibt. Über diese schwerwiegenden Fehler spricht er mit Epoch Times.

Die Bundesregierung finanziert die sogenannte „Seenotrettung“ auf dem Mittelmeer. Parallel will jetzt eine regierungsnahe Studie herausgefunden haben, dass es keinen Pull-Faktor durch „Seenotrettung“ gibt. Wie ist diese Studienfinanzierung aus wissenschaftlicher Sicht zu bewerten? 

Die Wissenschaft selbst würde ich da gar nicht so involviert sehen, dass sie direkt der Regierung zuarbeitet. Beim DeZIM-Institut ist dagegen natürlich klar, dass politische Interessen und Ideologie in großem Maße mitspielen. Bestimmte Ergebnisse wie die, dass es keinen Pull-Faktor durch Seenotrettung gibt, erleichtern es natürlich, weitere Forschungsmittel zu erhalten.

Ist das in den vergangenen Jahren undurchsichtiger geworden?

Mit einer linken Grundhaltung im Gepäck ist es sicher einfacher. Aber mit der „woken“ Kulturwelle ist es noch mal radikaler geworden, was politisch gewollte Ergebnisse anbelangt. Sei es nun zur Immigration oder zu Geschlechterunterschieden: Es besteht ein starker Trend in den Sozialwissenschaften, dass bestimmte Ergebnisse mehr gewünscht sind als andere.

Diese woke Ideologie besteht aus dem irrsinnigen Glauben, dass jegliche Ungleichheit auf der Welt mit Diskriminierung erklärt werden kann, wofür dann der heterosexuelle weiße Mann beziehungsweise die europäischen Nationen die Schuld tragen. Das Grundprinzip der Wissenschaft, nämlich die Falsifizierbarkeit, die Fehlbarkeit von wissenschaftlichen Ergebnissen, findet hier keine Anwendung. Im Gegenteil: Das Hinterfragen woker Prinzipien ist nicht erwünscht.

Ramona Rischke, die Verantwortliche aufseiten des DeZIM, forderte direkt nach Fertigstellung, den Studienergebnissen müssten „politische Konsequenzen“ folgen. Ist so etwas im Wissenschaftsbetrieb mittlerweile üblich?

Eigentlich sollte sich die Wissenschaft mit Fakten beschäftigen. Eben deswegen ist eine wissenschaftliche Aussage mehr wert als zum Beispiel eine journalistische, wenn sie sich klar an Fakten hält und aus dem, was politisch sein soll, dem Normativen, heraushält.

Natürlich haben Wissenschaftler auch alle ihre eigene Meinung, aber mittlerweile ist der Übergang vom Wissenschaftler zum woken Aktivisten bei einigen fließend. Das führt dann zu Stilblüten, dass man bei gewünschten Studienergebnissen die Objektivität und nüchterne Neutralität der Wissenschaft betont, gleichzeitig aber die neuesten woken Quoten für den Wissenschaftsbetrieb befürwortet oder die Wissenschaftler politisch oder persönlich attackiert, die unliebsame Ergebnisse zu Tage tragen.

Sie haben sich diese Pull-Faktor-Studie etwas genauer angeschaut. Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee?

Ich bin über die Vielzahl an Artikeln der Mainstream-Medien aufmerksam geworden, vor allem aus Deutschland, die sofort über diese Studie berichtet haben. Das war ja quasi auf allen Kanälen, und es wurde durchweg das Gleiche abgedruckt dazu. Mich interessiert das Thema auch und da habe ich mir mal die Studie genauer angeschaut.

Was qualifiziert Sie beruflich dafür?

Ich habe in Ökonomie promoviert und ich war Senior Lecturer am Londoner King‘s College für Politische Ökonomie, was in etwa einer W2-Professur in Deutschland entspricht. Und ich habe einen Hintergrund in Volkswirtschaft, Politikwissenschaft, aber auch in Statistik.

Bei der DeZiM-Studie handelt es sich um eine sogenannte „Vorhersagestudie“. Damit habe ich mich in früheren Arbeiten beschäftigt. Ich habe schon einmal eine renommierte Vorhersagestudie widerlegt und auf Datenprobleme und inkorrekte Daten hingewiesen.

Jetzt haben Sie selbst relativ schnell in den Medien publiziert, dass an dieser Studie etwas krankt. Was war Ihr erster Eindruck?

Zunächst fällt in der ersten Grafik auf, dass die versuchten Überquerungen in den Blütezeiten der Seenotrettung stark zunehmen, was ja eigentlich der These der Studie widerspricht.

Dann wird die Sterblichkeitsrate für 2019 viel höher angezeigt als in den Blütezeiten der Seenotrettung. Dies basiert auf eine eigens kreierte Messung, die die eigentlichen Todesdaten durch die Anzahl der Überquerungen teilt. Überraschenderweise werden dann die Todeszahlen auch gar nicht erwähnt in dem Artikel. Allerdings waren die Todeszahlen in den Jahren zuvor bedeutend höher. Das hat mich stutzig gemacht.

Lässt sich bereits aus diesen Grafiken ablesen, dass es den Pull-Faktor gibt?

Natürlich ist dies ein erstes starkes Indiz, denn die versuchten Überquerungen schießen ja stark nach oben während der Blütezeit der Seenotrettung. Eine statistische Analyse kann dann natürlich trotzdem aufzeigen, dass ein oder mehrere Faktoren für diesen konkreten Zusammenhang verantwortlich sind, allerdings bleiben die Autoren hier sehr nebulös. Sie erwähnen, dass sie verschiedene traditionelle und alternative Makrodaten für ihr Vorhersagemodell verwenden, etwa Konflikt-, Währungs- und Wetterdaten oder wie häufig bestimmte Begriffe bei Google gesucht wurden. Das Modell ist aber eine „Blackbox“ mit komplexen mathematischen Annahmen. Das heißt, man weiß nicht so ganz genau, was da drinnen eigentlich vorgeht.

Warum nimmt man nicht einfach Zeitpunkt und Anzahl der Schiffe auf dem Mittelmeer, die diese sogenannte „Seenotrettung“ betreiben und zählt demgegenüber die ablegenden Schlepper-Schlauchboote. Warum wurde ein kompliziertes theoretisches Modell ausgewählt? 

Wenn das Studienergebnis so klar wäre, wie die Autoren es darstellen, also dass die Seenotrettung kein Pull-Faktor wäre, dann müsste man nicht so ein kompliziertes Modell wählen.

In der Tat eignet sich solch ein Modell selbst bei korrekter Anwendung wenig, um die Dynamiken der Flüchtlingsströme adäquat auf der Mikroebene zu erfassen. Bei all der Komplexität im Modell werden nämlich einige wichtige Faktoren „vergessen“ – wie etwa die von Ihnen erwähnten Schlepper-Schlauchboote, die Strategien der Schlepper oder die Antworten der Politik, beispielsweise von einer neuen italienischen Regierung.

Für Wissenschaftler sind solche Makromodelle natürlich bequem, weil sie sich nicht mit diesen aus ihrer Sicht störenden Details herumärgern müssen. Für die Durchführung der Vorhersagestudie sind im Prinzip nur Statistikkenntnisse vonnöten.

Sie haben weitere Grafiken dort analysiert, was ist Ihnen aufgefallen?

Die Vorhersagestudie behauptet ja, dass sich die realen Flüchtlingsströme nicht von den vorhergesagten unterscheiden, deswegen läge kein Pull-Faktor vor. Allerdings ist das Konfidenzintervall für diese Auswertung viel zu breit geworden. Nur wenn die wirklichen Daten oberhalb des Konfidenzintervalls liegen würden, wäre die Seenotrettung laut dem Modell ein Pull-Faktor.

Das heißt dann konkret, je größer das Konfidenzintervall wird, umso schwieriger wird es, einen Pull-Faktor zu finden. Die Größe des Konfidenzintervalls wird dabei stark von den Daten und Annahmen des Modells gesteuert. Aber wenn man dann auf die absoluten Daten schaut, dann müssten schon in einem sehr frühen Zeitraum monatlich circa ein bis zwei Millionen Menschen pro Monat kommen. Nur dann wäre es ein Pull-Faktor. Und in den späteren Jahren nach 2017 zieht sich das ja so hoch, dass sogar ganz Afrika in einem Monat kommen müsste oder die gesamte Weltbevölkerung oder am Ende sogar 30 Millionen Mal die Weltbevölkerung, also fiktive Zahlen müssen erreicht werden, damit wir da überhaupt einen Pull-Faktor hätten.

Die Konfidenzintervalle sehen so aus, dass die These der Autoren mit Daten aus der wirklichen Welt nicht widerlegt werden können.

Und diese monströsen Zahlen der Studie werden aus den Grafiken deutlich?

Eben nicht direkt. Die Autoren haben diese Daten logarithmiert. Entsprechend erscheinen die Vorhersagen in der Darstellung nah an den wirklichen Daten. Auch die Konfidenzintervalle scheinen jedenfalls in den ersten Jahren nicht so groß zu sein. Aber dies ist eine Fata Morgana.

Wenn hier jemand sagt, dass das nach Trickserei aussieht, würden Sie da widersprechen?

Das hat natürlich so ein Geschmäckle, wenn man sieht, dass die Daten logarithmiert dargestellt werden, dass nicht die absoluten Todeszahlen genommen werden, welche auch nicht genannt werden, dass wichtige Faktoren ignoriert werden.

Die Forscher müssen daher damit rechnen, dass es jetzt aussieht wie Trickserei. Denn sie haben mehrere Schritte gemacht, die genau diesen Eindruck hinterlassen können.

Wie ist es möglich, jetzt eine weitere Studie zu machen? Wenn Sie als Fachmann festgestellt haben, das ist etwas, das kann man besser machen, wer kann es denn dann besser machen?

Die Daten sind ja nicht offengelegt. Es ist normalerweise Standard in der Wissenschaft, die Daten offenzulegen. Und mit den offengelegten Daten könnte man eine eigene Studie relativ schnell machen. Das machen Wissenschaftler auch, um bestehende Artikel zu kritisieren. Das wäre möglich.

In diesem Fall müsste man die Daten selbst zusammenstellen. Das wäre auch potenziell möglich, da die Datenquellen genannt wurden. Mit dem Datensammeln und Auswerten hat man dann natürlich mindestens ein paar Wochen oder Monate zu tun.

Aber dies sollte ja kein Problem für ein Institut oder eine Stiftung mit den geeigneten Mitteln sein. Für den einzelnen Wissenschaftler stellt sich dabei natürlich die Frage, wie „hilfreich“ eine solche Gegenstudie für die eigene Karriere in der Wissenschaft ist.

Epoch Times hat die relevanten Studienmacher angeschrieben, sich mit ihrer Kritik auseinanderzusetzen. Es gab bisher in keinem Fall eine Antwort, auch telefonisch ist niemand erreichbar.

Vielleicht sind sie im Urlaub, vielleicht haben sie auch einfach keine Lust, vielleicht ist die Nichtantwort auch eine Antwort …

Der grüne Bundestagsabgeordnete Jürgen Trittin hat jetzt in zeitlichem Zusammenhang zur Medienverbreitung gefordert, zukünftig Schiffe der Bundespolizei auf dem Mittelmeer einzusetzen, um die Menschen aus den Schlepperbooten aufzunehmen. Die grüne Regierungspartei meint demnach, mit der Studie jetzt die besten Argumente zu haben.

Wenn so viel Medieninteresse da ist, verwundert es mich nicht, dass die Politiker draufspringen. Es gibt ja auch Politiker, die das ständig fordern. Ich würde solchen Politikern empfehlen, sich mal näher mit dem australischen Fall zu beschäftigen, wo eine deutlich restriktivere Flüchtlingspolitik dazu geführt hat, dass sowohl die riskanten Überquerungen als auch die Todeszahlen radikal nach unten gegangen sind.

Danke für das Gespräch!

 

Kai Jäger ist promovierter Ökonom und war bis Frühjahr 2023 assoziierter Professor (Senior Lecturer) für Politische Ökonomie am King’s College London.



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